Als „Dämonen“ gelten in der Ikonographie Darstellungen von Mischwesen. In der Religionswissenschaft können ehemalige Götter ebenso als „Dämonen“ bezeichnet werden wie Wesen, die bedrohliche Gegenwelten verkörpern oder Krankheiten verursachen. In der klassischen Philologie werden übernatürliche Kommunikationsmittler und Grenzgänger zwischen Göttern und Menschen „Dämonen“ genannt. Das heißt, dass es im heutigen deutschen Sprachgebrauch höchst unklar ist, was mit dem Begriff „Dämon“ gemeint sein kann. Noch uneinheitlicher wird die Frage beantwortet, ob dem mit dem Wort „Dämonen“ bezeichneten Phänomen (noch) eine Wirklichkeit entspricht. Hingegen geht man im Allgemeinen davon aus, dass die altorientalische Welt eine zwar naive, aber eindeutige Vorstellung von Dämonen hatte (→ Animismus).
Im Laufe der Auslegungsgeschichte des Alten Testaments wurden deshalb völlig unterschiedliche Phänomene und Begriffe mit dem Überbegriff „Dämonen“ bezeichnet. Das liegt erstens daran, dass es für den aus dem Griechischen stammenden deutschen Begriff „Dämon“, der auch im Neuen Testament verwendet wird, in den semitischen Sprachen kein Äquivalent gibt. Zweitens setzt der jüdisch-christliche Gebrauch des Wortes einen Dualismus zwischen Gott und den Engeln auf der einen Seiten und dem Teufel und seinen Dämonen auf der anderen Seite voraus.
Diese Voraussetzungen gelten so aber nicht für das alte Israel und noch weniger für die Götterwelt seiner altorientalischen Umwelt. Daher zeigt die Untersuchung der Quellen, dass es eine Dämonologie des Alten Testaments nicht gibt. Untersucht man die einzelnen Textstellen und vergleicht sie mit Parallelen aus der Umwelt des alten Israel, ergibt sich ein viel facettenreicheres Bild von Mächten, schützenden und bedrohenden, die – durchaus nicht naiv – das Leben der Menschen bestimmten. Daher ist es prinzipiell problematisch, den Begriff „Dämon“ im Umgang mit dem Alten Testament und mit der Kultur, in der es entstanden ist, zu verwenden.
Diese Problematik zeigt sich auch daran, dass es im Alten Testament keine Parallelen zu den Vorgängen gibt, die im Neuen Testament mit Dämonen (δαιμών daimōn) verbunden werden. Die Vorstufen zur neutestamentlichen Verwendung des Dämonenbegriffs müssen wohl vielmehr im frühen Judentum, in der → Septuaginta, der zwischentestamentlichen Literatur und in → Qumran gesucht werden.
Das Wort „Dämon“ entstammt der griechischen Philosophie und hält von dort aus seinen begrifflichen Einzug in Judentum und Christentum. Erst im → Monotheismus dieser beiden Religionen entwickelt sich ein Dualismus, der die „Engel“ als gute himmlische Wesen den als böse gekennzeichneten „Dämonen“ und Helfern des Satans gegenüberstellt.
Die Etymologie des Begriffs δαιμών daimōn ist unsicher. Meist wird das Wort δαιμών daimōn von δαίω daiō bzw. δαίομαι daiomai „teilen, verteilen, zuteilen“ abgeleitet und der δαιμών daimōn als „Schicksal-Zuteiler“ verstanden. Dagegen steht die Auffassung, dass δαίομαι daiomai „auseinanderteilen“ bedeute und der δαιμών daimōn also ein „Leichenfresser“ ist. Eine weitere Herleitung verbindet δαιμών daimōn mit δαήμων daēmōn „kundig / einsichtsvoll“.
