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Tell el-‘Ağğūl

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Tell el-‘Ağğūl.

Tell el-‘Ağğūl (Koordinaten: 0934.0976; 31°28’30’’ N / 34°24’16’’ O) liegt etwa 7 km südwestlich von → Gaza und etwa 2 km von der Küste des Mittelmeers entfernt am Nordufer des Wādī Ġazze. Der Siedlungshügel erreicht eine Höhe von 26,6 m üNN hat eine Ausdehnung von etwa 500 x 300 m. Er ist damit einer der größten vorhellenistischen Siedlungsplätze im südlichen Palästina.

Der arabische Name Tell el-‘Ağğūl bedeutet „Ruinenhügel des Kalbes“, wobei bislang nicht geklärt ist, wie es zu diesem Namen kam.

2. Identifikation

Eine gesicherte Gleichsetzung mit einem aus antiken Quellen bekannten Ortsnamen ist noch nicht gelungen. Zumeist werden drei Vorschläge diskutiert.

2.1. Gaza

Der erste Ausgräber der Siedlungshügels Sir William Flinders Petrie meinte, der Hügel sei mit dem vorhellenistischen Gaza gleichzusetzen. Gaza war vom 15.-12. Jh. v. Chr. Verwaltungszentrum der von Ägypten kontrollierten Provinz Kanaan. In alttestamentlicher Zeit ist Gaza als Philisterstadt bekannt ( u.ö.; → Philister). Vermutlich ist das alte Gaza jedoch im Bereich der heutigen Stadt, auf dem Tell H*arube im Zentrum der Altstadt von Gaza, zu suchen.

2.2. Bēthaglaim

→ Eusebius erwähnt im Onomastikon (48,18-19; vgl. Notley / Safrai, 50 Nr. 221; Text Kirchenväter 3) einen Ort namens Βηθαγλαίμ / Bēthaglaim, der acht römische Meilen (etwa 12 km) von Gaza entfernt am Meer liegen soll. Bēthaglaim bedeutet „Haus der (zwei) Kälber“. Daher wird mitunter vorgeschlagen, diesen Ort mit Tell el-‘Ağğūl gleichzusetzen. Allerdings ist Tell el-‘Ağğūl deutlich näher an Gaza als dies für Bēthaglaim vorauszusetzen ist. Zudem fanden sich auf dem Siedlungshügel keine Reste aus der spätrömisch-byzantinischen Zeit, so dass anzunehmen ist, dass Tell el-‘Ağğūl zur Zeit des Eusebius kein bewohnter Platz mehr war, wie es die Angaben im Onomastikon jedoch erwarten lassen. Aufgrund der Namensähnlichkeit wird für Bēthaglaim auch eine Gleichsetzung mit dem direkt an der Mittelmeerküste gelegenen Šech ‘Ağlīn (Koordinaten: 0944.1015; 31°30’ N / 34°25’ O) erwogen (Schmitt, 100), obgleich auch dieser Platz lediglich 5 km von Gaza entfernt liegt und damit noch weniger der Entfernungsangabe bei Eusebius entspricht als Tell el-‘Ağğūl.

