→ Meerwundererzählung; → Exodustradition

Abb. 1 Karte zu den Lokalisierungen des Meerwunders.
Die Meerwunder- bzw. Schilfmeererzählung () bildet im Buch → Exodus den dramatischen Höhepunkt der in Prosa gehaltenen Auszugserzählungen. Sie gewinnt im Rahmen dieses Buches zusätzlich dadurch an Bedeutung, dass unmittelbar auf die Erzählung in ein Hymnus (Moselied, Mirjamlied; → Lieder außerhalb des Psalters) folgt, der das Ereignis poetisch noch einmal aufrollt.
Außerhalb des Exodusbuches wird das Meerwunderereignis ausdrücklich in der Poesie aufgegriffen und variiert, besonders in den → Psalmen (; .; .; ) und bei → Deuterojesaja bzw. → Tritojesaja (; ; ), aber auch in verschiedenen Geschichtssummarien der historischen Bücher (; ; ; → Summarien) und in der deuterokanonischen Literatur (). Im Neuen Testament kommt die Meerwundererzählung nur vergleichsweise peripher vor (; ; ). Die Stationen des Auszugsweges, die sich um das Meerwunder ranken, werden zusammenfassend in erwähnt. Von der in wichtigen Feuer- bzw. Wolkensäule wird außerdem in anderen Zusammenhängen des → Pentateuchs gesprochen (; ; ; ; ; ; ). Unausdrücklich ist aber wohl bei jeder Erinnerung an JHWH als den „Retter“ beim Auszug aus Ägypten das Meerwunder mitgemeint (z.B. in mit „dem hocherhobenen Arm JHWHs“ oder in ).
Dass die Meerwundererzählung in in einer redaktionellen Gestalt vorliegt, ist nahezu unbestritten. Mit der poetischen Wiedergabe in liegen damit mindestens drei verschiedene Darstellungen der Meerwundererzählung vor. Für die Differenzierung der Schichten in sind Doppelungen und Spannungen entscheidend, die in den gängigen Übersetzungen allerdings meist nicht sichtbar werden. Deutlich werden jedoch auch dort folgende Doppelungen und Spannungen:
● Nach a sind die Israeliten geflohen, nach b dagegen entlassen worden.
● In wird das Wasser einerseits durch einen Ostwind zurückgetrieben, andererseits werden Wassermauern mit einem trockenen Weg dazwischen gebildet, wie sie jedoch ein Ostwind nicht erzeugen kann.
● In plant „Gott“, die Israeliten nicht den Weg durch das Philisterland, also die wichtige Handels- und Heerstraße an der Mittelmeerküste des nördlichen Sinai, nehmen zu lassen, in weist „JHWH“ Mose jedoch an, eben diese Route zu nehmen, da Baal-Zaphon (→ Baal) vermutlich dort zu lokalisieren ist.
● In liegt JHWH mit dem Satz „Was schreist du zu mir?“ nicht auf der Höhe des vorherigen Handlungsablaufs, da Mose das Volk in schon beruhigt hat.
● Die Bezeichnungen des ägyptischen Herrschers wechseln grundlos, wie überhaupt die Bezeichnungen der ägyptischen Gegner. Der Herrscher wird mal „König von Ägypten“, mal „Pharao“ genannt (in beides zusammen).
● Merkwürdig ist der terminologische Wechsel von „Wolkensäule“, „Wolke“, „Feuersäule“ und „Wolkenfeuersäule“ sowie deren Konfiguration bzw. Funktion, ferner das unmotivierte Auf- und sofortige Wiederabtreten des „Engels Gottes“ in .
Daneben ist zwar offenkundig, dass die Zeichnung von die Darstellung von ihrerseits nur ungenügend berücksichtigt. Über die Literar- und Redaktionsgeschichte dieser drei Kapitel besteht freilich gegenwärtig relativ wenig Konsens, was misslich ist, weil sie die Basis der traditionsgeschichtlichen Fragestellung bilden muss.
