→ Hebamme; → Frauen in der Literatur; → Säugling
Mit dem Wort „Amme“ wird das hebräische Partizip Femininum Hif. von jnq „saugen“ übersetzt. Es handelt sich also um eine Frau, die ein Kind saugen lässt bzw. stillt. Damit ist im weiteren Sinn jede stillende Frau eine Amme. Erst im engeren Sinne bezeichnet der Begriff Frauen, die ein Kind stillen, dessen Mutter sie nicht sind, insbesondere Lohnammen.
Die Wurzel ist gemeinsemitisch: Im Akkadischen findet sich in der gleichen Bedeutung enēqu, im Ugaritischen jnq; möglicherweise ist auch das ägyptische śnq verwandt.
Im Alten Testament gibt es nur fünf Kontexte mit acht Belegen, an denen explizit von einer Amme die Rede ist. Darüber hinaus sind aber Stellen zu berücksichtigen, die von einer stillenden Frau sprechen, da sowohl die Mutter als auch eine Amme gemeint sein kann.
Nach wird → Rebekka von ihrer Amme begleitet, als sie von Haran aufbricht, um → Isaak zu heiraten. In wird deren Name mit → Debora („Biene“) angegeben. Ihr Grab begründet die Ortsätiologie der „Eiche des Weinens“ bei → Bethel. Die namentliche Erwähnung, die herausgehobene Begräbnisstätte und die Tatsache, dass sich der Ortsname von ihr ableitet, verweisen auf die besondere Bedeutung dieser Frau.
In spielt die Amme eine wichtige Rolle in der Erzählung von der Rettung des Retters, → Mose (→ Säugling 3.). Erst das Zusammenspiel der Frauen ermöglicht das Überleben des Mose: Der Säugling, der so gut wie irgend möglich geschützt von seiner Mutter wie in einer Arche in den → Nil gesetzt wird, bleibt unter Beobachtung seiner Schwester. Die Tochter des Pharao lässt ihn durch ihre Dienerinnen aus dem Wasser holen und vertraut ihn unwissentlich seiner eigenen Mutter als Amme an. Durch die Bezahlung () wird deutlich, dass die Tochter des Pharao das Kind als ihr eigenes ansieht. Dies wird dadurch bestätigt, dass das abgestillte Kind von ihr einen ägyptischen Namen erhält und am Königshof aufwächst ().
Auch zwei weitere Erzählungen spielen am Königshof: Nach flieht die Amme mit → Merib-Baal, dem Sohn → Jonatans, als sie von der Niederlage der Israeliten in der Schlacht von → Gilboa erfährt. In der Aufregung fällt ihr der Säugling vom Arm und verletzt sich die Füße, so dass er fortan gelähmt ist. Trotzdem rettet sie durch die Flucht sein Leben. Später lebt Merib-Baal als einziger Nachfahre → Sauls am Königshof → Davids.
Ebenfalls eine Rettungserzählung ist // : In der Ausweitung der „Revolution des → Jehu“ auf das Südreich werden alle Nachkommen → Jorams getötet (). Allein der Säugling → Joasch, ein Enkel Jorams, wird durch Initiative seiner Tante Joscheba zusammen mit seiner Amme im Tempel versteckt, bis er sechs Jahre später durch Unterstützung des Oberpriesters und des Heeres zum König gesalbt werden kann ().
Die wichtigste Aufgabe der Ammen war es natürlich, ein Kind zu stillen. Da diese Phase etwa drei Jahre dauerte (), war damit eine umfassende Betreuung des Säuglings und dann des Kleinkindes verbunden. Dadurch stand die Amme in einem besonderen Vertrauensverhältnis zu dem Kind, das ihr anvertraut war und zu dessen Familie.
Die Ernährung der Säuglinge war in Israel vorrangig die Aufgabe der leiblichen Mutter. Doch die Sterblichkeit im Kindbett war sehr hoch. Sowohl für die Gebärende als auch für das Neugeborene waren die peri- und die postnatale Phase eine Sache auf Leben und Tod. In den zahllosen Fällen, in denen die Mutter während der Geburt starb, hing das Leben des Kindes von einer alternativen Nahrungsquelle, also primär einer Amme bzw. Lohnamme ab. Das gleiche gilt prinzipiell auch für Fälle, in denen die Muttermilch nicht ausreichte.
Diesen prinzipiellen Erwägungen entsprechen die Belege jedoch nicht ganz: Sie bezeugen Ammen nämlich nur im Zusammenhang mit wohlhabenden Familien, vor allem Königsfamilien. Wenn Ammen in der Bibel also nur an relativ wenigen Stellen belegt sind, hat das vermutlich vor allem sozialgeschichtliche Hintergründe: Arme Familien konnten sich den Ammenlohn nicht leisten. Eine Mutter aus wohlhabenden Verhältnissen „hatte es nicht nötig“ ihr Kind zu stillen.
Das Bild von der Amme als Kennzeichen privilegierter Familien bestätigen babylonische Belege: Da in Codex → Hammurabi § 194 die Mutter als Teil der Parteien im Rechtsstreit um eine Dienstverletzung einer Amme genannt wird, hat man Ammen offenbar angestellt, auch wenn die Mutter lebte (vgl. auch Codex Eschnunna § 32). Im klassischen Griechenland und in Rom ab dem 2. Jh. v. Chr. gehörte es zur aristokratischen Tradition, Kinder von Ammen stillen zu lassen. Andererseits wurde von der Lehre des Ani (→ Weisheitsliteratur in Ägypten) bis zu den Abhandlungen des Soranus (Frauenheilkunde II, 19f) vor den schädlichen Einflüssen gewarnt, die es mit sich bringe, wenn die Mutter das Kind nicht selbst stille. Das Stillen des Säuglings war also weniger eine Frage mangelnder Muttermilch als vielmehr eine kultureller Konvention: Eine Frau, die nicht stillte, wollte nicht stillen (Babylonischer Talmud, Traktat Ketubbot V 5; Text Talmud). Der Vergleich der Kinderzahl legt sogar nahe, dass aufgrund der kontrazeptiven Wirkung des Stillens signifikant geringere Zeitabstände zwischen den Schwangerschaften lagen (Gruber, 79), so dass sehr reiche Familien mit Hilfe der Ammen ihre Kinderzahl und damit ihren Einfluss vergrößern konnten.

