→ Waffen
Der Krieg

Abb. 1 Palästina als Teil Ägyptens am Ende der Späten Bronzezeit.
Altorientalische Staaten sahen in militärischen Aktionen ein probates Mittel, um machtpolitische Interessen durchzusetzen, wenn diplomatische Wege wie eine durchdachte Bündnispolitik (z.B. ; .; → Bund) oder dynastische Heiraten (z.B. ; ) erfolglos blieben. Aufgrund der geopolitisch bedeutsamen Lage der syro-palästinischen Landbrücke ist das biblische Israel häufig in Kriege involviert gewesen. Fortlaufend konkurrierten die Großmächte aus (Süd-)West und (Nord-)Ost um die Vorherrschaft (z.B. Schlacht von → Megiddo, 1457 v. Chr.; → Schlacht von Kadesch, 1274 v. Chr.; → Schlacht von Qarqar, 853. v. Chr.). So sind auch regionale Konflikte, wie die → Aramäerkriege oder der → syro-ephraimitische Krieg, vor dem Hintergrund der politischen Großwetterlage zu betrachten: Die Levante diente den weltpolitischen Hauptdarstellern als Pufferzone und Aufmarschgebiet.

Abb. 2 Das assyrische Weltreich.
Häufig gerieten auch Israel und Juda ins Fadenkreuz militärisch überlegener Gegner, sodass sich die Geschichte des JHWH-Volkes großteils als Kriegsgeschichte liest, welche immer wieder von Katastrophen geprägt war: Die Westexpansion des neuassyrischen Reiches (2. Hälfte des 8. Jh.s v. Chr.; → Assyrer; → Weltreiche) besiegelte 722 v. Chr. mit dem Fall → Samarias das Ende des Nordreiches (). Die massiven Tributabgaben von König → Hiskia (vgl. ) konnte verhindern, dass das Südreich bereits in dieser Epoche (um 701 v. Chr.) dasselbe Schicksal ereilte.

Abb. 3 Das neubabylonische Weltreich.
Dazu kam es erst durch die → Babylonier, als → Nebukadnezar auf Abfallbestrebungen mit militärischer Gewalt antwortete. Mit der Eroberung Jerusalems (597/587 v. Chr.; ) endete auch die Eigenstaatlichkeit Judas. Die anschließende Deportation von Herrscherhaus und wesentlichen Bevölkerungsteilen ins → Babylonische Exil stieß das JHWH-Volk in eine schwere Identitätskrise. Die Zerstörung des Tempels trug zusätzlich dazu bei, dass die politische Nullstunde zu einer theologischen Herausforderung wurde. Dies setzte Reflexionsprozesse in Gang, aus denen das Gros der alttestamentlichen Schriften und ihrer Theologie(n) hervorgehen sollte. So haben Krieg und Kriegserfahrung wesentlich zu Entstehung und Gestalt des Alten Testaments beigetragen.

Abb. 4 Das persische Weltreich.
Mit der friedlichen Einnahme Babels durch → Kyros II. im Rahmen seines Feldzugs gegen → Nabonid lösten die Perser das Babylonische Reich als Weltmacht ab. Das → Kyrosedikt (; .) läutet zeitgleich für Israel das Ende der Exilszeit und den Neuanfang in der alten Heimat ein. Die pax persica stellte für die Provinz Juda eine Epoche relativer Ruhe dar. Im Zuge der Perserkriege (→ Schlacht von Issos) setzte sich der politische Einfluss des Hellenismus auch in der Levante durch. Der Kampf um die Vorherrschaft nach dem Zerfall des Alexanderreiches wird von den → Seleukiden und → Ptolemäern dominiert. Die Konflikte dieser Epoche spiegeln sich hauptsächlich in den Spät- bzw. → apokryphen Schriften des Alten Testaments wider (→ Makkabäerbücher, → Judit, → Daniel).
Kriege werden in fast allen Büchern des Kanons thematisiert; lediglich im → Hohenlied und → Rutbuch spielen Kriegshandlungen keine Rolle. Neben den bekannten Kriegserzählungen des Exodus (), der Wüstenzeit (; ; ) sowie im Rahmen der → Landnahme (*) finden sich Narrationen und historiographische Notizen in den übrigen Büchern des → Deuteronomistischen Geschichtswerks. Kriegsgewalt hinterließ ihre Spuren in Siegesliedern (z.B. ; ; .; ), Feind- und Klagepsalmen (z.B. ; ; → Klagelieder Jeremias) sowie den Büchern der Schriftprophetie (z.B. ; ) und in weisheitlichen Texten (; ; ; ). Darüber hinaus beinhaltet das Deuteronomium rechtliche Bestimmungen über das Kriegslager (), die adäquate Form der Mobilmachung () und Kriegsführung () sowie Vorschriften zur Heirat weiblicher Kriegsgefangener ().