Ein weitgehender Konsens besteht – von Kleinigkeiten abgesehen – in der Zuweisung und Ausgrenzung der priesterschriftlichen Darstellung, die die Wahrnehmung des Gesamttextes in der Folgezeit wesentlich geprägt hat (→ Priesterschrift). Zu ihr gehören in folgende Verse:
V. 1-4 (ohne die vielen Ortsangaben am Ende von V. 2,
V. 8 (ohne „Aber die Israeliten waren… ausgezogen“),
V. 10 (nur: „Und als der Pharao nahe herankam“ und „schrieen [sie] zu dem Herrn“),
V. 15-18 (ohne V. 15 „Was schreist du zu mir“ und V. 16 „Du aber hebe deinen Stab auf und“),
V. 21 (nur Anfang und Ende: „Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, teilten sich die Wasser“),
V. 22-23 (ohne das nachgestellte Subjekt in V. 23),
V. 26.27 (nur: „Da reckte Mose seine Hand über das Meer“) und
V. 28-29.
:1 Und JHWH redete mit Mose und sprach: 2 Rede zu den Israeliten und sprich, dass sie umkehren und sich lagern bei Pi-Hahirot zwischen Migdol und dem Meer … 3 Der Pharao aber wird sagen von den Israeliten: Sie haben sich verirrt im Lande; die Wüste hat sie eingeschlossen. 4 Und ich will sein Herz verstocken, dass er ihnen nachjage, und will meine Herrlichkeit erweisen an dem Pharao und aller seiner Macht, und die Ägypter sollen innewerden, dass ich JHWH bin. - Und sie taten so. … 8 Und JHWH verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. … 10 Und als der Pharao nahe herankam, … schrien sie zu JHWH. … 15 Und JHWH sprach zu Mose: … Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen. 16 …Recke deine Hand über das Meer und teile es mitten durch, so dass die Israeliten auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen. 17 Siehe, ich will das Herz der Ägypter verstocken, dass sie hinter euch herziehen, und will meine Herrlichkeit erweisen an dem Pharao und aller seiner Macht, an seinen Wagen und Männern. 18 Und die Ägypter sollen innewerden, dass ich JHWH bin, wenn ich meine Herrlichkeit erweise an dem Pharao und an seinen Wagen und Männern. 21 Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, … teilten sich die Wasser. 22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 23 Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach … mitten ins Meer. 26 Aber JHWH sprach zu Mose: Recke deine Hand aus über das Meer, dass das Wasser wiederkomme und herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und Männer. 27 Da reckte Mose seine Hand aus über das Meer … 28 Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Männer, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, so dass nicht einer von ihnen übrigblieb. 29 Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.
Diese Darstellung, die wohl ursprünglich an die Wanderungsnotiz anschloss, hat eine geradezu schematische Abfolge von dreimaliger Gottesrede und göttlichem Befehl, der von → Mose als Werkzeug kommentarlos exekutiert und in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Vom einprägsamen Durchzug durch die rechts und links stehenden Wassermassen abgesehen ist auch Israel passiver Statist einer mutwilligen göttlichen Initiative, die dem „Herrlichkeitserweis“ Gottes an den Ägyptern dient (.), einem bereits aus der → Plagenerzählung bekannten priesterschriftlichen Motiv (). Dass sich diese voll und ganz theologisierte Erzählung nicht wirklich für die historische Rückfrage anbietet, liegt auf der Hand.
