„Poesie“ findet sich zwar als Begriff in der griech. Bibel (poiēsis „Tat / Machwerk [eines Künstlers]“ o.ä. in der LXX ; ; ; ; u.ö., im Neuen Testament ), nicht jedoch in seiner spezifischen Bedeutung als Textsorten- bzw. Genre-Bezeichnung. Als Literaturbegriff hat „Poesie“ (Adjektiv: „poetisch“) wie auch die mit ihm verbundene Reflexion und Theoriebildung unter den Bezeichnungen „Poetik“ oder „Poetologie“ (Adjektiv: „poetologisch“) ähnlich wie die „Rhetorik“ seine Prägung im griechisch-lateinischen Sprach- und Kulturraum bekommen (Aristoteles, Horaz, [Pseudo-]Longinus, Quintilian etc., vgl. Fuhrmann, 2003). Von dort hat die Begrifflichkeit die neusprachliche Literatur bzw. Literaturtheorie geprägt (vgl. Lausberg, 10. Aufl. 2000; 3. Aufl. 1990). In der heutigen Forschung wird Poesie und Poetologie im Rahmen der einzelnen Philologien, in den Bereichen Linguistik und Literaturwissenschaft, behandelt.
Die Übertragung poetischer Begrifflichkeit samt deren Füllung auf das Bibelhebräische und die Schriften des Alten Testaments, die dem altorientalisch-semitischen Sprach- und Kulturraum angehören, hat mit Bedacht zu geschehen. Es ist insbesondere darauf zu achten, dass nicht fremde Vorstellungen eingetragen oder unsachgemäße Etikettierungen bzw. Systematisierungen vorgenommen werden. Dies gilt umso mehr, als im altsemitischen Sprach- und Literaturbereich diesbezügliche Reflexionen über literarische Makrogattungen und ihre Strukturierung fehlen – was nicht heisst, dass die Phänomene nicht vorhanden gewesen wären (im alttestamentlich-frühjüdischen Literaturbereich liegen nur wenige Andeutungen zur Herstellung von [poetischen] Texten bzw. Liedern vor: ; ; ; ; [Lutherbibel: ]; 11QPsa XXVII,2-11). Deswegen muss eine bibelhebräische (semitische) Poetologie weithin induktiv vorgehen. Sie ist über die Wahrnehmung, Einschätzung und Gewichtung der entsprechenden Phänomene in ihrer Gesamtkonstellation und aufgrund reflexiver Durchdringung zu gewinnen. In einem Analogieverfahren mit Phänomenen und gebräuchlichen Klassifizierungen aus dem indogermanischen Sprach- und Kulturbereich können die dort geläufigen Bezeichnungen dann (allenfalls modifiziert) Verwendung finden.
Bei der Frage nach Poesie im Alten Testament sind darüber hinaus unterschiedliche Begriffsfüllungen im Auge zu behalten. Wird der Terminus weit gefasst, ist er synonym mit Literatur im Sinne von modulierten und strukturierten Textgestalten, die dem Alltagsgebrauch von Sprache gegenüber stehen. Wird der Begriff eng gefasst, bezeichnet er den Bereich der (rhythmisierten) Versdichtung, die vielfach gesanglich-musikalisch vorgetragen bzw. untermalt wurde (von daher die von dem griech. Wort lyra „Leier“ herrührenden Bezeichnungen „lyrisch“ und „Lyrik“). Er steht dann im Gegenüber zu anderen literarischen Makrogattungen wie etwa der Erzählung, deren Theoriebildung mit der Bezeichnung „Epik“ oder in neuerer Zeit „Narrativik“ bzw. „Narratologie“ versehen wird (die Bezeichnung „Prosa“ als Komplementärbegriff zu Poesie ist ihrerseits unscharf, insofern damit einerseits der Alltagsgebrauch von Sprache, andererseits die → erzählenden Gattungen der Literatur gemeint sein können). Nachfolgend wird „Poesie“ im engeren Sinn als Gesamtbezeichnung für das literarische Phänomen der Versdichtung verwendet, „Poem“ für den dadurch charakterisierten Text und „Poetologie“ (oder „Poetik“) für die Theorie bzw. Theoriebildung von Poesie.
Eine Geschichte der Erforschung biblischer Poesie kann hier nicht dargeboten werden (vgl. dazu die unten genannten Standardwerke). Auf zwei Monographien aus dem 18. Jh., die für die (Wieder-)Entdeckung der Poesie in der Bibel bedeutsam und wirkmächtig geworden sind, sei aber hingewiesen.

Abb. 1 Robert Lowth, D.D., Lord-Bischof von London („Endecker“ des „Parallelismus membrorum“)
Es handelt sich zum einen um „De Sacra Poesi Hebraeorum“ (1753) von Bischof Robert Lowth (1710-1787), in dem dieser den bibelhebräischen Versbau als parallelismus membrorum bestimmte und seine Charakteristik herausarbeitete (zu Lowth vgl. Smend, 2001). Mit dem der Geometrie entnommenen, metaphorisch verwendeten Begriff „Parallelismus“ wird seither das Phänomen bezeichnet, dass der (mehrheitlich) zweiteilige Vers aus zwei Vershälften bzw. -zeilen besteht, die in der einen oder anderen Weise aufeinander abgestimmt oder eben zueinander „parallel“ sind (in der klassischen Rhetorik als „Isokolie“ bezeichnet). Ein Sachverhalt wird also gleichsam unter zwei Aspekten (Komplementarität, Reziprozität) gesehen bzw. zunächst gehört und beschrieben – vergleichbar dem Hören mit beiden Ohren und der Fügung zu einem Klangbild (Stereophonie).
