
Abb. 1 Babylonischer Grenzstein mit Göttersymbolen, u.a. zwei Hörnerkappen (Susa; 1188-1174 v. Chr.).
Die Hörnerkappe oder -krone ist in Mesopotamien seit dem Anfang des 3. Jt.s als göttliche Kopfbedeckung bekannt (Seidl, 116) und wird als Zeichen der göttlichen Machtbefugnis verstanden. Ikonographisch ist ihre Gleichsetzung mit Gottheiten exemplarisch auf babylonischen Kudurrus (Grenzsteinen) belegt, wo Hörnerkappen mit den Göttern Anu, Enlil / Mullil und Ea / Enki identifiziert werden.

Abb. 2 Baal-Seth hält mit einer Hand die gehörnte Schlange und in der anderen ein Schwert (Skarabäus; 13.7 x 9 x 6 mm; Lachisch; undatiert).
Auf einem neuassyrischen Relief (Börker-Klähn, Abb. 203) werden drei Hörnerkappen als Anu, Ea / Enki und Assur bezeichnet (Gräff, 1). In der → Ikonographie Palästinas / Israels von der Mitte des 2. Jt.s bis zur Perserzeit, auf die sich dieser Beitrag mit einer Auswahl an Darstellungen beschränkt, tragen neben mesopotamischen Gottheiten (vgl. z.B. ein babylonisches Lapislazuli Rollsiegel aus → Bet-Schean: Parker, no. 1), auch der südlevantinische Gott Baal-Seth (Abb. 2; → Baal; → Seth) und „Mekal, der große Gott, der Herr von Bet-Schean“ (Rowe 1940, Frontispiz) eine gehörnte Kopfbedeckung (im Art. → Mekal Abb. 1).
Im Gegensatz zu deren nach oben oder vorne weisenden Hörnern finden sich auch zur Seite hin ausladende Hörner, so eines ägyptischen Gottes auf einem nordwestsyrischen Rollsiegel aus → Megiddo (Loud 1948, pl. 161,21). Sie sind wohl als Widderhörner zu deuten wie jene des anthropomorphen, aber widderköpfig dargestellten Gottes → Amun auf einem Skarabäus aus Tell el-Fār‘a Süd ([Tell el-Fara]; Starkey / Harding, pl. 55,252).

Abb. 3 Bleifigurine einer Brüste haltenden nackten Göttin (Bleifigurine; 72 mm; Tell el-‘Ağğūl; 18.-16. Jh. v. Chr.).
Auch → Göttinnen sind mit unterschiedlichen Tierhörnern ausgestattet. Unklar ist die Art der geraden, zur Seite und leicht nach oben weisenden Hörner bei einem Steatitmodel aus Naharija (Negbi 1976, 64, fig. 78). Auf einem Skarabäus aus → Jericho (Kirkbride 1965, fig. 296,14) trägt die von Zweigen flankierte Nackte Göttin nach vorne eingedrehte Hörner (vgl. dazu auch Negbi, 79, fig. 93), wie sie für Widder typisch sind. Dass Hörner von Gottheiten nicht nur als Ausdruck von Macht zu deuten sind, wird bei der Darstellung einer nackten Göttin mit Hathorfrisur (→ Hathor), die ihre Brüste hält, deutlich: Die sichelförmig gestalteten Bovinenhörner sind wohl eher unter dem Zeugungs- als Kraftaspekt zu interpretieren (Abb. 3). Ebenso ist das Kuhgehörn mit Sonnenscheibe der Göttin Hathor auf einem in Gold gefassten Skarabäus aus Tell el-‘Ağğūl (→ Tell el-‘Ağğūl [Tell el-Aggul]; Keel 1997, 516f, Nr. 1216) nicht in erster Linie Ausdruck göttlicher Autorität, sondern wohl von Mutterschaft und Fruchtbarkeit.

Abb. 4 Goldfolie mit der Darstellung einer auf einem Pferd stehenden Göttin des „Qudschu-Typs“ (Goldfolie; 11.2 x 20.4 mm; Lachisch; 12. Jh. v. Chr.).
Mehrdeutig sind die Hörner zweier nackten Göttinnen des „Qudschu-Typs“ (Cornelius, 94-99), die auf einem Pferd stehend in beiden Händen Blumen halten: Ein Tonmodel vom Tel Qarnajim (Cornelius 2004: pl. 5.13) zeigt sie mit zur Seite weisenden Hörnern und auf einer Goldfolie vom Tel Chǎrāšîm [Tel Charaschim] trägt sie eine Atefkrone mit horizontal und je einem Paar vertikal neben den in der Mitte der Krone platzierten Federn angeordneten Hörnern (Abb. 4).

