(→ Ladeerzählung)

Abb. 1 Rekonstruktion der Bundeslade (nach der Beschreibung der Priesterschrift).
Das hebr. Wort ’ǎrôn – das nach heutigem Sprachgebrauch eigentlich richtiger mit „Truhe“ wiederzugeben wäre – bezeichnet in den Sarg Josefs und in // . einen mit Loch im Deckel versehenen Kollektenkasten. An allen übrigen ca. 200 Stellen des Alten Testaments meint es einen Kultgegenstand, der nach ; (P) am Sinai angefertigt, von David nach Jerusalem gebracht und unter Salomo im Tempel aufgestellt worden ist.
Die von der → Priesterschrift (P) angegebenen → Maße von 2,5 x 1,5 x 1,5 Ellen (1,25 x 0,75 x 0,75 m) werden in etwa zutreffen. Dagegen entspricht die Beschreibung der Lade als außen und innen mit → Gold überzogen der Vorliebe der Priesterschrift für eine besonders wertvolle Ausstattung des Heiligtums. Allerdings war die Lade gewiss nicht ganz schmucklos. Die an den Längsseiten durch je zwei Ringe gesteckten hölzernen Tragestangen erweisen die Lade als tragbares und transportables Heiligtum. Während die Lade gewiss einen Deckel hatte, ist dessen Ausgestaltung zu einer goldenen bzw. vergoldeten Platte mit darauf stehenden → Keruben wiederum eine Vorstellung der Priesterschrift.
Auch wenn die Lade ein transportables Heiligtum war, wurde sie gewiss geschützt aufbewahrt. Insofern ist die Verbindung mit einem Zelt (vgl. ; ), das durch die Lade eine besondere Würde und Bedeutung erhielt, auch für die früheste Zeit durchaus wahrscheinlich; ob jedoch dieses Ladezelt mit dem → Zelt von identisch ist, bleibt fraglich.
Nach dem Alten Testament wurde die Lade am Sinai angefertigt, zusammen mit den anderen Kult- und Einrichtungsgegenständen der sog. Stiftshütte. Allerdings ist dieser Bericht (; ) relativ spät und gehört zur Priesterschrift, in der alle späteren Gegebenheiten des Jerusalemer Tempels vom Sinai her erklärt werden.
Für die historische Herkunft und den religionsgeschichtlichen Hintergrund der Lade gibt es verschiedene Erklärungsansätze: Für den nomadischen Bereich wird zum Vergleich auf die qubba (bzw. deren islamisierte Formen ‘utfa und markab) hingewiesen. Dabei handelt es sich um verschiedene Ausführungen eines meist mit einem kleinen Zelt geschützten Korbs oder Behälters, der auf Tieren transportiert werden konnte und in dem heilige Steine liegen oder eine die Kämpfer anfeuernde Frau (qahinna) sitzen konnte. Die oft zum Vergleich herangezogene Darstellung aus dem Bel-Tempel in Palmyra (Stolz, Kriege; Staubli, Nomaden; allerdings erst 1. Jh. n. Chr.!) zeigt, dass eine nomadisch akzentuierte Prozession oder Wallfahrt durchaus mit einem großen Ortsheiligtum verbunden sein konnte.
Tragbare Objekte ähnlicher Form und Größe wie die Lade und mit langen Tragestangen finden sich aber auch im ägyptischen Bereich. Diese tragbaren Kästen sind auf der Deckplatte mit der Symbolik beschützender göttlicher Wesen verbunden. Solche Kästen sind nicht nur aus Gräbern bekannt (z.B. aus dem Grab des Tut-anch-Amum), sondern auch aus Darstellungen der Lebenswelt, z.B. der Darstellung von Prozessionen, wo Götterthrone mitgetragen werden (Metzger 361f). Angesichts der Bekanntheit ägyptischer Verhältnisse und ägyptischer Heiligtümer nicht nur in Kanaan, sondern auch im Negev und Sinai (z.B. midianisiertes Hathorheiligtum in Timna), ist jedoch ein eventueller Einfluss ägyptischer Vorbilder für die Frage der Herkunft der Lade weder geographisch noch für die Alternative sesshaft oder nomadisch auswertbar.
