Die Etymologie des Landschaftsnamens Moab, der zur Bezeichnung des Volkes Moab und seines Staates / Landes wurde, ist unklar. Die Volksetymologie von , die Moab

Abb. 1 Landkarte
Das Land Moab liegt zwischen dem Toten Meer im Westen und der ostjordanischen Halbwüste im Osten. Die Südgrenze bildet das tiefe Wādī el-Ḥesā [Wadi el-Hesa], der biblische Sered (→ Kir-Moab). Die Nordgrenze variiert. Das Kerngebiet moabitischer Besiedlung bildet die Ard el-Kerak, ein Plateau, das sich vom Wādī el-Ḥesā nach Norden bis zum ebenfalls tiefen Wādī el-Mōğib [Wadi l-Mogib], dem biblischen → Arnon, erstreckt. Im 9. Jh. konnte Moab nördliche Gebiete dazugewinnen, so dass der Staat während seiner maximalen Ausdehnung an den Kleinstaat → Ammon und das untere Jordantal („Steppen Moabs“; ; .; .; u.ö.) reichte.

Abb. 2 Das Wādī l-Mōğib, der biblische Arnon von Norden.
Auch wenn „Moab“ in Inschriften der ägyptischen Pharaonen → Amenophis III. und → Ramses II. erwähnt ist, bleibt die Vorgeschichte und Ethnogenese der Moabiter, die einen kanaanäischen Dialekt sprachen, in der Spätbronzezeit und frühen Eisenzeit bis heute wenig bekannt.
Nach . par. . wurden die Moabiter im 10. Jh. v. Chr. von → David unterworfen. Erst König → Mescha, der als Dibonit aus dem Stammesgebiet von Gad stammte und von dessen Vater König Kamoschjat eine dreizeilige Inschrift erhalten ist (Näheres → Kir-Moab), konnte die israelitische Besatzung unter den Omriden beenden (→ Mescha-Stele; ; vgl. schon ) und sein Territorium nach Nordwesten bis auf die Höhe von Jericho auf Kosten seiner Gegner vergrößern.
Der moabitische Staat war ein Territorialstaat mit einem Königtum an der Spitze. Seine Tribalgesellschaft dürfte überwiegend sesshaft gewesen sein. Beamtenschaft und Schrift ähneln stark denen der zeitgleichen Nachbarstaaten Israel und Juda. Die → Mescha-Stele, eine der längsten nordwestsemitischen Inschriften und die größte bisher bekannte moabitische Inschrift (TUAT I, 646-650), ist in Historiographie und Theologie mit vergleichbaren Passagen des Alten Testaments wesensverwandt.
Die Hauptstadt, zumindest eine der Königsresidenzen, war → Kir-Moab (), das offenbar auch qír-chæræś (Lutherbibel: Kir-Heres; ; .) bzw. qír-chǎræśæt (Lutherbibel ebenfalls Kir-Heres; ; ) genannt werden konnte und mit dem späteren Kerak-Moab, dem heutigen Kerak, identisch sein dürfte (Koordinaten: 2170.0660; N 31° 10' 50'', E 35° 42' 04'').
732 v. Chr. wurde Moab ein tributpflichtiger Vasall → Tiglat-Pilesers III., doch war die neuassyrische Vorherrschaft eine Zeit wirtschaftlicher Prosperität. Um 650 v. Chr. ist die Abwehr einfallender qedrenische Araber belegt. Aus assyrischen Keilschriftquellen des 8.-7. Jh.s v. Chr. sind die moabitischen Könige Šalmāmu, Kamōšnadab, MuṢurī und Kamōš‛asā bekannt (TUAT I, 374-397).
Mit dem Machtwechsel von der assyrischen zur babylonischen Vorherrschaft wurde Moab 605/4 v. Chr. babylonischer Vasall und musste als solcher um 601/600 v. Chr. eigene Truppen für → Nebukadnezzar II. bereitstellen (). Wohl 594/3 war das moabitische Königshaus zusammen mit → Edom, → Ammon, → Tyrus und → Sidon vorübergehend an einer antibabylonischen Koalition beteiligt (). Der Name eines weiteren moabitischen Königs ist aus dem schwer lesbaren Lachisch-Ostrakon Nr. 8 (HAE I/1, 428f), das aus dem Jahr 589/88 stammt, leider nur fragmentarisch bekannt.
