→ Hörnerkrone; → Altarhörner
(Tier-)Hörner (hebr. qæræn) besetzen im Alten Testament semantische Felder wie Macht und Gewalt (; ), Stärke und Sieg (; // ), aber auch Ansehen (; ; ), Lebenskraft (), Zufluchtsort (; ), heilwirkender Schutz ( // ) oder Bedrohung (). Im Lied vom Weinberg () wird dieser als an einer fetten qæræn („Horn“) gelegen beschrieben, worunter meist eine fruchtbare Berghöhe verstanden wird (Kedar-Kopfstein, 185). Praktische Verwendung finden Tierhörner als Signalinstrument (Schofar; → Musik / Musikinstrumente), Öl- und Schminkgefäß (.; ), welche die ihnen zugeschriebene Potenz vermitteln oder übertragen (; ). Hornträger (Bovidae), die im Alten Testament in Zusammenhang mit Hörnern erwähnt werden, sind der → Stier (), Büffel (), → Widder (.; ) und → Ziegenbock (; ). Elefantenstoßzähne werden wörtlich als „Elfenbeinhörner“ bezeichnet ().

Abb. 1 Bronzefigurine eines Stiers (17.2 x 4.4 x 12.4 cm; Ḍahret eṭ-Ṭawīle bei Samaria; 1400-1150 v. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank).
In der → Ikonographie Palästinas / Israels von der Mitte des 2. Jt.s bis zur Perserzeit, auf die sich dieser Beitrag mit einer Auswahl an Darstellungen beschränkt, sind Hörner das auffälligste Merkmal in der Darstellung von Boviden. Belegt sind Capridae (Ziegenartige; ca. 600 Darstellungen; Keel 1997, Akko Nr. 140), Bovinae (Rinderartige; mehr als 350; Abb. 1), Widder (ca. 60; Abb. 2); → Hirsch (ca. 60; Crowfoot / Crowfoot, pl. 10,8) und Antilopidae (ca. 20; Aharoni, pl. 40,7; → Antilope). Als Tier mit dominantem Horn ist auch das Rhinozeros zweimal belegt (Giveon, fig. 39; Starkey / Harding, pl. 55,299).

Abb. 2 Amulett in Form eines Widders (33 x 36 x 14 mm; Lachisch; 925-700 v. Chr.).
Eine visuelle Betonung erfahren Hörner bei Protomen (d.h. Tierköpfen in Frontalansicht). Vornehmlich Rinder- (Bukephalia) und Widderköpfen sind belegt, selten Capriden- (Barnett 1975: pl. 20c, g; Gitler / Tal, pl. 88,XX.17HOa-b) und Cervidenköpfe (Hirschartige; Gitler / Tal, pl. 89). Einzigartig ist auf einer Münze aus → Aschdod ein menschlicher Kopf, der janusgestaltig mit einem gehörnten und geflügelten Löwenprotom mit Ziegenbart kombiniert ist (Gitler / Tal, pl. 3,II.1Da).
Obwohl Hornträger in der Ikonographie Palästinas / Israels die zweithäufigste Tierfamilie sind, können sie nicht per se als totum pro parte zur Bedeutungserschließung des Begriffes „Horn“ herangezogen werden. Bovidae sind ikonographisch Teil unterschiedlichster Themenbereiche (z.B. Fruchtbarkeit, Leben, Lebensgier, Erotik, Schutz, Herrschermacht, Stärke, bedrohtes Gut, Feindvölker, Leben bedrohende Mächte, → Dämonen- und Totenwelt, Postament- und Attributtier, theriomorphe Darstellung von König und Gottheiten), was eine eindeutige Bedeutungszuweisung für den Begriff „Horn“ unmöglich macht. Selbst bei der „isolierte[n] ‚Vokabel’“ (Keel 1992, 176) „Stier“ lässt sich oft nicht klar bestimmen, ob sie als Symbol der Zeugungs- oder Kampfeskraft zu verstehen ist. Eine klare Verbindung von Tier zu Horn ist nur gegeben, wenn Letzteres ins Geschehen eingreift, z.B. die wenigen Darstellungen des Stiers, der mit gesenktem Kopf seine Hörner gegen einen Löwen (Tufnell 1940, pl. 18A) oder ein Mischwesen (Loud 1948, pl. 204,3) einsetzt.

