Das Wort „Sündenbock“ bezieht sich auf das in Lev 16 beschriebene → Ritual des Versöhnungstages (→ Jom-Kippur), durch das Volk und Heiligtum einmal jährlich entsühnt werden (→ Sühne). Das Wort „Sündenbock“ kommt im hebräischen Text selbst nicht vor. Hier wird der Bock „lebendiger Bock“ bzw. „Bock für Asasel“ genannt
Der Begriff
a) Im Talmud-Traktat Joma 39a.67b (Text Talmud 2) wird berichtet, dass der Ziegenbock auf einen Berg geführt und von diesem herabgestürzt wird. Eine aktuelle Weiterführung dieser Deutung bietet Strobel (1987, 141-168), der auch eine Lagebeschreibung des Ortes, an dem der Ziegenbock in die Tiefe gestürzt worden sei, geben zu können meint. Strobel leitet das Wort von arab. ‘azâzu(n) (felsiger Grund) ab. Allerdings sind für diese Deutung im biblischen Text selbst keine Anhaltspunkte zu finden, da hier von einem Herabstürzen nicht die Rede ist. Zweitens würde so in ein Ortsname in Parallele zum Namen JHWHs stehen.
b) Janowski / Wilhelm (1993, 147f; vgl. schon Jirku, 1912, 34; Tawil, 1980, 43-59) verbinden die Wurzel ‘zz mit akk. ezēzu „zornig sein / werden“.
Dagegen erklären Dietrich / Loretz (1993, 99-117) den Asaselnamen vom Ugaritischen her. Er besteht aus den Elementen ‘zz „stark sein“ und ’l „Gott“ und bedeutet dann „Gott ist stark“. Sowohl Janowski / Wilhelm als auch Dietrich / Loretz gehen davon aus, dass im Hebräischen eine Konsonantenmetathese stattgefunden hat, d.h. die Konsonanten folgendermaßen vertauscht wurden: Aus ‘zz’l wurde Hebräisch ‘z’zl.
Um keine Konsonantenmetathese annehmen zu müssen, leitet Görg (1995, 25-31) den Asaselnamen aus der ägyptischen Seth-Vorstellung ab und sieht in ihm eine Kombination von ägypt. ‘d3 und dr / l als Nomen und Part. Pass. („der beseitigte bzw. ferngehaltene Schuldige“).
Pfeiffer (2001, 313-236) nimmt schließlich die Übersetzung der Vg auf. Auch er vermeidet die Annahme einer Konsonantenmetathese und verbindet die Interpretation der Vulgata, die den Begriff
Alle vier Lösungsansätze haben allerdings ihre eigenen Probleme, so dass keiner letztendlich überzeugen kann. Eine befriedigende Erklärung der Herkunft des Lexems
Daneben ist die Übersetzung der Partikel
Das Asasel-Ritual von ... stellt einen rite de passage dar (van Gennep 1908). Solch ein Übergangsritus wird immer dann nötig, wenn ein Mitglied einer Gesellschaft eine soziale Grenze überschreitet und in einen anderen Status überführt wird. In Lev 16 handelt es sich nicht um einen individuellen Übergang, sondern um den Übergang eines ganzen Volkes – und zwar die Rückkehr in einen postulierten ursprünglich sündlosen Zustand. Zuerst werden beide Böcke durch die Präsentation vor JHWH und das Losverfahren ausgesondert, d.h. einem rite de séparation (Trennungsritus) unterzogen. Nachdem dies geschehen ist, wird die Übertragung der Sünden auf den lebendigen Bock vollzogen. Mit dem Fortschicken des Bocks werden die Sünden eliminiert, d.h. nicht die Beteiligten selbst unterlaufen einen Trennungsritus, sondern stellvertretend für das ganze Volk wird der lebendige Bock einem endgültigen rite de séparation unterzogen. Er wird in die Peripherie, in die Wüste als einem vom Kult abgeschnittenen Ort, geschickt. Der Bock vollzieht damit eine Grenzüberschreitung, aus der es kein Zurück mehr gibt. Erst so kann gewährleistet werden, dass für das Volk anders als für den Bock die Möglichkeit der agrégation (Wiedereingliederung) gegeben ist.
In der Fassung des Endtextes gehört ... zum sog. „Asaselritus“, der aus verschiedenen Ritualelementen besteht: Eliminationsritus (), Losritus (.), Reinigungsritus ().