Das biblische Hebräisch kennt kein Äquivalent zum griechischen Wort δαιμών daimōn. Die LXX übersetzt daher sehr unterschiedliche Termini mit Begriffen der Wurzel δαιμών daimōn:
δαιμών daimōn:- (für
δαιμόνιον daimonion:- (für
Homer und Hesiod legen die wichtigsten Bedeutungslinien für das Verständnis des Begriffs an:
Homer (Ilias 1,122; 15,461ff.; 15,418; 19,188 u.a.) wertet den Begriff weder positiv noch negativ, verwendet ihn vielmehr als eine Art allgemeine Bezeichnung für unbekannte Götter. Auch die olympischen Götter können als Schicksal zuteilende Dämonen fungieren (Ilias 3,418-420). Nach Hesiod sind die Dämonen aus dem „goldenen Geschlecht“ hervorgegangen und wehren für den Menschen Böses ab, helfen als Totengeister gegen Unrecht und bestrafen Übeltäter (Erga 122-126).
Platon führt die verschiedenen Konzeptionen zusammen:
Dämonen sind einerseits den Göttern untergeordnet (Timaios 40de), sollen aber andererseits Verehrung erfahren (Nomoi 717a). Totengeister (Kratylos 398b) gehören ebenso wie Eros – ein Mittler zwischen Göttern und Menschen – in die Gruppe der Dämonen (Symposion 202de). Andererseits sorgt der δαίμων daimōn im Innersten eines jeden Menschen für Wohlbefinden (εύδαιμονία eudaimonia) oder Unwohlsein (δυσδαίμων dusdaimōn) (Timaios 90c) und lenkt das Leben und den Totengeist des Einzelnen (Phaidon 107d).
Im frühen Judentum verwendet u.a. → Philo den Begriff des Mittlerwesens und verbindet damit die platonische Dämonologie mit der jüdischen Angelologie (→ Engel). Das was die Griechen „Dämon“ nennen, nennt Mose „Engel“ (De Gigantibus 6), sowohl Engel als auch Dämonen und die Geister der Toten können gut und böse sein (De Gigantibus 16-18).
Das Neue Testament verbindet hellenistische Dämonenvorstellungen mit dualistischen Elementen und vertritt die Auffassung, dass Dämonen Krankheiten (Besessenheit) verursachen (z.B. ; ; ; ). Der Begriff Kann auch als Bezeichnung für fremde Götter verwendet werden (). Die Überwindung der Dämonen ist ein Zeichen des kommenden Gottesreichs.
Entsprechend der Tatsache, dass es keinen hebräischen Generalbegriff für das Wort „Dämon“ gibt, fasst die Forschung vielfältige und divergente Phänomene unter dem Begriff: Götter und Dämonen werden aus der Umwelt Israels übernommen und integriert (→ Asasel, → Lilit, → Aschmodai), depotenziert (→ Reschef), durch Fremdgötterpolemik (→ Götterpolemik) diffamiert
Daneben fragt die → Ikonographie nach Darstellungen von Dämonen vor allem auf → Siegelamuletten. Hier wird unter „Dämon“ normalerweise die Darstellung bedrohlich agierender → Mischwesen aus menschlichen und tierhaften Elementen verstanden.
Auf Siegelamuletten aus Syrien-Palästina lassen sich eine Vielzahl von → Mischwesen nachweisen. Die Darstellungen sollen positiv schützen. Auch Kampfszenen, in denen eine gefährliche Macht – meist repräsentiert durch einen Sphinx oder einen Greif (→ Mischwesen) – überwunden wird, zeigen, dass es das Bedürfnis gab, das Leben zu schützen. Dabei zeigt aber die Häufigkeit der Schutzamulette lediglich implizit, dass die Umwelt und das Leben als gefährlich erfahren wurden. Worin die Gefahren konkret gefasst wurden, ist leider aus dem Bildprogramm kaum ersichtlich, denn selbständig bedrohlich agierende Mischwesen werden nicht dargestellt. Das liegt vielleicht daran, dass negativen Mächten, wenn man sie darstellt, eine Realität zugemessen wird, die man ihnen gerade lieber absprechen möchte. Dadurch, dass positive Schutzmächte in Anspruch genommen werden, wird hingegen eine Sphäre der Sicherheit geschaffen. Man kann also für Syrien-Palästina zwar von Darstellungen von „Schutzgenien“ sprechen, nicht aber von „Dämonen“. Die Bildauswahl der Glyptik Syrien-Palästinas widerspricht teilweise dem Befund in Mesopotamien, wo Amulette z.B. mit Abbildungen der besonders für Frauen und Kinder gefährlichen Lamaschtu weit verbreitet waren.

