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Einsicht (AT)

→ Erkennen / Erkenntnis; → Vernunft / Verstand

1. Die hebräischen Äquivalente von „Einsicht“

Das Nomen „Einsicht“ findet sich in deutschen Übersetzungen des Alten Testaments (ohne Apokryphen) in auffallend unterschiedlicher Häufigkeit: in der Einheitsübersetzung 90-mal, in der Lutherbibel dagegen nur 35-mal.

Das Bedeutungsspektrum des deutschen Wortes „einsehen“ umfasst nach dem Wörterbuch der Brüder Grimm vier Bereiche:

  • 1. hineinsehen (inspicere),
  • 2. einblicken (introspicere),
  • 3. verstehen (perspicere, intelligere),
  • 4. Fehler wahrnehmen (animadvertere, attendere).

Das Nomen „Einsicht“ übersetzt das Grimm’sche Wörterbuch mit intelligentia und judicium, gibt aber zwei Bedeutungsfelder an:

  • 1. einen Brief einsehen (vgl. „einsehen“ 1.),
  • 2. ein Mann von Bildung und Einsicht (vgl. judicium, intelligentia).

Die hebräischen Wörter, die in der Lutherübersetzung mit „Einsicht“ wiedergegeben werden, gehören allesamt zum semantischen Feld der intellektuellen Fähigkeiten (vgl. „Wissen“ bei Arnet, 272-274), d.h. ausschließlich die zweite Bedeutungsnuance des deutschen Wortes ist damit gemeint. Im Einzelnen wird „Einsicht“ (oder das Adjektiv „einsichtig“; nur ) bei der Übersetzung folgender hebräischer Begriffe verwendet:

  • בין bjn – verstehen u.ä. (3-mal),
  • בינה bînāh – Einsicht / Verstand (10-mal),
  • תבונה təbûnāh – praktische Intelligenz (9-mal),
  • ידע jd‘ – Wissen (1-mal),
  • דעת da‘at – Wissen (3-mal),
  • דעה dē‘āh – Wissen (1-mal),
  • מדע maddā‘ – geistige Flexibilität (1-mal),
  • תושׁיה tûšijjāh – Planen einer Handlung (2-mal),
  • חשׁבון chæšbôn – Rechnung (1-mal),
  • טעם ṭa‘am – Geschmack, Urteilsvermögen (1-mal),
  • שׁוב אל־לב šwb ’æl lev – „zur Einsicht kommen“ (1-mal),
  • שׂכל śkl / śekhæl – einsehen, gesunder Menschenverstand (1-mal Verb; 1-mal Nomen).

Aufgrund ihres Bedeutungsspektrums finden sich die hebräischen Begriffe schwerpunktmäßig in weisheitlichen Texten; so auch die Übersetzung mit „Einsicht“: Sprüchebuch: 15-mal; Hiobbuch: 10-mal; : 2-mal; Jesajabuch: 2-mal; Jeremiabuch: 2-mal; Danielbuch: 2-mal; Predigerbuch: 1-mal.

In den → Apokryphen findet sich das Wort „Einsicht“ noch 12-mal, und zwar ebenfalls überwiegend in weisheitlichen Schriften (→ Weisheit Salomos: 4-mal, → Jesus Sirach: 6-mal). Es gibt dort die griechischen Lexeme φρόνησις (phrónēsis), σύνεσις (sýnesis) wieder.

2. Die einzelnen Begriffe

2.1. בין bjn und Derivate

Die Lutherbibel gibt mit „Einsicht“ am häufigsten (21-mal) Derivate der Wurzel בין bjn wieder (Qal: „achten auf / verstehen“, Nif.: „einsichtig sein“; Hif.: ähnlich Qal, zusätzlich kausativ „zur Einsicht bringen“ etc.). Die Wurzel בין bjn „Acht geben / verstehen / Verstand / Einsicht“ bezieht sich „auf eine Vielfalt von Objekten und hat sowohl mit menschlicher Einsicht im Sinne der Weisheit oder des apokalyptischen Verstehens oder einfach der Gotteserkenntnis, als auch mit dem göttlichen Wissen zu tun. Es umfasst sowohl das Verstehen als auch das daraus folgende Handeln.“ (Ringgren, 624). Das Verb ist an drei Stellen mit einer „Einsicht“-haltigen Wendung wiedergegeben:

  • „Wen fragt er [Gott] um Rat, der ihm Einsicht gebe …“ (),
  • „Und die Verständigen im Volk werden vielen zur Einsicht verhelfen …“ (),
  • „Habt doch Einsicht; danach wollen wir reden!“ ().