Das Alte Testament kennt mit
Vom „Krieg“ bzw. „bekriegen“ (Wurzel
Die erste Erzählfigur, die sowohl vom „Volk“ als auch von „Krieg“ redet, ist der Pharao in der Exoduserzählung. Er ist es auch, der mit seiner Armee im ersten Krieg fällt, den JHWH zur Befreiung seines unterdrückten Volkes führt (vgl. ). Der Schwerpunkt der alttestamentlichen Rede von „Krieg“ liegt in der Darstellung der Frühzeit Israels bis zu den Anfängen der Königszeit: → Josua (35-mal), → Richter (46-mal), 1→ Samuel (45-mal) verzeichnen unter Berücksichtigung ihrer Länge die meisten Vorkommen. Doch auch die Königszeit ist von zahlreichen Konfrontationen geprägt (36-mal in 2Samuel und 40-mal in den → Königsbüchern). In → Levitikus, → Rut, → Esra, → Ester, → Klagelieder Jeremias (!) kommt das Lexem hingegen nicht vor. Aus den Schriften der Hinteren Prophetie ragt → Jeremia mit 39 Belegen heraus. An zweiter Stelle steht → Jesaja mit 19 Vorkommen, wohingegen die Wurzel in der Hälfte der Schriften des → Zwölfprophetenbuchs nicht belegt ist (→ Jona, → Nahum, → Habakuk, → Zefanja, → Haggai, → Maleachi). Dennoch ist Kriegsgewalt dort kein Randphänomen: Mit den Fremdvölkersprüchen (z.B. ; ) oder den Texten über den → JHWH-Tag (z.B. ; ) bietet die Schriftprophetie zahlreiche Passagen, die von Kriegsgewalt geprägt sind.
Für das Führen von Kriegen kennt das Alte Testament die Wendung „Krieg machen / tun“
Für Kämpfe auf offenem Terrain werden „Schlachtreihen“
Zur Beschreibung konkreter Kampfhandlungen kommen zahlreiche Gewaltverben zum Einsatz. Je nach Waffengattung wird „erschlagen“ bzw. „gestoßen“
Das Kriegsende wird gelegentlich als „Rückkehr“

Abb. 5 Das Sanherib-Prisma bietet unter anderem einen Kriegsbericht von der Belagerung Jerusalems 701 v. Chr. (Ton, 38 cm hoch, 14 cm breit).
Außer den Schriften des Alten Testaments stehen archäologische Funde, etwa von Rüstungen und Waffen, sowie Abbildungen und Texte vor allem aus Ägypten und Mesopotamien zur Verfügung. Unter den Texten sind insbesondere Chroniken, Königsinschriften, Siegesstelen und Kriegsberichte zu nennen. Ein Beispiel für derartige ägyptische Quellen bietet der Art. → Schlacht von Kadesch. Als Beispiel für einen assyrischen Kriegsbericht sei Sanheribs Darstellung seines Feldzugs gegen Jerusalem zur Zeit des judäischen Königs → Hiskia im Jahr 701 v. Chr. zitiert (Chicago-Prisma), bei dem er die Stadt jedoch nicht einnehmen konnte (vgl. ; ; ).
„Hiskia von Juda jedoch, 19 der sich nicht unter mein Joch gebeugt hatte – 46 mächtige 20 ummauerte 19 Städte sowie die 21 zahllosen 20 kleinen Städte ihrer Umgebung 23 belagerte und eroberte ich 21 durch das Anlegen von Belagerungsdämmen, 21 Einsatz von Sturmwiddern, Infanteriekampf, 23 Untergrabungen, Breschen und Sturmleitern. 24 200.150 Leute, groß und klein, männlich und weiblich, 25 Pferde, Maultiere, Esel, Kamele, 26 Rinder und Kleinvieh ohne Zahl 27 holte ich aus ihnen heraus und zählte sie als Beute. Ihn selbst 28 schloß ich 29 gleich einem Käfigvogel 30 in Jerusalem, seiner Residenz, ein. 31 Schanzen warf ich gegen ihn auf, 32 und das Hinausgehen aus seinem Stadttor verleidete ich ihm. Seine Städte, 33 die ich geplündert hatte, trennte ich von seinem Lande ab 34 und gab sie Mitinti, dem König von Asdod, 35 Padi, dem König von Ekron, und Ṣilbel, 36 dem König von Gaza, und verkleinerte (so) sein Land. 37 Zum früheren Tribut, ihrer jährlichen Gabe, 38 fügte ich eine Abgabe als Geschenk für meine Herrschaft hinzu 39 und legte ihnen diese auf. Jenen Hiskia 40 warf die Furcht vor dem Schreckensglanz nieder. 41 Die Urbi und seine Elitetruppen, die er zur Verstärkung 42 seiner Residenz Jerusalem hineingebracht 43 und als Hilfstruppen angeworben hatte, ließ er zusammen mit 30 Talenten Gold, 44 800 Talenten Silber, erlesenem Antimon, 45 großen Blöcken …-Stein, Betten aus Elfenbein, 46 elfenbeinernen Lehnsesseln, Elefantenhaut, Elfenbein, 47 Ebenholz, Buchsbaumholz, allerhand wertvollen Schätzen, 48 sowie seinen Töchtern, seinen Palastfrauen, Sängern 49 und Sängerinnen nach Ninive, der Stadt meiner Herrschaft, 50 hinter mir her bringen. Um Abgabe abzuliefern 51 und Untertänigkeit zu bezeugen, schickte er seinen Gesandten.“ (zitiert nach TUAT I, 389f.).
Alttestamentliche Kriegsdarstellungen gewähren Einblick in Waffentechnik und Kriegsführung der Antike (→ Waffen). Das Bild bleibt jedoch unvollständig: Während sich manche Elemente, wie JHWHs wundersames Eingreifen, einer historischen Auswertung entziehen, gibt es für andere praktische Details nur wenige Anhaltspunkte. Sie spielen entweder im Kontext keine Rolle oder werden als selbstverständliches Wissen vorausgesetzt. Das Alte Testament ist eben kein Kompendium antiker Militärgeschichte; und auch für vergleichbare Kulturen wurde ein solches bislang nicht gefunden: Die Antike scheint generell mehr an religiösen und moralischen Belangen interessiert gewesen zu sein als an wissenschaftlich-technischen Einzelheiten (Echeverría Rey). Da sich Altisraels Militärorganisation nur graduell von der seiner altorientalischen Nachbarn unterschieden haben wird, kann man auf außerbiblisches Referenzmaterial zur Ergänzung zurückgreifen.