Abb. 3 Zyprisches Elfenbeinplättchen (Tel Dor; Ende 11. Jh. v. Chr.).
Im Falle einer Elfenbeindarstellung (Abb. 3) hat diese Stärke betonende Haltung symbolhaften Charakter, wenn sie gegen eine Lotosblüte gerichtet ist, die das zu schützende Gut darstellt, während die bedrohende Macht selbst nicht abgebildet ist. Noch einen Schritt weiter geht die Malerei auf der Scherbe eines phönizischen Ölgefäßes aus Tell Bēt Mirsim (Albright, pl. 28,5-6): lediglich ein Stier mit gesenktem Kopf ist dargestellt (Symbol der darin aufzubewahrenden Potenz vermittelnden Flüssigkeit?).
Bovinen-Protome sind als Wandhalterung (Loud 1948, pl. 249, 3), Amulett (Herrmann, Nr. 751), Bronze- und Elfenbeinfigur (van Beek 1993, 670; Loud 1939, no. 197) und auf Siegeln (Avigad / Sass, no. 133) und Münzen (Gitler / Tal, fig. 1.3:4) belegt.

Abb. 4 Darstellung des Mondgottes mit figurativen und nicht-figurativen Elementen (Basaltstele; Betsaida [et-Tell]; 9./8. Jh. v. Chr.).
Im Falle der Stele von Betsaida thront der Rinderkopf auf einem Pfosten (Abb. 4) und auf Münzen können sie am Flügelende von hockenden Mischwesen platziert sein (Gitler / Tal, pl. 32,VI.16Da-c). Bukephalia in einem ikonongraphischen Zusammenhang können von Vögeln flankiert sein (Eggler / Keel, Karak Nr. 4), zwischen schreitenden Figuren (Yadin, pl. 162,2) und bei Tierprozessionen (Elgavish, fig. 16) erscheinen und vor einem Capriden liegen (Parker, no. 158).

Abb. 5 Philistäische Silberdrachme mit Löwendrache und Rinderkopf (5./4. Jh. v. Chr.).
Auf Münzen wird das Bukephalion mit dem Löwendrachen kombiniert (Abb. 5), und auf Rollsiegel können Rinderköpfe die in Kolonnen oder Kästchen gegliedert Bildfläche füllen, die ein Sammelsurium von Elementen enthalten (Stein, fig. 1; Eggler / Keel, ‘Amman Flughafen Nr. 27).

Abb. 6 Stempelsiegel mit einem von Vögeln flankierten Widderkopf; darüber Mond und Sterne (16.6 x 13.3 x 9.4 mm; Tell Ğalul, Jordanien; 7. Jh. v. Chr.).
Als Attributtier der → Göttin im Halbmantel werden sie auf einem nordwestsyrischen Rollsiegel aus Meggido (Loud 1948, pl. 161,21) verstanden (Otto, 123f). Der Kuhkopf zwischen flankierenden Löwen, die auf einem Krokodil sitzen, stellt Mehet-weret, Göttin der „großen Urfülle“, dar (Keel / Schroer 1998, Taf. 2c). Ägyptische Darstellungen von Widder-Protomen als → Amulett (Herrmann, Nr. 755) und auf Siegeln in Seitenansicht (Starkey / Harding, pl. 55, 278) stellen als pars pro toto den Gott Amun dar. Frontaldarstellungen von Widderköpfen, die vor allem auf ammonitischen Namenssiegeln zu finden sind (Eggler / Keel, Tall al-‘Umeiri Nr. 31), weisen oft einen Bezug zum Himmel auf, sei es, dass sie mit Vögeln und Himmelskörpern (Abb. 6) oder mit dem jugendlichen Sonnengott (Avigad / Sass, no. 933) kombiniert sind.
Auf Münzen werden Widderköpfe mit Bovinen (Mildenberg, Nr. 20), Capriden (Gitler / Tal, pl. 87,XX.12Oa-b), Löwen (Meshorer / Qedar, no. 65) oder einer Eule (Gitler / Tal, pl. 16,III.21Oa) abgebildet. Auf all diesen Darstellungen kann den Hörnern selbst keine spezifische Funktion zugeordnet werden.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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