Die nicht-priesterschriftliche Darstellung ist nicht einfach durch Substraktion der priesterschriftlichen Anteile von zu gewinnen. Zu offensichtlich sind einerseits Anteile, die der redaktionellen Zusammenfügung der beiden Texte entstammen dürften (wie etwa die Feuersäule, damit man auch bei Nacht wandern kann, dazu Groß 1993), andererseits auch die vorgängige Überarbeitung dieses nicht-priesterschriftlichen Textes. Im Rahmen der klassischen Vierquellentheorie meinte man sogar, für diesen Text sowohl längere Anteile des → Jahwisten als auch Fragmente des → Elohisten nachweisen zu können, vor allem wegen der Konkurrenz zwischen der Sicht des Exodus als Flucht ( Anfang) und als „Entlassung“ ( Ende). Diese Zuversicht wird heute allgemein nicht mehr geteilt, zudem ist mittlerweile umstritten, ob der – wenn es ihn je gegeben hat – durchlaufende nicht-priesterschriftliche Text überhaupt älter ist als der priesterschriftliche, der im 6. Jh. noch während des babylonischen → Exils oder kurz nach dessen Ende entstand. Wenn man und (ohne „und an Mose, seinen Knecht“) für einen Bestandteil dieses durchlaufenden Textes hält, dann könnten die Stichwörter „nicht fürchten, ruhig sein, glauben“ als Entstehungszeit in die Wirkungsgeschichte des historischen Propheten Jesaja verweisen (vgl. .; ). Allerdings ist das gerade für mit dem zentralen Stichwort „glauben“ keineswegs sicher (vgl. z.B. Gertz 2000). Auch mit einer solchen, mittlerweile geradezu schon optimistischen Datierung um 700 v. Chr. besteht zwischen dieser literarischen Schicht und dem zu vermutenden historischen Ereignis eine Kluft von 500 Jahren, die mit mündlicher Überlieferung nicht bruchlos zu überbrücken ist. Trotzdem ist es diese Darstellung, von der, wenn überhaupt, weitere historische Rückfragen ausgehen müssen.
Die nichtpriesterliche Darstellung hat, je nach vermuteter kontextueller Anbindung, entweder von Flucht ( Anfang) oder von Entlassung Israels ( Ende; vgl. ) gesprochen. Die Erzählung ist lebendiger als die priesterschriftliche, mit mehr halbwegs selbständigen Charakteren und präziseren Zeitangaben. Danach haben ein starker Ostwind und ein sog. Gottesschrecken die Ägypter dazu veranlasst, noch vor dem Morgengrauen in ihr Verderben zu rennen, wohl während Israel bei Nacht lagerte. Allerdings liegt auch in dieser Erzählung kein reines Naturwunder vor, sondern eine stark mythisch gefärbte Darstellung. In ihr spielen → Wetterphänomene (die dunkle Wolke) eine Rolle und die geschichtliche Macht Ägypten geht im mythischen Wasserchaos unter (→ Chaos).
Mit dem Moselied in liegt kein archaisches Lied des 12. Jh.s v. Chr., sondern ein archaisierendes Siegeslied vor (anders zuletzt Russell 2007). Dafür sprechen das jeweils anachronistische Auftreten der Kavallerie (, lies: „Pferd und seinen Reiter“, doch ist diese Interpretation nicht unumstritten), der Philister () und der Zionsmotivik. In der Darstellung von , die literarisch überarbeitet sein dürfte, sind alle Beteiligten außer dem Gott Israels namenlos. Der ganze Text ist, ähnlich wie die → Baal-Fragmente aus → Ugarit, aber auch → Enuma Elisch in Babylon, auf die zentrale Gottesfigur, die Erlangung der göttlichen Königsherrschaft und die Errichtung des Palastheiligtums auf dem Zion ausgerichtet (). Die gehäufte Verwendung von → Chaoskampfmotivik spricht dabei nicht notwendig für ein hohes Alter, zumal die Verbindung von hymnischen (...) und narrativen Anteilen (..) nicht wirklich alt sein kann, aber auch nicht überzeugend literarkritisch aufgelöst werden kann. Speziell die erzählerischen Teile sind stark mythologisch durchdrungen, sichtbar etwa in der Formulierung vom „Erstarren der Tiefen, der Tehomot, im Meer“ (), in der Rede von „Gottes heiliger Wohnung“ bzw. wörtlich seinem „heiligen Weideplatz“ () und in der zionstheologischen Zielrichtung des Ganzen, dem Einpflanzen „seines Volkes“ auf dem „Berg seines Erbteils“ nach dem Durchzug durch die Völker (). Diese Überzeichnung gleicht am ehesten der deuterojesajanischen Zeichnung vom Ende des 6.Jh.s, was bedeutet, dass die historische Rückfrage nach dem eigentlichen Meerwunderereignis nicht oder jedenfalls nicht primär bei ansetzen sollte.
