
Abb. 1 Mose vor dem Dornbusch (S. Vitale in Ravenna; 6. Jh.).
Die große Vielfalt an Stachelpflanzen in Palästina drückt sich auch in der Vielzahl entsprechender Bezeichnungen in der Hebräischen Bibel aus (vgl. → Dornen), die als Bild für allerlei Beschwernisse des Lebens (vgl. z.B. ; ; ) und für all das, was beseitigt werden muss (z.B. mit Feuer; vgl. ; ), dienen können. In prophetischen Gerichtsreden findet sich häufig die Androhung, dass Dornen wachsen sollen, wo sich vorher Kulturland befand oder Gebäude standen (z.B. .; ). Prominent ist von einem Dornbusch als Bild für das Unedle, Geringe die Rede in den Pflanzenfabeln in . (hebr.
Der wirkmächtigste biblische Text, in dem ein Dornbusch eine Rolle spielt, ist sicherlich : Die Exposition der Erzählung über die Berufung des → Mose, die davon berichtet, dass Gottes Engel bzw. Jahwe selbst Mose im Feuer im Dornbusch erscheint.
Im Laufe der Auslegungsgeschichte wurde immer wieder versucht, den Dornbusch aus (hebr.
In wird der Dornbusch nur in erwähnt (vgl. noch ; s.u.) und spielt dann in der Geschichte über Moses „Berufung“ keine Rolle mehr. In dem hebräischen Wort
Die Exposition der Erzählung über „Moses Berufung“ in wurde (wie der Text von . insgesamt) im Rahmen der Neueren Urkundenhypothese zwischen den Quellenschriften „J" (→ Jahwist) und „E“ (→ Elohist) aufgeteilt, wobei der Anteil des „Jahwisten“ in 3,1*.2-4a.5 gefunden wurde (vgl. Schmidt, 100ff.) und noch keine ausdrückliche Lokalisierung des Dornbuschs enthalten haben soll; diese erfolgte erst durch die literarische Verbindung mit der elohistischen Erzählung über eine Theophanie am Gottesberg. Überlieferungsgeschichtliche Überlegungen führten noch weiter zurück auf einen angeblichen Überlieferungskern, der gewisse Ähnlichkeiten zu Heiligtumslegenden zeigt und über eine von einer unbekannten Person beobachtete Erscheinung eines unbekannten Numens an einem unbekannten Ort (vgl. Schmidt, 118f.) berichtet. Das einzig wirklich greifbare Element eines in dieser Form rekonstruierten Kerns wäre also der Dornbusch.
Jüngere Arbeiten zur Redaktionsgeschichte des Buches → Exodus allerdings werfen ein neues Licht auch auf den Dornbusch aus : Wenn tatsächlich als später und (zumindest in der jetzt vorliegenden Form, die die Themenkomplexe Erzväter und Exodus verbindet; vgl. ...; ) sogar nachpriesterschriftlicher (→ Priesterschrift) Text verstanden werden muss (so Schmid; vgl. Gertz; zur Diskussion vgl. Blum; Römer), lässt sich die Erwähnung des an den „Sinai“ anklingenden Dornbuschs in als von Anfang an gewollte Kommentierung der Lokalisierung „Gottesberg, Horeb“ in verstehen, die „so etwas wie eine geheime Etymologie des ‚Sinai’-Namens“ liefern soll, „um so die Identifizierung von ‚Horeb’ und ‚Sinai’ zu betonen“ (Schmid, 201). Damit dürfte in der Tat die Bedeutung der Erwähnung des Dornbuschs
Außerhalb von wird der Dornbusch
Hinter der Erzählung in . steht die Vorstellung, dass die Offenbarung des → Jahwe-Namens an Mose (.) etwas Neues darstellt (vgl. .). Von daher ist es verständlich, dass die Dornbuschszene als zentrale Selbstoffenbarung Gottes rezipiert wurde. Im Neuen Testament ist das deutlich für die Verteidigungsrede des Stephanus (.), in der die Dornbuschszene eingeordnet wird in einen Abriss der Geschichte Gottes mit Israel (vgl. die wörtliche Erwähnung des Dornbuschs in .). Ausdrücklich erwähnt wird der Dornbusch auch in der Antwort Jesu auf die Frage der Sadduzäer nach der Auferstehung, um auf die Offenbarung in zu verweisen ( / , aber nicht in ).

Abb. 2 Der Dornbusch im Katharinenkloster auf dem Sinai, der als der Dornbusch des Mose gilt.
Pilgerziel und Wohnort christlicher Mönche wird der Sinai schon in der Spätantike; bereits die Pilgerin Egeria erzählt in ihrem Bericht über ihre Reise ins Heilige Land (381-384 n. Chr.), dass ihr am Sinai der biblische Dornbusch gezeigt worden sei (Egeria, Peregrinatio 4,6f. [Röwekamp / Thönnes]).
Deutungen des Dornbuschs in der rabbinischen Literatur zielen häufig auf einen Vergleich zwischen Israel und dem Dornbusch ab (z.B. hinsichtlich des geringen Status); vgl. zu den Belegen Hermann, 191.

Abb. 3 Maria im brennenden Dornbusch (Mittelteil eines Triptychons von Nicolas Froment in der Kathedrale St. Saveur in Aix-en-Provence; 1476).
In der christlichen Literatur wurde der brennende Dornbusch als Typos der Jungfrau Maria populär: Wie der Dornbusch, in dem Gott erscheint, brennt, aber nicht verbrennt, so trug Maria Gott in sich, ohne zu vergehen. Belegt ist dieser Vergleich schon für die Zeit der Kirchenväter (z.B. bei Cyrill von Alexandrien, vgl. PG 76,1130A); vielfältig variiert wird er in den Marienhymnen des Mittelalters (vgl. z.B. Dreves, 77). Eine entsprechende bildliche Darstellung von Mose, der Maria mit dem Jesuskind im Dornbusch sieht, findet sich auf dem Triptychon von N. Froment in der Kathedrale St. Saveur in Aix-en-Provence (vgl. Harris).

Abb. 4 Mose vor dem Dornbusch (Synagoge von Dura Europos; 3. Jh.).
Schon lange vorher aber wird das Dornbusch-Thema in allgemeinerer Form im Sakralbau auf Malereien, Schnitzereien und Mosaiken aufgenommen – in Kirchen (belegt ab dem späten 5. und dem 6. Jh.: Holztür in S. Sabina zu Rom; Mosaiken in S. Maria Maggiore zu Rom und S. Vitale zu Ravenna), aber auch in der berühmten Synagoge von → Dura-Europos. Auch heute noch dürften bei vielen Menschen bildhafte Vorstellungen der Dornbuschszene vorauszusetzen sein, geprägt z.B. durch die einschlägigen Verfilmungen der Exodus-Geschichte (vgl. dazu Zwick).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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