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Geburt (AT)

→ Geburtsankündigung; → Schwangerschaft; → Hebamme

1. Definition von Geburt

Laut dem Klinischen Wörterbuch Pschyrembel bezeichnet „Geburt“ den „Vorgang der Ausstoßung der Frucht aus dem Mutterleib unter Wehentätigkeit; i.d.R. gehen dem eigentlichen Geburtsbeginn (regelmäßige Wehen alle 10 Minuten; Fruchtblase gesprungen, sog. Zeichnen, d.h. Ausstoßung des Zervixschleimpfropfs) Geburtsanzeichen (Stellwehen, die sog. Zervixreifung) voraus. … Nach dem Blasensprung beginnt die Austreibungsperiode … Anschließend erfolgt die Nachgeburtsperiode (währenddessen Abnabelung des Kindes), nach deren Beendigung die Entbundene als Wöchnerin bezeichnet wird.“

2. Terminologie

Das häufigste Verb in der Hebräischen Bibel für „gebären“ ist jld; davon abgeleitet ist das Nomen ledāh „Geburt“ (mit vier Belegen). Das Verb chjl wird in der exegetischen Literatur mehrfach im Sinn von „kreißen“, das Nomen chîl mit „Geburtsschmerz“ wiedergegeben. „Kreißen“ gehört etymologisch zu „kreischen“, nach Baumann (899) meint chjl jedoch nicht in erster Linie das Schreien der Gebärenden, sondern ist der zusammenfassende Ausdruck für den Zustand zwischen dem Einsetzen der Geburtswehen und der Geburt selbst; nach Preuss (457f.) wird mit chjl das Verhalten der schwangeren Frau, die dem Gebären nahe ist, benannt. Die Wehen werden vor allem mit dem Nomen chǎvālîm, aber auch mit Ṣîrîm bezeichnet.

3. Der Ablauf der Geburt

In Bezug auf Geburten beim Menschen sind . und aufschlussreich (zur Schilderung einer Tiergeburt siehe ). In werden folgende Elemente der Geburt genannt: Niederkauern der Frau und Gebären aufgrund von Wehen. Nach ist die Gebärende nicht allein: Um sie herum stehen Frauen. Es gibt in der Hebräischen Bibel (vielleicht mit Ausnahme der textlich unsicheren Stelle – nach dem masoretischen Text: „sie wurden auf Jakobs Knien geboren“) keinen Beleg für die Anwesenheit von Männern bei einer Geburt. Es wird erwähnt, dass den Vätern die vollzogene Geburt gemeldet wurde (; ).

Aus geht via negationis hervor, wie ein neugeborenes Kind am Tag der Geburt behandelt wurde: Abschneiden der Nabelschnur, Waschen mit Wasser, Einreiben mit Salz, Wickeln wohl im Sinn von Bandagieren der Körperteile (→ Säugling).

(Masoretischer Text) enthält folgenden Befehl des ägyptischen Pharaos an die hebräischen Hebammen: „Wenn ihr den Hebräerinnen bei der Geburt helft, sollt ihr auf das Steinpaar sehen. Wenn es ein Sohn ist, tötet ihn; wenn es eine Tochter ist, soll sie leben.“ Häufig wurde angenommen, dass es sich bei den Steinen um Stützsteine für die Gebärende handelt, wie sie auch in der Umwelt Israels benutzt wurden. Unklar bleibt jedoch, weshalb die Hebammen auf diese Stützsteine blicken sollen. Da sie dadurch das Geschlecht der Kinder feststellen sollen, ist der Begriff wohl besser als Euphemismus für Geschlechtsteile aufzufassen.

Es scheint im Alten Israel Frauen gegeben zu haben, die in Sachen Geburtshilfe besonders bewandert waren bzw. als besonders bewandert galten: In drei Texten wird eine solche Frau als məjallædæt bezeichnet (: Schifra und Pu‘ah; ; ). Nach band die „Hebamme“ um die Hand des Zwillings, die zuerst sichtbar wurde, ein Band, um diesen Zwilling als Erstgeborenen zu kennzeichnen. Nicht zuletzt im Hinblick auf diese Handlung ist es wahrscheinlich, dass es sich bei den məjallədôt um einen „Berufsstand“ handelt. Über die Ausbildung der „Hebammen“ geben alttestamentliche Texte keine Auskunft.

