Andere Schreibweise: Cheruben

Abb. 1 Keruben sind Mischwesen mit Menschenkopf, Löwenkörper und Flügeln, die als Wächtergestalten z.B. kultisch bedeutender Gegenstände fungieren (Orthostat aus Nordsyrien; 9. Jh. v. Chr.).
Keruben sind geflügelte → Mischwesen mit einem Menschengesicht und einem Löwenkörper. Sie entsprechen dem Sphinx in Ägypten. In ist ein Mischwesen mit Menschen- und Löwenkopf vorausgesetzt.
Durch die Kombination von Körperteilen unterschiedlicher Lebewesen (Mensch / Tiere) werden die mit diesen verbundenen Eigenschaften, Funktionen und Bedeutungen in einem einzigen Wesen vereint und steigern so dessen überlegene, übernatürliche Gewalt und Macht ins Unermessliche. Im Alten Orient haben Keruben vor allem zwei Funktionen: Eine Wächter- und Schutzfunktion (sie schützen z.B. den „Lebens- oder → Weltenbaum“; → sakraler Baum) und eine Tragefunktion (sie tragen die Gottheit bzw. bilden deren Thron). Beide Funktionen finden sich auch im Alten Testament (s. dazu im Folgenden).
Die Etymologie des hebräischen Nomens

Abb. 2 Thron mit schützenden Keruben (Elfenbein; Megiddo; 13./12. Jh.).
Darstellungen von Keruben sind in Syrien-Palästina auf diversen Bildträgern belegt. Stempelsiegel, Elfenbeinarbeiten und Reliefs aus Stein (→ Ikonographie) nehmen das Motiv in unterschiedlicher Weise auf (vgl. dazu Keel 1977). Die Darstellungen beziehen sich auf die Grundfunktion dieser → Mischwesen: Sie flankieren und beschützen einen „Lebensbaum“.

Abb. 3 Miniatur eines Kerubenthrones (Megiddo; 13./12. Jh. v. Chr.).
Keruben begegnen im Zusammenhang mit Throndarstellungen und tragen dann einen Thronsitz für den König bzw. Königsgott, dessen numinose Mächtigkeit so gesteigert wird.
Das Alte Testament kennt unterschiedliche Kerubenkonzeptionen. Auffällig ist auch, dass sowohl vom einzelnen Kerub als auch von Keruben im Plural gesprochen wird.