2.3. Scharuhen

Scharuhen wird in der Ortsliste Simeons () genannt. Möglicherweise ist mit der Namensform Schilhim () derselbe Ort gemeint, da der Liste weitgehend parallel gehen. Scharuhen ist unter der Namensform šrh*n in ägyptischen Quellen vom 16.-10. Jh. v. Chr. mehrfach erwähnt (Wilson, 129-130 Nr. 125). Nach diesen Dokumenten muss Scharuhen insbesondere im 15.-13. Jh. v. Chr. ein wichtiger Ort an der Südküste Palästinas gewesen sein. Dies entspräche der Lage und Geschichte (s.u.) von Tell el-‘Ağğūl. Während somit die Gleichsetzung des in ägyptischen Quellen genannten Ortes mit Tell el-‘Ağğūl naheliegend erscheint, ergeben sich hinsichtlich der Identifikation mit dem im Alten Testament genannten Scharuhen einige Probleme. Tell el-‘Ağğūl zeigt aus der gesamten Eisenzeit keinen eindeutigen Siedlungsbefund. Der Siedlungshügel scheint demnach in alttestamentlicher Zeit nicht bewohnt gewesen zu sein. Zudem liegen die identifizierbaren Orte aus der Liste Simeons wie Beerscheba (Tell es-Seba‘, Koordinaten: 1343.0726; 31°14’42'' N / 34°50’26'' O) oder Ziklag (Tell eš-Šerī‘a; Koordinaten: 1196.0889; 31°23’28 N / 34°40’50 O) weit von der Mittelmeerküste entfernt im Negev bzw. in der südlichen Schefela. Daher wäre die Zugehörigkeit eines am Mittelmeer gelegenen Ortes zum Gebiet von Simeon verwunderlich. Dies gilt auch bei der Annahme, dass solche Listen lediglich einen theoretischen Landanspruch formulieren. Meist wird die genannte Schwierigkeit damit erklärt, dass der Stamm Simeon zur Zeit der Abfassung der Liste (8. Jh. v. Chr.?) noch in Teilen nomadisch war und dass -8 das gesamte Weidegebiet der nomadischen Gruppen beschreiben will. In diesem Fall müsste auch nicht vorausgesetzt werden, dass Scharuhen im 1. Jt. v. Chr. eine bewohnte Siedlung war. Allerdings wissen wir über die entsprechenden Vorgänge nichts Zuverlässiges, so dass die Gleichsetzung von Tell el-‘Ağğūl mit Scharuhen weiterhin fraglich ist.

3. Geschichte

Auf Tell el-‘Ağğūl wurden 1930-1934 Ausgrabungen durch Sir William Flinders Petrie vorgenommen. Im Jahr 1938 erfolgte eine kurze Nachgrabung unter der Leitung von Margaret A. Murray und Ernest J.H. Mackay. Erst 1999 und 2000 führten Peter M. Fischer und Moain Sadeq nochmals zwei Grabungskampagnen durch. Die verschiedenen Ausgrabungen ergaben, dass auf Tell el-‘Ağğūl acht Siedlungsschichten übereinander liegen, von denen fünf durch Architekturreste und die übrigen drei durch Grab- und Oberflächenfunde ausgewiesen sind.

Die ältesten Funde datieren aus der Zeit des Übergangs von der Frühbronze- zur Mittelbronzezeit (ca. 2200-2000 v. Chr.). Aus dieser Epoche sind Friedhöfe westlich und östlich des Siedlungshügels nachgewiesen. Möglicherweise handelt es sich um Begräbnisplätze nomadischer Gruppen. Die archäologischen Reste der späteren Mittelbronzezeit IIA (18. Jh. v. Chr.) zeigen Gräber auf dem Siedlungshügel selbst – den sogenannten „courtyard cemetery“ – und erste Befestigungswerke in Form einer Wallanlage mit Graben.

In der Mittelbronzezeit IIB und in der frühen Spätbronzezeit (17.-15. Jh. v. Chr.) wurden nacheinander drei Stadtanlagen errichtet, die jeweils durch eine Palastfestung dominiert wurden. Die Kleinfunde sind geprägt durch eine Fülle importierter Keramik, wie sie sonst von keinem Siedlungsplatz im südlichen Palästina belegt ist. Die Importkeramik weist auf Kontakte nach Ägypten, in den östlichen Mittelmeerraum (Zypern), ins Jordantal und nach Nordsyrien. Tell el-‘Ağğūl lag am Schnittpunkt zweier wichtiger Handelsrouten. Die eine führte von Arabien nach Gaza ans Mittelmeer, die andere von Ägypten über Palästina ins nördliche Syrien und ins Zweistromland. Der Siedlungsplatz diente angesichts dieser äußerst vorteilhaften verkehrsstrategischen Lage als Hauptumschlagsplatz für den Handel der ägyptischen Pharaonen zur Zeit ihrer Herrschaft über Kanaan (Palästina und Syrien). Auf die Wirtschaftskraft des Ortes weisen u.a. zahlreiche Goldfunde und ca. 1250 Skarabäen aus der mittleren Stadtanlage („city II“). Aus der jüngsten Stadtsiedlung („city I“) stammt eine Doppel-Kartusche mit den Königsnamen des Pharao Thutmoses III. und der Königin Hatschepsut aus der nur wenige Jahre währenden Zeit ihrer Koregentschaft um die Mitte des 15. Jh.s v. Chr.