Abb. 1 Lamaschtu-Amulett: Pazuzu soll die Hund und Schwein säugende Lamaschtu durch seine Löwengestalt und herausgestreckte Zunge abwehren (Eisenzeit II B/C).
Angesichts der weiten Verbreitung und großen Bedeutung von Lamaschtu und Pazuzu im Vorderen Orient (Abb. 1) fällt auf, dass in Syrien-Palästina weder für Lamaschtu noch für Pazuzu eine eigene Ikonographie ausgebildet worden zu sein scheint.

Abb. 2 Bruchstück eines Lamaschtu-Amuletts (Eisenzeit II C).
Die seltenen Darstellungen der mesopotamischen Lamaschtu bzw. ihres Gegenspielers Pazuzu sind vermutlich assyrische Importware (Abb. 2). Das Fehlen einer Lamaschtu-Rezeption im alten Israel ist angesichts der Tatsache besonders erstaunlich, dass Lamaschtu nicht nur in Mesopotamien, sondern auch in Texten des Frühjudentums und Beschwörungen auf mandäischen Zauberschalen als Unheilsbringerin sehr prominent ist.
Die auf einem Gipstäfelchen aus Arslan Tasch (Donner / Röllig, 2002, Nr. 27; Butterweck, 1991, 436f.) aus dem 7. Jh. dargestellte Wölfin, aus deren Maul noch zwei Beine ragen, wird häufig mit Lamaschtu identifiziert („Würgerin des Lammes“), der daneben dargestellte Sphinx („Göttin Fliegerin“, „Zerschlagerin“ oder „(Knochen-)Knackerin“, „Fliegerin im Dunkel der Unterwelt“) mit Spitzhelm und Skorpionschwanz hingegen mit → Lilit (Donner / Röllig, 2002, 46; Butterweck, 1991, 436). Der Name der Lamaschtu wird auf dem Amulett allerdings nicht explizit genannt, so dass eine solche Identifizierung nur über die Darstellung als fressende Wölfin – wie Lamaschtu in einer Beschwörung bezeichnet (Foster, 1993, 864) – sowie über zwei Attribute (Ohren und Skorpionschwanz) vorgenommen werden kann (Röllig, 2000, 58f.). Auch die auf der Wölfin angebrachte Inschrift („Von [diesem] Haus, o Zerschlagerin, weiche!“) ist nicht spezifisch für die Lamaschtu, sondern könnte sich auf vielfältige Unheilsmächte beziehen. Ob es sich bei dem Wesen also tatsächlich um eine Darstellung der Lamaschtu handelt, ist zumindest fraglich. Ebenfalls unsicher ist die Identifizierung der Wölfin als Lilit.

Abb. 3 Bes mit herausgestreckter Zunge und langem, breitem Glied (Spätbronzezeit II B).
Als Dämon kann auch der in Syrien-Palästina häufig dargestellte ägyptische → Bes bezeichnet werden.
1) Figurenamulette: Als Figurenamulett ist Bes fast so häufig anzutreffen wie Udjat-Auge (das als menschliches Auge dargestellte Auge des Falkengottes Horus) und Patäke (Kleinwüchsiger). Da die Funde oft in Verbindung mit dem Udjat-Auge auftreten (Keel / Uehlinger, 2001, 294), liegt eine Funktion als Schutzamulett nahe, das wohl besonders von Schwangeren, Gebärenden und Kleinkindern verwendet wurde (Keel / Uehlinger, 2001, 248). Daneben scheint den Figuren eine Fruchtbarkeitskonnotation zuzukommen, die sich durch die besondere Betonung des Geschlechtsmerkmals v.a. in der Spätbronzezeit II B-Eisenzeit I B ausdrückt (Abb. 3).
Die allgemein apotropäische Kraft des Bes wird besonders ab der Eisenzeit I unterstrichen: Das betonte Glied verschwindet, statt dessen erfährt der Kopf eine Veränderung, die den Blick der Betrachtenden auf sein Gesicht lenkt: Die herausgestreckte Zunge könnte eine abwehrende Geste ausdrücken, der Bart Stärke andeuten. Der abwehrende Charakter verstärkt sich noch einmal in der Eisenzeit II A bis zur Eisenzeit II B, in der die Federkrone hinzukommt und statt des betonten Geschlechtsmerkmals ein Löwenschwanz dargestellt ist.
