
Abb. 1 Knochenstabamulette aus Israel
„Das Amulett ist ein kleines Objekt, das den Träger durch seine magische Kraft schützen und Böses von ihm ablenken, ihn mit Gesundheit und anderen Gütern ausstatten und ihn überdies seiner magischen Kraft teilhaftig werden lassen soll.“ (Herrmann 1994, 2).
Folgende Arten von Amuletten lassen sich unterscheiden:
1. Amulette, die mit einer Siegelfläche versehen sind (Siegelamulette: Skarabäen, Skaraboide, Kauroide [= Skarabäusart, deren Form Kaurischnecken gleicht], Rollsiegel etc.)
2. Amulette, die nicht als Siegel verwendet wurden (Bildamulette: anthropomorphe und theriomorphe Gestalten, Objektamulette)
3. Varia (Knochenstäbe, groteske Köpfe, Kapseln mit magischen Texten etc.)
Bei den meisten in Israel / Palästina gefundenen Siegelamuletten (Skarabäen, Skaraboide, Kauroide etc.) handelt es sich um einheimische Ware (Keel 1995, 29ff). Die restlichen ägyptischen Amulette (anthropomorphe und theriomorphe Gestalten, Objektamulette) wurden aus Ägypten importiert (Herrmann 1994, 35f; ders. 2006, 4f).

Abb. 2 Groteske Männerkopfamulette aus Israel
Außer den Siegelamuletten (ca. 10.000 Exemplare aus offiziellen Grabungen) und den aus Ägypten nach Israel / Palästina importierten Bildamuletten (ca. 2.000 Exemplare) wurden auch typisch einheimische, nichtägyptische Amulette aus Knochen (Abb. 1), groteske Männerköpfe aus Glas phönizischen Ursprungs (Abb. 2) sowie Kapseln mit magischen Texten archäologisch geborgen.

Abb. 3 Mondamulett aus Megiddo
Das Alte Testament kennt, anders als bei den Siegelamuletten, für Bildamulette keinen entsprechenden eindeutigen Begriff. Doch es gibt Bezeichnungen, die sich auf solche Amulette beziehen:
1. die śahǎronîm „Möndchen“ in und ; Mond in beiderlei Gestalt als Amulett aus Tell el-Fār‘a (Süd) [Tell el-Fara] und → Megiddo (Abb. 3);
2. die ləchāšîm „Amulette“ in , bei denen es um Amulette geht, wie sie durch Grabungen in Jerusalem archäologisch belegt sind (Abb. 4);
3. die gillûlej miṢrajim in , mit denen vermutlich im Besonderen ägyptische Amulette gemeint sind (Herrmann 1994, 86f).

Abb. 4 Amulette aus Jerusalem
Die Metapher aus , wo der Geliebte gleich einem Siegelamulett am Herzen oder am Arm der Geliebten werden soll, zeigt, dass im antiken Israel der Brauch, Amulette zu tragen, nicht unbekannt war. So auch der Vergleich des Geliebten mit einem Myrrhenbeutelchen, das zwischen den Brüsten der Geliebten ruht in . Die Hortfunde von → Megiddo, → Jerusalem (Ketef Hinnom) und → Askalon (Herrmann 1994, 88) belegen archäologisch, dass es sich in bei den „fremden Göttern, die in ihren Händen waren“ und die Jakob unter der Eiche bei Sichem vergrub, ebenfalls um Amulette handelte. Die Erwähnung des so genannten „Edelsteins“ im Weisheitsbuch () zeigt, dass in der mittleren und späten Königszeit der religiös-magische Charakter persönlicher Gegenstände bekannt war. Die in „unter dem Hemd getragenen hierōmata“ belegen, dass es noch in der Makkabäerzeit üblich war, auf der Brust getragene Gegenstände nicht nur als Schmuck, sondern als Gegenstände mit religiöser Bedeutung zu tragen. An Amulette erinnern auch die Glöckchen und Granatapfeltroddeln am hohenpriesterlichen Gewand in ; ebenso der „Beutel der Lebendigen“ in . Die Stirnbänder zwischen den Augen (; ; ) und die Quasten an den Kleidern () dienten als ständige Vergegenwärtigung des Gesetzes sowie als Abschreckungsmittel gegen Aberglauben und Götzendienst. Eine ähnliche Funktion hatte auch die Kapsel mit einem Bibelspruch (→ Mesusa) an den Türpfosten israelitischer Häuser ().

