Die Prophetenschrift Nahum firmiert unter einem Namen, der aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit einer historischen Prophetengestalt in Verbindung zu bringen ist. Zumindest gibt es weder in dem drei Kapitel umfassenden Buch noch sonst im Alten Testament Hinweise auf eine Person dieses Namens. Einige Exegeten bringen die Bestimmung ha’ælqošî „der Elqoschiter“ () mit einem Orts- oder Personennamen in Verbindung, der sich allerdings nicht näher lokalisieren oder identifizieren lässt (Rudolph, 1975, 148f; Seybold 1989, 54f; → Elkosch). Wahrscheinlicher ist es, dass „Nahum“ auf den Inhalt des Buches hinweist. Der Namen enthält die Wurzel nicham Pi. „trösten“ und kann als Kurzform von nəchæmjāh (Nehemia) „JHWH tröstet“ oder als qaṭṭûl-Bildung mit der Bedeutung „Tröster“ verstanden werden (Seybold 1989, 54). Inhaltlich passt er zur Botschaft des Buches: Die in der Nahum-Prophetie poetisch ausgemalte Unheilsansage über Assyrien bedeutet gleichzeitig eine gute Nachricht für Juda (vgl. ).
Nahum lässt sich – vor allem ab – als Fremdvölkerspruch (→ Prophetische Redeformen) charakterisieren. An Israel, Jerusalem oder Juda wird keine Kritik geübt; stattdessen ist Assur / Ninive das Ziel des göttlichen Zorns. Folgende Abschnitte lassen sich unterscheiden.

Tabellenvorschau.
Tabelle: Bibelkundlicher Überblick über das Buch Nahum
Das Buch beginnt mit einer zweifachen Überschrift. Zunächst wird es () als maśśā’, was einerseits „Last“, andererseits „Ausspruch“ bedeutet, über → Ninive qualifiziert. Erst danach wird es als „Vision“ (chāzôn) Nahums von Elqosch (s.o.) bestimmt ().
Umfang. Auf die Überschrift folgt eine hymnische Textpassage, die häufig als Nahum-Psalm bezeichnet wird. Ihr Umfang ist umstritten (Beispiele bei Baumann, 2005, 39-49); der Wechsel von der Rede in der dritten zur zweiten Person zwischen und legt allerdings nahe, dass sich die Hauptzäsur hier und nicht erst nach , , oder befindet. Der Nahum-Psalm umfasst damit .
Gliederung. Er lässt sich in drei Teile gliedern: In der Eröffnung wird JHWH dreimal mit dem Prädikat des „Vergelters“ (noqem) belegt. Dies weist im Anschluss an und darauf hin, dass JHWH letztlich Ungerechtigkeit ahndet und Unrechtstätern – wie der Großmacht Assur, die im 1. Jahrtausend v. Chr. im Vorderen Orient Schrecken verbreitete – die ihnen zustehende Strafe zukommen lässt. Der Mittelteil des Psalms () legt den Akzent auf die Entfaltung der Folgen des göttlichen Zorns. Der Schwerpunkt liegt hier darauf, JHWHs unbegrenzte Macht zu schildern. Der Textabschnitt bedient sich mehrfach der Motivik der Theophanie (→ Gotteserscheinung). Gezielt werden aus diesem Motivkreis solche Elemente ausgewählt, die das göttliche Zerstörungspotential illustrieren. Im Schlussteil des Nahum-Psalms () scheinen die vorher so stark betonte Vergeltungsmacht und der zerstörerische Zorn Gottes vergessen, wenn unter Verwendung von hymnischer Psalmensprache JHWH als „gut“ und als Zuflucht in der Not gepriesen wird. nimmt dann aber wieder auf die Motivik von Zorn und Kampf Bezug. JHWH geht erfolgreich gegen die Wasserfluten an, die sich ihm entgegenstellen. Die Feinde JHWHs kommen nicht nur im Anfangs-, sondern auch im Schlussteil des Nahum-Psalms () vor und rahmen ihn auf diese Weise. Sie werden an keiner Stelle des Psalms mit einer historischen Größe identifiziert. Auf diese Weise wird offen gehalten, wer jeweils zu dieser Gruppe zu rechnen ist. Aus dem direkten literarischen Kontext des Psalms legt sich natürlich nahe, dass Assur / Ninive gemeint ist. Doch vom Wortlaut her ist der Psalm auch dafür offen, auf andere mögliche Feinde JHWHs – auch innerhalb Israels – bezogen zu werden.