Abb. 5 Terrakottakopf einer gehörnten Göttin aus dem edomitischen Heiligtum von Chorvat Qiṭmit (12 x 9 cm; 7./6. Jh. v. Chr.).
Sind die Hörner als Zeichen der Göttlichkeit, Fruchtbarkeit oder gar der Aggressivität zu deuten, da das Pferd „in der SB-Zeit ausschließlich kriegerische Konnotationen“ (Keel / Uehlinger, 76) hat? Eine Bronzefigurine aus Kafr Kannā (Seeden, Nr. 1726) und ein Terrakottakopf aus Chorvat Qiṭmit [Chorvat Qitmit] (Abb. 5) wurden als schlagende Göttinnen klassifiziert. Beide sind mit drei Hörnern ausgestattet, zwei zur Seite und eins nach vorne, die wohl den kampfbetonten Charakter der Göttinnen unterstreichen sollen.

Abb. 6 Mesopotamischer Heros als Bogenschütze im kosmischen Kampf gegen die Chaos-Schlange (Rollsiegel; Geser; 8./7. Jh. v. Chr.).
Hörner werden auch von Mischwesen getragen, die oft mit einem Helden um die kosmische Herrschaft kämpfend dargestellt werden. So richtet z.B. der südlevantinische Baal-Seth auf einem Skarabäus aus Tell el-Fār‘a Süd seinen Speer (Petrie 1930, pl. 12,171) und ein Bogenschütze auf einem mesopotamischen Rollsiegel aus → Geser seine Waffe gegen die gehörnte Chaos-Schlange (Abb. 6; → Chaos).

Abb. 7 Ein Held rettet einen am Boden liegenden Menschen vor einem gehörnten Dämonen (Rollsiegel; 18 x 8 mm; Tell el-‘Ağğūl, 1500-1100 v. Chr.).
Ein Rollsiegel zeigt, wie ein göttlicher Held mit Tieren als Symbol seiner Allmacht in den Händen einen hilflos am Boden liegenden Menschen vor den Fängen eines gehörnten → Dämonen mit Schwanz und Flügeln rettet (Abb. 7).

Abb. 8 Philistäische Silberdrachme mit Löwendrache und Rinderkopf (5./4. Jh. v. Chr.).
Auf einem Rollsiegel aus Palästina (Parker, no. 172) kämpft der Gott Ninurta mit Pfeil und Bogen gegen den gehörnten Anzu-Drachen und auf einer Bulle aus Samaria packt der persische Held einen gehörnten und geflügelten Löwendrachen an der Gurgel (Crowfoot / Crowfoot / Kenyon 1957, pl. 15,42). Wiederholt findet sich dieses Mischwesen auch auf Münzen (Abb. 8).
Der als „Herr der Tiere“ in Szene gesetzte Held auf einem Stempelsiegel aus Dor (Stern 1994, fig. 124,1-2) hält zwei geflügelte Mischwesen an ihren Hörnern unter Kontrolle. Passiv ist hingegen der gehörnte Mušchuššu-Drache auf der Seite eines Konoids vom Tell Kēsān, wenn er liegend die Symbole → Marduks und Nabus, den Spaten und Griffel, auf seinem Rücken trägt (Keel 1980, no. 24).

Abb. 9 Stele des Naram-Sin (Ende 3. Jt.).
In seltenen Fällen werden Hörner auch zur Kennzeichnung vergöttlichter Menschen verwendet. Nicht nur Naram-Sin, König von Akkad am Ende des 3. Jt.s, trägt auf der nach seinem Namen benannten Stele eine Hörnerkrone (Abb. 9),

Abb. 10 Begegnung des Fürsten im Wulstsaummantel mit dem Wettergott (Rollsiegel; Tell el-‘Ağğūl; 18.-16. Jh.).
auch die Kopfbedeckung des syrischen Fürsten im Wulstsaummantel auf einem Rollsiegel vom Tell el-‘Ağğūl (Abb. 10) scheint gehörnt zu sein (vgl. auch Parker 1949: no. 174) und weist damit auf seine Deifikation hin (Schroer, 103-106).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
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