Das hebräische Wort

Abb. 1 Bäckereibetrieb: Der Teig wird mit Füßen geknetet (oben links), in Krügen zu einem Tisch gebracht und dort geformt. In Pfanne und Ofen wird das Brot gebacken (Grab Ramses III.; 12. Jh.).
Brot wurde in aller Regel aus Gerste (śə‘orāh) oder Weizen (chiṭṭāh) gebacken, den beiden wichtigsten Getreidearten im alten Israel. Allerdings werden im Alten Testament, wenn von Brot die Rede ist, nur selten Angaben über das verwendete Mehl gemacht. → Elisa vollbringt sein Brotwunder mit Erstlingsbroten aus Gerste (), und einem Midianiter erscheint im Traum ein rollender Laib Gerstenbrot als Bild für das Schwert → Gideons (). Die Brote zur Einsetzung der Priester sollen dagegen aus feinstem Weizenmehl zubereitet werden (). Dass Brot, besonders in Notzeiten, nicht immer allein aus Weizen oder Gerste bestand, zeigt das zeichenhafte Brot, das Ezechiel aus Weizen, Gerste, → Bohnen, Linsen, → Hirse und Spelt backen soll (). Als weitere Zutaten für Brot (bzw. Kuchen, für den es im biblischen Hebräisch kein eigenes Wort gibt) kommen z.B. Öl, Milch oder Rosinen in Frage.
Die Brotzubereitung war meist die Aufgabe der Frauen jedes einzelnen Hauses (; ; ; ); Berufsbäckerinnen oder -bäcker gab es im Umkreis des Königshofes (; ; ).
Das zu Mehl (qæmach) oder Grieß (solæt) gemahlene Getreide wurde mit Wasser und Salz zu Teig geknetet. Dieser wurde in der Regel mit einem eigens aufgehobenen Stück bereits gesäuerten Teiges vermengt und so durchsäuert. Jedoch wurde Brot in bestimmten Fällen – wenn Eile geboten war, oder zu kultischen Zwecken – auch aus ungesäuertem Teig gebacken, so dass grundsätzlich zwischen gesäuertem (chāmeṢ) und ungesäuertem (maṢṢāh; → Mazzen) Brot unterschieden werden muss (.).

Abb. 2 Überirdischer Backofen (tannûr).
Die aus dem Teig geformten Fladen konnten auf heißen Steinen oder direkt auf Kohlen bzw. Glutasche gebacken werden (; ), normalerweise benutzte man jedoch einen Backofen, der als tannûr bezeichnet wurde (; ; Abb. 1 [oben rechts]; Abb. 2 und 3). Dieser Ofentyp ist im Orient bis in die Neuzeit verbreitet und durch archäologische Funde in der Levante und Ägypten nachgewiesen. Es handelt sich um einen auf dem Boden errichteten (Abb. 1 und 2) oder in die Erde eingelassenen (Abb. 3) Tonzylinder, der sich nach oben leicht verjüngt und oben offen ist. Auf seinem Boden brannte ein Holzfeuer. Wenn dieses heruntergebrannt war, wurden dünne Teigfladen an die Innenwände des Ofens geworfen, an der sie aufgrund ihrer Feuchtigkeit kleben blieben. Wenn das Brot gebacken war, musste es von der Wand des tannûr wieder abgenommen werden; es brauchte nicht gewendet zu werden (Abb. 1 [oben rechts]; vgl. Dalman, 1935, 104ff).

Abb. 3 Unterirdischer Backofen (tannûr) in Megiddo.
Für besondere Brotformen ist dieser Ofen ungeeignet; dafür konnte eine Backpfanne verwendet werden (vgl. ; Abb. 1 oben Mitte mit verschiedenen Brotformen). Aufbewahrt wurde das gebackene Brot in Körben (; .) oder, in der Mitte durchbohrt, auf einem Stab (; vgl. ).

Abb. 4 Verschiedene Brotsorten.