582 annektierte der neobabylonische König Nebukadnezzar II. Moab (Josephus, Antiquitates 10,9,7, § 181f; Text gr. und lat. Autoren). Aus achämenidischer Zeit sind vermehrt Heiraten zwischen Judäern und Moabitern (u.a. ; .; ; ; vgl. schon ) bekannt, zudem die Heiraten moabitischer Frauen ins minäische Südarabien (sog. Hierodulenlisten aus Ma’īn; ANET 3. Aufl., 665). In achämenidischer und hellenistischer Zeit schritten die Verwendung des Aramäischen und die Besiedlung durch arabische Gruppen wie die der Nabatäer in der Moabitis zügig voran. 106 n. Chr. wurde die Moabitis der römischen Provincia Arabia zugeschlagen.
An der Spitze des kleinen moabitischen Pantheons stand → Kemosch (; ; .; ; ..), ein Gott vom Typus des → Wettergottes, dem eine weibliche Paredra (= Begleiterin) beigesellt war (vgl. die → Mescha-Stele und die aramäische Inschrift des 3. Jh.s v. Chr., aus Kerak, TUAT II, 581). Ortsnamen wie Baal-Meon () zeugen von einer Verehrung des Gottes Baal.
Das Alte Testament vermittelt von Moab meist ein negatives, zuweilen aber auch ein positives Bild, was wohl von einer entsprechenden Kontroverse in Israel zeugt.

Abb. 3 Lot und seine Töchter (Francesco Furini; 1640).
bietet eine bösartige Erzählung, die Moabitern und Ammonitern einen inzestuösen Ursprung zuschreibt: Lots Töchter, die bei der Zerstörung von → Sodom ihre Verlobten verloren haben, machen ihren Vater betrunken, schlafen mit ihm und werden schwanger. Die Kinder erhalten die Namen Moab und Ben-Ammi, die als „vom Vater“ (s.o.) bzw. „Sohn des Verwandten“ gedeutet werden, um das Wesen ihrer Nachfahren, der Moabiter und Ammoniter, polemisch auch in ihren Namen zu verankern.
Die Erzählungen von der Eroberung des Ostjordanlands betrachten den Arnon als Nordgrenze Moabs (). Von dem Gebiet nördlich des Arnon mit der Hauptstadt → Heschbon wird erzählt und spottend besungen, wie die Moabiter es an die mächtigen → Amoriter unter König → Sihon verloren haben. Doch die Israeliten schlagen diese Amoriter am Ende ihrer → Wüstenwanderung und erobern so das Gebiet nördlich des Arnon. Mit dieser Behauptung zielt die Erzählung darauf, Israels Besitzanspruch auf dieses Territorium zu legitimieren (; , bes. ; , bes. .). Das gilt auch für die Erzählungen von der → Landverteilung, die das Gebiet nördlich des Arnon den Stämmen Gad und Ruben zuweisen (; bes. ; ), sowie für die Geschichte von Davids Volkszählung, sofern sie die Zählung in der moabitischen Stadt Aroer beginnen lässt (). Wie sehr es hier jeweils um Ansprüche bzw. Forderungen und nicht um die Darstellung realer Verhältnisse geht, zeigt sich daran, dass die Ostseite des unteren Jordantals auf der Höhe von Jericho den festen Namen „Steppen Moabs“ trägt, der das Gebiet entgegen der Tendenz der Erzählungen als moabitisch ausweist (s.o.; vgl. „Feld Moabs“ in ), und dass die Völkersprüche in sowie dieses Gebiet ganz selbstverständlich als moabitisch betrachten.
Nach der Eroberung des einst moabitischen Gebiets in schlagen die Israeliten in den „Steppen Moabs“ ihr Lager auf (; vgl. .; ; ), und der ganze Erzählverlauf von bis zur Überquerung des Jordan in spielt an diesem Ort in Moab. Von hier aus verteilt → Mose das Ostjordanland (; ), und hier empfängt er von Jahwe weitere Gebote (; ; ). Schon die Bileam-Erzählung (), in der sich Israel nach erneut mit narrativen Mitteln seiner Überlegenheit vergewissert, beginnt damit, dass die Präsenz Israels im Jordantal die Moabiter in große Angst versetzt (; vgl. ). Ihr König → Balak lässt den Seher → Bileam rufen, um Israel zu verfluchen. Doch Jahwe gehorchend kann Bileam Israel nicht verfluchen, sondern nur segnen und Israels Überlegenheit über Moab () preisen.
