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Eitelkeit / Windhauch

1. Allgemeines

Mit „Eitelkeit / Windhauch“ wird das hebräische Primärnomen הֶבֶל hævæl wiedergegeben. Bei ihm handelt es sich um eine onomatopoetische Wortbildung, die den Hauch-Charakter durch seine Konstellation weicher Konsonanten und einer entsprechenden Vokalschwäche nachbildet. Seine Grundbedeutung „(verwehter) Hauch / Lufthauch“ bezeichnet metaphorisch etwas Vorübergehendes, Gewichtlos-Leichtes, Wertloses, Leeres, Macht- und Hilfloses (Loretz, 223). Bildet „Windhauch“ das Prädikatsnomen im Nominalsatz, wie häufig im Buch → Kohelet / Prediger Salomo, wird es im Deutschen durch ein Adjektiv wiedergegeben. Entsprechend übersetzt Martin Luther mit „eitel“. Dabei muss beachtet werden, dass das Adjektiv im Mittelhochdeutschen „nichtig / leer“ bedeutet, also (noch) nicht moralisch konnotiert ist. Seine heutige Bedeutung „eingebildet / gefallsüchtig“ dürfte sich erst über die Zwischenstufe „aufgeblasen / leer“ entwickelt haben (Kluge, 237).

Für das Primärnomen finden sich im Alten Testament 73 Belege, mehr als die Hälfte davon im Buch Kohelet / Prediger Salomo. Nur in der biblischen → Urgeschichte in begegnet hævæl auch als Eigenname „Abel“ (→ Kain und Abel). Ob ein Zusammenhang mit dem Primärnomen besteht, ist nicht bewiesen. Doch genügt der Gleichklang, um im Eigennamen „Abel“ einen Hinweis auf das flüchtige Leben zu entdecken, das ihm von seinem Bruder Kain genommen wurde.

2. Biblische Befunde

Das breite Bedeutungsspektrum von „Windhauch“, das zwischen flüchtig, vergänglich, vergeblich und sinnlos oszilliert, lässt sich durch seine Verwendungsbereiche im Alten Testament näher bestimmen.

2.1. Anthropologie

Häufig begegnet „Windhauch“ in den Vergänglichkeitsklagen. Dabei sind es bemerkenswerterweise nur zwei Subjekte, die durch das Nomen prädiziert werden: nämlich der Mensch bzw. die Menschen (.; ; ; ) und ihre kurze Lebensspanne (; ). Die anthropologische Grundaussage wird hier von den Bedeutungsaspekten des Vergehens und Verhauchens dominiert. Doch muss man auch ihre Funktion in den Vergänglichkeitsklagen (→ Klage) berücksichtigen; denn der gefühlsbetonte Hinweis auf die Nichtigkeit und Kurzlebigkeit des Menschen möchte in der Beziehung zwischen Geschöpf und Schöpfer das Mitleid und Erbarmen Gottes erwirken (→ Barmherzigkeit; → Gnade).

2.2. Weisheit

In einem weiteren Sinne dient „Windhauch“ im weisheitlichen Diskurs zum Ausdruck negativer Urteile. Durch sie werden allgemein gültige Werte wie Reichtum (; ), Schönheit (), Jugend () und militärische Stärke () unter näher bestimmten Umständen entwertet. Auch menschliche Anstrengung, die ihr Ziel nicht erreicht und somit erfolglos bleibt, wird negativ beurteilt (; ). Dabei lässt sich nicht zuletzt an den Übersetzungen ablesen, dass der metaphorische Gehalt von „Windhauch“ stärker hinter die abstrakte Qualifizierung als „wertlos / nutzlos / leer“ zurücktritt. Darüber hinaus findet sich im → Hiobbuch die rhetorische Strategie, die Argumente der Freunde Hiobs durch das abwertende Prädikatsnomen als nutzlos und trügerisch zu qualifizieren (; ).