Abb. 6 Semitischer Mann mit einem Holz als Schlagwaffe sowie Pfeil und Bogen. Die Enden des entspannten Bogens musste man vor Gebrauch umbiegen und die Sehne einlegen (Grabmalerei aus Beni Hassan in Mittelägypten; 19. Jh. v. Chr.).
Reguläre Streitkräfte setzten sich aus Infanterie, Reiterei und Streitwageneinheiten zusammen (vgl. ; ; ), welche mit Nah- oder Fernkampfwaffen ausgestattet sein konnten. An der Spitze der Militärhierarchie stand der König (vgl. .). Seine Befehlsgewalt delegierte er an die Kommandanten der Unterabteilungen. Militär und Kriegsführung waren eine männliche Domäne. Im Alten Testament gibt es keine Belege für Soldatinnen als Teil regulärer Truppen, obgleich weibliche Erzählfiguren wie → Jael () oder die Frau von Tebez () ins Kampfgeschehen entscheidend eingreifen. Während die Israeliten nach biblischer Darstellung in der vormonarchischen Zeit von Führungspersönlichkeiten (→ „Richter“) als Milizheer anlassbezogen einberufen wurden (z.B. .), wies die Armee der Königszeit einen Grundbestand an Berufssoldaten auf (vgl. ). Das stehende Heer diente dem König als Leibgarde (z.B. ) und hielt wichtige militärische Einrichtungen, wie Stallungen oder Garnisonen, in Stand.

Abb. 7 Assyrische Soldaten mit Pfeil und Bogen, langem Oberkleid und Soldatenstiefeln (neuassyrisches Relief).
In Kriegszeiten wurden Teile der Zivilbevölkerung in die Armee eingegliedert. Über das Zahlenverhältnis zwischen Miliz- und Berufssoldaten, gibt das Alte Testament keine genaue Auskunft. Nach . und hatten Israeliten ab dem 20. Lebensjahr mit dem Heer auszuziehen. Allerdings ist unbekannt, ab welchem Alter sie vom Militärdienst befreit waren. Die Regelung von (vgl. ), wonach ein Mann nicht zum Krieg ausziehen muss, sofern er gerade ein Haus gebaut, einen Weinberg angelegt hat, eine Verlobung eingegangen war oder sich vor dem Kampf zu sehr fürchtet, spiegelt keine historische Form der Mobilmachung wider. Sie stammt aus einer Zeit, in der Israel längst außerstande war, eigenmächtig Kriege zu führen (Rofé).
Aufschluss über die militärische Stärke des Landes gab die Musterung der wehrfähigen Bevölkerung. weiß von 603.550 wehrfähigen Männern, → Davids verhängnisvolle Musterung ergibt einen Trupp von 800.000 Israeliten und 500.000 Judäern (). In der Parallelstelle werden bei der Musterung gar 1,1 Millionen (!) in Israel und 470.000 in Juda (ohne Levi und Benjamin) gezählt, während nach in Juda und Benjamin 300.000 Männer für den Militärdienst tauglich sind. Doch sind diese Zahlenangaben wie auch außerbiblische Aussagen über Truppenstärken historisch kaum verlässlich.
Epigraphische Funde und biblische Notizen zeigen, dass Soldaten fremder ethnischer Herkunft nicht nur in den Heeresverbänden von Großreichen (vgl. ; .), sondern auch in Israels Militär eingegliedert wurden: Kreter, Plether und Gatiter werden als selbstverständlicher Teil der Armee Davids präsentiert (; ). Ausländer wie der Hetiter → Uria () oder Ittai aus Gat () konnten sogar in Führungspositionen aufsteigen. Daneben gab es Ethnien und Bevölkerungsgruppen, die mit bestimmten Kriegsgeräten besonders gut vertraut waren: spricht von den „Bögen der Helden → Kedars“, weiß von 700 Benjaminitern, „die mit der Schleuder aufs Haar (genau) trafen und ihr Ziel nie verfehlten“.
Da der Gebrauch spezieller Waffen technisches Geschick erforderte, wird ein Mindestmaß an Übung im Vorfeld des Krieges vorauszusetzen sein (vgl. ). Über die konkrete soldatische Ausbildung gibt das biblische Zeugnis nur wenig Auskunft: Wenn das Alte Testament vom „Lernen“
Für einen erfolgreichen Krieg braucht es neben Soldaten und Ausrüstung auch ein fundiertes Wissen um deren adäquaten Einsatz. Ohne effiziente, an die Gegebenheiten angepasste Strategie ging auch die mächtigste Armee sang- und klanglos unter. Da sich Altisraels Kulturraum über Binnenland erstreckte, beschränken sich alttestamentliche Kriegsdarstellungen auf Landkriege und deren taktische Durchführung. Über nautische Kriege besitzt das Alte Testament nur vage Kenntnis (vgl. ; ; .). Mehr Einblick erhält man in die üblichen Kriegsgründe: Man griff zu den Waffen, um im Rahmen von Landnahme- und Eroberungskriegen territoriale Besitzansprüche (z.B. .), oder politische Revolten durchzusetzen (vgl. ), um sich ökonomisch zu bereichern () oder wenn Bündnispartner abtrünnig wurden (z.B. ) bzw. Vasallen abfielen (z.B. ), indem sie Tributforderungen nicht mehr nachkamen (.) oder Ausschau nach anderen Allianzen oder Schutzmächten hielten (.; ).