Auch das Buch → Deuteronomium spielt im „Land Moab“ (). Da Jahwe seinem Volk jedoch nach . befohlen hat, mit Moab und Ammon keinen Krieg anzufangen und ihr Land zu respektieren, weil er es den Söhnen Lots gegeben habe, werden die Gebiete nördlich des Arnon hier implizit – jedoch der Eroberungserzählung von und der Landverteilungserzählung von entsprechend – nicht zu Moab gerechnet, sondern als Territorium Israels betrachtet, auch wenn es immer wieder „Moab“ genannt wird. Hier hält Mose am letzten und bedeutendsten Tag seines Lebens seine → Abschiedsreden (; ; ; sowie ; ), ehe er auf den Berg → Nebo steigt und das verheißene Land vor Augen in Moab stirbt (). Die längste dieser Reden, die der → Dekalog eröffnet, , wird unbeschadet des am Horeb (→ Sinai) geschlossenen Bundes als der → Bund bezeichnet, den Jahwe im Land Moab zu schließen geboten hat ().
Die Überlegenheit Israels über Moab will auch die im → Richterbuch tradierte Erzählung von → Eglon, einem legendären, dicken König von Moab, hervorheben (; vgl. ): Israel hat Böses getan und wird deswegen – entsprechend dem deuteronomistischen Schema der Richtererzählungen – von Eglon besiegt und 18 Jahre lang unterdrückt; sogar die Palmenstadt Jericho gehört jetzt zu Moab. Doch nachdem Israel Jahwe um Hilfe bittet, schickt der den Benjaminiter → Ehud als Richter bzw. Retter. Listenreich schafft dieser es bei einer Tributübergabe, mit Eglon allein zu sein, ihm einem langen Dolch in den dicken Bauch zu stoßen und ihn so zu töten. Die heimliche Flucht durch ein Fenster verschafft Ehud einen Vorsprung, so dass er die Truppen Israels sammeln und die Moabiter vernichtend schlagen und sogar 10.000 ihrer Krieger töten kann.
Den Erzählungen mit antimoabitischer Tendenz entsprechen in den Prophetenbüchern die vielen, literarisch zum Teil voneinander abhängigen Fremdvölkersprüche gegen Moab. → Amos kündigt Moab Unheil an, weil sie die Gebeine des Königs von Edom verbrannt haben (). Im → Jesajabuch sowie im → Jeremiabuch wird Moabs Unheil ausführlich geschildert und mit dem Stolz dieses Volkes begründet (; vgl. ; ; vgl. ; ). Auch → Zefanja erklärt das Unheil mit Moabs Übermut (Zef 2,8-11), während → Ezechiel Moab die Bestreitung der Erwählung Judas vorwirft (). Den Völkersprüchen ist (= ) vergleichbar, denn hier erhebt Jahwe in einem Gotteswort Anspruch auf Moab. Sachlich entspricht dem, dass Moab zu den Erzfeinden Israels rechnet und dass Gott bittet, die Fürsten Moabs zu töten (hebräischer Text und Einheitsübersetzung; LXX / Lutherbibel: , jedoch ohne „Moab“).
Die negative Sicht Moabs findet sich auch in einem Rechtstext: erlaubt es, Edomiter und Ägypter ab der dritten Generation in die Gemeinde Jahwes aufzunehmen, verbietet dies aber kategorisch für Eunuchen sowie für Moabiter und Ammoniter. Die Abweisung der Moabiter wird damit begründet, dass sie Israel bei der Wüstenwanderung nicht mit Brot und Wasser entgegengekommen sind, sondern Bileam beauftragt haben, Israel zu verfluchen. Das Verbot setzt jedoch voraus, dass es zumindest Bestrebungen gab, auch Moabiter aufzunehmen.
wird in zitiert, um zu begründen, dass man aus Moab und Ammon keine Frauen heiraten darf. weitet das Verbot aus, zum einen auf Frauen aus Aschdod, zum anderen darauf, judäische Töchter Männern aus den genannten Ländern zu geben (vgl. ). Argumentiert wird damit, dass Moabiterinnen wie überhaupt Ausländerinnen die Verehrung fremder Götter mitbringen und so zum Abfall vom rechten Jahweglauben verführen – eine Erfahrung, die schon Salomo unterstellt wird (vgl. ; ..; ; ).
Eine deutliche Gegenposition zum Verbot von entwirft . Hier wird Eunuchen und Fremdlingen – von Moabitern ist nicht explizit die Rede, doch muss man angesichts des Bezugs auf an sie denken – der Zutritt zur Gemeinde ausdrücklich erlaubt und der Tempel als Bethaus für alle Völker bezeichnet (→ Tritojesaja).
