Die Namensform
Nach früheren Versuchen, ihn aus dem Hebräischen oder gar dem Sanskrit herzuleiten, wird seit Beginn der Erschließung der Keilschrifttexte meist akkadischer Ursprung angenommen. Vorgeschlagen wurden u.a.: dAmurru-apla (-iddin) „(der Gott) Amurru gab einen Erbsohn”, dAmurru-apalu „Amurru tritt (für mich) ein”, dAmurru-ipul (-iddin) oder dAmurru-apil „Amurru vergilt / vergalt”, Amur-aplu „ich schaute einen Erbsohn”, jeweils akkadisch, ebenso Amur-pi-el „ich schaute den Mund Gottes”, was bei westsemitischer Etymologie „der Mund Gottes hat gesprochen” bedeuten würde. Doch ist keiner dieser Namen bisher inschriftlich belegt. Das gilt auch für die Form Amar(u)-apal, nach Astour (98f.) eine mögliche abgekürzte ideographische Schreibweise für Marduk-apal-iddina resp. Merodach-Baladan. So kann auch eine künstliche Namensbildung oder eine absichtlich oder unabsichtlich verschriebene Form von „Emutpal“ (ein amurritischer Stammesname) oder „Hammurapi” (s.u. 3.) nicht ausgeschlossen werden.
Amrafel, König von Schinar (.), ist der Erstgenannte in einer sonst von → Kedor-Laomer von → Elam angeführten Koalition von Großkönigen und damit der erste namentlich benannte und als solcher bezeichnete König in der Bibel überhaupt.
Dass die vier Großkönige in Gen 14,1 alphabetisch nach ihren Namen geordnet auftreten, könnte darauf hindeuten, dass ihre Namen als passendes Gegenstück zu den frei erfundenen Namen der Könige von → Sodom, Gomorrha, Adma und Zebojim ausgewählt worden sind, die durch Bera („Durch Bosheit”) und Birscha („Durch Frevel”) angeführt werden (; → Humor 3.2.1.). Nicht eine bestimmte historische Konstellation, sondern der literarische Zusammenhang dürfte für die Aufzählung der Kriegsparteien in .8f. entscheidend sein, vielleicht sogar so weit, dass nach dem Großreichskönig Amrafel (nebst Arjoch), und dem König von Sodom, Bera (nebst Birscha), auch das erste dem Krieg zum Opfer fallende Volk, nämlich die Refaim (), und schließlich der zehntgenannte König Melchisedek () oder Mamre, der erste der drei namentlich genannten Bundesgenossen Abrams (), bewusst das Akronym „ABRaM” ergeben sollen.
Sein Königtum, Schinar, wird sowie mit Babel in Verbindung gebracht, so dass „Schinar” in Gen 14 wahrscheinlich als archaisierende Bezeichnung für Babylonien gewählt ist. So verstanden es sowohl die Parallelüberlieferung der Erzählung im → Genesis-Apokryphon (1QapGen 21,23) als auch der Targum Onkelos, die regelmäßig „Schinar” durch „Babel” ersetzen. Versuche, Schinar mit einer Landschaft im nördlichen Mesopotamien zu verbinden, gehen auf das Bemühen zurück, einen historischen Kern hinter zu retten (s.u.).

Abb. 1 Hammurapi von Babylon vor dem Sonnengott.
Zur geringen Wahrscheinlichkeit, dass in Gen 14 historische Ereignisse geschildert werden, siehe den Artikel → Kedor-Laomer. Hier ist nur die Frage zu diskutieren, ob eine, und, wenn ja, welche historische Person dem Verfasser von Gen 14 für Amrafel als Anknüpfungspunkt gedient haben könnte. Von den unter 1. genannten Namensformen ist bisher nur Hammurapi (→ Hammurabi) von → Babylon (18. Jh. v. Chr.) sowie Ammurapi von → Ugarit (ca. 1191-1182 v. Chr.) als Königsname belegt.
Nach dem Kontext des Kapitels selbst (s.o. zu Schinar) ist zu erwarten, dass der Verfasser einen südmesopotamischen König des 2. Jt.s v. Chr. als Zeitgenossen Abrams benennen will. Sollte er von Hammurapi als einem bedeutenden Herrscher jener Zeit gehört oder gelesen haben, könnte er in Assimilation an andere ihm bekannte Namen wie „Babel” oder „Pul” ( für Tiglat-Pileser) ein Lamed am Wortende für richtiger befunden haben als ein Jod (vgl. im historischen Kontext des 1. Jt.s Assurnasirpal und Assurbanipal, im engsten literarischen Kontext → „Tidal” für Tud-halia). Dass sich für „Amrafel” viel eher akkadische Etymologien anbieten (s.o. 1.) als für den ursprünglich hurritischen Namen → Hammurapis, wäre dann kein Zufall, sondern der Effekt einer Hyperkorrektur durch den Autor von Gen 14. Unter den vielen erwogenen Identifizierungen bleibt die Gleichsetzung von Amrafel mit Hammurapi von Babylon, selbst wenn die Namensähnlichkeit zufällig sein sollte, die einzige, die Anhalt am Personennamen und an der Bezeichnung seines Königreiches hat.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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