Es bleibt die Beobachtung, dass die Lade ein bewegliches Symbol göttlicher Macht und Präsenz darstellt, das auf Grund seiner ursprünglichen Fremdheit gegenüber dem Jerusalemer Tempel in der vorstaatlichen Frühzeit Israels anzusetzen ist. Während der einzige Text, der die Herkunft der Lade beschreibt, nämlich Ex 25 (P), wie gesagt spät und idealisierend ist, setzen die älteren Texte die Lade einfach voraus und beschreiben ihre Funktion.
Die wohl älteste Erwähnung der Lade findet sich in den Ladesprüchen von . In diesen wird JHWH als mit und bei der Lade präsent gedacht, von wo er sich erhebt, um Israel voranzuziehen, und zwar insbesondere zum Kampf gegen Feinde. Im Sinn dieser machtvollen Gegenwart JHWHs, durch die der Gottesschrecken auf die Feinde fällt, wird die Lade nach 1Sam 4 in den Kampf gegen die Philister geholt. Während die Ladesprüche (insbesondere das Sich-Niederlassen in v36) wie auch ihr Kontext in Num 10 den Eindruck eines häufigeren Geschehens erwecken, ist die Entsendung der Lade auf das Schlachtfeld eine letzte Notmaßnahme, die dennoch nicht zum Erfolg, sondern zum Verlust der Lade an die Philister führt.
Während in diesen beiden Erzählungen die alte Führungs- und Kriegsfunktion der Lade deutlich werden, sind die Erzählungen von der Durchquerung des Jordan und der Eroberung Jerichos (Jos 3 und Jos 6) als Prozessionen dargestellt und damit von späteren Perspektiven geprägt. Die Erzählung von der Rückkehr der Lade (1Sam 6) ist dagegen weder als Prozession noch als Ladewanderung zu verstehen, sondern vom Motiv der Auffindung eines heiligen Ortes durch die göttliche Lenkung der Zugtiere geprägt.
Die auffallende Ruhephase der Lade in Kirjat-Jearim könnte mit einer noch bestehenden Kontrolle durch die Philister zu tun haben. Dass David sie nach Jerusalem holte (2Sam 6), stärkte nicht nur die israelitisch-jahwistische Präsenz in der Hauptstadt, sondern erneuerte und erweiterte auch die Bedeutung der Lade. Mit der – offensichtlich auf Initiative der Ältesten Israels erfolgten – Überführung der Lade in den neu erbauten Salomonischen → Tempel (*) und mit ihrer Aufstellung unter den → Keruben im Allerheiligsten () trat die Lade jedoch hinter den wesentlich größeren Keruben zurück.
Wie lange die Lade existierte, ist ungewiss. Ausdrücklich erwähnt wird sie zuletzt in 1Kön 8, d.h. zur Zeit Salomos. Trotzdem hat sie wahrscheinlich wesentlich länger existiert. Die in thematisierte, wenn auch abgelehnte Frage einer Wiederherstellung lässt, ebenso wie die Beschreibung und große Bedeutung der Lade in der Priesterschrift, vermuten, dass sie erst gegen oder am Ende der Königszeit verloren ging bzw. zerstört wurde und dass sie bis dahin durchaus von Bedeutung war.
Diese Bedeutung der Lade in der israelitischen Königszeit ist am ehesten im Zusammenhang von → Prozessionen anzunehmen. Prozessionen sind zwar für Jerusalem nicht explizit belegt, aber an Hand von Texten wie sowie der Darstellung von Jos 3 und Jos 6 und auch aus religionsgeschichtlichen Gründen sehr wahrscheinlich (Metzger, 361-364).

Abb. 2 Die Lade als Symbol der Gegenwart Gottes an der Stelle eines Christusbildes in der Apsiskuppel der Kirche von Germigny des Pres (Mosaik; 806 n. Chr.).
In welcher Weise Jhwh bei oder über der Lade gegenwärtig war, ist im Alten Testament in verschiedener Weise ausgedrückt.
Ob die Präsenz JHWHs mit und bei der Lade in früher Zeit etwa durch eine → Massebe symbolisiert und wie sie gedacht war, ist nicht mehr zu erschließen. Für das Heiligtum in → Silo ist eine Thronvorstellung, etwa in Verbindung mit dem → Zebaoth-Titel (von ägyptisch ḏb3t, der Thronende?) sehr wahrscheinlich. Der Titel „Kerubenthroner“ entstand dagegen möglicher Weise erst in Jerusalem durch die Verbindung mit den → Keruben des salomonischen Tempels. Das Verhältnis dieser beiden Thronvorstellungen (die Lade als Thron und die Keruben als Thronsitz) blieb wohl in der Schwebe. Wo von der Lade als Thronschemel die Rede ist, ist wohl daran gedacht, dass Jhwh über den Keruben thront (vgl. sowie ; ). Mit der priesterschriftlichen Vorstellung von den Keruben als Wächtergestalten auf und für die Lade ( // ) erhielt die Lade für die weitere Tradition (wieder) Vorrang.