Ob es sich beim Nahum-Psalm um ein Alphabet-Akrostichon handelt oder nicht, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet (ausführlicher vgl. Baumann, 2005, 52-60; → Akrostichie). Wenn die Versanfänge der Abfolge des ersten Teils des Alphabets entsprechen sollen, muss allerdings der Textbestand einer Reihe von (freien) Konjekturen unterzogen werden.
Die Verse enthalten textliche Schwierigkeiten; daneben sind ihre Bezüge zum Kontext nicht eindeutig. Sie schließen sich sprachlich eng an an, sind aber (s.o.) durch den Wechsel der Person davon getrennt. Die Passage zeichnet sich durch häufige Wechsel der angeredeten Personen aus. Das erschwert bei manchen Versen eine genaue Zuordnung der Anreden zu entsprechenden Adressaten oder Adressatinnen. Abhilfe kann hier die Beachtung des grammatischen Geschlechts der Angesprochenen schaffen: Während Juda eher feminin angesprochen wird, wird Assur das maskuline Geschlecht beigelegt. Diese Erklärung greift bei allerdings nicht; hier geht ein „Verderber“ (bəlijjā‘al) (→ Belial) „aus dir“ (Fem.) hervor. Damit kann nur Assur gemeint sein. Als Folge wird in „deine“ (Fem.), d.h. Judas Not ein Ende haben, denn () „sein“ Joch auf „dir“ (Fem.) wird zerbrochen. Dagegen steht „deine“ (Mask.) Zerstörung, d.h. die Assurs, kurz bevor. In darf Juda / Jerusalem dann jubeln, denn „deine“ (Fem.) Befreiung naht, weil der „Verderber“ (bəlijjā‘al) keine Macht mehr über „dich“ (Fem.) hat. Der erste Versteil hat eine Parallele in . Der folgende Vers spricht wieder zu einem maskulinen Adressaten, der leicht als Assur / Ninive identifiziert werden kann: Gegen „dich“ (Mask.) zieht ein „Zerschmetterer“ (mefîṢ) herauf.
Eine Analyse aus kulturgeschichtlicher Perspektive lässt vermuten, dass in der geschlechtsspezifischen Metaphorik Nahums Männlichkeit eher zur Markierung von Stärke, Weiblichkeit dagegen zur Markierung von Unterlegenheit dient. Dies entspräche dem textlichen und bildlichen Reptertoire neuassyrischer Darstellungen, die im Alten Testament aufgenommen werden (Chapman). Weiblich sind Juda / Jerusalem (; ), Ninive (.; ), Theben () und Assyrien mit seinen schutzlosen Städten und einem ohnmächtigen Heer, das der Übermacht der Feinde ausgeliefert ist (). Männlich sind dagegen der „Verderber“ Assur (; ), der „Zerschmetterer“, der gegen Assyrien zieht (), sowie JHWH, der Ninive mit den Mitteln sexueller Gewalt demütigt und vernichtet (). Die Männlichkeit des neuassyrischen Königs und seiner Truppen ist am Schluss des Buches in eine „verweiblichte“ ().
Auf die „Brückenpassage“ folgt ein Vers, der weder mit noch mit eng verknüpft ist: . Vom Vorangegangenen durch das Fehlen der Anrede einer 2. Person abgesetzt, kündigt er die Wirkung des ab geschilderten göttlichen Handelns für Jakob / Israel an: JHWH wird Jakobs Pracht wiederherstellen.