Laut dem priesterlichen Text galt die Mutter nach dem Gebären als kultisch unrein (sieben Tage nach der Geburt eines Sohnes, zwei Wochen nach der Geburt einer Tochter); die sich anschließenden Tage der Reinigung sollten abgeschlossen werden mit einem Reinigungsopfer.

Die Namensgebung des Kindes konnte unmittelbar im Zusammenhang mit der Geburt durch die Mutter erfolgen: Die an der Geburt sterbende Rachel nennt ihren Sohn Ben Oni („Sohn meiner Lebenskraft“, ); die (in der Bibel namenlose) sterbende Schwiegertochter des Eli nennt den Säugling Ikabod („Ehrlos“, ). Bezeugt ist aber auch, dass nach der Geburt Väter die Namen vergeben (z.B. ; ; ..).

4. Risiken bei der Geburt

Recht selten ist die Rede von Komplikationen bei einer Geburt. Verwiesen wird auf die Erfahrung, dass Wehen während des Vorgangs der Geburt plötzlich aussetzen können () und dass sich die Geburt trotz Wehen verzögert (; ). Zweimal wird vom Tod einer Frau bei der Geburt erzählt (.; .). Nach dem Verheißungswort soll es im Land weder eine unfruchtbare Frau noch eine məšakkelāh, wohl eine Frau, die Fehlgeburten hat, geben. Interessanterweise werden in den das Heiligkeitsgesetz und das deuteronomische Gesetz abschließenden Fluchworten ( und ) Israel weder Komplikationen bei Geburten noch Miss-, Fehl- oder Totgeburten angedroht.

Nur dreimal ist in der Hebräischen Bibel das Nomen nefæl (wohl von dem Verb nfl, „fallen“) bezeugt (; ; ). Es kann sich um eine Totgeburt oder eine Frühgeburt handeln. Das Kind kommt jedenfalls „ohne Leben“ zur Welt, nach wird es verscharrt. Wahrscheinlich wird auch in b auf eine Frühgeburt oder Totgeburt angespielt (dessen næfæš JHWH nicht zum Leben brachte): Sie wird zusammen mit den anderen verstorbenen Israelitinnen und Israeliten zum Gotteslob aufgefordert und bekommt auf diese Weise einen gewissen Anteil an JHWH. Insgesamt gesehen ist bemerkenswert, dass gerade in den Psalmgebeten die Gefahren der Geburt für Mütter und Kinder wenig thematisiert werden.

Hingewiesen werden soll in diesem Zusammenhang noch auf die Klage einer Gebärenden, die in Ninive in der Bibliothek → Assurbanipals gefunden wurde: „Am Tage, da ich Frucht trug, wie war ich da froh! Froh war ich, froh war mein Gatte! Am Tage, da ich kreißte, umwölkte sich mein Antlitz, am Tage, da ich gebar, wurden meine Augen starr. Mit geöffneten Händen betete ich zur Belet-ili: ‚Du bist die Mutter der Gebärenden, rette mein Leben!’ Als Belet-ili (dies) hörte, verhüllte sie ihr Antlitz [und sprach]: ‚Du, warum betest du immer wieder zu mir?’ … Jetzt schlich sich schleicherisch der Tod in mein Schlafgemach.“ (TUAT II 780f)