Abb. 1 Siegel der Amme Zamema (Tell Mozan in Nordmesopotamien; ca. 2200 v. Chr.)
Aufgrund der wenigen Belege sind aus Israel keine Details zum Ammendienst bekannt. Ob die Amme in der Familie lebte, in deren Dienst sie stand (so ), oder ob sie das Kind in ihren eigenen Haushalt mitnahm (so ), war vom sozialen Status der Amme abhängig: Eine Sklavin gehörte ohnehin zur Großfamilie, wohingegen eine freie „externe“ Amme den Säugling in ihr Haus aufnehmen konnte.
In Mesopotamien rekrutierten Ammen sich aus niederen sozialen Schichten. Tabus verboten ihnen Geschlechtsverkehr und Schwangerschaft. Außerdem durften Ammen kein weiteres Kind stillen (Stol, 184f). Offenbar kam es häufiger zu Streit im Zusammenhang mit der Bezahlung der Ammen (vgl. Codex Eschnunna § 32) oder der Vernachlässigung des Säuglings mit der Folge, dass das Kind erkrankte oder sogar starb (Codex Hammurabi § 194).
Zu der von → Deuterojesaja angekündigten Heilszeit gehört nach eine Umkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Nicht mehr die Ammen stehen im Dienst von Fürstinnen, um deren Kinder zu ernähren, sondern jetzt stillen die Fürstinnen die Säuglinge der zuvor unterdrückten Israelitinnen, die keine Hoffnung auf Nachwuchs hatten (). Die Möglichkeit, sich eine Amme zu leisten, wird hier also bildlich gebraucht, um Israels Aufstieg und herausragende Stellung auszudrücken.

Abb. 2 Pfeilerfigurine (Terrakotte aus Juda; 7. Jh. v. Chr.).
1. Im Alten Testament wird JHWH an mehreren Stellen andeutungsweise als stillende Gottheit gezeichnet: In ; und ist jeweils unter Vermeidung einer Festlegung auf ein Geschlecht davon die Rede, dass Gott Israel wie einen Säugling ernährt. In gilt der „Segen der Brust“ als Inbegriff göttlichen Segens. Dies veranschaulichen weibliche Terrakotten mit betonten Brüsten, die zu den ältesten Darstellungen in Palästina / Israel gehören. Sog. Säulen- oder → Pfeilerfigurinen, die für Juda in der Eisenzeit IIC typisch sind, betonen mit den Händen unter den Brüsten den erotischen sowie den nährenden Aspekt. Dass sie in großer Zahl gefunden wurden, zeigt die Bedeutung dieser Segensikone, aber auch die Bedeutung des Stillens.

Abb. 3 Baumgöttin (Malerei im Grab Thutmosis’ III. in Theben-West; 1479-1426 v. Chr.).
In Ägypten findet sich eine Spezialisierung der Funktionen „gebären“ und „ernähren“, die erst in der Spätzeit wieder verschmelzen (Isis lactans). Auffällig viele ägyptische Darstellungen zeigen stillende Frauen. Die göttliche Amme des Königs dient seiner Legitimation. Im Bild der Ernährung wird dargestellt, dass er die notwendigen Lebenskräfte aus göttlicher Quelle bezieht.

Abb. 4 Stillende Göttin (Elfenbeinrelief aus Ugarit, um 1380 v. Chr.).
In → Ugarit gelten in der Keret-Legende → Aschera und → Anat als Ammen (Winter 397f). Wenn der Königssohn Jassubu von → Astarte und Anat gestillt wird, geht es nicht um Mutterliebe, sondern um Lebenserhaltung (KTU1.15 II 26f): Der Fortbestand des Königtums hängt symbolisch am göttlichen Busen“.
2. kombiniert drei Bilder: 1. Israel als Säugling; 2. Jerusalem als stillende Frau; 3. Gott als Mutter. Das Wortfeld ist von der Sorge für Säuglinge bestimmt. Die Fähigkeit, Kinder zu ernähren, wird als Symbol für die Heilszeit verwendet. Das Bild von Jerusalem als stillender Frau ist singulär, während das Bild von JHWH als Mutter aufgreift.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
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