1) Eliminationsritus (Lev 16,20b-22): Der älteste Ritualteil () besteht aus dem Bekennen der Sünden über dem Bock und dem Fortschicken des „lebendigen Bockes“ in die Wüste. Er stellt ein Eliminationsritual dar und dient der Sühnung für Hohenpriester und Volk sowie der Reinigung von Heiligtum und Altar. Die Untersuchung sowohl von mesopotamischen als auch anatolischen Eliminationsriten zeigt, dass die Vorstellung der Elimination im Vorderen Orient weit verbreitet war. Der Ritus wird von → Aaron als dem Hohenpriester vollzogen. Mit Hilfe der Handauflegung wird die als materia peccans oder als „Sündenschmutz“ verstandene Schuld auf den lebendigen Bock übertragen und so „das stofflich verstandene Böse räumlich entfernt“ (Janowski, 2000, 219; vgl. Janowski / Wilhelm, 1993, 129f; Maul, 1994, 6). Anschließend wird der so mit Sünden beladene Bock in die Wüste geschickt. Durch das Wegschicken des Bocks werden die Sünden „in das abgeschnittene Land“ fortgetragen (vgl. ), das für den Gegensatz zum kultisch reinen Lagerbereich steht. . bildet den Rahmen für den Ritus mit dem lebenden Bock: Der Bock wird in v20b von außen herbeigebracht, in vv21-22a ritualtechnisch verwendet, und in v22b wieder der Welt außerhalb des Kultbereichs übergeben. Im gesamten Ritus vv20b-22 wird das Wort Asasel nicht genannt. Das heißt, der Eliminationsritus ist (noch) nicht auf Asasel bezogen.
2) Losritual (Lev 16,5.7-10): Zwei Böcke werden für das chaṭṭā’t-Opfer (→ Opfer) bestimmt. Um die beiden Böcke ihrer jeweiligen Bestimmung zuführen zu können, wird ein Losritual eingeführt. Ein solches Losverfahren ist weder in den Reinigungsriten in Lev 14 überliefert (→ Ritus / Ritual), noch in Eliminationsriten aus der Umwelt des Alten Testaments. Wird der eine Bock „in Bezug auf Jahwe“ ausgelost, muss auch der andere Bock einen Bezugspunkt erhalten und wird daher „in Bezug auf Asasel“ ausgelost (.α). Der Losritus ist dadurch mit dem Terminus und
Mit α könnte der Losritus beendet sein. Jedoch wird – und das ist in β einmalig (vgl. ) – die Formel
3) Reinigungsritual (Lev 16,26): Den Abschluss des Rituals bildet die Reinigung derjenigen, die mit den Reinigungsmedien in Kontakt gekommen sind. Nach muss derjenige, der den Bock für Asasel in die Wüste weggeschickt hat, sich einem Reinigungsritual unterziehen. Er muss sich seiner Kleidung entledigen und sich waschen. Auch Aaron zieht nach dem Verlassen des Heiligtums am Zelt der Begegnung seine Leinenkleider aus und unterzieht sich einer Reinigung. Dabei stehen jedoch die beiden Reinigungsvorgänge in einem wichtigen Gegensatz: Während Aaron seine Kleider im Heiligtum ablegen und sich am heiligen Ort waschen soll, muss der Mann, der den lebenden Bock fortgeschickt hat, außerhalb des Lagers bleiben, bis er gereinigt wieder in die Gesellschaft aufgenommen werden kann. Die Waschung des Priesters reinigt von Heiligem und schließt die Reinigungsrituale durch das Blut der
Der Reinigungsritus verbindet in die Lexeme
Die beiden Böcke in Lev 16 stehen für zwei einander entgegengesetzte Konzepte: Während der Bock „für JHWH“ (zur Reinigung der Kulträume und des Altars) Reinheit und Heiligkeit repräsentiert, verkörpert der lebendige Bock „für Asasel“ (zur Elimination der Sünden) Unreinheit. Die Zuweisung „in Bezug auf Asasel“ bestimmt Asasel in einem weiteren Sinne als einen Vertreter einer Antiwelt. Asasel verkörpert das, was JHWH nicht ist, nämlich Unreinheit und den Ort, der vom Kultus abgeschnitten ist, d.h. also die gegengöttliche, gegenkultische Welt. JHWH hingegen wird im Gegenüber zu Asasel mit positiven Aspekten aufgeladen: Er ist der Gott des Kultes, der Reinheit, dem die Opfer gelten, der im heiligen Bezirk verehrt wird. Damit erhält Asasel in erster Linie seine Funktion aus der Gegenüberstellung zu JHWH im Losritus (.). Erst mit der Bearbeitung (Lev 16,10bβ.26), die den Losritus und das Wegschicken des lebendigen Bockes in die Wüste () miteinander und damit den Eliminationsritus mit Asasel verbindet, wird dieser zu einem in der Wüste hausenden Wesen. Allerdings erfahren wir auch jetzt nicht mehr über ihn, als dass der mit Sünden beladene Bock lebendig zu ihm geschickt wird. Über eine eigene Wirkmächtigkeit oder einen eigenständigen Charakter verfügt der Asasel aus Lev 16 nicht.