Zum zweiten sei das große (unvollendet gebliebene) Werk „Vom Geist der Ebräischen Poesie“ (1782-83) von Johann Gottfried Herder (1744-1803) erwähnt, das den Parallelismus und mit ihm die Poesie stark der Empfindung zuordnete und wesentlich zur Wahrnehmung biblischer Poetizität in altorientalischem Kontext beitrug (zur Bedeutung von Herder für die Bibelwissenschaft vgl. Willi, 1996; Witte, 2005).
Als Standardwerke, Handbücher bzw. Nachschlagewerke für eine bibelhebräische Poetologie bzw. Teilbereiche derselben haben sich etabliert: Alonso Schökel, 1971; 1988; Bühlmann / Scherer, 2. Aufl. 1994; Watson, 2. Aufl. 2005; 1994; Alter, 1985; Alter / Kermode (Hgg.), 1987; Berlin, 1985; 1991; van der Meer / de Moor (Hgg.), 1988 (sog. „Kampen-Schule“); Meynet, 1998; 2007; Fokkelman, 1998-2004; 2001; Seybold, 2003. Einführungen und Überblicke bieten Lexika-Artikel („Dichtkunst“, „Poesie“, „Parallelismus“ u.ä.) der einschlägigen Enzyklopädien (Anchor Bible Dictionary, Calwer Bibellexikon, EJ, RGG, TRE etc.) sowie Weber (2002; 2006) und Hobbins (2008). Dabei zeichnet sich die Diskussionslage seit etwa 1970 dadurch aus, dass linguistische und literaturwissenschaftliche Modelle rezipiert und im Blick auf eine semitische bzw. bibelhebräische Poetologie adaptiert werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei Studien des Linguisten Roman Jakobson (4. Aufl. 2005).
Eine alttestamentliche Poetologie lässt sich nicht ohne Vergleich mit den altorientalischen, (hamo-)semitischen Sprachkulturen begründen. Über die bereits genannten Werke hinaus (v.a. Watson, 2. Aufl. 2005; van der Meer / de Moor [Hgg.], 1988) verdienen Erwähnung: Margalit, 1975; Avishur, 1984; Katz, 1986; Zurro, 1987; Pardee, 1988; Zgoll, 2003; Wagner (Hg.), 2007. Ferner ist der Einfluss alttestamentlicher Poesie auf das Judentum (deuterokanonische Werke, Qumran, seit der Spätantike die hebräisch-liturgische Poesie des Pijjut) und das Neue Testament zu bedenken.
Der Applikation von Poesie und des mit der Bezeichnung verbundenen Phänomen- und Verstehenskomplexes als fremdgeprägter Begrifflichkeit auf die Bibel ist kirchliche Schriftauslegung weithin mit Reserve gegenüber gestanden. Der Grund lag darin, dass man die Heilige Schrift primär theologisch in ihrem Gehalt als Gottes Wort auslegte und eine literarische, (verstärkt) auf die Gestalt der Texte abstellende Interpretation als unsachgemäß ansah. Auch wenn dies heute weithin anders beurteilt wird, ist die theologische Sichtweise nicht abzublenden und vom Selbstanspruch der Bibel her ein Doppeltes festzuhalten: Die Bibel ist Literatur, ihre Texte weithin von großer literarischer Qualität; zugleich ist die Bibel in gewisser Weise auch Anti-Literatur, insofern sie im Dienst einer Sache steht, die lediglich literarische Affekte in Frage stellt und durchkreuzt (vgl. Fisch, 1988, 2).
Auch wenn aufgrund Phänomenüberschneidungen und gradueller Unterschiede eine Abgrenzung von dem, was im Alten Testament als Poesie zu gelten hat und was nicht, nicht immer scharf zu ziehen ist, kann doch als gesichert gelten (anders Kugel, 1981), dass Versdichtung eine spezifische literarische Gestaltung aufweist und in der (Ursprungs-)Rezeption auch als solche erkannt wurde. Poetisch verfasst sind namentlich Texte, die den Makrogattungen (Genres) Lieder / Gedichte, weisheitliche Sentenz / Lehre und prophetische Rede angehören.
Poetisch geformte Stücke finden sich in unterschiedlicher Ausprägung und Länge im Pentateuch (; ; .; ; ; Num 23-24* → Bileam-Sprüche; ; ) und den Geschichtsbüchern (; ; ; ; ; ). Sie wurden innerhalb eines Buches zum Teil „strategisch“ platziert (vgl. Watts, 1992).
Besonders stark vertreten ist die Poesie in den Schriften, dem dritten Kanonteil. Die Bücher → Psalmen, → Sprüche, → Hoheslied und → Klagelieder Jeremias sind nahezu vollständig, das → Hiobbuch überwiegend verspoetisch geformt. Der Anteil im → Predigerbuch dagegen ist deutlich kleiner, und in den → Chronikbüchern sticht heraus.