Den Krieg hat man sich im Alten Orient weniger als flächendeckenden, ganzjährigen Dauerzustand vorzustellen. In der Regel wurden saisonale Feldzüge unternommen, die sich aus Gründen der Sozialstruktur am agrarischen Kalender orientierten. Die „Kriegssaison“ begann nach der Aussaat (September bis Oktober) und endete im Frühsommer (Mai bis Juni), wenn die Erntezeit einsetzte (vgl. ; ). Für die Kampagnen benötigte man nicht nur kriegstaugliche Menschen und Waffen in ausreichender Zahl. Auch für genügend Proviant, Wasser und sonstige nicht-militärische Ausrüstung musste gesorgt sein. Im eigenen Territorium hatte die lokale Administration den Nachschub zu stellen. Im Feindesland dienten die Güter des Gegners als Versorgungsquelle. Der alttestamentliche Ausdruck, dass „Fremde die Frucht des Landes verzehren“ (; vgl. ), hat hier ihren historischen Haftpunkt. Kriegszüge stellten das Militär vor enorme logistische Herausforderungen, da das Gepäck mit Zugtieren und unter großem Menschenaufwand mittransportiert werden musste (vgl. ). Daher zog mit dem eigentlichen Heer auch ein entsprechend großer Tross. Diese praktischen Aspekte in der „zweiten Reihe“ des Krieges spiegeln sich allerdings nur in wenigen alttestamentlichen Notizen wider (z.B. .; ).
Stieß der Kriegszug auf feindliche Abteilungen, musste die adäquate Kampfstrategie gewählt werden. Einflussfaktoren waren unter anderem die topographischen Gegebenheiten am Kriegsschauplatz (z.B. ; [Lutherbibel: ]) sowie die militärischen Kräfteverhältnisse. Details über Stärke, Zusammensetzung und Lage der gegnerischen Armee oder die Schwachstellen der Verteidigungsanlagen brachten Spione (z.B. ), ortskundige Verbündete (vgl. [Lutherbibel: ]) oder das Verhör von Feinden (vgl. ; ).
Zu einem offenen Schlagabtausch im Rahmen von Feldschlachten kam es in der Regel nur, wenn sich beide Seiten Erfolgschancen ausrechneten. Um die eigenen Verluste gering zu halten, versuchte man sich durch taktisches Geschick einen Vorteil zu verschaffen. Für schwächere Armeen war dies oft der einzige Weg, übermächtigen Gegnern militärischen Widerstand leisten zu können. Man arbeitete mit List und Tücke (z.B. nächtliche Angriffe, ), legte Hinterhalte (vgl. ; ) oder nutzte topographische Vorteile aus, indem man den Gegner in unwegsames Gelände lockte (z.B. ; [Lutherbibel: ; ]) oder durch Überfälle mit kleineren Einheiten dezimierte (.). Schwächere Kriegsparteien scheuten den offenen Schlagabtausch eher, da er das Risiko hoher Verluste in kurzer Zeit barg. Kleinere Staaten bündelten daher ihre Kräfte auch zu Koalitionstruppen, oder sie versuchten, andere Großreiche als Schutzmacht zu gewinnen (z.B. ).

Abb. 8 Angreifer befeuchten ihre Deckung mit Wasser, weil die Verteidiger sie mit Fackeln bewerfen; die Besiegten werden deportiert, ihre Anführer gepfählt (Relief der Eroberung von Lachisch 701 v. Chr. aus dem Südwestpalast Sanheribs in Ninive).
Drohte eine Feldschlacht im Desaster zu enden, zogen sich ortsansässige Kriegsparteien in ihre Städte zurück und vertrauten auf die Unbezwingbarkeit der Verteidigungsanlagen. Die Methoden von Belagerungskriegen wurden besonders vom neuassyrischen Heer perfekt beherrscht. Zahlreiche Belagerungsszenen auf Palastreliefs geben davon ein eindrucksvolles Zeugnis, aber auch alttestamentliche Texte geben viele Details wieder (z.B. ).
Durch die Bildung eines Belagerungsrings waren Städte außerstande, Gesandtschaften mit militärischen Hilfsgesuchen zu entsenden. Wo ein solcher Versuch dennoch gelang, wird dies kaum im Einverständnis mit den Belagerern geschehen sein (vgl. ). Eine in → Lachisch gefundene Tonscherbe (Lachisch-Brief Nr. 4; vgl. TUAT I, 622f.) zeigt, dass über Feuer- und Rauchzeichen ein Mindestmaß an Kommunikation mit dem Umland aufrechterhalten werden konnte. Vor allem aber schnitt der Belagerungsring die Stadt vom Nachschub an lebensnotwendigen Gütern ab. Die Versorgung mit Frischwasser wurde blockiert, indem externe Quellen besetzt ( [Lutherbibel: ]) oder Wasserleitungen verstopft wurden (). Die Zeit spielte eindeutig in die Hände der Angreifer, welche auf das allmähliche Verhungern und Verdursten der Eingeschlossenen setzen konnte (vgl. ). Der Ausbruch von Krankheiten und Seuchen verschlimmerte die Zustände zusätzlich (vgl. ). Die aussichtslose Lage der Bevölkerung erhöhte den Druck auf die Entscheidungsträger. Nicht selten wird es zu regelrechten Aufständen gekommen sein (vgl. [Lutherbibel: ]). Dies war Teil der psychologischen Kriegsführung, um die sofortige Kapitulation zu erwirken (vgl. .; .; Höffken). Eine rasche Aufgabe lag im Interesse der Angreifer, die auf diese Weise ihre Kräfte schonten.