Abb. 4 Menschenköpfiger Kerub, der einen heiligen Baum flankiert (Samaria; 9./8. Jh. v. Chr.).
Keruben beschützen – wie Wächterfiguren bzw. Genien an den Eingängen assyrischer und babylonischer Paläste – den Weg zum Baum des Lebens bzw. den Berg Gottes ( [Pl.]; . [Sg.]).
In // fungiert der Kerub (Sg.!) als Himmelsreittier JHWHs im Zusammenhang seiner Theophanie (→ Epiphanie). Hier ist vor allem die Ausstattung des Keruben mit Flügeln wichtig, da sie die Mobilität JHWHs unterstreicht.
Zur Innenausstattung des Salomonischen → Tempels gehörten nach zwei 10 Ellen (ca. 5 m) hohe Keruben aus Olivenholz, die nebeneinander, mit dem Gesicht nach vorn standen und mit ihren Flügeln den Gottesthron bildeten. Die inneren Flügel waren die Sitzfläche und die äußeren die Seitenlehne des Thrones.
Daneben waren auch die Wände und Türen des Tempels sowie die Kesselwagen mit umlaufenden Schnitzwerkverzierungen versehen, die u.a. Palmetten und Keruben darstellten (vgl. ..; .; vgl. dazu Metzger 1993, 503ff). Wie oft in der Bildkunst des Alten Orients flankierten die Keruben bei diesen Dekorationen wahrscheinlich die Palmetten.
Dieses Bildensemble symbolisierte den Herrschafts- und Wirkungsbereich JHWHs (vgl. Metzger 1994, 83f). „Da mit dem von Keruben … flankierten Baum auch die Vorstellung des Weltenbaumes verbunden ist, weist der von Keruben flankierte Baum auch auf die universale Herrschaft des Kerubenthroners hin“ (Metzger 1984, 84).
Das JHWH-Prädikat jošev hakkәrûvîm „Kerubenthroner“ in ; = ; = ; ; entstammt ursprünglich der Jerusalemer Kulttradition und wurde erst rückblickend mit der in Silo verankerten nordisraelitischen Ladetradition verbunden. Es bezieht sich unmittelbar auf den im Salomonischen Tempel befindlichen Kerubenthron JHWHs, wie z.B. b.2a nahelegt, wo JHWH, „der Kerubenthroner“, mit dem auf Zion residierenden Gott identifiziert wird (Janowski, 1992). Das → Königtum JHWHs und sein Thronen auf den Keruben gehören unaufhebbar zusammen (vgl. den synonymen Parallelismus membrorum in und Wildberger, 1982, 1426). In ist der Titel mit der Vorstellung von JHWH als König und Weltschöpfer verbunden. Hier und in ergeht an den Kerubenthroner eine Bitte um Hilfe und Schutz.
Durch die Überführung der → Lade in den Jerusalemer Tempel durch die Ältesten Israels, also die Repräsentanten des Nordreichs (), und ihre Aufstellung „unter den Flügeln der Keruben“ () während der Regentschaft Salomos wurden zwei Kultsymbole im Tempel vereint, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten (vgl. Janowski 1992, 271): „die auf kanaanäische Einflüsse zurückgehenden Keruben und die mit altisraelitischen Traditionen verbundene Lade“ (Würthwein 1977, 89f). Beide Kultsymbole stehen für die (unsichtbare) Präsenz JHWHs und symbolisieren so die Nähe Gottes. Nachdem bereits David die Lade von Kirjath-Jearim nach Jerusalem gebracht hatte, um das Interesse der Nordstämme für Jerusalem zu aktivieren, dokumentiert ihre Aufstellung im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels „unter den Flügeln der Keruben“ nun vollends die sakrale Union der beiden Reichsteile, also die Verknüpfung von Jerusalemer Zionstheologie mit den religiösen Traditionen des Nordreichs. Damit war, was politisch längst gegeben war, nämlich die Vereinigung von Nord- und Südreich unter einem König in Personalunion, auch auf sakralem Gebiet abschließend vollzogen: „Mit der Überführung der Lade wird der Tempel ein gesamtisraelitisches Heiligtum“ (Noth, 1983, 192).
Im Ezechielbuch finden wir verschiedene Kerubenvorstellungen: ; . nennt einen Keruben als „Träger der Herrlichkeit Jahwes und als Wächter des verlassenen Tempels“ (Keel 1977, 153). In .; ist mit den Keruben (Pl.!), die mit den himmlischen Wesen aus identifiziert werden, dagegen die Vorstellung eines Thronwagens verbunden, auf dem die Herrlichkeit JHWHs den Tempel verlässt.

Abb. 5 Die Keruben auf der Lade nach der Priesterschrift.
In der → Priesterschrift findet sich eine andere Kerubenkonzeption. Die Keruben stehen hier nicht mehr parallel nebeneinander wie im Salomonischen Tempel, sondern blicken sich an. Ihre Flügel bilden auch keinen Thron mehr, sondern sie haben eine reine Schutzfunktion für die als Sühneort fungierende Kapporät
Keruben tauchen auch in der Beschreibung der Ausstattung des priesterlichen Zeltheiligtums auf. Sie werden in (vgl. ) in Zusammenhang mit den Zeltstoffbahnen genannt, die das Heiligtum nach außen abgrenzen. Diese Bahnen scheinen nichts anderes „als zusammengewebte Cherubim“ (Hirsch 1912, 368) zu sein, sie wären somit „als“ Keruben hergestellt, d.h. sie sollten eine abgrenzende und schützende Funktion haben (vgl. dazu Dohmen 2004, 257f). Auch die Parochet (; ), eine Art Plane, die im Inneren des Zeltheiligtums das Heilige vom Allerheiligsten trennt, sollte in dieser Funktion „als“ Keruben hergestellt werden.
Im Neuen Testament sind Keruben nur in erwähnt. Sie finden sich in der an der Priesterschrift orientierten Beschreibung des irdischen Zeltheiligtums. Dort „beschatten“ sie den über der Lade befindlichen Sühneort (→ Sühne) und dienen als Träger der Herrlichkeit JHWHs.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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