
Abb. 1 Pflügen und Säen (Grab des Nacht in Theben, 18. Dynastie)
In der Jungsteinzeit des 10 Jt. v. Chr. wurde in Palästina, das zum Gebiet des sog. „Fruchtbaren Halbmonds“ gehört, der Übergang vom Jäger- und Sammlerdasein zur Ackerbaugesellschaft eingeleitet. Die planmäßige Erzeugung von Lebensmitteln machte von den Wechselfällen der Natur unabhängig und ermöglichte durch Vorratshaltung und Transport von Produkten eine ganzjährige Ansiedlung. Seit dem 7. Jt. v. Chr. ist der Bauernhof, dessen Bewohner ihren Lebensunterhalt auf der Grundlage des Anbaus von Getreide und Hülsenfrüchten in Symbiose mit der Viehaufzucht (→ Viehwirtschaft) bestreiten, etabliert. Diesen Zivilisationsprozess (vgl. ) begünstigte, dass die gebirgigen Teile des Vorderen Orients Heimat zahlreicher einjähriger Wildgräser und -pflanzen sowie Tierarten waren, die sich zur züchterischen Ertragssteigerung (z.B. bei der Weizenpflanze Emmer [Triticum dicoccon] und Hartweizen [Triticum durum]) bzw. Domestikation eigneten. Sodann war im semiariden Übergangsklima Palästinas mit zwei scharf unterschiedenen Jahreszeiten, dem heißen Sommer, auf den eine siebenmonatige Regenzeit mit im Allgemeinen reichlichen, aber recht unregelmäßigen Niederschlägen folgt, risikobehafteter Regenfeldbau (vgl. ) in Zonen mit mehr als 200 mm Niederschlag möglich. In der Bronzezeit ist darum ein voll ausgebildeter Ackerbau vorhanden, der sich in den pflugbearbeiteten Dauerfeldbau, die Fruchtbaumkultivierung (seit dem 4. Jt. v. Chr. bekannt), den Weinbau (vgl. ) und die Gartenkultur aufteilt. Neben der Ernährung () diente Ackerbau der Rohstoffgewinnung für Kleidung (z.B. Flachs), Gebrauchsgegenstände (z.B. Seile, Lampenöl) und für Farbstoffe (z.B. Hennastrauch, Safran).
Aufgrund des komplexen geologischen Entwicklungsprozesses, der in Palästina zu einer vielfältigen, ja extremen Topographie sowie zu geomorphologisch unterschiedlichen Bodenverhältnissen führte (vgl. ), beträgt die für den Ackerbau nutzbare Fläche nur 20 % der Grundfläche: der überwiegende Teil ist Sand, Fels und Wüste. Im meist gebirgigen Land wird zudem der in die Fläche strebende Ackerbau durch Felsen, Karst oder ungleich tiefen Boden behindert (vgl. ). Im Bergland war Terrassierung notwendig (vgl. ), um der durch exzessiven Regenfall bewirkten Bodenerosion entgegenzuwirken. Zu den bevorzugten Ackerbaugebieten zählten neben den Schwemmlandböden in Tälern und Ebenen (z.B. die Ränder der Jesreel-Ebene) das Gebirgsland von Samaria (Terra-rossa- und Rendzina-Böden) und Galiläa (zusätzlich auch Vulkanböden) sowie das terrassierte Land im Judäischen Gebirge. Im nördlichen Negev musste bewirtschaftetes Land wieder aufgegeben werden.
Mit Waldrodung () und Distelbeseitigung sowie grober Entsteinung () wurde Ackerland urbar gemacht, um es mit Steinwällen o.ä. zu schützen (; ; ). Durch Brache (), Fruchtwechsel zwischen Getreide und Gemüsepflanzen sowie Düngung (; ) entstand ein intensivierter Landbau (vgl. ). Dieser hatte den Übergang vom Hack- zum Pflugbau mit Tierkraft vollzogen und den eisernen → Pflug mit Beginn des 1. Jt. v. Chr. eingeführt.
Die Erträge wurden durch jahreszeitlich versetzt einsetzenden oder gar ausbleibenden Regen (), aber auch durch Tier- und Insektenfraß, Getreidekrankheiten (; ; ), Fruchtfäule und menschlichen Diebstahl sowie Kriegswirren (vgl. ) gemindert. Gegen Hungersnot, die erst nach mehrjährigen Ernteausfällen eintrat (; ), half einerseits konsequente Vorratswirtschaft (vgl. ) und andererseits gezielte Produktdiversifikation, um das Ausfallrisiko einzelner Früchte zu bewältigen.
Im Prinzip war die (geringe) Produktivität der palästinischen Landwirtschaft in der Lage, die Bevölkerung zu ernähren. Bei Olivenöl, Wein und Datteln, aber auch Weizen wurden sogar Überschüsse erzielt und exportiert (vgl. par. .).