Die genannten Bücher und Stücke sind Reden oder enthalten solche. Dies gilt weithin auch für die Prophetenbücher, deren Worte stärker argumentativ-rhetorisch akzentuiert sind. Zudem finden sich in ihnen nicht selten narrative Passagen und poetisch-prosaische „Mischformen“. Anteil, Grad und Ausprägung der Poetizität ist in den einzelnen Prophetenbüchern recht unterschiedlich. Am einen Ende der Skala sind fast durchgehend poetisch gestaltete Bücher (wie z.B. → Joel, → Micha und → Nahum), am andern Ende solche mit relativ geringen Poesie-Anteilen (wie → Jona). Die Bücher → Jeremia und → Ezechiel stellen hinsichtlich ihrer poetischen Ausprägung dann nochmals eine Besonderheit dar.
Insgesamt ist der Anteil der poetischen Formung der Schriften des Alten Testaments beträchtlich (je nach Einschätzung und Abgrenzung ca. 25% oder mehr). Poetisch geformte Texte finden sich auch im deuterokanonischen Schrifttum und in den Rollen aus den Höhlen von → Qumran (u.a. [hebr.] → Jesus Sirach, ferner die Hodayot und die „Sabbatlieder“). Im Neuen Testament dagegen ist der Anteil an Poesie marginal (vgl. u.a. ; ; ; ; ; ; ; ; , wobei einige der aufgeführten Texte eher als „gehobene Prosa“ eingeschätzt werden).

Abb. 2 Psalmentext aus Qumran mit Zeilenanordnung (4QPsb = PAM 41.916; 1. Jh. v. Chr.)
Die im Sprechvortrag aufgrund ihrer Rhythmisierung erkennbare Poesie wurde in der Handschriftenüberlieferung teilweise – nicht immer stringent – auch graphisch kenntlich gemacht. Die Markierung von gliedernden Zäsuren (Pausalformen) dürfte weit vor die masoretische Akzentsetzung zurückreichen (vgl. Revell, 1981; Sanders, 2003). Eine Reihe von Handschriften bringt durch größere Leerräume zwischen den einzelnen Verszeilen und / oder Versen ein Bewusstsein für die Poetizität von Texten zum Ausdruck (Kolographie). Als Beispiele hierfür seien (Schilfmeerlied) im Codex Leningradensis / Firkovich sowie die vormasoretischen Manuskripte 4QPsb (s. Abb. 2) und 4QLam angeführt.
Die Masoreten haben die Bücher Psalmen, Hiob und Sprüche mit einem separaten, „poetischen“ Akzentuierungssystem versehen. Dem Studium und der Auswertung der verschiedenartigen handschriftlichen Gliederungsmerkmale widmet sich heute ein eigener textwissenschaftlicher Forschungszweig („delimitation criticism“). Dieser kann die induktiven vorgehenden Poesie-Studien mit seinem deduktiven Ansatz ergänzen (vgl. Korpel / Oesch [Hgg.], 2000; http://www.pericope.net).
Die (biblische) Poesie zeichnet sich durch eine wechselseitige Verschränkung von „Gestalt“ (wie? => Ausdrucksseite) und „Gehalt“ (was? => Inhaltsseite) aus. Die Art und Weise, wie die Aussagen vermittelt werden, ist nicht nur Sprachhülle, Ausschmückung und Ästhetik, sondern selbst bedeutungshaltig (Semantisierung). Dies führt zur typischen Dichte bzw. Komplexität der Poesie.
Der Parallelismus membrorum (vgl. Wagner [Hg.], 2007 [Lit.!]) gilt als das hervorstechendste und anerkannteste Merkmal bibelhebräischer Poesie. Die Redeweise vom Parallelismus schließt als zweites, damit verbundenes Charakteristikum die rhythmische Gliederung der poetischen Äußerung mit ein (Prosodie, Prosodik). Aufgrund von kleineren und größeren Zäsuren am Ende poetischer Einheiten (Verszeile, Vers, Strophe etc.) wird der Sprech- bzw. Textfluss moduliert und strukturiert.
Parallelismus wie Rhythmus gründen gleicherweise auf dem Moment der Gleichwertigkeit bzw. Entsprechung (Äquivalenz) und damit einer Form von Wiederholung (Rekurrenz). Da sich unter Rekurrenz die meisten poetischen Phänomene subsumieren lassen, kann diese als Basisphänomen der bibelhebräischen Poesie eingestuft werden (vgl. Nel, 1992). Poetische Textur wird demzufolge als Beziehungsnetz äquivalenter sprachlicher und struktureller Einheiten verstanden, die untereinander in Beziehung stehen bzw. treten – und zwar im Modus von Gleichheit, Ähnlichkeit und / oder Gegensatz (selbst Weglassungen [Elliptik] können als virtuelle Entsprechungen darunter gefasst werden). Dadurch werden Elemente aufeinander bezogen und in ein größeres Ganzes eingefügt. Diese Eigenheit der Poesie überlagert die (übliche) lineare Textabfolge, generiert zusätzliche Bedeutungsmomente und macht die sprachliche Ausdruckweise mehrdeutig (Ambiguität). Aufgrund der Rekurrenz wird – stärker als bei erzählender Literatur – die syntagmatische (lineare, horizontale) durch die paradigmatische (vertikale, Analogie-bestimmte) Sprach- bzw. Textdimension überformt. Dies führt dazu, dass innertextliche Relationen für die Erhebung der Bedeutung poetischer Texte wesentlich sind. Ihnen ist eine Art Texträumlichkeit (Stereometrie, Plastizität) eigen. Dadurch kommt im Verbund mit der verstärkt auftretenden Metaphorik die Sinnfülle poetischer Texte zustande. Zu deren Erfassung bedarf es der Mehrfach-Hörung bzw. -Lesung (Relecture, zyklische Rezeption) (vgl. Weber, 2006, 130-135).
Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei den poetischen Stücken der Bibel überwiegend um Reden handelt (dazu gehören auch Reden an Gott, d.h. Gebete), kann die Dialogizität ebenfalls als wesentliches Merkmal biblischer Poesie gelten. Die Texte sind quasi Ausschnitte kommunikativer Prozesse, denen eine Wirkabsicht (Textpragmatik) eignet (vgl. Hardmeier, 2003; 2005). Die Betonung der Dialogizität biblischer Poesie ist als Korrektiv wesentlich gegenüber Auffassungen, die das „lyrische Ich“ in den Vordergrund rücken („expressive Sprachfunktion“) oder sich auf die Selbstbezüglichkeit poetischer Rede („autoreferentielle“ bzw. „poetische Sprachfunktion“) fixieren. Gerde die poetische Sprachfunktion ist für das Verständnis, wie Poesie funktioniert („Foregrounding der Form bzw. Machart“), wesentlich. Sie steht aber – wie die anderen Sprachfunktionen auch – weithin im Dienst des Dialogs zwischen Gott und seinem Volk und hat damit eine dezidiert theologische Funktion (vgl. Weber, 2006, 130f.135-137).
Schließlich ist neben der Rekurrenz und der Dialogizität der Bereich der Sprachbilder (→ Bildworte-Bildreden) als drittes Hauptkennzeichen zu nennen (vgl. van Hecke [Hg.], 2005). Es findet sich in der bibelhebräischen Poesie unterschiedlich ausgeprägt. Die biblische Versdichtung ist gegenüber der Erzählliteratur bilderreicher. Die Verwendung von Sprachbildern gibt der Poesie ein facettenreiches, „atmosphärisches“ Gepräge und ist – da die Metaphern sich nicht auf eine einzige Aussage festlegen lassen – mitverantwortlich für ihre charakteristische Mehrdeutigkeit.
Die für die Poesie charakteristische Rekurrenz (s.o.) und mit ihr die paradigmatische Sprachachse moduliert Sprach-, Stil- und Strukturformen und führt zu vielfältigen Ausprägungen in den unterschiedlichen poetischen Textgenres des Alten Testaments. Nachfolgend sollen in exemplarischer Auswahl einige Phänomene dargestellt werden (für umfassendere Zusammenstellungen ist auf die genannten Standardwerke und Handbücher zu verweisen).
Auch die Grammatik (Morphologie und Syntax) wird von der Poesie in den Dienst genommen und bekommt dadurch eine eigene Prägung. Sie äußert sich etwa im Rahmen der für die Poesie typischen Kürze und Elliptik in der Knappheit des Satzbaus sowie in der variierenden Anordnung der Satzglieder (vgl. Lunn, 2006).
Als elliptische Phänomene sind namentlich das häufige Fehlen von Artikel, Relativpartikel und des Objektmarkers nota accusativi zu erwähnen. Dazu gehört auch der Umstand, dass ein Sprachelement der einen Verszeile auch die nachfolgende, wo es ausgelassen wird, regiert („double duty“; z.B. ). Eine Satz- bzw. Äußerungseinheit ist dabei oft identisch mit dem Umfang einer Verszeile, die ca. 2-5 Elemente umfasst (z.B.: Prädikat – Subjekt – Objekt / Umstandsangaben). Zeilen überfließende Sätze (Enjambement), kommen allerdings ebenfalls vor (in den → Klageliedern Jeremias sogar häufig; z.B. ). Die für Erzählungen typische Satzverkettung fehlt weitgehend und wird durch den Parallelismus quasi substituiert. Die Verknüpfungen über die Versgrenzen hinaus sind „offener“ und damit zugleich deutungsreicher.
Der Versparallelismus als eine wichtige Form der Rekurrenz poetischer Ausdrucksweise prägt auch die formalen Aspekte der Grammatik (zur Verbindung von Grammatik und Versbau vgl. v.a. Collins, 1978; O’Connor, 2. Aufl. 1997). Einige grammatikalische Ausprägungen von Versmustern seien kurz vorgestellt:
● Morphologische Paarungen finden sich etwa nach dem Schema Nomen // Verb wie in („ihn Anrufende“ // „anrufen“) oder als kontrastive Muster mit wechselnder Stammform wie in („essen“ [Qal] // „gefressen werden“ [Pual]) bzw. zusätzlich verbunden mit Tempora- und Numerus-Wechseln wie in („werden zum Straucheln gebracht werden“ [Nif. jqtl Pl.] // „strauchelt / ist gestrauchelt“ [Qal qtl Sg.]).