2.1.1. בינה bînāh – theoretisches Denken

Das Nomen בינה bînāh bedeutet „Verstand“ und „Einsicht“ und wird in der Lutherbibel auch überwiegend so wiedergegeben. An 19 von 39 Belegen erscheint בינה bînāh zusammen mit חכמה chåkhmāh „Weisheit“ und ist ein typisches Wort weisheitlicher Literatur. בינה bînāh ist die ordnende und interpretierende Aktivität des Denkens; sie kann sich auf Kunstgewerbe beziehen, auf Zeichendeutung und Astrologie, auf das Königsamt oder auf das Gesetz (die → Tora). Insgesamt ist בינה bînāh eher theoretisch als praktisch orientiert (vgl. Fox, 1993, 152). Einsicht zu erwerben, ist ein Grundanliegen des Weisen:

  • „Weisheit erwerben ist besser als Gold und Einsicht erwerben edler als Silber.“ (; vgl. ; ; ; stets zusammen mit „Weisheit“).

Gott hat Einsicht () und er teilt sie dem Menschen mit:

  • „…und er [Gott] sprach zum Menschen: Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.“ (; vgl. ).

Diese Stelle macht deutlich, wie in der späten Weisheit Glaube („Furcht des Herrn“) und Ethik / Moralität („Meiden des Bösen“) in einer religiösen Deutung der Weisheit verbunden werden. Von sich aus hat der Mensch keine Weisheit und Einsicht (vgl. ; ; → Hiob / Hiobbuch), bzw. er kann sich nicht auf seine eigene Einsicht verlassen ().

2.1.2. תבונה təbûnāh – praktische Intelligenz

Im Unterschied zu בינה bînāh, das eher theoretische Aspekte des Denkens abdeckt, bezieht sich תבונה təbûnāh auf den praktischen, angewandten Aspekt des Denkens, auf das Handeln (vgl. Fox, 1993, 152). תבונה təbûnāh kann daher auch die Geschicklichkeit im Beruf kennzeichnen. Als Wort, das häufig mit „Weisheit“ im synonymen Parallelismus steht, gehört es zu den Leitworten der Weisheit und zu den erstrebenswerten intellektuellen Eigenschaften:

  • „Wohl dem Menschen, der Weisheit erlangt, und dem Menschen, der Einsicht gewinnt!“ (; vgl. .).

Diese praktische Intelligenz zeichnet in der späten Weisheit auch Gott bei seinen Schöpfungswerken aus:

  • „Der HERR hat die Erde durch Weisheit gegründet und nach seiner Einsicht die Himmel bereitet.“ (; vgl. ).

Gott überträgt die praktische Intelligenz auch auf Menschen (zur traditionsgeschichtlichen Einordnung der beiden Proverbien-Stellen vgl. Müller):

  • „Denn der HERR gibt Weisheit, und aus seinem Munde kommt Erkenntnis und Einsicht.“ ().

2.2. דעת da‘at „Wissen“ und Stammverwandte

Die Wurzel ידע jd‘ gehört zu den häufigsten im Alten Testament; sie bedeutet „merken / erfahren / erkennen / kennen / verstehen / wissen“; sie hat also einen weiten Bedeutungshorizont, der von kleinsten Akten der Aufmerksamkeit bis zu tiefsinniger Erkenntnis reichen kann (vgl. Fox, 2000, 31). Ausgangpunkt des „Wissens“ ist die sinnliche Erfahrung, etwa das Hören (vgl. Schottroff, 686; Bergman / Botterweck, 492), so auch in der Erziehung, einem zentralen weisheitlichen Thema:

  • „Der Weisen Mund breitet Einsicht (דעת da‘at) aus; aber der Toren Herz ist nicht recht.“ ().
  • „Schlägt man den Spötter, so werden Unverständige vernünftig; weist man den Verständigen zurecht, so gewinnt er an Einsicht (דעת da‘at).“ ().

Und so ist „Wissen“ als „Einsicht“ (judicium) auch ein Ziel weisheitlichen Strebens (; vgl. Bergman / Botterweck, 493).

מדע mādda‘ ist ein spätes Wort mit der Bedeutung „geistige Flexibilität“ (Bergman / Botterweck, 510f.); es wird in mit „Einsicht“ übersetzt.

Da die Wurzel ידע jd‘ keineswegs einer weisheitlichen Sondersprache angehört, sondern dem allgemeinen Sprachgebrauch, finden wir es auch in prophetischen Texten (z.B. ; ) etwa vom messianischen König () und von Gott ().