Abb. 9 Gefangene der nordsyrischen Stadt Hazazu werden nackt abgeführt (Relief auf dem Bronzetor der assyrischen Stadt Balawat aus der Zeit Salmanassars III., 858-824 v. Chr.).
Wenn der Widerstand trotz Blockade nicht zu brechen war, erfolgte die Einnahme der Stadt mit Waffengewalt. Dazu wurden vorgelagerte Gräben mit Füllmaterial begeh- und für die Belagerungsgeräte befahrbar gemacht. Breschen wurden durch Unterminierung geschlagen. An Stadttoren und hölzernen Wehranlagen wurde Feuer gelegt. Rammböcke und Mauerbrecher wurden zur Destruktion der Mauer in Position gebracht. Durch die Rampe konnte man an höheren Stellen ansetzen, welche leichter zu durchbrechen waren als die stabilen Fundamente. Zudem verringerte sich der Schusswinkel für Fernkampfeinheiten. Über Sturmleitern oder Wasserkanäle verschaffte man sich gewaltsamen Zutritt von oben und unten. Gleichzeitig sorgten Pfeile und Brandgeschosse für Tod und Zerstörung innerhalb der Stadt. Die Verteidiger auf der Stadtmauer versuchten alles, um die Einnahme zu verhindern. Gelang dies nicht, hielten Gewalt und Terror Einzug in der Stadt.

Abb. 10 König → Jehu von Israel unterwirft sich dem assyrischen König Salmanassar III. (858-823 v. Chr.; Schwarzer Obelisk aus Kelach).
Flüchtlinge und Entronnene blickten einer ungewissen Zukunft entgegen (vgl. ). Die Invasoren zogen brandschatzend durch Felder und Städte (vgl. ; ; ). An einer vollständigen Zerstörung hatten die Eroberer jedoch kaum Interesse. Denn sie profitierten durch schweren Tribut von der Wirtschaftsleistung eroberter Gebiete. Deportation und Versklavung von Gefangenen (vgl. ; ) brachten dem Sieger ebenfalls ökonomische Gewinne. Mit den Strafaktionen wurde zudem das Ziel verfolgt, ein militärisches Wiedererstarken dauerhaft zu unterbinden. Sie sind daher nicht nur irrationale Vergeltungsmaßnahmen, sondern auch Teil eines längerfristigen Kalküls.

Abb. 11 Assyrische Soldaten schleppen Beute aus einer eroberten Stadt, zerstören die Stadtmauer und legen Feuer an die Häuser (Relief aus dem Palast Assurbanipals, 669-630 v. Chr., in Ninive).
Zu den materiellen Verlusten kam die Gefahr für Leib und Leben von Militär und Zivilbevölkerung. Auf das Ende des Krieges folgten Erniedrigungen wie Hohn und Spott (z.B. ; ) oder die nackte Zurschaustellung von Besiegten (z.B. ; ; ). Zu den Kriegsgräuel zählten Folter (z.B. ), Verstümmelung, Blendung (vgl. ), Häutung () sowie das Aufschlitzen von Schwangeren (; ). Auch Akte sexualisierter Gewalt durch marodierende Soldaten werden im Alten Testament erwähnt (z.B. ; ; ; ).

Abb. 12 Nach dem Sieg wurde die Beute gesammelt, hier Bett und Stuhl, Waffen (Bögen, Köcher, Schwerter), Gefäße und Kultständer. Zwei Soldaten halten abgeschlagene Köpfe von Besiegten (neuassyrisches Relief).
; oder [Lutherbibel: ] machen deutlich, dass Frauen als Kriegsbeute gesehen wurden, der man sich sexuell bemächtigen konnte. Gewaltakte wurden meist in aller Öffentlichkeit verübt, um die Überlebenden zu demütigen und neuerlichen Widerstand im Keim zu ersticken. Dieselben Ziele erfüllte die Zurschaustellung von Leichen und Leichenteilen an exponierten Stellen wie Stadtmauern oder Pfählen (z.B. ; ; [Lutherbibel: ]; → Leichen / Leichenschändung; s. Abb. 8). Indem man reguläre Bestattungen verweigerte und Leichen den Wildtieren zum Fraß überließ, demütigte man die Gegner noch über den Tod hinaus (vgl. ; .; ).

Abb. 13 Der Sieg des Horus über Seth und der Sieg des Königs über Feinde werden parallelisiert, d.h. im historischen Geschehen manifestiert sich das mythische Geschehen.
Mit einer Erhebung der militärtechnischen Aspekte ist das alttestamentliche Zeugnis über den Krieg nicht ausgeschöpft. Eine wesentliche Dimension bildet die Kriegsdeutung. Dabei hat sich im Alten Testament keine einheitliche Kriegsideologie durchsetzen können (Niditch; Woods). Der Kriegsdiskurs blieb bis zuletzt polyphon und spannungsreich (Fischer / Obermayer). Doch zeichnet sich ein theologischer Fluchtpunkt ab: Der Krieg ist kein ausschließlich profanes Geschehen, sondern weist enge Bezüge zur Sphäre des Göttlichen auf. Zwar werden im Alten Testament keine „Heiligen Kriege“ im modernen Sinn geführt, doch fallen Militär und Kriegsführung aufgrund der Präsenz JHWHs in den Bereich des „Heiligen“.