Die dann folgende Ansage des Untergangs Assyriens macht den größten Teil der Nahumschrift aus (). Hier wird in verschiedenen Metaphern von der Grausamkeit Assyriens gesprochen und der Untergang der neuassyrischen Hauptstadt Ninive geschildert. Sprachbilder von militärischen Schlachten (; ) wechseln sich mit Bildern ab, in denen die neuassyrische Königsfamilie als Löwensippe dargestellt wird (). Die Hauptstadt Ninive ist dabei im Hebräischen durchgängig weiblich personifiziert.
An die Wegführung der an eine Königin oder Göttin erinnernden weiblichen Figur schließt sich die Plünderung einer eroberten Stadt an (). Die Titulierung Ninives als „Stadt der Blutschuld“ () erinnert an ; ; dort ist aber Jerusalem gemeint. malt eine Szene sexueller Gewalt JHWHs gegen die weiblich personifizierte Stadt Ninive aus. Sprachlich ist diese Passage eng mit Texten verwandt, in denen JHWH als Ehemann seiner Ehefrau Jerusalem oder Israel sexuelle Gewalt zufügt (Hos 1-3; ; Jer 2; ; ; Ez 16; Ez 23; ; ; ; ; sowie ; vgl. Baumann, 2000). Bei Nahum folgt der Verweis auf das Beispiel Thebens („No-Amon“), auf dessen Zerstörung zurückgeblickt wird (). Ninive wird es ebenso ergehen wie Theben (). Das Nahumbuch schließt mit einer spöttischen Anrede an Assur bzw. den assyrischen König ().
Der masoretische Text des Nahumbuchs ist meist gut überliefert und verständlich; es gibt allerdings auch schwierige Stellen. Vor allem stellt eine bekannte crux interpretum dar.
Teile des hebräischen Textes sind auch in → Qumran im Pescher (Kommentar) zum Buch Nahum (4QpNah bzw. 4Q169; vgl. Doudna, 2001) und in einer der Zwölfprophetenbuch-Rollen (4QXIIg bzw. 4Q82; dazu vgl. Fuller, 1997) überliefert. Weite Teile des Nahum-Textes finden sich in der hebräischen Zwölfprophetenbuch-Rolle aus dem Wādī Murabba‘āt [Wadi Murabbaat] (Mur XII bzw. Mur88). Daneben sind Fragmente in der griechischen Dodekapropheton-Rolle bewahrt, die im Nachal Chever gefunden wurde (8HevXII bzw. 8Hev1).
Die nachbiblische Text- und Auslegungsgeschichte ist im Kommentar von Spronk gut erschlossen. In die neuere Forschung führen Spronk, Christensen und Weigl ein.
Nach Ansicht der Fachwissenschaft datiert zumindest der Hauptteil der Nahumschrift () in die Zeit vor dem Untergang → Ninives (612 v. Chr.), der wichtigsten Residenz- und Hauptstadt des neuassyrischen Großreichs. Nahums Prophetie wäre dann „echte Prophetie“ im Sinne einer Zukunftsansage des unmittelbar bevorstehenden Untergangs des neuassyrischen Großreichs und des Falls der Hauptstadt Ninive.
bezieht sich auf den Untergang Thebens, der historisch um 663 v. Chr. anzusetzen ist. Im darauf folgenden Jahrzehnt würde der frühestmögliche Abfassungstermin für das Nahum-Corpus liegen. Da sich der Kollaps des neuassyrischen Großreichs nach dem Tod des neuassyrischen Königs Assurbanipal (626 v. Chr.) beschleunigte, ist es wahrscheinlicher, dass die Entstehung des Hauptteils des Nahumbuchs eher in diesem Zeitraum anzusetzen ist. Der in genannte „Verwüster“ ist vermutlich historisch mit dem vereinten Heer der Meder und Babylonier in Verbindung zu bringen, das schließlich das neuassyrische Großreich zu Fall gebracht hat.