2.3. Fremdgötterpolemik

Die Aspekte des Nutzlosen und Trügerischen führen in den götzenpolemischen Texten aus dem Umkreis deuteronomistischer Theologie (→ Deuteronomismus) zu einer Spezialbedeutung. Vor dem Hintergrund, dass die fremden Götter nicht helfen können (; vgl. ), werden sie als wirkungslos qualifiziert und nominal als „Nichtse“ tituliert (; .; ; ). Nachgerade erweist sie in der Genitiv-Verbindung mit šaw’ „wertlos / haltlos“ als „leere Luftgespinste“ (Seybold, 127). Auch Götterbilder aus Holz werden in dieser Weise entzaubert und ihre Verehrung wird dem Spott preisgegeben (; ..; ).

2.4. Weitere Verwendung

Abgesehen von der Götzenpolemik steht auch im → Buch Kohelet / Prediger Salomo das biblische Bedeutungsspektrum im Hintergrund. In welchem Maße jedoch Kohelet davon Gebrauch macht, ist umstritten. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass er durch seine signifikante Verwendung das traditionelle Bedeutungsspektrum erweitert, verändert oder sogar auf einen speziellen Sinn festgelegt hat. Über diesen Sachverhalt diskutiert die Forschung.

3. Der Sprachgebrauch im Buch Kohelet

Der Leitwort-Charakter von hævæl wurde bereits vom ersten Herausgeber des Buches Kohelet / Prediger Salomo erkannt, der die Lehren Kohelets für die Publikation zusammengestellt und ihm die Rahmenverse und 12,8 als Motto beigegeben hat (Fischer, 5-35). Abzüglich der acht Belege, die allein in diesen beiden Rahmenversen stehen, jedoch für den Sprachgebrauch Kohelets nichts austragen, bleiben 30 Belege. Davon lassen sich mindestens fünf Stellen als Aussagen über das menschliche Leben verstehen, die seine Lebenszeit bzw. sein Lebensalter im herkömmlichen Sinne als „vergänglich“ und „flüchtig“ qualifizieren (; ; ; ). Funktion und Bedeutung der übrigen Windhauch-Aussagen, in denen hævæl das Prädikatsnomen bildet, werden kontrovers diskutiert.

3.1. Erkenntniskritisches Urteil

Die These von Diethelm Michel nimmt ihren Ausgangspunkt bei der Annahme der traditionellen Weisheit, dass der Mensch die von Gott in die Welt hinein verborgenen Gesetzmäßigkeiten erkennen und sich dadurch einen Vorteil verschaffen kann. Diesem weisheitlichen Anspruch tritt Kohelet entgegen und führt in einer Reihe von gedanklichen Experimenten und prüfenden Betrachtungen vor Augen, dass man immer wieder nur den Kopf schütteln kann, weil die Vorgänge unter der Sonne keinen Sinn zu erkennen geben (Michel, 40-51). Nach Michel vertritt Kohelet damit einen „erkenntnistheoretischen Skeptizismus“ und zieht die von der Weisheit behaupteten positiven Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis grundsätzlich in Zweifel. Wo immer Kohelet das Ergebnis menschlicher Sinnsuche negiert, bringt er seinen Vorbehalt gegenüber dem Erkenntnisvermögen des Menschen durch das Wort hævæl zum Ausdruck. Michel plädiert deshalb für die übertragene Bedeutung „sinnlos“ und übersetzt es (im Anschluss an Albert Camus) mit dem Fremdwort „absurd“, um dadurch den philosophischen Charakter der Ausführungen Kohelets zu unterstreichen.