Unbestreitbar spiegeln sich in der Darstellung des Exodus und vor allem der Rettung am Meer jeweils zeitgenössische Erfahrungen, etwa der assyrischen Bedrückung des 7. Jh.s (so z.B. Otto 2006). Angesichts der Überlieferungslage ägyptischer Quellen wie der spätbronzezeitlichen und früheisenzeitlichen Siedlungsgeographie in Israel / Palästina ist auch klar, dass an ein Meerwunder mit Tausenden, gar Hunderttausenden von Israeliten (vgl. ) nicht zu denken ist. Der Tod eines Pharaos in einem solchen Zusammenhang ist in Ermangelung ägyptischer Quellen zudem gänzlich unwahrscheinlich. Man wird auch nicht erwarten dürfen, jemals archäologischen, geologischen oder meteorologischen Fakten auf die Spur zu kommen, die das Meerwunderereignis in dieser oder jener Form praktisch zwingend als historisch ausweisen.
Wenn man das alles kritisch in Rechnung stellt, kann man aber doch versuchen, einen plausiblen Rahmen für die Möglichkeit dessen zu finden, was in der Meerwundererzählung verdichtet wird: die gelungene Flucht (oder doch nur die Vertreibung?) einer oder mehrerer kleiner Gruppen von Semiten, die im nachmaligen Israel aufgegangen sind. Sie entstammten vielleicht dem Milieu der semitischen → Hapiru bzw. → Schasu, deren Existenz in Ägypten im 14.-12. Jh. v. Chr. epigraphisch bezeugt ist. Sie wurden vielleicht von einer semitischen Führergestalt mit ägyptischem Namen, Mose, angeführt. Die Flucht (vor Zwangsarbeit in der Stadt „Ramses“, vgl. ?; → Pitom; → Ramsesstadt) über das Ostdelta gelang, obwohl die Ostgrenze Ägyptens durch die sog. Fürstenmauer und massive militärische Präsenz als sehr gut gesichert gelten konnte. Womöglich konnte, gegen alle Erwartung, ein bedrohlicher ägyptischer Verfolgertrupp in schwierigem, vielleicht sumpfigem Gelände abgeschüttelt werden – ging er unter? –, eine Tat, die als rettendes Eingreifen des Gottes → JHWH verstanden wurde. All das hat sich am ehesten gegen Ende der 19. oder gerade noch zu Beginn der 20. Dynastie in Ägypten abgespielt, also um das Jahr 1200 v. Chr. Eine gern aufgrund biblischer Zahlenangaben vorgenommene Datierung in die 18. Dynastie ist hingegen unwahrscheinlich.
Für den Versuch einer konkreteren Bestimmung der Zeit- und vor allem der Ortsverhältnisse ist entscheidend, für wie alt man die Angabe „Schilfmeer“ hält. Sie taucht in und in . auf, aber es ist gar nicht sicher, ob nicht mit der einfachen Bezeichnung „Meer“ (...) eine ältere Bezeichnung vorliegt, die „Schilf-“ gar nicht mitmeint: Wenn man nicht der älteren Quelle zurechnet und sich nicht primär auf das Siegeslied des Mose (anders → Mirjam in ) verlässt, hat man mit „Meer“ eine ursprünglich offene Bezeichnung, die jedes, auch ein Binnengewässer und sogar ein Süßwasserreservoir bezeichnen kann, ohne dass man sich auf die Suche nach dem „Schilf-“Anteil begeben müsste (dazu ausführlich z.B. Lamberty-Zielinski 1993).
Das in genannte „Schilfmeer“ (jam sûf) ist allerdings wohl nicht mit dem nördlichen Golf von Aqaba zu identifizieren, wo nach alttestamentlichen Texten ebenfalls eine Ortslage „Schilfmeer“ zu finden ist (vgl. u.a. in Verbindung mit Edom). Das Schilfmeer von ist vielmehr irgendwo zwischen dem Ausgang des Nil-Ostdeltas und dem nördlichen Ende des Golfes von Suez zu suchen. Sprachliche Ähnlichkeiten zu einem in ägyptischen Quellen belegten „Papyrusdickicht“ (Görg 2001) könnten auf eine Ortslage oder Gebietsbezeichnung im Ostdelta des Nils verweisen, ohne dass hier genauere Lokalisierungen mit genügender Gewissheit möglich sind.