Im weiteren Verlauf der Spätbronzezeit nahm die Bedeutung des Ortes ab. Die Stadt wurde aufgegeben. Aus dem 14. und 13. Jh. v. Chr. sind nur mehr festungsartige Bauten nachgewiesen, die vermutlich die Verkehrswege schützen und überwachen sollten. Mit dem Ende der ägyptischen Dominanz über Kanaan (Palästina und Syrien) endet die Siedlungstätigkeit auf Tell el-‘Ağğūl. Aus der Spätphase der Spätbronzezeit (13./12. Jh. v. Chr.) stammen noch einige Gräber. Oberflächenfunde reichen von der Eisenzeit (12.-6. Jh. v. Chr.) bis in die islamische Zeit (ab dem 7. Jh. n. Chr.). Eine 1,6 x 0,7 m große Struktur am höchsten Punkt des Siedlungshügels wird als ein nicht fertig gestelltes Grab aus der spätesten Eisenzeit II (6. Jh. v. Chr.) oder aus der persischen Zeit (5./4. Jh. v. Chr.) gedeutet.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993
  • The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Near East, Oxford / New York 1997

2. Weitere Literatur

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  • Fischer, P.M., 2003, The Preliminary Chronology of Tell el-‘Ajjul: Results of the Renewed Excavations in 1999 and 2000, in: Bietak, M. (Hg.), The Synchronisation of Civilisations in the Eastern Mediterranean in the Second Millennium B.C., Vol. II. Proceedings of the SCIEM 2000 – EuroConference, Haindorf 2nd of May – 7th of May 2001, Wien, 263-294
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  • Fischer, P.M., 2004, Coast contra Inland: Tell el-‘Ajjul and Tell Abu al-Kharaz during the late Middle and Late Bronze Ages, Ägypten und Levante / Egypt and the Levant 14, 249-263
  • Fischer, P.M. / Sadeq, M., 2000, Tell el-‘Ajjul 1999. A Joint Palestinian-Swedish Field Project: First Season Preliminary Report. Ägypten und Levante / Egypt and the Levant 10, 211-226
  • Fischer, P.M. / Sadeq, M., 2002, Tell el-‘Ajjul 2000. Second Season Preliminary Report, with contributions by Anne Lykke, Rainer Feldbacher, Michael Weigl and Christa Mlinar, Ägypten und Levante / Egypt and the Levant 12, 109-153
  • Keel, O. / Küchler, M. 1982, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land. Band 2: Der Süden, Zürich u.a., 96-101
  • Maisler, B., 1938, Der antike Name von Tell ‘Addschul, ZDPV 56, 186-188
  • Negbi, O., 1970, The Hoards of Goldwork from Tell el-‘Ajjūl (Studies in Mediterranean Archaeololgy 25), Göteborg
  • Petrie, W.M.F., 1931-1934, Ancient Gaza 1-4, London
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  • Schmitt, G., 1995, Siedlungen Palästinas in griechisch-römischer Zeit. Ostjordanland, Negeb und (in Auswahl) Westjordanland (Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients, Reihe B, Heft 93), Wiesbaden
  • Stewart, J.R., 1974, Tell el-‘Ajjūl: The Middle Bronze Age Remains (Studies in Mediterranean Archaeology 38), Göteborg
  • Wilson, K.A., 2005, The Campaign of Pharaoh Shoshenq I into Palestine (Forschungen zum Alten Testament, 2. Reihe 9) Tübingen

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Tell el-‘Ağğūl (© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

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