Exkurs: Krieg im altorientalischen Vorstellungshorizont
Theologische Interpretationsmuster des Krieges sind kein alttestamentliches Spezifikum, sondern ein religionsgeschichtliches Datum im gesamten Antiken Orient (Weippert). Den Hintergrund solcher Konzeptionen bildet die Symbiose von Politik und Religion und damit von Kriegsführung und theologischer Kriegsdeutung. Krieg wird als Geschehen verstanden, in das Gottheiten wie → Ischtar, → Assur oder → Ninurta aktiv einzugreifen vermögen. Daher stehen in antiken Zeugnissen nicht technische oder strategische Fragen im Vordergrund, sondern religiös-theologische Gesichtspunkte. Denn Götter entscheiden maßgeblich über Sieg oder Niederlage (vgl. ). Umgekehrt erweist der Kriegsausgang, auf welcher Seite die mächtigeren Gottheiten standen. Militärische Erfolge bekunden deren Macht und Stärke, wohingegen Niederlagen diese massiv in Frage stellen.
Der altorientalische Deutungshorizont des Krieges wird durch die Koordinaten Mythologie, Theologie und Herrscherideologie bestimmt (→ Königtum im AT; → Königtum im Alten Orient; → Königtum in Ägypten). Die Wurzeln liegen in der Mythologie, nach der die geordnete Welt (Kosmos) in ständiger Gefahr steht, ins → Chaos zurückzufallen (→ Weltbild). Wirklichkeit vollzieht sich als fortwährender Kampf zwischen den beiden Kräften. Das Gegenteil von Krieg ist nach altorientalischer Vorstellung auch nicht der Friede, sondern das Chaos. In mythologischen Erzählungen wird der Kampf von Gottheiten ausgetragen (z.B. → Marduk gegen → Tiamat; → Baal gegen → Jam). Spuren der Götterkampf-Motivik finden sich auch im Alten Testament, wo dieses JHWHs machtvolles Kriegshandeln in der Geschichte (!) unter mythologischen Vorzeichen deutet (; ; ).
Auf immanenter Ebene wird die Funktion der kriegerischen Chaosabwehr vom altorientalischen Herrscher übernommen. Besonders in neuassyrischen Königsinschriften wird die Kriegsführung zu einem mythologisch aufgeladenen Kerngeschäft des Königs (Oded). Der Monarch handelt nicht nur im Auftrag, sondern in Stellvertretung des eigentlichen Gottkönigs. Die Feinde des Reiches werden so zu Repräsentanten der mythischen Chaosmächte. Durch das Deutungsmuster der herrschaftlichen Selbstinszenierung erhalten Militäraktionen, für die profane Motive ausschlaggebend waren, eine theologisch-ideologische Legitimation. In der alttestamentlichen Darstellung der Königszeit fällt die Kriegsführung zwar auch in den herrschaftlichen Kompetenzbereich (vgl. ). Einen Monarchen, der nach der genannten Ideologie kriegerisch aktiv wird, sucht man jedoch vergeblich (vgl. ). Trotz gemeinsamer Schnittmengen hat das Alte Testament ein eigenes Profil an Konzepten zur Kriegsdeutung entwickelt.
Da JHWH im Krieg präsent ist, sind Militär und Kriegführung in der Sphäre des Heiligen angesiedelt. Nur unter Beachtung dieser Differenzierung lässt sich von „Heiligen Kriegen“ im Alten Testament sprechen (siehe Graf zur Begriffsgeschichte). „Religionskriege“ im neuzeitlichen Sinn waren in der Antike unbekannt. Der Begriff „Heiliger Krieg“ ist kein biblischer, sondern wurde Anfang des 20. Jh.s in die Exegese eingeführt (Schwally). Gerhard von Rad prägte die These, Altisrael habe seine militärischen Auseinandersetzungen nicht nur als „Heilige Kriege“ verstanden, sondern sie in der Frühzeit auch nach einem solchen Schema geführt. Die heutige alttestamentliche Kriegsforschung ist wesentlich vorsichtiger: Denn kein Text vereint alle Elemente des Schemas, weshalb das Konzept eher einer Kollage von Aspekten aus verschiedenen Texten gleicht als einer historischen Form der Kriegsführung (Batsch; Stolz; Cazeaux). Die Konzeption ist auch nicht genuin biblisch, sondern steht in einem religions- und kulturgeschichtlichen Kontinuum (Weippert; Chapman).
Die Verknüpfung von Krieg und Heiligkeit ist schon am alten Epitheton „JHWH Zebaoth“
Am deutlichsten zur Geltung kommt der Heiligkeitsaspekt in der Formulierung einen „Krieg heiligen“
Das Alte Testament berichtet zudem von der Anwesenheit kultischen Personals und religiöser Spezialisten im Kontext von Militär und Krieg (.). Nach dem deuteronomischen Kriegsgesetz obliegt es dem Priester, der Mannschaft den Beistand JHWHs zuzusichern (). In jüngeren Kriegstexten (; ; *; ) sowie in der Kriegsrolle aus → Qumran (1QM) wird die kultisch-priesterliche Dimension besonders hervorgehoben (Batsch). Da Gott über Sieg oder Niederlage entscheidet, befragt man im Vorfeld das göttliche Kriegsorakel, eine im Alten Orient weitverbreitete Einrichtung. JHWHs Entscheidung wird über das priesterliche Losorakel ermittelt (z.B. .) oder mündlich kundgetan: Das Gotteswort ergeht meist durch prophetisch begabte Menschen, die gezielt angefragt werden (z.B. ) oder sich spontan zu Wort melden (z.B. ; ). Neben der generellen Zusicherung, dass Gott die Feinde in Israels „Hand geben“ wird
Ein weiteres kultisches Element ist die Bannweihe

Abb. 14 Der assyrische Gott Assur, der im Flammenkranz dargestellt ist, unterstützt mit Pfeil und Bogen den Kampf des assyrischen Königs (Wandmalerei aus dem Palast Tukulti-Ninurtas II., 890-884 v. Chr., in Assur).