3.2. Wirklichkeitsbezogenes Urteil

Norbert Lohfink stimmt mit Michel darin überein, dass Kohelet die Grenzen menschlicher Erkenntnis thematisiert. Aber an allen Stellen, an denen Kohelet eine Einsicht des Menschen in den Weltzusammenhang negiert (; ; ; ; ; ; ; ; ; ; ; ; ; ), fehlt überraschenderweise das Wort hævæl (Lohfink, 237-250). Deshalb lautet die Gegenthese von Lohfink, dass mit den Windhauch-Aussagen keineswegs ein Urteil über das menschliche Subjekt resp. seine Erkenntnisfähigkeit gefällt wird, sondern vielmehr über die objektive Welt: hævæl bezieht sich auf Handlungen, Dinge, Situationen, Ereignisse im menschlichen Bereich, die je nachdem als vergänglich, vergeblich, rätselhaft oder sinnlos qualifiziert werden. In diesen Urteilen changiert die Wortbedeutung und lässt sich daher nicht auf einen einzigen abstrakten Begriff festlegen. Konsequenterweise plädiert Lohfink für die Beibehaltung seines metaphorischen Charakters und übersetzt durchgängig mit „Windhauch“. Im Zuge der Erst- und Mehrfachlektüre des Buches Kohelet / Prediger Salomo sei es dem Leser aufgegeben, die Metapher mit den entsprechenden Bedeutungsakzenten zu versehen (Lohfink, 218-229).

3.3. Erkenntnisweg via negationis

Im Anschluss an die Position von Lohfink bietet Schwienhorst-Schönberger (289-290) eine Klassifizierung aller Windhauch-Aussagen nach ihren Funktionen:

(1) Relativierung von Werten und Gütern: ; .; ....; .

(2) Negative Qualifikation eines Übels (malum physicum): ..; ..; .; .; a.

(3) Zurückweisung von Ansichten, die Kohelet nicht teilt: ; ; ..

(4) Metaphorische Umschreibung von „Vergänglichkeit“: ; .; ; ; .; .

Schwienhorst-Schönberger geht allerdings über Lohfink hinaus, indem er die Windhauch-Aussagen zu einem Erkenntnisweg via negationis erklären möchte, der zur Bestimmung des wahren Guten bei Kohelet führen soll (Schwiehorst-Schönberger, 292-297).

3.4. Das Problem im Spiegel der Bibelübersetzungen

Bereits die alten Übersetzungen verfolgen offenbar unterschiedliche Ziele in der Wiedergabe von hævæl. Die → Septuaginta übersetzt im Buch Kohelet / Ecclesiastes mit ματαιότης mataiotēs „Vergänglichkeit / Vergeblichkeit / Leichtsinn“ und gibt dem Schlüsselwort dadurch eine leicht moralische Färbung, die auf die sittliche Mangelhaftigkeit des Menschen zielt (Bertram, 30-34). Aquila bleibt dagegen streng wörtlich bei der Bildaussage und wählt dafür α̉τμóς atmos „Dampf / Dunst“, während Hieronymus wiederum ein Abstraktum bevorzugt und noch treffender als die Septuaginta mit vanitas „leerer Schein / Gehaltlosigkeit“ übersetzt. Dem entspricht am nächsten die Übersetzung Martin Luthers mit „eitel“. Seine Wiedergabe konnte sich jedoch heutigen Bibelübersetzungen nicht empfehlen, weil das deutsche Wort „eitel“ zwischenzeitlich die Bedeutung „eingebildet / gefallsüchtig“ angenommen hat (siehe oben).

Insgesamt lässt sich auch bei den modernen Bibelübersetzungen das Bemühen um eine konkordante Wiedergabe von hævæl beobachten, die den Leitwort-Charakter erkennbar halten soll. So übersetzt die Gute Nachricht Bibel (1997) fast durchgängig mit „vergeblich“ bzw. „vergeblich und vergänglich“, in einer früheren Fassung hatte sie sogar die Übersetzung mit „sinnlos“ erwogen. Die Neue Zürcher Bibel (2007) entscheidet sich für „nichtig“ bzw. „nichtig und flüchtig“, während die Einheitsübersetzung (1980) mit dem Bildwort „Windhauch“ übersetzt. Englische Bibelübersetzungen bevorzugen die Wiedergabe mit „vanity“, The Holy Bible. New International Version (1984) übersetzt mit „meaningless“. Dagegen hat sich die Übersetzung mit „absurd“ bislang in keiner modernen Bibelausgabe durchsetzen können.

4. Rezeption

Abb. 1 Vanitas-Darstellung: Junger Mann mit Totenkopf (Frans Hals, 1626-1628).