2) Siegelamulette: Darstellungen auf Siegelamuletten sind seltener und erst relativ spät verbreitet (Keel, 1995a, 218). Neben den den Amulettdarstellungen sehr ähnlichen Einzeldarstellungen des Bes (Kuntillet ‘Ağrūd [→ Kuntillet ‘Ağrūd Kuntillet Agrud]), finden sich verschiedene Konstellationen: Bes mit Federkrone tritt als „Herr der Löwen“ (Keel / Uehlinger, 2001, 437f.) sowie als „Herr der Schlangen“ (Eder, 1995, 134; Keel, 1997, 534f.) auf.

Abb. 4 Bes als Herr der Menschen (Spätbronzezeit II B).
Bes kann auf einem Stempelsiegel aus dem 13.-11. Jh. aber auch schreitend im Profil mit Federkrone über einem nb (ägypt. „Herr“) zwei Menschen an der Hand halten (Abb. 4).

Abb. 5 Bes verehrt von Falken (Eisenzeit II B).
Dass Bes auch Objekt von Verehrung sein konnte, zeigen zwei Stempelsiegel aus → Lachisch (9. Jh.) und → Hazor (Str. VI) (Keel / Uehlinger, 2001, 251), auf denen ein Bes mit Federkrone von vier fliegenden Falken flankiert wird, die ihre Flügel der Mitte entgegenstrecken, bzw. ohne Krone von zwei menschlichen Verehrern umgeben ist (Abb. 5; 6).

Abb. 6 Bes verehrt von Menschen (Eisenzeit II B).
Bes wird hier wohl als Schutz- und Fruchtbarkeitsgottheit verehrt. Dass Bes mit Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht werden konnte, zeigt auch ein besonderes Siegel aus → Ugarit (spätes 5., frühes 4. Jh.), das ungewöhnlicherweise Bes mit zwei Skorpionen kombiniert (Nunn, 2000a, 99) und vielleicht auch der in der Eisenzeit II bezeugte Name qdbš „Bes hat geschaffen“ (Keel / Uehlinger, 2001, 232.248).
Ein Stempelsiegel aus → Achsib mit dem entgegengesetzten Motiv aus dem 10./9. Jh. (Eisenzeit II B) zeigt zwei Besfiguren mit stilisierter Federkrone und langen Löwenschwänzen, die von einem im Profil dargestellten und mit einem Schurz bekleideten Menschen festgehalten werden (Keel, 1997, 41f.) (Abb. 7).

Abb. 7 Herr der Bes (Eisenzeit II B).
Hier scheint sich eine Ambivalenz der Bes zugesprochenen und durch Löwenattribut sowie Krone repräsentierten Kraft zu zeigen. Vielleicht ist die Pose des „Herrn der Bes“ aber auch so zu interpretieren, dass nicht vor Bes geschützt werden muss, indem er gebändigt wird, sondern dahingehend, dass die von Bes ausgehende Kraft und Potenz dem ihn haltenden Menschen zugesprochen wird, ähnlich wie dies wohl bei ägyptischen Statuetten der Fall ist, bei denen einem Menschen ein Bes im Nacken sitzt.
Ein außergewöhnliches Motiv ist auf einem spät- oder mittelbronzezeitlichen Siegel von Tell el-‘Ağğūl (Abb. 8) dargestellt:

Abb. 8 Angriff auf einen Menschen (Mittelbronzezeit / Spätbronzezeit).
Auf dem Siegel ist ein liegender Mensch abgebildet, vor ihm steht ein anthropomorphes Wesen in kurzem Schurz und mit langer Locke (Baal-Seth), das einen Löwen am Schwanz festhält. Am nach oben angewinkelten linken Arm des menschengestaltigen Gottes (?) springt ein gehörntes Tier über den Menschen hinweg. Hinter dem liegenden Menschen ist ein geflügeltes menschengestaltiges Wesen mit Hörnern und Schwanz zu sehen, das seine Hände ausstreckt. Dieses geflügelte Wesen wird von Keel als „geflügelte(r) Dämon“ bezeichnet, der den am Boden liegen Menschen bedroht (Keel / Uehlinger, 2001, 88f.; Keel, 2003, 226).