Dieser Sicht entspricht das positive Bild von Moab im Buch → Rut. Wegen einer Hungersnot in → Bethlehem ziehen Noomi, ihr Mann und ihre beiden Söhne nach Moab und werden dort – anders als seinerzeit die Israeliten der Wüstengeneration () – gastlich aufgenommen. Die Söhne heiraten zwei Moabiterinnen, Rut und Orpa, sterben dann jedoch ebenso wie ihr Vater. Noomi kehrt nach Bethlehem zurück, und ihre Schwiegertochter Rut, die immer wieder als Moabiterin bezeichnet wird (; .; .), bleibt vorbildlich liebevoll an ihrer Seite (; ). Sie heiratet in ihrer neuen Heimat einen Judäer, bekommt einen Sohn und wird über diesen eine Urgroßmutter Davids (). Damit macht der Erzähler – für manchen Leser seiner Zeit wohl eine Provokation – ausgerechnet eine Moabiterin zur Ahnmutter des judäischen Königshauses. Sachlich entspricht dieser Überlieferung eine Notiz in , nach der David während seiner Auseinandersetzungen mit → Saul seine Eltern beim König von Moab in Sicherheit brachte. Nach fanden in der Exilszeit judäische Flüchtlinge auch in Moab Zuflucht (vgl. „Dibon“; Lutherbibel: „Dimona“). Dieser Überlieferung von Moab als einem Ort der Zuflucht dürfte der Berliner Stadtteil Moabit, dessen Gründung auf die Ansiedlung von Hugenotten im 18. Jh. zurückgeht, seinen Namen verdanken, falls dieser von Moab abzuleiten ist.
Die antimoabitische Polemik dürfte, auch wenn die vorliegenden Texte später anzusetzen sind, ihre historischen Wurzeln in den Kriegen zwischen Juda / Israel und Moab haben und Teil der Propaganda sein, die Kriege zu begleiten pflegt. Nach ist schon → Saul erfolgreich gegen die Moabiter zu Felde gezogen, bevor David sie nach . (par. .) unterwarf. Historisch gesichert sind jedoch erst die auch in der Mescha-Inschrift bezeugten Kämpfe Israels und Judas mit dem moabitischen König Mescha in der Mitte des 9. Jh.s (vgl. ; ; ; Näheres → Mescha). Im frühen 6. Jh. wurde nach → Jojakim auch von moabitischen Truppen unter babylonischer Führung bedrängt (vgl. [Lutherbibel: ]; ; [jeweils nicht in Lutherbibel]; ). Dass sich antimoabitische Tendenzen bis ins 2. Jh. gehalten haben, zeigt die Bitte bei → Jesus Sirach (; s.o.).
Während Ägypten im Alten Testament vor allem für Unterdrückung und Knechtschaft steht und als Israel überlegene Imperialmacht gilt, wird Moab als Land betrachtet, dem Israel sich überlegen weiß. Indem man polemisch und verächtlich über Moab erzählt, führt man sich – möglicherweise kontrafaktisch – seine eigene Stärke und Überlegenheit vor Augen, wohl um die eigene Identität durch Abgrenzung nach außen zu festigen. Doch wie das Ägyptenbild des Alten Testaments keineswegs einseitig ist, sondern in der → Josefserzählung positive Züge erhält, so findet auch die gängige Sicht Moabs in der Ruterzählung ein positives Gegenstück.
Die Auseinandersetzung um das Verhältnis zu Moab steht in nachexilischer Zeit in einem weiteren Kontext. Als Israel versuchte, sich unter persischer Herrschaft neu zu konstituieren, stellte sich die Frage, ob man den Völkern gegenüber auf radikale Absonderung oder auf friedliche Koexistenz setzen sollte. Eine Richtung will die nationale Identität durch eine scharfe Abgrenzung nach außen herstellen. Als Protagonisten dieser Strömung verbieten → Esra und → Nehemia in Fortführung deuteronomistischer Absonderungsgedanken z.B. Ehen mit ausländischen Frauen (; ). Die andere Richtung ist Ausländern gegenüber aufgeschlossen und setzt sich für Toleranz ein. So entwerfen die Bücher Rut und → Jona in Auseinandersetzung mit nationalistischen Strömungen ein positives Ausländerbild, um so für eine offene Einstellung zu werben. In diesem Konfliktfeld, das seinen Niederschlag auch in eschatologischen Entwürfen findet (→ Eschatologie), sind die unterschiedlichen Positionen gegenüber Moab zu sehen.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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