Abb. 2 Ernte (Grab des Sennudjem in Dēr el Medīina, 19. Dynastie)
In Palästina, das als Land bezeichnet wird, wo Weizen und Gerste gedeihen (; u.ö.; → Hirse und Dinkel spielten eine geringe Rolle, ; ), erwirtschaftete der Feldbau von Getreide und Hülsenfrüchten (Linse, Saubohne und Kichererbse; vgl. ; ; ) die Grundnahrungsmittel. Auf den weniger geeigneten Hanglagen wurden zumeist im Mischanbau (vgl. ; ) Oliven, Feigen und Wein angebaut (). Als Fruchtbäume befanden sich u.a. der Granatapfelbaum, Mandelbaum, Nussbaum, Johannisbrotbaum, die Pistazie, Sykomore und in Oasen wie Jericho die Dattelpalme in Kultur.
In Nutzgärten (vgl. .; ) wurden im sog. Stockwerksbau verschiedene Gemüsearten (: z.B. → Zwiebel, Lauch, Knoblauch, Kürbis, Wassermelone und Posthorngurke, an Blattgemüse z.B. Mangold) gezogen und feine Gewürze (z.B. Koriander, Schwarzkümmel, Dill, Pfefferkümmel und Minze) geerntet. Insgesamt gesehen war die Zahl der angebauten Ackerbaufrüchte recht hoch.
Wird Ackerbau von den jahreszeitlichen Naturgesetzmäßigkeiten bestimmt, so beruht agrarischer Erfolg auf einem wetterunabhängigen Kalender (vgl. den sog. Bauernkalender von Geser aus dem 10 Jh. v. Chr.; → Fest 2.3.): In Palästina begann das agrarische Arbeitsjahr vor der herbstlichen Regenperiode im September / Oktober mit der Bodenvorbereitung durch Beseitigung von Dorngestrüpp () und dem Aufrisspflügen (; ; ; u.ö.). Die Aussaat von Hand (; ) mit dem sich anschließenden Eggen (vgl. ; ) oder das Einbringen der Saat mit einem Saattrichter am → Pflug geschah auf das vom Frühregen genässte Land ().

Tabellenvorschau.
Tabelle: Tabelle von Aussaat- und Erntezeiten im modernen Israel
Auf den besäten Feldern wurde mehrmals Unkraut gejätet () und auf Plantagen der Boden in Baumnähe mit der → Hacke aufgelockert. Auf Weinfeldern mussten Ableger gewonnen, die Reben beschnitten und hochgebunden werden. Fruchtbäume wurden gestutzt, Sykomoren zum Fruchtgewinn und zur Schädlingsbekämpfung angeritzt () und nicht mehr fruchttragende Bäume durch Jungpflanzen ( par.) ersetzt.
Die Ernte begann im Mai / Juni, nachdem der Spätregen () die Fruchtreife ermöglicht hatte, zuerst mit der von Hülsenfrüchten, darauf folgten Flachs, Gerste und Weizen (). In Tälern wurde früher, auf (kälteren) Berglagen später geerntet. Die mit der → Sichel geschnittenen Getreideähren wurden nach der Trocknung auf die → Tenne (...) transportiert. Dort wurde mit Tierhilfe () das Getreide – teilweise auch Hülsenfrüchte – ausgedroschen (→ Dreschen). Durch mehrmaliges Worfeln (; ; ) und Sieben (; ; → Sieb) wurde die Spreu vom Korn getrennt, das anschließend in Vorratsbehältern gelagert wurde (; ; . u.ö.). Die durchschnittlichen Erträge betrugen bei Weizen 1 : 5 (vgl. Talmud-Traktat Ketubbot 112a [Text Talmud], R. Jose), bei Gerste lagen sie höher, bei Leguminosen 1 : 4.

Abb. 3 Keltern (Grab des Nacht in Theben, 18. Dynastie)
An die Getreideernte schloss sich die Weinlese an (), die noch auf dem Feld mit der Kelter der leicht verderblichen Trauben fortgesetzt wurde. Die Pressrückstände wurden in Amphoren abgefüllt und zur Fermentation in Keller verbracht. Pro Morgen wurden 500-1500 l Wein erzeugt (vgl. Columella 3,3,4.10f). Schließlich galt es bis zum September / Oktober das Obst von den Bäumen zu nehmen (; ; .) und Olivenernte (; , alle zwei Jahre, zum Teil bis in den Dezember hinein) zu halten.
Da überschlägig 90% der Bevölkerung in der Agrarwirtschaft tätig war (vgl. ; Aristeasbrief 107f.112-116; Josephus, Contra Apionem 1,60; Text gr. und lat. Autoren), prägte sie das gesamte ökonomische, soziale und kulturelle (Arbeits-)Leben:
Die anstehende Arbeit auf dem Acker und im Hauswesen bei der Weiterverarbeitung zu konservierbaren Agrarprodukten musste im Prinzip von allen Mitgliedern des Hauswesens, die zur Handarbeit fähig waren, bewältigt werden. Zur anstrengenden Feldarbeit wurden zusätzlich Tagelöhner (.; ) oder Lohnarbeiter (; . par.; .) angeworben. Der frühe lebenszeitliche Beginn und das kräftezehrende Arbeitsleben im Ackerbau war ein hauptsächlicher Grund, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in Israel gering ausfiel.