Jedoch ist die Konstellation in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: In entsprechenden Kampfszenen sind fast immer drei Akteure zu sehen, in denen ein Aggressor über ein am Boden liegendes kleineres Tier oder Jungtier ein anderes Tier angreift (Keel, 2003, 224-226). Auf einem mesopotamischen Rollsiegel erscheint zudem eine vierflügelige (?) Gestalt mit Locke (?), das einen am Boden liegenden Widder oder ein Mufflon, welches von einem Löwen angegriffen wird, zu schützen scheint (vgl. → Asasel).
Auf dem in Frage stehenden Siegel sind die Hände des geflügelten Wesens nicht in Angriffsposition erhoben, es könnte auch nach dem fallenden Menschen greifen, um ihm zu helfen. Zwar wird ein Mischwesen dargestellt, aber dass es wirklich angreift, ist nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Da geflügelte anthropomorphe Wesen sonst nicht bedrohlich, sondern eher schützend auftreten, wäre die Darstellung eines einen Menschen angreifenden geflügelten Wesens für Palästina einmalig. Möglicherweise ist der vom anthropomorphen Wesen gehaltene Löwe das angreifende Tier, das von diesem durch das Halten am Schwanz gebändigt wird, da in den Parallelen der Dreikampfkonstellationen der Löwe als Angreifer sehr prominent ist. Ob das Mischwesen mit dem Begriff „Dämon“ richtig beschrieben ist, ist daher fraglich.
Dämonenbeschwörungen sind aus Israel-Palästina nicht überliefert. Verschiedentlich wurde versucht, in den Psalmen Reste von Beschwörungstexten zu finden, so z.B. in . Da für den Psalm aber keine Ritualanweisungen überliefert sind, bleibt ein solches Suchen notwendigerweise hypothetisch und von der Wirkungsgeschichte des Psalms beeinflusst.
Daher muss eher nach formalen Ähnlichkeiten zwischen den Psalmen und den akkadischen „Gebetsbeschwörungen“, den sog. „rituellen Bittgebeten des Einzelnen“ gesucht werden. In den akkadischen Bittgebeten werden die Hochgötter um Hilfe in der Not angerufen und nicht die direkten Verursacher des Unheils angesprochen. Diese werden höchstens – und keinesfalls immer – als Ursache des Unglücks benannt. Darin ähneln die rituellen Bittgebete den Psalmen, in denen der Gegner ebenfalls nicht angesprochen wird. Das Gegenüber der Psalmen ist ausschließlich Gott, von dem Hilfe erwartet wird. Daher wäre danach zu fragen, ob sich für die mesopotamischen und die alttestamentlichen Gebete ähnliche Vorstellungen von Unheilsursachen und deren Bekämpfung aufzeigen lassen, und die höchst problematische Zuschreibung Polytheismus / Ritual / Dämon gegenüber Monotheismus / Gebet / Gott aufzugeben.
In den Erzählungen von → Saul und → David findet sich die Vorstellung, dass Besessenheit von einem bösen Geist ausgelöst wird: Saul wird, als der Geist JHWHs ihn verlässt, von einem bösen Gottesgeist befallen. Der Geist veranlasst Saul zu Zornesausbrüchen () und versetzt ihn in ekstatische Anfälle. Dass es Saul unter diesem Geist schlecht geht, berichtet . Der Geist besitzt offensichtlich eine eigene Macht und Dynamik, mit der er einen Menschen besetzen und diesen dirigieren kann. Er ist jedoch von bestimmten Voraussetzungen abhängig: Erst als der Geist JHWHs Saul verlässt, macht er Raum für den bösen Geist, damit dieser „auf“ Saul „kommen“ kann. Von besonderer Bedeutung erscheint die Tatsache, dass der Geist zwar von JHWHs kommt (), aber nicht als „Geist JHWHs“ bezeichnet wird. Er steht vielmehr nach (vgl. v18) zu diesem im Gegensatz. Damit ist das Handeln JHWHs Voraussetzung für das Agieren des bösen Gottesgeistes, aber von diesem deutlich unterschieden. Es lässt sich aus den genannten Texten also nur eine allgemeine Vorstellung darüber ableiten, dass bestimmte Geisteskrankheiten eine personal gedachte Ursache haben. Diese kann durch die Macht JHWHs in ihre Schranken gewiesen werden und wird nicht mit einem konkreten Namen benannt.