● Auch Genus- bzw. Gender-Paarungen wie in („dein Vater“ // „deine Mutter“) oder („einziger [Tag]“ [m] // „einziges [Mal]“ [f]) verdienen Erwähnung.
● Auf der Ebene der Syntax finden sich neben analogen auch gegenläufige (chiastische) Abfolgen bezüglich Wortart und / oder Funktion wie in (Verb – Nominalfügung // Nominalfügung – Verb).
● Auch unterschiedliche syntaktische Modi finden sich wie in (positiv formulierte Aufforderung // negativ formulierte Aufforderung) oder in (Indikativ // Interrogativ) gegenüber gestellt.
Dass die mit Lexikalie und Semantik bezeichneten Bedeutungsebenen (wozu man – je nach Textmodell – auch die Pragmatik rechnet) von großer Wichtigkeit zur Erfassung des Textsinns sind, versteht sich. Zu den Eigenheiten hinsichtlich bibelhebräischer Poesie gehört der Gebrauch von Sondervokabular (Poesie-spezifische bzw. seltene Begriffe, Archaismen, Lehnwörter).
Wort. Was den lexikalischen Aspekt betrifft, ist das Auftauchen von (geprägten) Wort-Paaren, die in den parallelen Zeilen des Verses Verwendung finden, auffallend. Im Zuge der „oral poetry“-Debatte (vgl. Culley, 1967) und unter Beizug verwandter altsemitischer Sprachen und Texte (v.a. aus → Ugarit) sind solche Paarungen sowie deren Reihenfolge und Verteilung eingehend erforscht worden (vgl. u.a. Avishur, 1984). Mehrheitlich erscheint das geläufigere, bedeutungsbreitere Wort in der a-, die seltenere bzw. distinktivere Bezeichnung in der b-Zeile des Parallelismus membrorum. Die semantische Relation zwischen den gepaarten Begriffen kann spezifiziert und klassifiziert werden als synonym („sich freuen / jubeln“ in ), antonym („Gerechter / Frevler“ in ), polar bzw. meristisch („Tag / Nacht“ in ), beigeordnet („Schwert / Bogen“ in ) oder über- bzw. untergeordnet („Weg / Pfade / Spuren“ in ) etc.
Satz / Vers. Geht man von der Wortsemantik (Lexikalie) zur Satz- bzw. Verssemantik über, so bietet der Parallelismus membrorum ein reiches Feld, diese genau zu erfassen. Die erste Kategorisierung in drei Grundformen geht auf Robert Lowth (s.o.) zurück:
● Beim „synonymen Parallelismus“ sind die Aussagen der Verszeilen eines Verses inhaltlich ähnlich (wie z.B. ),
● beim „antithetischen Parallelismus“ sind sie gegenläufig (wie z.B. ) und
● beim „synthetischen Parallelismus“ führt die zweite Verszeile die erste fort bzw. modifiziert sie (wie z.B. ).
Diese Typologie ist allerdings grobmaschig (und im Falle des „synthetischen Parallelismus“ auch umstritten). Im Einzelnen ist der Sachverhalt meist komplexer, zumal nicht nur die semantische, sondern auch andere Sprachebenen involviert sind. Inzwischen sind eine Vielzahl weiterer Typen von (semantischen) Versparallelismen identifiziert und beschrieben worden (eine Zusammenstellung bietet etwa Watson, 2. Aufl. 2005; 1994).
Gedicht. Semantische Wiederholungsmuster finden sich nicht nur auf der Strukturebene des Verses, sondern über das ganze Poem hinweg. Mit Hilfe von Wort- bzw. Wurzelwiederholungen, Leitwörtern, wiederkehrenden Motiven, Wortfeldern und Begriffs-Clustern werden dominante Aussagen und Themata markiert (Isotopie). Signifikante Beispiele sind die Verwendung des Begriffs qôl „Stimme / Donner“ in Ps 29 oder die subtile Strukturierung von unter variierender Verwendung und Einfärbung des Verballexems „gedenken“ (zkr), seiner Synonyme und des Antonyms „vergessen“ (vgl. Weber, 1995, insbesondere 175-184). Durch auffällige Platzierung der äquivalenten Elemente innerhalb eines Poems kann die Interrelation zusätzlich verstärkt werden. Zu denken ist an analoge Zeilen-, Vers- oder Strophenanfänge (→ Akrostichie) bzw. -enden (Telestichie), aber auch an Rahmungen (Inclusio). Als Beispiele mögen die strukturierenden Gottesanrufungen in Ps 38 (..) respektive die Rahmung von Ps 118 (.) dienen.