Der Versuch, eine Auszugsroute zu skizzieren, ist also ohnehin rein hypothetisch.
1. Ballah-See. Wenn man mit der neueren Archäologie annimmt, dass → Ramsesstadt () tatsächlich mit dem Tell ed-Dab‘a am ehemaligen pelusischen Nilarm identisch ist und dass sich tatsächlich von dort aus flüchtende Zwangsarbeiter Richtung Osten abgesetzt haben, ein- oder auch mehrmals, dann könnte das Meer bzw. das Schilfmeer mit dem sog. Ballah-See ca. 35 km östlich identifiziert werden, wo man im sumpfigen Gelände vielleicht durch die Fürstenmauer schlüpfen konnte. Allerdings ist die alte ramessidische Hauptstadt nach der 20. Dynastie schnell aufgegeben worden, Teile wurden in die nur ca. 20 km weiter nördlich gelegene, nachmalige und langwährende Residenzstadt → Tanis (biblisch Zoan) verlegt.
2. Sirbonischer See. Für die sehr viel spätere → Priesterschrift hat das zur Vorstellung einer Exodusroute geführt, die von Tanis ausgehend am Mittelmeer entlangführte. Dazu passt, dass man am Sirbonischen See, den die Priesterschrift mit dem Schilfmeer identifiziert hat, bis in römische Zeit (Strabo) offenkundig Seebeben erleben konnte, die zu einem zeitweisen Verschwinden des Wassers im Haff führten.

Abb. 2 Karte: Das Wādī eṭ-Ṭumēlāt.
3. Rotes Meer. Eine wesentliche Süd-Verschiebung der Auszugsroute mit einer folgenreichen Neuidentifizierung des Schilfmeeres hat dann spätestens in der hellenistischen Zeit stattgefunden: Die griechisch schreibenden LXX-Übersetzer gaben das hebräische „Schilfmeer“ mit „Rotem Meer“ wieder, was Ihrer zeitgenössischen Kenntnis der ägyptischen politischen Geographie entsprach: Nach der Vorstellung der LXX-Übersetzer sind die Israeliten wohl vom damaligen Zentrum On / → Heliopolis zunächst direkt ostwärts oder nordostwärts über das Wādī eṭ-Ṭumēlāt entwichen, dann über die Festung Teku (biblisch Sukkot) und schließlich über die Bitterseen südwärts an das Nordende des Golfes von Suez geflohen, wo sich das Wunder ereignet haben soll. Als „Schilfmeer“ gleich „Rotes Meer“ ist der Ort des Meerwunders dann auch in das Neue Testament eingegangen (; ).
Von den gegebenen Möglichkeiten um 1200 v. Chr. her dürfte das gemeinte Meer oder Schilfmeer mit den betreffenden Ereignissen also eher irgendwo in der Mitte zwischen den beiden Extremvarianten der Priesterschrift und der LXX gelegen haben. Dem kommt die vorpriesterschriftliche Quelle in jedem Fall näher, obwohl auch sie den Auszugsweg relativ südlich über Teku / Sukkot, dann aber weiter östlich wohl über den Timsahsee lokalisiert.
In allen Erzählungen und ohnehin in allen poetischen Reinszenierungen durchdringen sich, soweit vorhanden, derjenige Teil, der am historischen Ausgangspunkt maßnimmt, und die jeweilige Inszenierung mit den vorhandenen Mythologumena der Zeit. Historisierung des Mythos und zugleich Mythisierung des Historischen sind erzählerisch unlösbar miteinander verbunden. Das ist kein „Nachteil“, auch kein Glaubwürdigkeitsdefizit der Erzählung, sondern ihr charakteristisches Gewand. Das bleibt es im Grunde auch dann noch, wenn alles auf die Behauptung reduziert wird, beim Exodus habe sich JHWH als der Retter oder der Befreier Israels erwiesen. Nach der jüdisch-christlichen Überzeugung ist dies keine haltlose Behauptung, sondern hat Anhalt an einer historischen Erinnerung, vor allem aber am Wesen des Gottes Israels, der ein Gott ist, der seinem Volk Freiheit und neue Lebensmöglichkeiten eröffnet.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
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