Als Krankheitsdämonen gelten die Krankheitsbezeichnung
1) Hab 3,3-6: Hinter der Theophanieschilderung in Hab 3 steht die altorientalische Vorstellung eines Gottes, der von seinem Hofstaat bzw. seiner militärischen Entourage begleitet wird (vgl. ; , vielleicht auch ). Diese besteht hier aus der Krankheit
2) Dtn 32,24: Nach dem vorliegenden Konsonantentext müsste die Übersetzung von lauten: „Ich will über ihnen Bösartigkeiten aufhäufen, meine Pfeile will ich verbrauchen gegen sie. Erschöpfte des Hungers
3) Ps 91,5f.: Ps 91 ist aufgrund seiner Wirkungsgeschichte (Qumran 11QPsApa verschiedentlich als magische Beschwörung gegen vier (Krankheits-)Dämonen (a) „Deber, der in der Finsternis herumgeht“, b) „Qeteb, der Gewalttat übt am Mittag“, c) „Pfeil, der am Tag fliegt“, d) „Schrecken der Nacht“) verstanden worden (Nicolsky, 1927, 15; Gerstenberger, 2001a, 165).
a)
Ps 91 stellt einen kunstvoll konstruierten literarischen Text dar, der Dtn 32 in spezifischer Weise rezipiert. Der Psalm verknüpft Bilder des Vogelfangs mit denen des Krieges und den damit verbundenen Krankheiten und benutzt diese für die Entfaltung des Schutzgedankens. Anders als in Dtn 32, wo die Unheilskräfte im Dienst JHWHs stehen und das Volk vernichten, wird in Ps 91 eine positive Gegenwelt zu Dtn 32 eröffnet. Die Gerechten müssen das Gericht Gottes in Form der Scheol, von Krieg und Krankheit nicht fürchten, sondern stehen im Schutz JHWHs. Damit bietet Ps 91 einen tröstenden Gegentext zu Dtn 32.
4) Hosea 13,14-15: Wenn die literarkritische Annahme richtig ist, dass ursprünglich und zusammengehört haben und die Erweiterung . sekundär ist (Wacker, 1996, 251), so kann eine vom ursprünglichen Text intendierte Charakterisierung von
Auf der Bildebene erhalten die genannten Krankheitsmächte zwar einen personalen Charakter, dass mit ihnen aber konkrete und im Zweifelsfall zu beschwörende Dämonen benannt werden, lässt sich nicht nachweisen.
Der Kriegs-, Krankheits- und Heilgott → Reschef, mit den Attributen Pfeil und Schild sowie dem Attributtier → Gazelle, ist über einen langen Zeitraum und über einen weiten Raum im alten Orient verbreitet.
Die biblischen Texte (; ; ; ; ; ; ) scheinen die Integration des Gottes Reschef nicht als direkte Gefährdung für die JHWH-Religion anzusehen. Sie nehmen die Attribute des Gottes auf, aber instrumentalisieren und depotenzieren ihn. An keiner Stelle wird die Göttlichkeit Reschefs erwähnt. Statt dessen dient die Integration des Gottes Reschef der Hervorhebung der Macht JHWHs. Die Textrezeption zeigt zwei Grundlinien der Interpretation des Lexems, nämlich als „Vogel“ oder als „Feuer“ oder „Flamme“. Eine Anspielung auf Reschef findet sich möglicherweise in Ps 91, der in seiner Qumran-Rezeption Reschef wieder als Dämon auffasst (Discoveries in the Judaean desert 23, 200).