Ein wesentliches Kennzeichen bibelhebräischer poetischer Rede ist ihre Bildhaftigkeit (→ Bildworte / Bildreden). Sie umspannt ein weites Feld von einfachen Vergleichsaussagen (z.B. ) über Metaphern (z.B. ) bis hin zu ausgestalteten Gleichnissen / Parabeln (z.B. ) und mythisch-symbolischer Redeweise (z.B. ). Die altorientalische und alttestamentliche Poesie schöpft und schafft Bilder aus ihren Lebens- und Kulturzusammenhängen (zu den Bildbereichen in den → Psalmen vgl. Riede, 2000; Brown, 2002). Metaphorik verleiht der Poesie ihre Emotionalität und Intensität, macht die Aussagen dicht, vielschichtig und manchmal überraschend. Die Erhebung des Sinnfeldes der biblischen Bildersprache samt den mit ihr transportierten Gefühlsmomenten oder versteckten Appellen ist für die heutige Interpretation nicht immer einfach. Hierzu können „reale Bilder“ aus dem Bereich der altorientalischen Ikonographie einen wichtigen Dienst leisten (vgl. Keel, 5. Aufl. 1996, das sich als Standardwerk für die Psalmeninterpretation etabliert hat).
Zu den Tropen (Sprachverwendungen in übertragenem Sinn) gehören auch Redefiguren wie die Metonymie, bei der ein Ausdruck durch einen anderen ersetzt wird und eine zusammenraffende Wirkung entsteht (z.B. „falsche Zungen“ in für Menschen, die Falsches reden), die Personifikation (vgl. etwa ) und die Hyperbolik (literarische Form der Übertreibung, z.B. ).
Zu den Stilfiguren, die sich in Poesie, Prophetie und Erzählung finden, sind die Paradoxie (z.B. ) und der Bereich des Humors und seiner Abwandlungen in Ironie, Spott, Parodie und Sarkasmus sowie der Bereich der Komik und Tragik zu rechnen (vgl. → Jonabuch; , weitere Beispiele in Radday / Brenner [Hgg.], 1990).
Manche dieser Figuren finden sich in belehrenden oder überzeugungsrhetorischen Zusammenhängen. Dies gilt ebenso für Ausrufe (Exklamationen), (rhetorische) Fragen, Aufzählungen / Reihungen (einschließlich Zahlenspruch, vgl. z.B. ) und die Steigerung (Klimax).
Biblische Beispiele für diese und weitere Sprach- und Stilfiguren finden sich im Nachschlagewerk von Bühlmann / Scherer (2. Aufl. 1994).
In der bibelhebräischen Poesie können Sprechäußerungen in ihrer Akustik – sei es als Klanggestalt (Phonologie) oder Sprechakzentuierung bzw. -rhythmik (Prosodie) – aufgrund ihrer Rekurrenz bedeutungsrelevant werden oder atmosphärische Texteinfärbungen generieren (die Funktion und Bedeutung solcher, weithin nur in der Ursprungssprache zugänglichen Klangmuster ist allerdings oft nicht einfach zu ermitteln).
Klanggestalt. Eine Klangpaarung liegt z.B. in vor (Wendung in identischer Position am Verszeilenschluss – zugleich Zeilenendreim):
Und es wird geschehen an jenem Tag – Spruch JHWHs –:
Ich rotte aus deine Pferde aus deiner Mitte (mqrbk), /
lasse in die Irre laufen deine Kriegswagen (mrkbt[j]k). //
Manchmal findet sich eine Verschränkung von Lautgestalt und Sinngehalt von Äußerungen. Dazu gehören verschiedene Formen von Wortspielen (Paronomasie). Als Beispiel, das auch in der deutschen Übersetzung nachgeahmt werden kann, sei aufgeführt:
wajəqaw ləmišpāṭ wəhinneh miśpāch / liṢdāqāh wəhinneh Ṣə‘āqāh //
Und er wartete auf Rechtsspruch, und siehe da: Rechtsbruch; /
auf Gerechtigkeit, und siehe da: Geschrei über Schlechtigkeit. //
Zu den phonologischen Mustern gehören Häufungen bzw. Lautcluster mit gleichen oder ähnlichen Konsonanten (Alliteration) oder Vokalen (Assonanz) – eine m-Alliteration findet sich etwa im Rätselwort –, ferner Lautimitation oder -malerei (Onomatopoësie), wie sie in der Wurzel gll „rollen, wälzen“ und namentlich dem davon abgeleiteten galgal „Rad“ hörbar wird. Neben alliterativen Binnenreimen finden sich – wenn auch nicht so prominent wie in der Poesie der indogermanischen Sprachfamilie – Endreime (Telestichie), ferner auch Anfangsreime (Akrostichie).
Rhythmus. Die Prosodie wird bestimmt durch die Unterschiede in Länge, Betonung und Tempo im Blick auf die Verszeilen und damit auch die Rhythmik. Die bibelhebräische Poesie hat ein (syntaktisch-)akzentuelles „Metrum“ (Metrik). Demzufolge trägt eine Lautgruppe (mit 2-6 Silben) einen metrischen Akzent. Dabei können verknüpfte Wörter (Syntagmen) im Sprechrhythmus zusammengezogen und einakzentig gelesen werden. Ein klares, strenges Regelsystem, das die Zahl und Folge von betonten und unbetonten Silben betrifft, scheint allerdings nicht vorzuliegen, so dass der Begriff des Rhythmus dem des Metrums vorzuziehen ist. In der Regel trägt eine Verszeile zwei bis vier Akzente. An prosodischen Versmustern finden sich neben dem (v.a. in Sprichwörtern) geläufigen 3+3-Rhythmus der „hinkende“, namentlich in der Klage verbreitete Qina-Rhythmus (3+2; → Klagelieder Jeremias). Darüber hinaus kommen „Staccato“-Rhythmen (2+2) ebenso wie gedehnte 4+4-Akzentmuster und weitere Kombinationen zur Anwendung. Durch Korrelation rhythmischer Akzent-Muster können inhaltliche Bezüge verstärkt werden. Als Beispiel sei auf die Zeile verwiesen, die nach den → Masoreten folgende Akzentuierung aufweist: óo óo oó oó. Sie ist Teil eines phonologisch-prosodischen Laut- und Sinnspiels, bei dem die beiden Hälften von 9b miteinander – unter gegenseitiger Erhellung und Emphase – in Beziehung gesetzt werden (vgl. Weber, 1995, 82-85.317-329).
