
Abb. 1 Die Säulen Jachin und Boas freistehend vor dem Eingang des Jerusalemer Tempels.
Nach () und standen vor dem Jerusalemer → Tempel zwei Säulen aus Bronze, die nach () „Jachin“
Oben endeten die Säulen mit Doppelkapitellen. Zum unteren Kapitell gehörten in phönizischer Tradition Geflechte

Abb. 2 Grundriss des Heiligtums von Arad (Stratum X; spätes 9./frühes 8. Jh. v. C.).
Ähnlich unsicher wie das genaue Aussehen der Säulen ist ihr Standort (1 Kön 7,21). Wenn sie mit den Enden der Anten des Tempels, also den Seitenmauern des Vorraumes, wie in syrischen Tempeln (z.B. Tell Ta‘yīnāt) auf einer Linie standen, könnten sie mit diesen das Dach des Vorraumes getragen haben (vgl. Busink, 1970, 165 Abb. 48; Keel, 2007, 287f.).

Abb. 3 Modell eines Tempels mit zwei Säulen vor dem Eingang (Idalion / Zypern; 7./6. Jh. v. Chr.).
Möglicherweise waren sie jedoch freistehend vor dem Eingang des Tempels aufgestellt. Dafür lässt sich als zeitnahe Parallele das Heiligtum von Arad Stratum X (9./8. Jh.) anführen, vor dessen Eingang man zwei Säulenbasen gefunden hat, auf denen einst wohl freistehende Säulen standen. Ebenso lassen sich Tempelmodelle mit frei stehenden oder allenfalls einen kleinen Baldachin tragenden Säulen anführen, z.B. eines aus Idalion auf Zypern (zu weiteren Beispielen vgl. Weippert, 1988, 466; Zwickel, 1999, 117-119; Keel 2007, 287f.).
Die florale Motivik der beiden Säulen hat dazu geführt, sie mit der Tradition des sakralen Baumes zu verbinden (Zwickel, 1999, 120; s. zuletzt Giovino, 2007). In Anlehnung an den Palmenhof des altbabylonischen Palastes des Zimrilim in → Mari und vor allem an die berühmte Investiturszene auf einem Wandgemälde des Palastes, in dem Bäume und Wasserströme Fruchtbarkeit symbolisieren, werden auch die beiden Tempelsäulen mit artifiziellen Bäumen identifiziert, welche die → Fruchtbarkeit und den → Segen verkörpern, den JHWH den Bewohnern Israels gewährt (Zwickel, 1999, 120; zu Mari s. Giovoni, 2007, 187f.195).

Abb. 4 Der Horusknabe auf der Lotusblüte (Elfenbein; Königspalast in Samaria; 8. Jh. v. Chr.).
Lotus ist vor allem bekannt durch ägyptische Abbildungen des jungen Sonnengottes, der auf einer Lotusblume sitzt. Beide erscheinen am frühen Morgen und symbolisieren die überwundene Gefahr der Nacht und die regenerierende Lebenskraft.
Metallene → Granatäpfel sind hauptsächlich in Vorderasien als dekorative Elemente an Kultgegenständen nachweisbar. Auch sie symbolisieren – evtl. wegen der zahlreichen Kerne der Früchte – Fruchtbarkeit und üppiges Leben, die von Keel allerdings primär mit der königlichen Ordnung und nicht mit der Fruchtbarkeit weiblicher Göttinnen verbunden wurden (2007, 317; vgl. 2001, 189-198, bes. 194f.).
Die Säulen selbst sind mitunter aber auch als Mazzeben (Busink, 1970, 318), Präsentationen der Paradiesbäume innerhalb des den Garten Eden verkörpernden Tempels (Bloch-Smith) oder als Symbole der Himmelspforte gedeutet worden (Houtmann, Himmel, 252; zur mitunter recht phantasievollen Auslegungsgeschichte bezüglich des Symbolgehalts der Säulen vgl. Busink, 1970, 312-318; Bloch-Smith, 1994, 22ff.; Frevel, 1995, 749-766).
Es war im Alten Orient nicht unüblich, Säulen Namen zu geben. Die Deutung der Namen der beiden Säulen „Jachin“
Dem aktuellen Forschungsstand nach ist weitgehend akzeptiert, dass Jachin von dem hebräischen Verb
Jachin und Boas werden in der christlichen Tradition vielfach als Symbol von Stärke und Festigkeit rezipiert. Der Benediktinermönch Beda Venerabilis (672/73-735 n. Chr.) vergleicht mit ihnen die Heiligen, da sie der Kirche eine Stütze sind und sie mit ihrer Erhabenheit schmücken (Explanatio Apocalypsis I 3,12 [Migne, Patrologia Latina 93, 141]). Der Mainzer Erzbischof Rabanus Maurus (9. Jh. n. Chr.) bezieht die Namen der Säulen, firmitas „Sicherheit“ und in robore „mit Stärke“, metaphorisch auf die Lehrer der frühen Jerusalemer Gemeinde bzw. auf die Missionare der Völker sowie auf die alttestamentlichen Propheten bzw. die neutestamentlichen Apostel (Commentaria In Libros IV Regum, [Migne, Patrologia Latina 109, 170]).
Im Mittelalter werden Jachin und Boas im Kirchenbau rezipiert, vor allem als architektonisch funktionsloses Säulenpaar im Eingangsbereich – so besonders in Italien im 12. Jh. (z.B. Santa Maria Maggiore in Tuscania). Sie sollen auf den Salomonischen Tempel, den Ort der Gegenwart Gottes, anspielen und die Kirche damit als dessen Nachfolgerin ausweisen, zugleich haben sie gerade im Portalbereich als Symbole von Standhaftigkeit und Stärke eine schützende und apotropäische Funktion, der z.B. durch die Verbindung mit einem Löwen als Säulenbasis verstärkt Ausdruck verliehen wird. Im Würzburger Dom beispielsweise befinden sich zwei als „JACHIM“ und „BOOZ“ beschriftete Säulen, die ursprünglich in der Vorhalle standen (um 1230 errichtet).