Die theologische Dimension des Krieges wird im Alten Testament in mehreren Konstellationen durchgespielt. Den Brennpunkt bildet JHWH und seine Stellung im bzw. zum Krieg: Steht er auf Seiten Israels, ist es seiner Initiative zu verdanken, dass das Volk aus militärischen Bedrohungen gerettet wird oder den Gegner bezwingen kann. Siege stellen sich ein, wenn ein Kampf gemäß JHWHs Willen geführt wird oder Gott zugunsten seines Volkes eingreift. Das → Deuteronomistische Geschichtswerk präsentiert die Landnahmekriege als legitimen Weg zur Erfüllung der göttlichen Verheißung. Die Überwindung militärischer Bedrohungen wird als JHWHs glorreiches Rettungshandeln gedeutet (z.B. ; ). Militärische Aktionen führen jedoch zu herben Niederlagen, wenn Gott in den Krieg nicht mitzieht (vgl. ; ).
JHWH geht zum Teil aktiv gegen sein eigenes Volk mit Kriegsgewalt vor (; ; ; ) oder beauftragt hierzu fremde Völker (z.B. ; ). Der göttliche Zorn kann sich militärisch vollziehen, was für Israel, aber auch für fremde Völker katastrophal endet (z.B. ). Kriegsgewalt wird als gerechte Strafe (z.B. ) oder göttliche Prüfung (z.B. [Lutherbibel: ]) verstanden.
In kriegskritischen Texten zieht Gott gegen den Krieg selbst zu Felde, indem er die gängigen Waffen zerstört (z.B. ; ).
Diese Deutungsmuster lassen sich in keine stringente Chronologie bringen: Der Weg verlief nicht geradlinig, etwa von der Befürwortung militärischer Gewalt zu deren Ablehnung, obgleich einige jüngere Traditionen ein größeres Unbehagen in Bezug auf Kriegsgewalt erkennen lassen (Kunz-Lübcke). Die Bandbreite an Konzepten zeigt darüber hinaus, wie viel Reflexionsleistung die biblischen Autoren zur Kriegsdeutung aufbrachten, um dem JHWH-Volk auch theologisch ein Weiterleben in seiner von Kriegen geprägten Geschichte zu ermöglichen.
Als „theologisch profilierteste und zugleich wirkungsgeschichtlich erfolgreichste“ Kriegskonzeption (Ruffing 1995, 553) erweist sich die Vorstellung, dass JHWH gegen Israels Feinde Krieg führt oder in den Kampf eingreift. In der Forschung hat sich dafür statt dem Begriff „Heiliger Krieg“ die Bezeichnung „JHWH-Krieg“ etabliert (nach Smend). Die Konzeption dominiert die Kämpfe in der Frühzeit Israels und umfasst Befreiungskriege (z.B. Exodus, Richterzeit) ebenso wie Eroberungskriege (z.B. Landnahmekriege). deutet an, dass es ursprünglich ein „Buch der Kriege JHWHs“
Die charakteristische Form göttlicher Kriegsführung bildet der Einsatz von Wundern. Dazu zählen Naturgewalten, wie Wind (; ), Donner (; ), Hagel () oder kosmische Phänomene wie die Verzögerung von Sonnen- und Mondlauf (; → Gibeon). JHWH kann Gegner mit Blindheit schlagen () oder in Verwirrung bringen (z.B. ; ; ; ). Der Schrecken Gottes (z.B. ; ) befällt entweder die Feinde, wodurch sie zur leichten Beute werden, oder er ergreift die eigenen Soldaten, sodass „sie ausziehen wie ein Mann“ (). Wunderhaft ist auch der Einsatz des göttlichen → Boten, der nach im assyrischen Heerlager vor den Toren Jerusalems ein Blutbad anrichtet. All diese Interventionen unterstreichen Gottes unvergleichliche Macht.
Zu Gottes mirakulösen Kriegswerkzeugen sind auch Erzählfiguren zu rechnen, die gemäß der zeitgenössischen Konvention für den Krieg als untauglich galten: Frauen und Kinder. Der Hirtenjunge → David, den Goliat ob seiner ungeeigneten Bewaffnung verspottet (), tötet den mächtigen Krieger mit seinem eigenen Handwerkzeug und dem Schwert des Gegners (.). Die Keniterin → Jael bringt den Heerführer → Sisera mit Pflock und Hammer in ihrem Zelt zur Strecke (), wohingegen die Frau von Tebez → Abimelech mit einem Mühlstein erledigt (). Auch der assyrische Kommandant → Holofernes stirbt durch sein eigenes Schwert in der Hand einer Frau: jener der Witwe → Judit. Da im Alten Orient das Schlachtfeld als „proving ground for masculinity“ galt (Chapman, 57), gereichte eine durch Frauen zugefügte Niederlage den Besiegten zur besonderen Schande (vgl. ; ; (!); [nicht in Lutherbibel]; [Lutherbibel: ]). In den theologisch ausgerichteten Siegesliedern wird das Handeln der Protagonistinnen als wunderbares Eingreifen JHWHs zur Rettung seines Volkes gedeutet (; [Lutherbibel: ]).