Das Basismuster der Rekurrenz kommt auch im Zueinander der „Bausteine“, aus denen kompositorisch ein Poem gestaltet ist, zum Ausdruck. Diese Bauformen werden unterschiedlich benannt. Nachfolgend wird folgende Terminologie verwendet: Als Verszeile oder Kolon (Stichos) wird die 2-4-akzentige rhythmische Grundeinheit bezeichnet. In der Regel bilden zwei oder drei Verszeilen zusammen den Vers (Bikolon, Trikolon). Selten sind einzeilige (Mono- bzw. Unikolon) oder mehr als dreizeilige Verse. Mehrere Verse (meist zwei bis vier) gruppieren sich zur nächst höheren Struktureinheit der Strophe, und eine ähnliche Zahl von Strophen bildet zusammen eine Stanze. Bei größeren poetischen Einheiten können noch weitere, makrostrukturelle Einheiten (man kann diese als Canticle und Canto bezeichnen) einschieben. So ergeben sich vom Kleineren zum Größeren die Bauformen: Verszeile (Kolon) => Vers (meist Bi- oder Trikolon) => Strophe => Stanze (=> Canticle => Canto) => Poem. Poems können zusammengestellt und dadurch – wie etwa im → Psalter und im Buch → Klagelieder – in eine noch größere Einheit eingefügt werden.
Für die poetische Textanalyse sind die Bestimmung der einzelnen Strukturbausteine und ihre Verbindung zueinander wesentlich. Sie ist allerdings nicht immer einfach, da die formalen wie inhaltlichen Parameter der Abgrenzung und Relationierung nicht festgelegt sind, sondern durch die vergleichende Analyse einer Vielzahl von Texten erschlossen werden müssen.
Die basale Gestalt von Rekurrenz im Blick auf die Strukturformen der Poesie ist die Äquivalenz der einen Vers bildenden Zeilen. Sie firmiert unter dem Namen Parallelismus membrorum und kennt unterschiedliche Typen (s.o.). Zwei oder drei Kola stehen zueinander „parallel“ aufgrund gemeinsamer (bzw. ähnlicher oder gegensätzlicher) lexiko-semantischer, dann auch grammatischer und phonologisch-prosodischer Momente. Diese haben eine adhäsive Eigenschaft und binden die Parallelzeilen zu einem Vers als nächst höhere poetisch-strukturelle Einheit zusammen.
Die Annahme von makrostrukturellen Bausteinen der Poesie zwischen Vers und Poem hat noch nicht überall Akzeptanz und Beachtung gefunden, wird aber zunehmend gesehen (vgl. Ley, 1875; 1887; van der Lugt, 1980; 2006). Poetische Stücke mit Refrains (vgl. Raabe, 1990) sowie gruppierter (alphabetischer) Akrostichie (vgl. Ps 119; Klgl 1-4) sind Indizien dafür, dass von höheren Bauformen auszugehen ist. Die Relationen der Bauteile der Strophen und Stanzen können unter die Muster Verknüpfung (Concatenatio), Entsprechung (Responsio) und Rahmung (Inclusio) gefasst werden. Eine Tabelle soll das Gesagte veranschaulichen.

Tabellenvorschau.
Tabelle 1: Formen der Wiederholung in einem Gedicht
Äquivalenz-Muster sind in der poetischen Textwirklichkeit vielfältig und können auch gemischt auftreten. Mit ihnen werden (unterschwellige) Bezüge angezeigt und Betonungen ausgedrückt. Insofern haben auch Bauformen und ihre Organisation im Textganzen einen Bedeutungsgehalt.
Bei der Interpretation der Strukturen und der ihnen beigegebenen Bedeutungsgehalte gilt es den „Bauplan“ aus allen Strukturebenen von der Verszeile bis zum Poem zu beachten und auszuwerten. Bei einem Poem wird – anders als bei narrativen Texten – die lineare, syntagmatische Sprechachse überlagert durch nicht-lineare Muster. Hinsichtlich der Anordnung der Bauteile, v.a. aber auch der Gesamtorganisation eines Poems können drei Grundmuster nach folgender Tabelle unterschieden werden:

Tabellenvorschau.
