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Beschneidung (AT)

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Altägyptische Beschneidungsszene (Relief aus dem Grab des Ankh-ma-Hor, Sakkarah, 6. Dynastie, 2350-2000 v. Chr.).

Die Beschneidung von Männern (die von Frauen wurde nicht praktiziert) als operative Entfernung der männlichen Vorhaut (hebr. Verb mûl – Substantiv mûlot nur in –, griech. peritomē, lat. circumcisio) ist im alttestamentlichen Israel offenbar ein uralter Brauch, der in Palästina schon praktiziert wurde, bevor Israel dem Glauben an JHWH als seinen Gott anhing. Darauf deuten vor allem die steinzeitlichen Werkzeuge, die auch in späterer Zeit noch verwendet werden (; ). Auch Nachbarvölker Israels wie → Ägypter, → Edomiter, → Ammoniter und → Moabiter übten die Beschneidung (). Hingegen galten die indogermanischen → Philister später im Alten Testament als die Unbeschnittenen schlechthin (; ; ; u.ö.).

Dass die Beschneidung auch in Israel (wie in anderen Kulturen) ursprünglich ein Mannbarkeits- bzw. Hochzeitsritus gewesen sei, der an Heranwachsenden bzw. Erwachsenen vollzogen wurde, kann aus keinem der hierfür häufig angeführten Texte (; ; ; ) erwiesen werden. Auch eine Entstehung der Beschneidung aus medizinisch-hygienischen Gründen ist aufgrund des kaum vorhandenen Hygiene-Bewusstseins bei wenig entwickelten Völkern nicht plausibel; solche Begründungen der Beschneidung, wie sie sich bei Herodot (Historien 2,37; Text gr. und lat. Geschichtsschreiber) oder → Philo (De Specialibus Legibus 1,4f; Text Philo) finden, sind eher sekundäre Deutungen.

legt nahe, dass die Kinderbeschneidung in Israel bereits vor dem Exil ein bekannter Brauch war. Das archaische Verständnis der Beschneidung als Stammeszeichen in der alten Tradition von Gen 34 lässt ebenfalls Raum für die Annahme, dass auch die Kinderbeschneidung in Israel schon sehr früh geübt wurde, um an den Kindern möglichst bald die Stammeszugehörigkeit zu bezeichnen. Daher dürfte in die Kinderbeschneidung zu Recht bereits in der Zeit vor der Sesshaftwerdung Israels verortet sein. In dieser Frühphase, in der die Beschneidung wohl vor allem die Bedeutung eines Stammeszeichens hatte, könnte bei der Festlegung des Beschneidungstermins auf den achten Lebenstag das – inzwischen medizinisch belegbare – Erfahrungswissen eine Rolle gespielt haben, dass es während der ersten Lebenswoche zu Problemen bei der Blutgerinnung kommen kann. (→ Apotropäische Riten 2.1.1.)

2. Neubesinnung zur Zeit des babylonischen Exils

In Gen 17 (→ Priesterschrift) wird die Beschneidung am achten Tag nach der → Geburt im Zusammenhang mit dem Abrahambund ausdrücklich eingeführt (→ Bund). Dieser Text greift offensichtlich ein älteres Beschneidungsgebot auf (*) und schreibt eine bereits bestehende Praxis fest. Die Kinderbeschneidung ist auch daher kaum erst eine Neueinführung aus der Zeit des babylonischen Exils. Jedoch erhält sie in dieser Zeit eine vertiefte theologische und praktische Bedeutung als Identitätsmerkmal Israels, das sich auch außerhalb des verheißenen Landes und ohne Tempel aufrechterhalten ließ – zumal die Babylonier die Beschneidung nicht übten. Im Sinaigesetz wird die Beschneidung nur am Rande erwähnt (). Bei der Festlegung des Beschneidungstermins auf den achten Lebenstag könnte außer den genannten medizinischen Gründen eine Rolle gespielt haben, dass das Alte Testament auch in anderen Bereichen eine Tabufrist von acht Tagen kennt, so z.B. bei Erstlingsopfertieren (; ) oder bei den Reinigungsfristen für Wöchnerinnen (; → Geburt) und Aussätzige (). Analog hierzu sollten vielleicht auch Kinder erst am achten Tag durch die Beschneidung JHWH zugeführt werden.

Stellen wie ; ; lassen möglicherweise darauf schließen, dass die Beschneidung im Exil durch die prophetische Verkündigung als Bedingung für eine bessere Existenz in der Totenwelt verstanden wurde; dies könnte in Verbindung mit der hohen Kindersterblichkeit zur verstärkten Übung der Kinderbeschneidung beigetragen haben.

3. Beschneidung in hellenistischer Zeit

Nach der Hellenisierung Palästinas in alexandrinischer Zeit wurde die Beschneidung vollends zu dem Kennzeichen des Judentums schlechthin; die Treue zu ihr galt als Treue zum jüdischen Glauben. Sozialer Druck, z.B. durch nach griechischer Sitte nackt betriebenen Freizeitsport, führte vermehrt zu Versuchen, die Beschneidung rückgängig zu machen (Epispasmos, vgl. ). In jüdischen Schriften jener Zeit wird dies als Abfall vom heiligen Bund ( [Lutherbibel: ]) bzw. apokalyptisch als Zeichen der Endzeit gedeutet (Ass 8,1-3; Jub 15,33f [Text Pseudepigraphen]).