Die Lade wird fast immer durch Beinamen näher bestimmt. In den älteren Erzählungen wechseln die Bezeichnungen „Lade JHWHs“ (besonders 1Sam 4-6; ) und „Lade Gottes“ (; ; ; ). Allerdings ist daraus nicht auf eine Umbenennung zu schließen, sondern die Verteilung erklärt sich, je nachdem, ob die Israeliten von der Lade Gottes reden, oder etwa die Philister die Zugehörigkeit der Lade zu JHWH ausdrücken (auch bezeichnet die Zugehörigkeit und keine Neubenennung).
Mit der Bezeichnung als „Lade des Bundes (Gottes / JHWHs)“ (Jos 3; 6; ; ; u.ö.) entkleidet die deuteronomisch / deuteronomistische Tradition die Lade ihres machthaltigen Charakters, zugleich erhält sie als Symbol des Bundes JHWHs mit Israel neue Bedeutung. Dazu passt, dass nach und die grundlegende Bundesurkunde, nämlich die Tafeln des → Dekalogs, nach dann „das ganze Buch der Tora“ bzw. nach „die Tora“, in der Lade aufbewahrt wurde. Ähnlich wurde aus der Vorstellung von der Aufbewahrung des Kruges mit Manna () und des Stabes Aarons () vor der Lade dann in der frühjüdischen und neutestamentlichen Tradition die Vorstellung von der Aufbewahrung in der Lade ().
Die Priesterschrift übernimmt die deuteronomistischen Vorstellungen von der Verbindung der Lade mit den Geboten, spricht aber statt von den Geboten von den „Zeugnissen“; daher wird die Lade als „Lade des Zeugnisses“ bezeichnet (; ; u.ö.), was auf die grundlegende Zuwendung JHWHs und auf die Verpflichtung Israels (vgl. „Tafeln des Zeugnisses“) verweist, nur dass der Bundesbegriff vom Sinai weg (hin zu Abraham, Gen 17) verlagert ist.
Wie erwähnt existierte die Lade wahrscheinlich durch die ganze Königszeit hindurch im Jerusalemer Tempel. Es gibt aber keine Nachricht über ihr Ende, auch nicht im Zusammenhang des Berichtes von der Plünderung und Zerstörung des Tempels durch die Babylonier (; ). Das spurlose Verschwinden der Lade erlaubte die Entstehung der Legende, dass Jeremia sie in einer Höhle versteckt hatte (). Dies und die Vorstellung vom himmlischen Heiligtum führte zur Vorstellung von der Anwesenheit der Lade im himmlischen Heiligtum ().
Von besonderer Bedeutung wurde die Deckplatte, auf der nach der Beschreibung in Ex 25 Keruben befestigt waren. Deren Name „Kapporet“ ist wohl ursprünglich von kpr Piel „bedecken“ gebildet, wurde aber von der Priesterschrift und ab da zunehmend im Sinn von „die Sünde bedecken / sühnen“ als Ort der Sühne / der Versöhnung zwischen JHWH und Israel verstanden. Der Doppelaspekt („bedecken“ im wörtlichen Sinn und „bedecken der Sünden“) ist in der Doppelübersetzung von in der Septuaginta mit „hilastērion epithema“ aufgenommen. Die Verbindung der Kapporet mit dem Versöhnungsgeschehen (kpr Piel) wird besonders in Lev 16 beim Ritual des großen Versöhnungstages deutlich angesprochen. Indem an der Kapporet die versöhnende Präsenz JHWHs und das an sie gesprengte Sühneblut des Opfertieres zusammenkommen, wurde sie zum zentralen Ort des Sühnegeschehens, und hilastērion wurde zum Synonym für Sühne schlechthin.
So ist es verständlich, dass in der urchristlichen Tradition das Sühnegeschehen an der Kapporet zur Entsprechung für die → Sühne durch den Opfertod Jesu werden konnte; eine Tradition die auf je ihre Art zum Zentrum der soteriologischen Argumentation des Paulus (; Luther: „Gnadenstuhl“) wie des Hebräerbriefes () wurde.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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