Auf einem geritzten Elfenbeintäfelchen aus Megiddo ist dargestellt, wie ein Wesen, das aus Menschenkopf, Felidenleib und Flügeln besteht, einen Widder besiegt (Abb. 2 im Art. → Jom-Kippur 3.2.1. Asasel). Die Darstellung ist von Eißfeldt (1966, 91f; vgl. im Gefolge u.a. Schroer, 1987, 134 [Anm. 296]; Haag, 1994, 95) für eine Abbildung des Wüstendämons Asasel gehalten worden. Jedoch spricht – neben dem problematischen direkten Bezug von Text auf Bild und den Ergebnissen der Textanalyse von Lev 16 – das ikonographische Vergleichsmaterial gegen diese Interpretation: Nach Keel (2003, 234f) handelt es sich bei der Darstellung wahrscheinlich um die unvollständige Abbildung einer Dreierkonstellation, in der ein (Mutter)tier oder ein Gott ein am Boden liegendes Junges oder Attributtier vor einem Angreifer verteidigt. Es lassen sich auch Zweikampfkonstellationen nachweisen, in denen ebenfalls ein geflügeltes Löwenmischwesen dargestellt wird, das (vielleicht) eine ebensolche Kappe trägt wie das auf dem Megiddo-Elfenbein dargestellte Mischwesen (vgl. Matthews, 1990, Abb. 370; 392; 442). In allen Fällen sind Tierkampfszenen abgebildet und nicht ein Teil des Rituals von Lev 16. Die Elfenbeinschnitzerei hat nichts mit einem Wüstendämon Asasel zu tun, zeigt aber, dass die Vorstellung von Mischwesen, die andere Wesen bedrohen oder schützen, vielleicht auch in Palästina bekannt war.
Obwohl sie im biblischen Text blass bleibt, weist die Gestalt des Asasel eine reiche Wirkungsgeschichte auf, sowohl in → Qumran als auch in der zwischentestamentlichen Literatur. In Qumran (Tempelrolle 11QT 26,13 und 4Q180 I,7f) wird aus ‘z’zl der Namen ‘zz’l. In 1Hen 10,4ff wird Azael als ein → Dämon bezeichnet, der in der Wüste in Finsternis haust (Text Pseudepigraphen). Er war beim Abfall der Göttersöhne durch deren Verkehr mit den Menschentöchtern (1Hen 6,7, vgl. 4Q180 I,7f) dabei, lehrte die Menschen praktisches Wissen (Waffen- und Schmuckherstellung) und die ewigen Geheimnisse (1Hen 8,1.6), hat die Erde verdorben (1Hen 10,8) und ist Urheber der Sünde (1Hen 9,6). Ihm wird das Gericht angekündigt (1Hen 13,1), und er soll mit seinem Herrn vernichtet werden (1Hen 54,5). Ausführender der Bestrafung Azaels ist der → Engel → Rafael. 1Hen 69,2 zählt Azael unter den Engeln auf. Apokalypse Abrahams 23 identifiziert Asasel mit der Schlange zwischen → Adam und Eva, die menschliche Hände und Füße sowie sechs Flügel hat und für Gottlosigkeit steht.
In der rabbinischen Tradition kommen Asasel ebenfalls vielseitige Aufgaben zu: Nach dem Mischna-Traktat Joma 67b lehrt die Schule Rabbi Jischmaels, dass Asasel die Sühne für Usa und Asel entgegennimmt. Raschi zählt Asasel (mit Usa) wie 1Hen 6,7 zu denjenigen, die in Gen 6 den Abfall begangen haben, für den Asasel zu sühnen hat. Pirqe deRabbi Eliezer (46) identifiziert Asasel mit Satan oder Samiel. Semyaza und Asasel wird ein eigener Midrasch gewidmet (Milik, 1976). Nach Jalqut Schimoni (I, 155) verführt Asasel die Menschenkinder zur Sünde, weshalb am Jom Kippur die Sünden an ihn zurückgeschickt werden. Ibn Esra und Maimonides sehen in ihm einen Dämon, dem der Sündenbock geschickt wird, Ibn Esra betont allerdings, dass es sich hierbei nicht um ein Opfer handelt, da der Bock nicht geschlachtet wird. Er bezeichnet Asasel als den „König der Bocksdämonen“ (Wiener, 1927, 488).
Der Barnabasbrief sieht in den beiden Böcken zwei Typen Christi (7,10): „Der erste Bock ist für den Altar, der zweite zum Fluch“ (vgl. ). Tertullian vergleicht beide Böcke mit dem Leiden Jesu Christi, der einerseits verhöhnt, verspottet und durchbohrt und andererseits am Kreuz geopfert wird (Adversus Marcionem 3,7.7; Adversus Judaeos 14,9; Bibliothek der Kirchenväter).
Im Islam ist azazīl ein anderer Name für den → Satan.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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