Unter → Antiochus IV. Epiphanes kam es sogar zu einem Verbot der Beschneidung ( [Lutherbibel: ]); wer es übertrat, hatte die Todesstrafe zu gewärtigen ( [Lutherbibel: ]; ) und wurde hierfür später als Märtyrer bewundert (4Makk 4,25). In [Lutherbibel: ] sind für das Judentum erstmals spezielle Beschneider erwähnt.

Möglicherweise führten später die politischen Erfolge der makkabäischen Erhebung zu einem verstärkten Proselytentum (→ Makkabäer). Wer den jüdischen Glauben annehmen und zum Volk Israel gehören wollte, musste sich selbstverständlich beschneiden lassen, wie es sich in [Lutherbibel: ] widerspiegelt. Dass hier mit → Achior im klaren Gegensatz zu ein → Ammoniter Proselyt wird, zeigt eine theologische Weite wie auch schon in .

4. Theologische Bedeutungsaspekte

In der damals physisch noch unumkehrbaren Beschneidung drückt sich spätestens seit der Exilszeit theologisch die unumkehrbare Zugehörigkeit des Beschnittenen zum Gott Israels und zu seinem Volk aus (.; ; ). Die Beschneidung ist im Sinne des göttlichen Gebotes an → Abraham das sakramentale Zeichen seines bedingungslosen Gnadenbundes mit dem Einzelnen und seinem Volk Israel; dass sie bereits dem acht Tage alten Säugling als Bundeszeichen gewährt wird, ist im Verständnis der so genannten → Priesterschrift ein reiner Gnadenakt ohne menschliche Gegenleistung (). Die Beschneidung begründet die religiöse Kultgemeinschaft der Familie, die Kinder und Erwachsene, Sklaven und Freie umfasst (; ; .). Das Familienoberhaupt trägt die Verantwortung, die Kinder nicht durch Unterlassung der Beschneidung außerhalb der Bundes- und Kultgemeinschaft zu stellen (). Die Mehrungsverheißung wird am betreffenden Körperteil versichtbart, um die versprochene zahlreiche Nachkommenschaft bereits dem Neugeborenen zuzusichern (.). Die Beschneidung wendet JHWHs Strafgericht ab (). Durch die Beschneidung erlangen bereits Kinder die Kultfähigkeit, konkret die Teilnahmeberechtigung am Passamahl (.). In den deuteronomisch-deuteronomistisch geprägten Schriften soll die im Kindesalter durchgeführte Beschneidung im Erwachsenenalter in der Beschneidung des Herzens ihren gelebten Nachvollzug finden (; ; ). Bei Ezechiel verbindet sich mit der Beschneidung offenbar die Hoffnung auf ein besseres Schicksal nach dem Tod (; ; ). In der Makkabäerzeit wird die Beschneidung zum Zeichen des Judentums schlechthin und zum Grund für das Martyrium (; ; 4Makk 4,25); ihre Unterlassung bzw. ihre (nun operativ mögliche) Rückgängigmachung ist Zeichen des Abfalls (; Ass 8,1-3; Jub 15,33f). Die Beschneidung ist unerlässliche Bedingung für den Übertritt zum Judentum; im Gegensatz zu können nun sogar Ammoniter beschnitten werden ( [Lutherbibel: ]; vgl. ).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Wuppertal / Neukirchen-Vluyn 1997-2000
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Monographien und Aufsätze

  • Blaschke, A., Beschneidung. Zeugnisse der Bibel und verwandter Texte (TANZ 28), Tübingen / Basel 1998
  • Blum, R. / Blum, E., Zippora und ihr chatan-dāmîm, in: E. Blum u.a. (Hgg.), Die Hebräische Bibel und ihre zweifache Nachgeschichte (FS R. Rendtorff), Neukirchen-Vluyn 1990, 41-54
  • Colson, F. H., Philo, with an English translation in Ten Volumes, VII, Cambridge (Mass.) / London 1958 [1937]
  • Grünwaldt, K., Exil und Identität. Beschneidung, Passa und Sabbat in der Priesterschrift (BBB 85), Frankfurt 1992
  • Kutsch, E., „Ich will euer Gott sein“. berît in der Priesterschrift, ZThK 71 (1974), 361-388
  • Lods, A., La „mort des incirconcis“ (CRAI), Paris 1943, 271-283
  • Michel, D., Beschneidung und Kindertaufe, in: ders., Studien zur Überlieferungsgeschichte alttestamentlicher Texte, hg. v. A. Wagner u.a. (TB 93), Gütersloh 1997, 115-124
  • Propp, W.H., The Origins of Infant Circumcision in Israel, HAR 11 (1987), 355-370
  • Sierksma, F., Quelques Remarques sur la Circoncision en Israel, OTS 9 (1951), 136-169
  • Stein, H., Herodotos, 1. Bd., 1. Heft, Einleitung / Buch I, Berlin 2. Aufl. 1864
  • Sutor, A.H., Vitamin K Deficiency Bleeding in Infancy: a Status Report, in: A.H. Sutor / W.E. Hathaway (Hgg.), Vitamin K in Infancy, Stuttgart / New York 1995, 3-18
  • Zimmerli, W., Sinaibund und Abrahambund. Ein Beitrag zum Verständnis der Priesterschrift, ThZ 16 (1960), 268-280
  • Zimmermann, U., Kinderbeschneidung und Kindertaufe. Exegetische, dogmengeschichtliche und biblisch-theologische Betrachtungen zu einem alten Begründungszusammenhang (Beiträge zum Verstehen der Bibel 15), Hamburg 2006

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Altägyptische Beschneidungsszene. Relief aus dem Grab des Ankh-ma-Hor, Sakkarah; 6. Dynastie, 2350-2000 v.Chr. (© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

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