Andere Schreibweisen: Pirke Abot, Pirqe Avot, Pirqe Abot
Pirke Avot
Text online in der Übersetzung von Charles Taylor (1908).
In den Handschriften, rabbinischen Quellen sowie im → Talmud heißt der Traktat nur Avot „Väter“. Die Zusatzbezeichnung „Pirke“ leitet sich von „Kapitel“ (pæræq) ab und ist nicht vor dem Mittelalter nachweisbar.
Inhalt und Form weichen von den übrigen Traktaten der Mischna ab: Avot ist rein aggadischer Natur (→ Aggada) und listet ethisch-moralische Prinzipien im Namen wichtiger Weisen auf (von → Hillel und → Schammai bis zu Rabbi Jehuda ha-Nasi). Avot beginnt mit einer Traditionskette der Übergabe der → Tora: Diese reicht von → Mose über → Josua, die „Ältesten“, die „Männer der großen Synagoge“, die „Paare“ (Jose ben Joe‘zer und Jose ben Jochanan bis Hillel und Schammai) bis hin zu den Rabbinen der tannaitischen Zeit (Mischna, Traktat Avot 1,1-15). Neben moralisch-ethischen Aussagen von Lehrern und deren Schüler wird in Pirke Avot 1,16-18 eine Genealogie der „Fürsten“ (jüdischen Patriarchen) übermittelt. In den ersten zwei Kapiteln verknüpfen die Rabbinen die lückenlos überlieferte biblische und nichtbiblische Lehre (mündliche und schriftliche → Tora) mit der rabbinischen Bewegung nach der Tempelzerstörung 70 n. Chr. Dadurch bekräftigen sie ihren Anspruch einer authentisch pharisäischen Deutungshoheit. Auch im dritten und vierten Kapitel wird die Traditionskette vor allem durch Rabbinen der ersten drei tannaitischen Generationen (Tannaiten) thematisiert.
Im fünften und sechsten Kapitel werden meist anonyme Sprüche wiedergegeben, Letzteres schließt mit einem Lobpreis auf die Tora und ist sekundär hinzugefügt. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die mündliche und schriftliche Tora als Ganzes. Avot betont die menschliche Tat, die Treue zur Tora und das Torastudium im Allgemeinen, Gottes Lohn und Strafe, die Gerechtigkeit und Gottes Güte, den Verdienst des Menschen und die Lebensweisheit.
Einige Stellen in Avot lehnen sich an die Weisheitsliteratur und dabei besonders an → Jesus Sirach an. So ist in Pirke Avot 1,10 zu lesen: „Schema‘ja sagte: Liebe die Arbeit, verachte die Herrschaft und suche nicht die Bekanntschaft der Macht“, Pirke Avot 3,15(16): „Alles ist (von Gott) vorhergesehen und doch ist die freie Wahl gegeben, in Güte wird die Welt gerichtet und (dies doch) alles nach der Menge der Tat“ und Pirke Avot 4,15: „Rabbi Jannaj sagte: Wir vermögen nicht die Behaglichkeit der Gottlosen noch die Leiden der Gerechten zu erklären“.
Avot wird in der Ordnung Nezikin meist an neunter Stelle geführt und hat sechs Kapitel. Der außerkanonische Traktat Avot de Rabbi Nathan (ARN) kann im weitesten Sinn als Ersatz des fehlenden Talmud-Kommentars zu Avot und der fehlenden → Tosefta verstanden werden.
Avot prägt in besonderer Weise die synagogale Liturgie. Bereits in talmudischer Zeit wurde in Babylonien am Schabbat (→ Sabbat) Avot gelernt. Der Brauch wurde später in der Synagoge fortgesetzt. Nach den frühesten Gebetsbüchern in Westeuropa (Aschkenaz) wurde Avot nach dem Nachmittagsgebet (Mincha) gebetet. Häufig wird Avot jedoch nur an den sechs Sabbaten zwischen → Pessach und → Schavuot („Wochenfest“) gelesen.
Der Traktat Avot inspirierte in jeder Epoche die Kommentatoren, wobei der moralische Charakter der Aussprüche entsprechend der jeweiligen Ausrichtung der Autoren bzw. der Zeitumstände gedeutet wird. Bedeutend ist dabei der Avot-Kommentar von → Moses Maimonides (1138-1204) und dessen Einleitung.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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