Abb. 5 Männlein mit übergroßem Phallus
Im Zusammenhang mit dem zuchtlosen Freveln Jerusalems erwähnt Ezechiel neben dem Buhlen mit den Assyrern und den Chaldäern auch das Buhlen mit den Ägyptern, den „Nachbarn mit dem großen Glied“ (). Diese Bezeichnung erinnert an die aus Megiddo, Geser und vermutlich aus einer der Städte an der Mittelmeerküste Israels stammenden Amulette ägyptischen Ursprungs, die ein kleines Männlein mit übergroßem Phallus darstellen (Abb. 5). Diese Amulette stehen auch hinter dem in erwähnten Vergleich: „deren Glied gleich dem Glied der Esel ist und deren Erguss gleich dem Erguss der Hengste.“

Abb. 6 Amulettfragment einer auf Feinde trampelnden, thronenden Gestalt
Wortgetreu illustriert ein aus Tell Ğemme [Tell Gemme] stammendes Amulettfragment (Abb. 6) die Metapher aus : „bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache“. Aufgrund der in Ps 91 verwendeten Bildersprache wird dieser Psalm als „Amulettpsalm“ bezeichnet. Ganz besonders erinnert Vers 13 an die Patäkenamulette aus → Megiddo, → Ekron und Achsib, wo die kleine Gottheit auf Krokodile tritt und auf Schlangen beißt (Abb. 7). Vers 4 liegt wahrscheinlich der von den Flügeln der Hathor-Isis geschützte Patäke (ein Kleinwüchsiger) zugrunde, in Israel durch Amulette aus Megiddo, Bet-Schemesch, Lachisch, Ekron, Tell el-‘Ağğūl [Tell el-Aggul], Askalon und Achsib belegt (Abb. 8). Die in Tell el-‘Ağğūl, Megiddo und Geser gefundenen Fliegenamulette (Abb. 9) weisen auf , wo der Prophet die ägyptische Streitmacht als „Fliegen, die am Ende der Ströme Ägyptens sind“, bezeichnet. Das in Achsib gefundene eisenzeitliche Herzamulett aus Karneol erinnert an Ez 11,19: „Und ich werde ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in ihr Innerstes legen: ich werde das steinerne Herz aus ihrem Leib herausnehmen ….“

Abb. 7 Auf Krokodile trampelnder und auf Schlangen beissender Patäke

Abb. 8 Von Flügeln der Hathor-Isis geschützte Patäken

Abb. 10 Patäke aus Tell el Fār‘a (Süd) und Megiddo (EZ IIA)
Die im antiken Israel meistverbreiteten Amuletttypen sind Udjat-Auge (536 Exemplare), Patäke (250 Exemplare), Bes (171 Exemplare) und felidenköpfige Gestalten (82 Exemplare; Feliden = Katzentiere; Herrmann 2006, 24). Auffallend ist, dass felidenköpfige Amulette vor allem im Süden des Landes anzutreffen sind. Dies hängt wahrscheinlich mit dem Stammvater Judäas zusammen, der den Löwen zum Symbol hatte (; ). In der → Eisenzeit II waren ägyptische Amulette vor allem im Inneren des Landes beliebt. Beginnend mit der Eisenzeit III (→ Perserzeit) verlagert sich das Schwergewicht in die Städte der Mittelmeerküste, während im Inneren des Landes kaum noch Amulette auftauchen.

Abb. 11 Bes-Amulette aus Lachisch (EZ IIB) und Dor (EZ III)
In der Eisenzeit IIA verschwinden die theriomorphen Amulette fast ganz und die Objektamulette sind im Vergleich zu den anthropomorphen Amuletten sehr schwach vertreten. Dafür gehen in der Eisenzeit IIC die anthropomorphen Amulette im Verhältnis zu den Objektamuletten stark zurück, was die Beobachtung von Keel / Uehlinger (1992, 319), bestätigt dass die symbolhaften „Schutz- und Heilsmächte“ die persönliche Frömmigkeit in Palästina / Israel von der Eisenzeit IIC an prägten (Herrmann 2006, 38).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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