2.3. תושׁיה tûšijjāh – Planen einer Handlung

An zwei von insgesamt 13 Vorkommen (einschließlich → Jesus Sirach) übersetzt die Lutherrevision von 1984 תושׁיה tûšijjāh mit „Einsicht“. Das hebräische Wort kommt ausschließlich in weisheitlichen Texten vor, und solchen, die von ihrem Denken geprägt sind (; ). Als Aspekt dessen, was Weisheit ausmacht, bezeichnet es ein Vermögen, das nicht primär intellektuell ist; es wird benutzt, um einen Handlungsverlauf festzulegen und mit Schwierigkeiten fertig zu werden (vgl. Fox, 1993, 163). תושׁיה tûšijjāh bezeichnet das Planen einer Handlung sowie den Handlungsplan, der daraus resultiert, nicht aber den Erfolg der Handlung (vgl. Gertz, 640; gegen von Rad, 109, Anm. 8):

  • „Bei ihm (sc. Gott) ist Kraft und Einsicht (Planungsvermögen).“ ().
  • „Wie gibst du Rat dem, der keine Weisheit hat, und lehrst ihn Einsicht in Fülle! (…und gibst ihm einen ganzen Handlungsplan zu wissen).“ ().

2.4. Die übrigen Begriffe

2.4.1. שׂכל śkl / śekhæl – gesunder Menschenverstand

Die Wurzel ist zwar weisheitlich belegt, aber nicht mehrheitlich (48 zu 61 Belegen, vgl. Shupak, 249); niemals bezieht sich ein Wort dieser Wurzel auf Gott. Es geht bei den Wörtern dieser Wurzel „zunächst nicht um eine besondere intellektuelle Fähigkeit …, sondern um eine allgemein menschliche, nämlich den Gebrauch des gesunden Menschenverstandes“ (Koenen, 785). In wird die „rechte Einsicht“ (der gesunde Menschenverstand) gepriesen – während die Einsicht, die aus Gottes Geboten (עדות ‘edût; Luther: „Mahnungen“) kommt, über die stellt, die ein menschlicher Lehrer vermittelt.

2.4.2. חשׁבון chæšbôn – Berechnung

Das hebräische Wort חשׁבון chæšbôn – von der Wurzel חשׁב chšb „rechnen / achten“ – bezeichnet den Vorgang und das Ergebnis einer „Abrechnung“. Das Nomen ist nur dreimal im späten Buch des → Predigers Salomo (und bei → Jesus Sirach) belegt und in der Lutherbibel dabei einmal mit „Einsicht“ wiedergegeben, als etwas, das man zusammen mit Weisheit erwirbt und als Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt das Ziel der Bemühungen des Predigers ist ().

2.4.3. טעם ṭa‘am – Urteilsvermögen

Das Verb bedeutet „schmecken“; das Nomen hat 13 Vorkommen und „bezeichnet … die Gabe prüfender und unterscheidender Wahrnehmung, so daß ṭa‘am das ‚Urteilsvermögen’ des Frommen …“ (Schüpphaus, 370) bezeichnen kann wie , wo die Lutherübersetzung es mit „Einsicht“ wiedergibt.

2.4.4. שׁוב אל־לב šwb ’æl leb – zur Einsicht kommen

Das → Herz (לב lev) bezeichnet im Hebräischen nicht den Sitz der Gefühle, sondern den Verstand und das Zentrum der Person, in dem (vernünftige) Entscheidungen getroffen werden. Daher wird die Wendung שׁוב אל לב šwb ’æl lev (wörtlich etwa: „sich dem Herzen / Verstand zuwenden“) in der Lutherübersetzung sachlich zutreffend mit „zur Einsicht kommen“ wiedergegeben.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Deutsches Wörterbuch, Leipzig / Stuttgart 1854-1971 (Nachdruck: München 1984; online)
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München / Zürich 1978-1979
  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006

2. Weitere Literatur

  • Arnet, S., Wortschatz der Hebräischen Bibel, Zürich 2006
  • Bergman, J. / Botterweck, G.J., 1982, Art. ידע jāḏa‘, in: ThWAT III, 479-512
  • Fox, M.V., 1993, Words for Wisdom, ZAH 6, 149-169
  • Fox, M.V., 2000, Proverbs 1-9 (Anchor Bible 18A), New York
  • Gertz, J.C., 1995, Art. תושׁיה tûšijjāh, in: ThWAT VIII, 638-641
  • Koenen, K., 1993, Art. שׂכל śākal, in: ThWAT VII, 781-795
  • Krüger, Th., 2006, Art. Klugheit, Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt, 275f.
  • Müller, A., 2000, Proverbien 1-9: Der Weisheit neue Kleider (BZAW 291), Berlin / New York
  • Rad, G. von, 1985, Weisheit in Israel, 3. Aufl., Neukirchen-Vluyn
  • Ringgren, H., 1973, Art. בין bîn, in: ThWAT I, 621-629
  • Schottfroff, W., 1994, Art. jd‘ erkennen, in: THAT I, 682-701
  • Schüpphaus, J, 1982, Art. טעם ṭa‘am, in: ThWAT III, 369-372
  • Shupak, N., 1993, Where Can Wisdom Be Found? The Sage’s Language in the Bible and in Ancient Egyptian Literature (OBO 130), Freiburg (Schweiz) / Göttingen

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