Abb. 5 Jachin und Boas vor der Karlskirche in Wien (18. Jh.).
Nachmittelalterlich finden sich Zitate von Jachin und Boas im Kirchenbau nur noch selten, eindrücklich allerdings in der Wiener Karlskirche. Mit ihrem Bau von 1716-1737 hat Kaiser Karl VI. ein Gelübde erfüllt, das er angesichts der letzten großen Pestkatastrophe 1713 seinem Namenspatron Karl Borromäus (1538-1584) gemacht hatte, der einst Erzbischof von Mailand und Protagonist der Gegenreformation gewesen war und der – 1610 heiliggesprochen – bei Pest angerufen wurde. Die Säulen sind mit spiralförmigen Reliefs sowie oben mit Reichsadlern und Kaiserkrone versehen. Im Licht der biblischen Tradition lässt das Säulenpaar Wien als neues Jerusalem und den Bauherrn in einer Reihe mit Salomo erscheinen; zudem entsprechen die Namen Jachin und Boas in ihrer Bedeutung dem Wahlspruch des Kaisers: constantia et fortitudo „Beständigkeit und Stärke“. Zugleich nehmen die Säulen die Tradition antiker Triumphsäulen (bes. die Trajanssäule in Rom) auf und stellen den Bauherrn dadurch auch mit römischen Kaisern in eine Reihe, doch zeigen die Reliefs keine militärischen Heldentaten, sondern Szenen aus dem Leben des hl. Karl Borromäus, dem man die Rettung Wiens von der Pest zuschrieb.
Im 18. Jh. werden Jachin und Boas zu Symbolen der Freimaurer, bes. am Eingang von Freimaurerlogen. Sie sollen auf die Beständigkeit ihrer Lehre und auf Humanität als deren Grundpfeiler verweisen. Bei Rudolf Steiner symbolisiert „Jakim“ (!) den Eintritt des Menschen ins Erdenleben, „Boas“, seinen Eintritt durch den Tod in die geistige Welt (Weltwesen und Ichheit, Gesamtausgabe 169, 1963, 58ff).
Die Rede von einem Gott namens Boas (bo‘az) ist kaum von dem z.B. in , bes. V. 21, als Jachin und Boas bezeichneten Säulenpaar des Jerusalemer → Tempels zu trennen. Es wurde vorgeschlagen, dass es sich bei dem zweiten Namen um eine Verschreibung des Namens → Baal (Gressmann, 1909, 122; Scott, 1939, 145f.) oder um ein Epitheton Baals (Bruston, 1924) handeln könnte.
Diese These basiert allein auf der neupunischen → Bilingue aus Altiburos (Tunesien), in deren Anfangszeile ‘nt bt bo‘az „Anat, die Tochter von Boas“ rekonstruiert wurde (Bruston, 1924). Da im weiteren Kontext Baal als Gott genannt ist, wurde dieser mit Boas in engste Verbindung gebracht. So schlug Bruston vor, in Boas ein vorangestelltes Epitheton Baals zu sehen, das durch „in ihm ist Stärke“ zu übersetzen wäre. Nun hat aber schon Février (1951-51, 20f.; vgl. KAI 160) gezeigt, dass die Lesung der Inschrift auf einem Foto von schlechter Qualität basiert und schon von daher äußerst fraglich ist. Methodisch argumentierend ergänzt van der Toorn (1999, 176f) die Kritik durch den Hinweis, dass die von Bruston u.a. vertretene Annahme eines Götternamens nicht dazu passt, dass es sich bei Jachin, dem zweiten Namen des Säulenpaares, nicht um einen Götternamen handelt. Statt ’nt bt bo‘az „Anat, die Tochter von Boas“ ist wohl richtig ’ktrt b‘jm „[…d]em sie das Kapital zu Lebzeiten gegeben haben als Gedenken für sie […]“ zu lesen (vgl. Donner / Röllig, 1968, 340f. oder mit Février, 1951-1952, 21: „Ansammlung [von Weihrauch]“). Damit wäre der These, dass es einen Gott oder Gottestitel „Boas“ gegeben habe, der einzige Beleg entzogen. Folgerichtig fehlt das Lexem im Wörterbuch der nordwestsemitischen Inschriften von Hoftijzer und Jongeling (1995).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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