Das Alte Testament unterscheidet begrifflich nicht nur zwischen gesäuertem und ungesäuertem Brot, sondern auch zwischen verschiedenen Brotformen und Brotgrößen. Neben dünnen Fladen
„Brot und Wasser“ bezeichnen die elementarsten Grundnahrungsmittel (; .). Sie jemandem vorzuenthalten – und sei es einem Feind –, gilt als Frevel (; ; ). Elend wird durch die Rationierung von Brot und Wasser veranschaulicht (; ). „Brot und Wein“ (; ) stehen demgegenüber für ein festliches Mahl.
„Brot“ gilt als Mindestlohn (; ) sowie als Mindestversorgung der Haushaltsangehörigen (). Kein Brot zu essen, bedeutet, überhaupt nichts zu essen (.; ).
Letztlich ist es Gott, der Mensch (; ) und Tier () mit Brot – das heißt mit Nahrung – versorgt. Während der Begriff Brot
Der Geruch des Opfers – auch und gerade des fleischlichen Opfers – kann als „Brot / Speise des Feueropfers für Jhwh“ bezeichnet werden
Der Festkalender Israels richtet sich zu einem wesentlichen Teil nach der Getreideernte und ist dementsprechend auch von Brotriten bestimmt. Zentraler Inhalt des Mazzot-Festes, das mit dem → Passa-Fest verbunden ist, ist das Essen ungesäuerter Brote (→ Mazzen, : „Brot des Elends“), die ursprünglich aus der neuen (Gersten-)Ernte gebacken wurden (vgl. zur Gerste; zur neuen Ernte). Von der ersten Garbe (‘omær) an werden sieben Wochen bzw. Sabbate gezählt – in Israel wohl einer der Ursprünge der durchlaufenden Sieben-Tage-Woche („Omer-Zählung“, ). Am Wochenfest, das sich unmittelbar an diese Periode anschließt, wurden die Erstlinge der Weizenernte dargebracht (; → Fest).
Der durchlaufenden Sieben-Tage-Woche entspricht die wöchentliche Erneuerung der → Schaubrote (). Zum täglichen Opfer gehört im priesterlichen Opferkalender neben dem tierischen Brandopfer das aus Mehl und Öl bereitete vegetabilische Speiseopfer
Gemeinsam Brot zu essen bekräftigt eine Gemeinschaft (; ) und stiftet Bundesverhältnisse (; ). Als besonders ehrenvoll gilt es, am Tisch des Königs zu essen (; // ); diese Ehre auszuschlagen, kann schwerwiegende Folgen haben (.). Das Verweigern des gemeinsamen Brotessens steht für Verweigerung der Gemeinschaft (; vgl. ).
In den → Samuelbüchern ist Brotgeben und Brotnehmen ein Leitmotiv, welches das Verhältnis der Hauptpersonen zueinander illustriert.
1. Der Abstieg des Priestergeschlechts der Eliden (→ Eli) wird von Anfang an mit ihrer selbstherrlichen Ernährung begründet (.). Aus den Priestern, die eigentlich über genügend Brot verfügen sollten (vgl. ; ), werden abhängige Brotempfänger (; vgl. ; ), die der Willkür der jeweiligen Herrscher ausgeliefert sind. Andererseits wird aus dem um Brot bittenden bzw. Brot fordernden David (; ) ein großzügiger Spender ().
2. Ursprünglich will Saul den Propheten Samuel für eine Dienstleistung mit Brot oder Silber bezahlen (), doch dann bewirtet Samuel Saul () und sorgt dafür, dass er wieder zu Brot kommt (). So erweist sich Samuel dem Saul als überlegen. Entsprechendes gilt für die Totenbeschwörerin von → En-Dor, die nach Samuels Tod eine letzte Begegnung zwischen ihm und Saul ermöglicht und Saul zum Annehmen des Essens nötigt, das sie bereitet hat ().
3. Das Verhältnis des Hauses Davids zum Haus Sauls wird ebenfalls durch Brotgaben mit symbolischer Bedeutung veranschaulicht, was nicht zuletzt durch Davids Herkunft aus Bethlehem („Haus des Brotes“) angeregt sein dürfte. Bereits die erste Begegnung Davids und Sauls wird dadurch vorbereitet, dass → Isai David Brot, Wein und Fleisch mitgibt (). Später gelingt es Saul nicht, David an seinem Tisch zu halten (1Sam 20). Stattdessen werden am Ende die Übriggebliebenen von Sauls Sippe zu Kostgängern Davids ().
