Rabbi (R.) Akiba ben Josef
Die herausragende Rolle Akibas in der Entwicklung der Halacha wird in der Vielzahl seiner Aussagen in der Mischna, im halachischen (tannaitischen) → Midrasch, in der → Tosefta und den Baraithot (Sg. Baraitha; außermischnisch-tannaitische Traditionen bes. im → Talmud) sichtbar. Nach dem Talmud sind zudem alle anonymen Traditionen der Mischna auf R. Akiba zurückzuführen (Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 86a). Häufig wird R. Akiba in halachischen Kontroversen zusammen mit seinem Zeitgenossen und Kontrahenten R. Jischmael erwähnt. In vielen Kontroversen mit anderen Rabbinen entwickelte sich die Halacha gemäß dem Votum Akibas; so heißt es z.B. im Seder Tannaim we-’Amora’im (ca. 9. Jh.): „Überall, wo R. Aqiba mit einem einzelnen (Rabbinen) geteilter Meinung ist, richtet sich die Halacha nach Akiba“ (Ed. Kahan, 14).
R. Akiba war Schüler von R. Eliezer ben Hyrcanos, R. Jehoschu‘a ben Chananja sowie → Rabban Gamliel II. und wirkte als Lehrer bedeutender Rabbinen wie R. Meir, R. Sime‘on bar Jochai, R. Jose ben Chalafta, R. Eleazar ben Schammu‘a und R. Nechemja. Die Schüler Akibas, insbesondere R. Meir, übermittelten und kommentierten die Aussagen ihres Lehrers und prägten damit einen Großteil der tannitischen Literatur.
Akiba wird eine ihm eigene Hermeneutik der Schriftauslegung zugeschrieben, welche durch die häufige Verwendung der exegetischen Auslegungsregeln (middot) Wortanalogie (gəzerāh šāwāh), Ein- und Ausschluss (ribbûj und mij‘ûṭ) sowie der Auslegung einzelner Konsonanten der hebräischen Bibel geprägt ist. Diese Auslegungsweise grenzt sich von der R. Jischmael zugeschriebenen ab. Beide Methoden wirkten schulbildend. Die R. Akiba zugeschriebene Terminologie und Methodik charakterisiert eine Gruppe der halachischen Midraschim (Sg. → Midrasch): Mechilta de Rabbi Schime‘on ben Jochai (zu Exodus); ein Großteil von Sifra (zu Leviticus); Sifre Zuta (zu Numeri), ein Großteil von Sifre zu Deuteronomium und Sifre Zuta Deuteronomium (Ed. Kahana 2002). Trotz der verschiedenen Gruppen ist die Zuschreibung verschiedener Methoden an Akiba und Jischmael historisch nicht beweisbar und vielmehr ein Produkt später Auslegung.
In Talmud und Midrasch wird R. Akiba anhand vieler Legenden und biographischen Erzählungen verehrt. Nach einer Überlieferung beginnt R. Akiba das Gesetzesstudium als Unwissender mit 40 Jahren, bevor er schließlich Lehrer über tausende Schüler wird (Babylonischer Talmud, Traktat Ketubbot 62b-63a; Babylonischer Talmud, Traktat Nedarim 50a). Der Beginn des Studiums im mittleren Alter wird in vielen talmudischen Berichten ausgeführt und auch → Hillel nachgesagt. Eine andere Erzählung berichtet von der Fähigkeit Akibas, aus jedem Häkchen der Tora (Verzierungen der hebr. Quadratschrift) Berge von Gesetzen abzuleiten. Die Begabung wird dabei auch anhand des Unterrichts Akibas im Lehrhaus illustriert, dem selbst → Mose nicht mehr folgen kann. Auf die Frage der Schüler nach dem Ursprung der gelehrten Traditionen verweist Akiba auf die Sinaioffenbarung (Babylonischer Talmud, Traktat Menachot 29b). Gemäß einer weiteren Tradition proklamierte Akiba den Anführer des Aufstandes der Juden gegen Rom, Bar Kochba (Bar-Kochba-Krieg, 132-135 n. Chr.), unter Verweis auf („Stern Jacobs“) zum → Messias (Jerusalemer Talmud, Traktat Ta‘anit 4,7 68d; Midrasch Klagelieder Rabba 2,4). Die Forschung deutet dies als möglichen Hinweis für eine aktive Rolle Akibas im Kriegsgeschehen. Der messianische Gedanke passt zudem in den Rahmen weiterer Überlieferungen Akibas: Schiffsreisen nach Rom, Gespräche mit dem römischen Stadthalter Tineius Rufus, Gefangenschaft, Verurteilung und Märtyrertod. Diese nur in der rabbinischen Literatur belegten Aussagen sind jedoch aus historisch-kritischer Perspektive nicht zu beweisen (Schäfer).
R. Akiba wird ebenfalls mit mystischen Spekulationen in Verbindung gebracht. Von vier Weisen ist er der Einzige, welcher den Eintritt in den sogenannten PaRDeS (gemeinhin als Paradies assoziiert) unbeschadet übersteht (Tosefta, Traktat Chagiga 2,3-4; Jerusalemer Talmud, Traktat Chagiga 2,1 77b; Babylonischer Talmud, Traktat Chagiga 14b).
R. Akiba gilt als die rabbinische Autorität seiner Zeit, doch sein Nachleben wirkt bis heute. Nach ihm werden Straßen, Toraschulen und Organisationen (z.B. „Bnei Akiba“, religiös-zionistische Jugendbewegung) benannt. Lieder und Kinderbücher greifen die Figur auf. Nach jüdischer Tradition wurde er in Tiberias begraben, die Grabstelle wird bis heute gepflegt.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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