5. Anthropologische und theologische Bedeutungshorizonte

1) Unter Schmerzen gebären. Die erste Stelle in der Hebräischen Bibel, an der Gebären erwähnt wird, ist der sog. Strafspruch für die Frau im Garten Eden . Der hier interessierende erste Teil des Verses lässt sich verschieden interpretieren (Dieckmann). Eine Interpretationsmöglichkeit von V. 16a ist, dass JHWH die Mühsal der Frau und insbesondere die Mühsal ihrer Schwangerschaft „viel machen“ wird: Sie wird unter Mühe und Schmerzen ihre Kinder gebären (vgl. auch ). Aus dieser Perspektive ist das Gebären Teil der harten Lebensbedingungen für Frauen, d.h. der Bedingungen der Welt „jenseits von Eden“. Eine andere Sichtweise auf Schwangerschaft und Geburt ist implizit in enthalten: Die Frau wird von Adam im Anschluss an die Strafsprüche chawāh „Eva“ genannt, denn sie wird zur „Mutter allen (menschlichen) Lebens“ (chaj). Durch Schwangerschaft und Gebären verhelfen Frauen dem Leben zum Durchbruch und sichern das Überleben der Menschheit.

2) Unfruchtbarkeit. Wie viele Erzählungen in der Hebräischen Bibel (z.B. über die Erzeltern, Ruth, Hannah) zeigen, bedeutete Unfruchtbarkeit für eine Frau eine schwere psychische Belastung, zudem konnte Unfruchtbarkeit mit familiärer Diskriminierung einhergehen (→ Schwangerschaft). In sozialer Hinsicht war eine unfruchtbare Frau im Alter schlechter und im Fall von Witwenschaft schlecht gestellt. In diesem Kontext ist die in vielen Erzählungen zum Ausdruck gebrachte besondere Wertschätzung der Geburt von Söhnen zu verstehen: Durch die virilokale Eheform verließen Töchter ihr Elternhaus und fielen für die Versorgung der Eltern aus, diese oblag allein den Söhnen (und ihren Familien). Nur Söhne bildeten also eine Art „Sozialversicherung“.

Israel erzählt seine Anfänge als Familiengeschichte. In den Erzelterngeschichten spielen die Motive von Unfruchtbarkeit und von schließlich durch JHWH verheißener und ermöglichter Schwangerschaft und Geburt eine zentrale Rolle (→ Geburtsankündigung). Darin spiegelt sich nicht zuletzt das „Glaubenswissen“ Israels wider, dass sich sein Werden wesentlich der gnädigen Zuwendung JHWHs verdankt.

3) Wehen als Metapher. Wehen werden im Alten Testament nur in einem Erzähltext explizit auf eine Frau bezogen (). Vor allem bei den Propheten spielen die Wehen bzw. eine von Wehen ergriffene Frau als Metaphern eine Rolle (wobei der Gebrauch dieser Metaphern „geschlechtsneutral“ ist): So werden nach einigen Texten Israel / Juda oder ein feindliches Volk wie eine Gebärende von Wehen ergriffen, wobei der Vergleich dazu dient, die notvolle und schmerzensreiche Lage (meist veranlasst durch feindliche Übergriffe) zu illustrieren (z.B. ; ; ; ). In vergleicht sich der Prophet mit einer von Wehen erfassten Frau; dies soll seine plötzliche Not aufgrund einer schrecklichen Offenbarung deutlich machen. Die verheißene heilvolle „Neugeburt“ Israels nach dem Exil wird beschrieben als schnelle Geburt ohne Wehen ().

4) Geburt von Göttern. Überliefert sind viele Geburtserzählungen von altorientalischen Göttern. Nicht so von JHWH: Zum unverwechselbaren Profil des Gottes Israels gehört es, dass er keine Geburtsgeschichte hat bzw. in der Hebräischen Bibel nicht als „geboren“ bezeichnet wird. Doch werden in der Gottesrede gelegentlich Metaphern rund um Schwangerschaft und Geburt verwendet:

5) JHWH als gebärender Gott. In („Ehe die Berge geboren wurden …“) findet sich die Vorstellung von der Entstehung der Welt durch Geburt, Subjekt muss im Kontext JHWH sein. In wird JHWH als Israel Gebärende (!) ins Bild gesetzt (vgl. auch ). Die Geburt Israels durch JHWH soll im Kontext unter anderem deutlich machen, dass Israel sich nur um den Preis der Identitätsaufgabe von JHWH lossagen könnte. Auch der Neuanfang Israels nach dem Exil wird als Geburt beschrieben; Israel kommt durch JHWH als neues Volk zur Welt (, vgl. auch ). Auf der individuellen Ebene findet sich die (von altorientalischer Mythologie beeinflusste) Vorstellung, dass der König von JHWH geboren wird ( und ). Der als Geburt des Königs von JHWH gefasste Anerkennungsakt begründet die Legitimität seiner Herrschaft. Der eindrückliche Gebrauch von so genuin „weiblicher“ Metaphorik wie „gebären“ in der Gottesrede ist ein Indiz dafür, dass der monotheistische Gott in der Hebräischen Bibel nicht eindeutig auf das männliche Geschlecht festgelegt wurde.

6) JHWH als Hebamme. In altorientalischen Texten finden sich mehrere Belege dafür, dass männliche und weibliche Gottheiten explizit als Hebammen bezeichnet werden; zum Teil wird deren Hebammendienst ausführlich beschrieben. JHWH wird in der Hebräischen Bibel nicht Hebamme genannt, aber an einigen Stellen werden JHWH metaphorisch Hebammentätigkeiten zugeschrieben (z.B. .: JHWH hat das betende Ich aus dem Bauch gezogen; : JHWH hat die Nabelschnur des betenden Ichs abgetrennt). Die Zuschreibung dient an den genannten Stellen nicht zuletzt der Vergewisserung eines Menschen, dass JHWH seinem Leben zum Durchbruch verholfen hat und dass sein Geschick von Anfang an in JHWHs Händen steht.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Baumann, A., 1977, Art. חיל u.a., ThWAT II, 898-902
  • Dieckmann, D., 2006, „Viel vervielfachen werde ich deine Mühsal – und deine Schwangerschaft. Mit Mühe wirst du Kinder gebären“. Die Ambivalenz des Gebärens nach Gen 3,16, in: D. Dieckmann / D. Erbele-Küster (Hgg.), „Du hast mich aus meiner Mutter Leib gezogen“. Beiträge zur Geburt im Alten Testament (BThSt 75), Neukirchen-Vluyn, 12-38
  • Fischer, I., 1997, Mütter und Kinder im Alten Testament, Welt und Umwelt der Bibel 6/4, 5-9
  • Grohmann, M., 2006, „Du hast mich aus meiner Mutter Leib gezogen“. Geburt in Psalm 22, in: D. Dieckmann / D. Erbele-Küster (Hgg.), „Du hast mich aus meiner Mutter Leib gezogen“. Beiträge zur Geburt im Alten Testament (BThSt 75), Neukirchen-Vluyn, 73-97
  • Grohmann, M., 2007, Fruchtbarkeit und Geburt in den Psalmen (FAT 53), Tübingen
  • Grund, A., 2006, Der gebärende Gott. Zur Geburtsmetaphorik in Israels Gottesrede, in: H.M. Niemann / M. Augustin (Hgg.), Stimulations from Leiden. Collected Communications to the XVIIIth Congress of the International Organization for the Study of the Old Testament, Leiden 2004 (BEAT 54), Frankfurt a.M. u.a., 305-318
  • Grund, A., 2006, „Aus Gott geboren“. Zu Geburt und Identität in der Bildsprache der Psalmen, in: D. Dieckmann / D. Erbele-Küster (Hgg.), „Du hast mich aus meiner Mutter Leib gezogen“. Beiträge zur Geburt im Alten Testament (BThSt 75), Neukirchen-Vluyn, 99-120
  • Keel, O., 2008, Gott weiblich. Eine verborgene Seite des biblischen Gottes, Gütersloh
  • Philip, T.S., 2006, Menstruation and Childbirth in the Bible. Fertility and Impurity (SBL 88), New York u.a.
  • Preuss, J., 1992, Biblisch-Talmudische Medizin. Beiträge zur Geschichte der Heilkunde und der Kultur, Wiesbaden [1911]
  • Stol, M., 2000, Birth in Babylonia and the Bible. Its mediterranean setting (Cuneiform monographs 14), Groningen

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