4. Das prophetische Wort im Lobgesang der Hanna „Die Satten werden um Brot dienen müssen, und die Hungrigen werden genug haben“ (), erfasst damit adäquat den erzählerischen Rahmen der Samuelbücher, den Übergang der göttlichen Erwählung vom Haus Elis an das Haus Davids.
Von der gemeinschaftsstiftenden Funktion des Brotes sind mehrere metaphorische Wendungen abgeleitet. „Brot des Elends“ () und „Tränenbrot“ () vergegenwärtigen eine notleidende bzw. eine trauernde Gemeinschaft. Oft steht „Brot“ auch für den mühseligen Ertrag menschlicher Arbeit (; ), und die Ameise wird in ihrem Fleiß bei der Nahrungsbeschaffung als Vorbild genannt (). Nicht empfehlenswert sind „das Brot des Frevlers“ (), „das Brot der Heimlichkeit“ (), „der Lüge“ () oder „der Faulheit“ (). Ein besonders drastisches Sinnbild für Elend und Unreinheit als Folge des Exilsschicksals ist das Brot, das Ezechiel auf Menschenkot backen soll (.). Auf der anderen Seite gilt reichlich Brot als Zeichen göttlichen Segens (; [gegenüber ]; ; ).
Sowohl verschiedenes Gebäck als auch der Vorgang des Backens kann als Metapher für Menschen gebraucht werden. → Josef erschließt das Schicksal eines Bäckers aus dem, was mit dem Backwerk in seinem Traum geschieht (). In der → Gideon-Erzählung sieht ein Midianiter im Traum einen Laib Gerstenbrot zum midianitischen Lager rollen. Das Brot wird auf das Schwert Gideons gedeutet, das die Midianiter überwinden wird ().
Der brennende Backofen eines Bäckers dient in als Bild für die Oberen von Ephraim, die sich wie Ehebrecher durch ihre eigene Gluthitze gefährden (vgl. ). Das Volk Ephraims wird selbst mit einem Glutaschenbrot verglichen (‘ugāh, ), das nicht gewendet wird und darum verbrennt.
Als Symbol für den bevorstehenden langen Ägyptenaufenthalt der Israeliten begegnet ein Backofen in der Theophanievision Abrams in – neben Rauch, Fackel und Feuer, welche die drei anderen in genannten Perioden symbolisieren.
Nach . handeln bereits die ersten Gebote Gottes davon, die richtige Nahrung zu wählen (vgl. auch den Ruf der Weisheit, von ihrem Brot zu essen; ). Dies (im priesterlichen Rahmen) vorwegnehmend weist Gott bereits im Schöpfungssegen der Menschheit die Speise als seine erste Gabe zu. Alle menschliche Nahrung verdankt sich insofern dem Wort Gottes.
Es liegt auf derselben Linie, dass nur das Wort Gottes selbst für das Leben noch wertvoller sein kann als das Brot (; .). Die Erzählung vom Manna, dem „Himmelsbrot“, erscheint als Hinweis darauf, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt, sondern von „allem, was aus dem Munde Jhwhs hervorgeht“ (), d.h. von Gottes Wort.
Im Judentum wird das Brot als Gottes Geschenk bei jeder Mahlzeit gewürdigt, indem folgender, zitierender Segensspruch gesagt wird: „Gesegnet seist du, Herr unser Gott, König der Welt, der Brot aus der Erde hervorbringt
Diesen jüdischen Brauch des Brotbrechens und des dazugehörigen Segens hat auch Jesus gepflegt (; ; ; ; Paulus in ). Dementsprechend steht die Brotbitte in der Mitte des Vaterunsers (; ). Sie besitzt ihre Vorgeschichte u.a. in späten Psalmen (Ps 145-147; PsSal 5; vgl. Kratz, 1992). Die Deutung des Brotes, das Jesus in seiner letzten Mahlzeit mit seinen Jüngern brach, auf seinen eigenen Leib, und des Weins auf das Blut hat zu dem neuen Ritus der Abendmahlsgemeinschaft geführt, der in der Folge zum exklusiven Zeichen des Christentums geworden ist.