Tabelle 2: Formen des Aufbaus eines Gedichts
Die drei Grundmuster, die sich auch im mikrostrukturellen Bereich finden (Vers, Strophe), sollen exemplarisch an drei kurzen Texten (→ Psalmen) veranschaulicht werden (vgl. dazu näher Weber, 2006, 140f.147f.):
Ps 13. Die Gesamtstruktur von lässt sich unter dem Aspekt der Reihung, verbunden mit einer Steigerung auf den Schluss hin verstehen („Trichterstruktur“ [= abnehmende Strophenlängen]: AB=>C [V. 2-3|4-5||6]).
Ps 3. ist zentrierend mit doppeltem Innenelement aufgebaut (Chiasmus: ABB’A’ [V. 2-3|4-5|6-7|8, mit als abgesetztem Schluss]); die analogen Teile sind aufeinander bezogen, und das Poem ist (auch) von den Rändern zur Mitte hin und umgekehrt zu interpretieren.
Ps 130. weist eine alternierende Struktur auf (Diptychon: ABA’B’ [V. 1b-2|3-4||5-6|7-8]); dadurch sind nicht nur die entsprechenden Strophen parallel gesetzt, sondern der Psalm wird gleichsam in zwei Hälften gefasst, die (auch) als nebeneinander gestellt, d.h. synoptisch aufzuschlüsseln sind.
Der Sinngehalt poetischer Stücke ergibt sich jedenfalls nicht additiv durch die Zusammenstellung der verschiedenen Sprach- und Strukturphänomene. Vielmehr ist von einem Sinngefüge auszugehen, dass sich durch die Wechselbeziehung der Teile untereinander und zum Ganzen hin einstellt. Dies gibt der Poesie ihre Dichte und Bedeutungsbreite bzw. -fülle. Es macht ihre Interpretation damit zugleich anspruchsvoll. Eine zyklische Rezeption bzw. wiederholte Memorierung des Poems ist für die Sinnabschöpfung denn auch unerlässlich. Dass Poems weithin intoniert bzw. zu Musik vorgetragen wurden und werden, weist in dieselbe Richtung.
Poesie ist Gespräch und will ins Gespräch bringen. Es handelt sich gleichsam um „eingefrorene Diskurse“ einer geschehenen und immer neu zu geschehenden Kommunikation. Eine pragmatische Funktion ist ihnen damit eingeschrieben: Reden wollen nicht nur gefallen; sie wollen überzeugen, Einverständnis erzielen, Einstellungen bestärken oder verändern, Identifikation stiften, zu Handlungen veranlassen und anderes mehr. In einer „Tephilla“ (Klagebitte) der → Psalmen z.B. will nicht nur ein Ich sich aussprechen, sondern in seiner Adressierung an Gott diesen zu Veränderungen hinsichtlich Einstellung und Handeln bewegen (vgl. u.a. Ps 3; Ps 7; Ps 13). Es handelt sich bei diesen Psalmen um „Konfliktgespräche mit Gott“ (Janowski, 2. Aufl. 2006). Nach der Rettungserfahrung bringt der Betende dann seine „Toda“ (Lobdank) dar (vgl. u.a. Ps 30; Ps 32; Ps 116).
Nicht nur zwischen „Textstimme“ und göttlichen oder menschlichen Adressaten bzw. Rezipienten ist in Poems eine kommunikative Situation angelegt und angestrebt. Auch in den Texten selber werden unterschiedliche Stimmen zu Gehör gebracht: Interne Adressierungen finden statt, Dialoge werden ausgedrückt oder inszeniert, Fremdstimmen zitierend eingespielt – und der Einbezug all dieser „Stimmen“ beeinflusst bzw. involviert stets auch die textexternen Hörer bzw. die Gemeinde. Als Beispiele dazu seien „Feindzitate“ in den Psalmen genannt (vgl. u.a. ; ; ; ), ferner die Stimmen der Liebenden im → Hohenlied und die → „Tochter Zion“ in den → Klageliedern Jeremias, die beschrieben und angesprochen wird und sich zudem auch selber ausspricht.
Aufgrund der Präskribierung der Psalmen und deren Eintextung in den → Psalter treten weitere „Stimmen“ und Kommunikationsebenen hinzu, die neue Aussagelinien und Sinnpotenzen beisteuern. Zu dieser Form der Kontextualität hinzu kommt das weite Feld der Anspielungen und der Intertextualität: In innerbiblischen Dialogen werden Texte und Traditionen in unterschiedlicher Weise miteinander ins Gespräch gebracht. Dazu ein letztes Beispiel aus dem Ps 13: In der Schlussstrophe () äußert sich der Bittklagende in neuer Zuversicht. Nach Zuversichtsbekenntnis (V. 6a) und Lobversprechen (V. 6b) schließt das Trikolon – und mit ihm der Psalm – mit folgenden Worten (V. 6c): „Ich will (be)singen JHWH, denn er hat [wohl]getan an mir.“ Der Psalmbetende intoniert den Anfang des Schilfmeerliedes (), der lautet: „Ich will besingen JHWH, denn hoch erhaben ist er…“. Er bringt damit den Siegeshymnus seines Volkes neu zum Klingen, der die grundlegende Rettungserfahrung Israels besingt. Zugleich modifiziert er sie, indem er nach der Begründungspartikel („denn“) den Beginn des alten Siegesliedes in eine „Toda“ (Lobdank) überführt. So wird die persönliche Heilserfahrung mit der großen heilsgeschichtlichen des Volkes verbunden.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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