Militärische Erfolge unter religiösen Vorzeichen zu deuten, stellt Kriegsgewinner vor keine theologischen Herausforderungen: Der Sieg stellte sich ein, weil die stärkeren Gottheiten auf der eigenen Seite standen. Es sind vor allem militärische Niederlagen, die für theologischen Erklärungsbedarf sorgen: Waren die Götter nicht mächtig genug, der eigenen Seite den Sieg zu verleihen oder sie aus der Kriegsgefahr zu erretten? Um JHWHs Stärke und Souveränität trotz katastrophaler Niederlagen sicherzustellen, griff die alttestamentliche Kriegsinszenierung auf mehrere Deutungsmuster zurück. Eine Möglichkeit bestand darin, das Konzept des JHWH-Krieges von der umgekehrten Seite her zu reflektieren:
Wenn JHWH Israel den Beistand versagt und das Heer ohne seine Unterstützung auszieht, endet dies stets in einer militärischen Katastrophe. „[N]egative heilige Kriege“ (Stolz, 24) erweisen dadurch nicht JHWHs Schwäche, sondern zeigen seine Missbilligung und Abwesenheit an. In versucht Israel ins Land der Verheißung zu gelangen, doch weil Gott nicht mitzieht und die Bundeslade im Lager bleibt, muss das Volk eine herbe Niederlage einstecken. Auch die Eroberung von → Ai gelingt erst im zweiten Anlauf (). Die erste Erstürmung scheitert, weil einerseits → Achan mit der Unterschlagung von Banngut den göttlichen Zorn auf das Volk zieht () und andererseits Israel die theologischen Gesichtspunkte in der Kriegsvorbereitung ignoriert (vgl. ). Auch die für den JHWH-Krieg typische Übergabeformel (z.B. ; ) verkehrt sich ins Gegenteil: Gott gibt nunmehr die Israeliten in die Hand der Feinde (). Diese Gegentexte werden bewusst in die Darstellung von Wüstenzeit und Landnahme eingestellt, genau in jenen Kontext, der von erfolgreichen JHWH-Kriegen geprägt ist. So unterstreichen Erzählschema und Terminologie quasi ex negativo Gottes unüberbietbare Bedeutung im Krieg.
Einen Schritt weiter gehen Deutungskonzepte, in denen JHWH entweder selbst gegen Israel zu Felde zieht oder sich hierzu fremder Völker bedient. Niederlagen werden dabei als Konsequenz des göttlichen Zorns gedeutet (). Das Modell kommt vor allem in Texten zur Anwendung, die um eine theologische Deutung großer historischer Umbrüche ringen. Dies gilt vor allem für die assyrische Bedrohung im 8. Jh. sowie die Exilskatastrophe. Für das Deuteronomistische Geschichtswerk liegen die Gründe für den Untergang von Nord- und Südreich im sündhaften Verhalten des Gottesvolkes. Dieses habe den Zorn JHWHs heraufbeschworen, der sich in Form von Kriegsgewalt entlud (vgl. ; ). In . „pfeift“ Gott Israels mächtige Feinde (Assur und Ägypten) wie Fliegen und Bienen zur Bestrafung seines Volkes herbei (vgl. ). Der König von Assur fungiert als Rasiermesser in der Hand des „Heiligen Israels“ (). In oder agiert → Nebukadnezar gar als Knecht JHWHs. Hingegen beruft JHWH den Perserkönig → Kyros nach als seinen Gesalbten, um Babylon zu erobern und Israels Exilszeit zu beenden. In solchen Texten wird fremden Völkern zwar ein gewisser Stellenwert im Krieg eingeräumt, doch agieren sie keinesfalls in Eigenregie. Das Alte Testament präsentiert die militärischen Großmächte als JHWHs gehorsame Werkzeuge, auch wenn sich wohl keiner dieser Machthaber historisch als ein solches verstanden haben wird (vgl. ). Trotz empfindlicher Niederlagen wird auf diese Weise Gottes Mächtigkeit und Souveränität im Krieg nicht nur gewahrt, sondern, indem er über diese Großmächte frei verfügen kann, sogar gesteigert.
Das Alte Testament befürwortet Krieg und Kriegsgewalt nicht durchgängig und unumschränkt. Es melden sich auch Stimmen zu Wort, die einer Symbiose zwischen Gott und militärischer Gewalt zurückhaltender gegenüberstehen. Darunter fallen Gegenbilder zum Krieg wie der universale, messianische Friede () oder die Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde (). Das Ende von Kriegsgewalt kann dadurch zustande kommen, dass Menschen ihre Waffen unschädlich machen (.) bzw. zu agrarischen Werkzeugen umfunktionieren und niemand mehr (für den) Krieg lernt ( // ). Militärische Auseinandersetzungen können aber auch durch göttliche Intervention verunmöglicht werden. Das Alte Testament inszeniert dies etwa als „Destruktion des Destruktiven“ (Rakel, 108) über das Motiv, dass Gott die gängigen Angriffs- und Verteidigungswaffen zerstört. Nach setzt JHWH Kriegen ein Ende
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
Derzeit sind Sie als Gast auf den Seiten von WiBiLex unterwegs. Um das Lexikon in vollem Umfang nutzen zu können (z.B. Artikel drucken und durchsuchen, Bilder vergrößert anzeigen), melden Sie sich bitte mit Ihrem Benutzer-Namen an oder registrieren Sie sich kostenlos als neue/r Nutzer/in.
Wenn Sie bereits auf www.die-bibel.de registriert sind, können Sie sich ohne weitere Registrierung mit den gleichen Benutzerdaten auch bei WiBiLex anmelden!