Das nutzbare Ackerland befand sich in privatem (; ; ), königlichem / staatlichem () oder priesterlichem Besitz (). Neben Domänen, die durch Großpächter bzw. Unterpächter oder Sklaven bewirtschaftet wurden, stand der bäuerliche Klein- und Mittelbesitz, der – fragmentiert durch das Erbrecht und belastet mit steigenden Steuern – Schwierigkeiten hatte, eine Familie zu ernähren. Durch Überschuldung in Folge von Missernten verloren Bauern ihren Betrieb an Grundbesitzer, die ihn ihnen wiederum zur Pacht überließen. Besitzlosigkeit aber führte zur Verarmung und bewirkte schließlich Landflucht (vgl. par.; Josephus, Vita Josephi 66.77f.105-111.126-131; Text gr. und lat. Autoren). Der Konzentrationsprozess von Grundbesitz in den Händen weniger begleitete Israels Geschichte (; ), nahm aber in hellenistischer Zeit aufgrund des Zuflusses ausländischen Kapitals zu, um in röm. Zeit darin zu kulminieren, dass die Aristokratie das Ackerland in Großdomänen besaß (vgl. ; ) und die (Teil-)Pacht (fast) allgemein wurde.
Nur die kurzen arbeitsfreien Zeiten nach eingebrachter Ernte gaben der bäuerlichen Gesellschaft Gelegenheit zu Freudenfesten (; ). Bei denen es in religiöser Hinsicht um die Kräfte des Neuwerdens in der Natur und für Israel besonders um das Lob der königlichen Autorität JHWHs als Schöpfer ging. So markierte ursprünglich (vgl. ; .; später: Lev 23) Mazzot (vgl. ; ; ; ; → Passa) den Beginn der Gerstenernte (vgl. ; ..) und → Schavuot (Wochenfest) das sieben Wochen später liegende (vgl. ) Ende der Weizenernte (), während Sukkot (→ Laubhüttenfest) am Schluss des landwirtschaftlichen Jahres die Einbringung der Früchte feierte (). Alle Ackerbaufeste wurden durch Israels Bekenntnis zum geschichtsmächtigen Gott (vgl. ) mit Bezug auf den Auszug aus Ägypten nachträglich historisiert.
Der Ackerbau erwirtschaftete nicht nur einen überaus großen Anteil am Volkseinkommen, sondern er trug auch durch Steuern und Abgaben zur Finanzierung von staatlicher Administration und religiösen Institutionen bei (Zehnt). Zur römischen Zeit war der Steuer- und Abgabendruck so hoch, dass von der Ernte nur ca. 45 % einer bäuerlichen Familie verblieben. Zusätzlich zur Feldarbeit war der Bauer zur Instandhaltung der Infrastruktur verpflichtet. Und schließlich wurden soziale Verpflichtungen gegenüber Armen, Witwen und Waisen aus agrarischen Ressourcen bestritten (vgl. ; ; .; ; Rut u.ö.). Ja, nach priesterlicher Vorstellung sollte sogar ein Zehnter im Drittjahr der Armenfürsorge gewidmet werden ().
In welchem Ausmaß Ackerbau das kulturelle Leben prägte, ist sowohl an der Bildersprache von Psalmisten (; ; ; ) und Propheten (z.B. Israel als Weinberg , als kultivierter Weinstock ; ; u.ö. oder als dreschendes Tier ; ) als auch an den Gleichnissen und Bildworten von → Gideon (), → Jotam (), → Simson (), → Nathan () ) und Jesus von Nazaret (z.B. ; ; par.; ) zu erkennen.
Da Fruchtanbau Auskommen ermöglichte, als natürlicher Wachstumsprozess aber dem Einfluss des Menschen entzogen ist (), war er im Alten Orient mit religiösen Vorstellungen besetzt: Das Land wurde vorgestellt im Besitz der Götter, die es dem Menschen zur Existenzsicherung überlassen und den Mehrungsvorgang aus ihrer Macht initiierten. In der kanaanäischen Religion bestimmte der Hauptgott → Baal, vorgestellt als → Wettergottheit, den Zyklus der jahreszeitlich wiederkehrenden Vegetation. Im Unterschied dazu verehrte Israel den göttlichen Bauern JHWH () als den Schöpfer und Erhalter des natürlichen Lebens (vgl. Segen: ; ; , und Fluch: ; ; ......, sowie das priesterliche Brachjahr als Privilegrecht JHWHs: ; ). Gottes souveräner Macht wurde aus Dankbarkeit ein Opferkult von Erstlingsfrüchten und -tieren eingerichtet (; ; ). Darstellungen von Pflanzen z.B. Palmen und Granatäpfeln etwa im Tempel (...) und auf dem Gewand des Hohenpriesters () sind als Lebenssymbole zu verstehen, die insbesondere agrarische Fruchtbarkeit evozieren sollen.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
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