Wann die weiteren Fortschreibungen Nahums historisch zu verorten sind, ist schwer zu bestimmen. Sie könnten mit der Entstehung des → Zwölfprophetenbuchs oder seiner Vorformen zusammenhängen. Enge Verknüpfungen vor allem des Nahumpsalms bestehen zu und zu . Eine Reihe von Motiven aus dem Bereich der Theophanie verknüpfen den Nahum-Psalm mit dem Habakuk-Psalm (; vgl. Kessler, 2002; Baumann, 2005, 192-201). Mit dem hymnischen Micha-Schluss () ist dadurch verbunden, dass Passagen beider Texte auf die → „Gnadenformel“ in anspielen (vgl. Scoralick, 2002, 189-196; Baumann, 2005, 82-100). Dies lässt sich dahingehend deuten, dass (vgl. das Modell der Entstehung des Zwölfprophetenbuchs von Schart) eine Redaktion Vorformen von Nahum und Habakuk bei der Einbettung in das Viererbuch Hosea-Amos-Micha-Zefanja überarbeitet hat und dabei die Verknüpfung zum Schluss der Micha-Schrift geschaffen hat (Baumann, 2005, 231-242). Deutlich ist, dass der Nahum-Psalm aus einer Perspektive spricht, die mehr als bloß Ninive und den Untergang des neuassyrischen Weltreichs im Blick hat. Stattdessen geht es nun um diejenigen, die JHWH vertrauen bzw. sich gegen ihn stellen. So wird eine rein judäische Sichtweise verlassen und eine universalistische Perspektive eingenommen.
Durch das Nahumbuch in seiner vorliegenden Fassung zieht sich das Problem der göttlichen Vergeltung. Implizit geht es im Corpus () um dieses Thema; explizit gemacht wird es in der hymnischen Anrede JHWHs als „Vergelter“ gleich zu Beginn des Nahum-Psalms (; s.o.). Diese göttliche Vergeltung ist – im Unterschied zur modernen Anschauung von Rache als illegitime Privatrache – als Form des Rechtschaffens anzusehen: Die Gewalt, die Assur lange Zeit gegen Juda und andere Staaten ausgeübt hat, wendet sich nun gegen den Verursacher Assur selbst. Diese Aussage erschließt sich aus der Verwendung neuassyrischer Sprache und → Ikonographie (Johnston, 2000-2001; Spronk, 1997, passim). Dabei ist es JHWH, der die Zerstörungsmacht gegen Assur hinaufziehen lässt (). Er ist es, der als Gewalttäter Ninive demütigt und zerstört (). Hierin zeigt sich ein meist der nachexilischen Theologie Israels zugeschriebener universalistischer Zug: JHWH ist der Gott über die gesamte Welt; ohne Ansehen von Nationalität oder Ethnie setzt er sein Recht durch.
Unterschwellig schwingt im Nahumbuch die Frage mit, warum diese göttliche Vergeltung im Falle Assyriens erst mit erheblicher Zeitverzögerung vollzogen wird. Auf diese Frage gibt der Nahum-Psalm eine indirekte Antwort: Mit dem Rekurs auf oder wird die unbedingte Gewissheit göttlicher Strafverfolgung zugesichert.
Wird Nahum als Teil des → Zwölfprophetenbuchs gelesen, ergeben sich neue Sinnlinien. Die Szene sexueller Gewalt gegen Ninive () besitzt Parallelen vor allem zum Anfang des Hoseabuchs. Wie JHWH seiner „hurerischen Ehefrau“ Israel getan hat (; → Hure), so verfährt er auch gegen andere (metaphorische) Frauen. Zusammen mit dem Micha-Schluss () gelesen ergibt sich für den Nahum-Psalm ein zweiseitiges Gottesbild, das Gottes Macht zur Vergebung () mit seinem Willen zur Vergeltung () bzw. zum Zorn (ohne Anspielung auf : ) verknüpft. Die bei Nahum geschilderte göttliche Vergeltung an Assur / Ninive für das an Juda begangene Unrecht ist nicht JHWHs einzige Handlungsmöglichkeit. Innerhalb des Zwölfprophetenbuchs zeigt die Jona-Erzählung auch eine andere Option: Wenn König und Volk Ninives ihr Unrecht bereuen und Buße tun, antwortet JHWH durch die Rücknahme der zuvor angekündigten Vernichtung.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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