Mit der Bedeutung des Brotes als Grundnahrungsmittel (), seiner gemeinschaftsstiftenden Funktion () wie seines symbolischen Wertes als Inbegriff der guten Gabe Gottes () bilden traditionelle biblische Aussagen den Hintergrund für die Deutung des Abendmahlsbrotes als für die Gemeinde gegebener Leib Christi (; ; ; ).
Gegenüber der Brotvermehrung → Elisas, der 100 Leute mit 20 Broten gespeist haben soll (), erscheint die Speisung von 5000 Menschen durch die wunderbare Vermehrung von fünf Broten und zwei Fischen als ungeheure Steigerung. Die Fünfzahl wurde bereits früh auf die Zahl der Bücher der Tora gedeutet, die Zweizahl der Fische auf Propheten und Schriften (Belege bei Luz, 1999, im Kommentar zu ). Die Speisung der Fünftausend ist das einzige Wunder Jesu, das in allen vier Evangelien erzählt wird (; ; ; ; daneben Speisung der 4000: ; ). In werden die Brotwunder Jesu, näherhin die Zahl der mit den übrig gebliebenen Brocken aufgesammelten Körbe, zwölf bzw. sieben, als Zeichen der Überlegenheit seiner Lehre über „den Sauerteig“ der Pharisäer und der Herodianer gewertet. Als Brotspender besitzt Jesus königliche oder göttliche Funktion.
In den Ostergeschichten des Lukas- und des Johannesevangeliums gilt das Brotbrechen bzw. Brotgeben Jesu als wichtiges Erkennungszeichen und damit als Brücke zur nachösterlichen Gemeinde (; ). An die Stelle der „Was ist das“-Frage der Israeliten, die dem vom Himmel dem Menschen gegebenen Manna den Namen gegeben haben soll (.), tritt im Neuen Testament die an Jesus gerichtete christologische Frage: „Wer bist du?“ (; ), die im Johannesevangelium, in Auseinandersetzung nicht zuletzt mit , ihre erste Antwort in der Selbstbezeichnung Jesu als „Brot des Lebens“ (.) findet.
Die rätselhafte Zahl der 153 Fische, welche die Jünger Jesu nach am See Genezareth fangen, dürfte ebenfalls mit dem johanneischen Brotwort zu erklären sein. Denn die Jünger, die nichts zu essen hatten, aber auf Jesu Hinweis mehr Fische fingen, als sie ziehen konnten (), werden am Ende nicht mit den selbst gefangenen Fischen ( jeweils im Plural) bewirtet, sondern mit einem Brot und dem einen Fisch, den Jesus bereits gebraten hatte (. jeweils Singular; eine Mehrzahl wird bei Joh durch den Plural ausgedrückt, .; ). Von den frisch gefangenen Fischen ist dagegen nur die Zahl wichtig. Erst nach der Zählung der 153 Fische und der Bewirtung mit dem einen Fisch wissen die Jünger, dass es Jesus ist, der ihnen das Brot bricht (). Eine Deutung der Zahl der Fische sollte die Mahlgemeinschaft als Ziel der Szene ebenso berücksichtigen wie den Kontext des Johannesevangeliums, zu dessen Nachwort diese Erzählung gehört und in dem die auch bei den Synoptikern berichtete wunderbare Speisung mit Broten und Fischen in das christologische Brotwort mündet.
Die insgesamt 154 Fische lassen sich in diesem Zusammenhang deuten als verschlüsselte Antwort auf die Frage der Jünger „Wer bist du?“. Diese sollte lauten wie das erste „Ich-bin-Wort“ des Johannesevangeliums: „Ich bin das Brot des Lebens“ (.). Jedenfalls für die aramäischkundigen Leser des Johannesevangeliums dürfte der anzunehmende Wortlaut dieses Jesuswortes geheißen haben
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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