1) Krieg und Krankheit: In erscheint
2) Pfeil: In und tritt der Pfeil als Attribut Reschefs in den Vordergrund. Reschefs Kriegsattribute werden auf JHWH übertragen: Nicht Reschef ist Kriegsgott, sondern JHWH. Eine schützende Funktion Reschefs, wie sie sich ikonographisch im Attribut des göttlichen Schilds ausdrückt, gibt es nicht im Alten Testament. Statt dessen schützt JHWH vor Bedrohungen, die mit Reschef im Zusammenhang stehen. In ist Reschef zu seinem Attribut (Pfeile) degradiert und wird von JHWH zerstört.
3) Blitz: In , , wird Reschef zur Naturgewalt. Vollständig entpersonalisiert ist Reschef in .
Die Depotenzierung des Gottes vollzieht sich, indem Reschef in steigendem Maß entpersonalisiert wird. Die integrierend-depotenzierende Rezeption Reschefs erweist sich als besondere theologische Leistung innerhalb der alttestamentlichen Theologie: Der Gott Reschef wird zu einem Begriff und verliert seine Göttlichkeit, nicht aber die mit ihm verbundenen Bedeutungsnuancen. Der Begriff „Dämonisierung“ kann daher ausschließlich im Sinn einer Depotenzierung verwendet und sollte daher besser vermieden werden.
Die religionsgeschichtliche Herkunft der
Der Begriff
Das Wort
Kombiniert man alle Belege für das Lexem
Betrachtet man jedoch die Texte getrennt voneinander, so ergibt sich folgendes Bild:
1) Fremdgötter: Ihre negativen Eigenschaften besitzen die
2) Periphere Tiere: Als Furcht einflößende Tiere erscheinen die
Von Bocksdämonen ist im Alten Testament keine Rede. Der Begriff
Die Trümmer bewohnenden
1) Jes 34,13f. und Jer 50,39: Geradezu „klassisch“ entsprechen sich und , die die Begriffe
2) Jes 13,21f.: Wüstlinge
Das Paar
Die Übersetzung für das Hapaxlegomenon
Sowohl (vgl. ) und berichten von Gefährdungen an Grenzen, konkrete Rückschlüsse auf ursprüngliche Dämonen oder gar deren Namen lassen sie aber wohl nicht zu.
erzählt von dem apotropäischen (abwehrenden) Ritual, Unheil durch das Bestreichen von Türschwellen (→ Tür) abzuwehren. Das Unheil wird mit dem determinierten Partizip
Dass nicht auf eine alte Ätiologie eines Flussdämons zurückgeht, sondern im literarischen Kontext der Rückkehr Jakobs und der Versöhnung beider Brüder gebildet worden ist (Motiv der Israel-Ätiologie als Kern, Lokalisierung der Erzählung, Angriff bei Nacht, Frage nach dem Namen, Benennung und Erklärung des Ortes, Speisetabu), hat Köckert (2003, 160-181) nachgewiesen. Neben den nicht haltbaren literarkritischen Scheidungen des Textes zeigt der Vergleich mit der vorderorientalischen Welt, dass die Motive der Erzählung keineswegs zwangsweise auf einen Nacht- oder Grenzdämon weisen müssen. Die Szene verarbeitet die a-moralischen Seite JWHWs narrativ.
Ähnlich wie Gen 32 arbeitet auch . Hier geschieht die Rettung wohl nicht durch Beschneidung (Beschneidungstermini fehlen), sondern es wird ein Abwehrritus bzw. ein „Ritus einer Blutapplikation mit Deutespruch“ (Hüllstrung, 2003, 182-196.193) geschildert.
wird vielfach über den Terminus
Versuche, hinter der Wort
Im der griechischen bzw. lateinischen Version des → Tobitbuchs wird der „böse Dämon → Ašmodai“ als eifersüchtiger Dämon geschildert, der aus Liebe (Version TobG1 [Codex Vaticanus] 6,15) zur frommen Jüdin Sara ihre sieben Ehemänner in der Hochzeitsnacht umbringt. Der Dämon wird von Tobias mit Hilfe des → Engels → Rafael durch das Räuchern von Fischherz und –leber gebannt. Rafaël bindet Ašmodai in Ägypten, so dass dieser dort bis in Ewigkeit ausharren muss. Näheres s. Ašmodai.
→ Totenkult
→ Lilit
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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