Die Aussagen Kohelets über die Vergänglichkeit alles Irdischen und die damit zusammenhängende Vergeblichkeit menschlichen Daseins wurden zur Inspirationsquelle für die Vanitas-Darstellungen in Kunst und Literatur des Mittelalters bis zum Barock. Beliebte Bild-Motive sind der Totenschädel, die Sanduhr, die erlöschende Kerze sowie die verwelkende Blume, die dem Bild des verwehenden Windhauchs am nächsten kommt (vgl. aber ). In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges dichtet Andreas Gryphius (1616-1664) ein Sonett mit dem Titel „Es ist alles eitel“; von Michael Franck (1609-1667) stammt wiederum das Kirchenlied „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist des Menschen Leben“ (EG 528,1-8). Berühmt ist auch der stärker frömmigkeitsbetonte Liedvers von Matthias Claudius (1740-1815) „Wir stolzen Menschenkinder, sind eitel arme Sünder“ (EG 482,4). Im Zusammenhang mit dem Existentialismus (Albert Camus, Jean-Paul Sartre) und der Existenzphilosophie (Karl Jaspers) des 20. Jahrhunderts wird das Buch Kohelet / Prediger Salomo in der Theologie wieder entdeckt und die Aktualität seiner Windhauch-Aussagen bedacht.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1970-1995.
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München / Zürich 1984.
  • Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel 1971-2005.

2. Weitere Literatur

  • Bertram, G., 1952, Hebräischer und griechischer Qohelet. Ein Beitrag zur Theologie der hellenistischen Bibel, ZAW 64, 26-49.
  • Ehlich, K., 1996, הבל – Metaphern der Nichtigkeit, in: A.A. Diesel (Hg.), „Jedes Ding hat seine Zeit …“ Studien zur israelitischen und altorientalischen Weisheit (FS D. Michel; BZAW 241), Berlin / New York, 49-64.
  • Evangelisches Gesangbuch, 1996, Ausgabe für die Evangelische Landeskirche in Württemberg, Stuttgart.
  • Fischer, A.A., 1997, Skepsis oder Furcht Gottes? Studien zur Komposition und Theologie des Buches Kohelet (BZAW 247), Berlin / New York.
  • Fox, M.V., 1986, The Meaning of Hebel for Qohelet, JBL 105, 409-427.
  • Kaiser, O., 2007, Kohelet. Das Buch des Predigers Salomo übersetzt und eingeleitet, Stuttgart.
  • Kluge, F., 2002, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Aufl. Berlin / New York.
  • Lohfink, N., 1998, Zu הבל im Buch Kohelet, in: ders., Studien zu Kohelet (SBA 26), Stuttgart, 215-258.
  • Lohfink, N., 1998, Kohelet übersetzen. Berichte aus einer Übersetzungswerkstatt, in: ders., Studien zu Kohelet (SBA 26), Stuttgart, 259-290.
  • Loretz, O., 1964, Qohelet und der Alte Orient. Untersuchungen zu Stil und theologischer Thematik des Buches Qohelet, Freiburg.
  • Michel, D., 1989, Untersuchungen zur Eigenart des Buches Qohelet (BZAW 183), Berlin / New York.
  • Schwienhorst-Schönberger, L., 1994, „Nicht im Menschen gründet das Glück“ (Pred 2,24). Kohelet im Spannungsfeld jüdischer Weisheit und hellenistischer Philosophie (HBS 2), Freiburg u.a.
  • Seybold, K., 1996, Die Psalmen (HAT I/15), Tübingen.
  • Vonach, A., 2004, Das Dilemma der Vergänglichkeit – Ein Beitrag zum Verständnis der Wortwurzel הבל bei Kohelet, in: M. Augustin / H.M. Niemann (Hgg.), Basel und Bibel. Collected Communications to the XVIIth Congress of the International Organization for the Study of the Old Testament Basel 2001 (BEATAJ 51), Frankfurt a.M. u.a.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Vanitas-Darstellung: Junger Mann mit Totenkopf; Frans Hals (1626-1628)

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