Religiösem Empfinden scheint es sicher, dass Gott entweder allmächtig – oder gar nicht ist. Der Befund in der Hebräischen Bibel ist sehr viel differenzierter.
Der Begriff „Allmacht“ ist kein biblischer Zentral-, sondern eher ein Randbegriff. Das griechische Äquivalent – παντοκράτωρ (Pantokrator) „Allherrscher“ – begegnet im gesamten neutestamentlichen Textcorpus nur ein einziges Mal bei Paulus () und dazu neunmal in der Johannesapokalypse, als geprägte Wendung eines Schriftstellers also. Die Paulus-Stelle ist ein Mischzitat aus verschiedenen Septuaginta-Stellen (; [LXX: 38,9]; ), in denen das Wort παντοκράτωρ „Allherrscher“ jedoch gar nicht fällt. Gleichwohl ist der Begriff in der → Septuaginta 181-mal belegt, und zwar vorzugsweise (keineswegs ausschließlich und regelmäßig!) als Wiedergabe der hebräischen Gottesbezeichnungen
Das Hebräische kennt keinen Begriff für „Allmacht“. Trotzdem wird Gott an vielen Stellen der Hebräischen Bibel als überaus mächtig dargestellt (z.B. ; ; ; ; .; ; ; ; ; Hiob 38f). Es gibt ein ganzes Sprachfeld zur Beschreibung göttlicher Macht. Die wichtigsten Wortwurzeln sind
Es scheint indes, als seien sich die biblischen Menschen der Macht ihres Gottes nicht immer sicher oder über ihre Wirkungsweise nicht immer glücklich gewesen. Lange Zeit hielt man den Machtbereich Jhwhs für strikt begrenzt auf das eigene Territorium (; ; ; ) und das eigene Volk (; Ps 83). Im Zuge der Großreichsbildungen ab dem 8. Jh. erfuhr man schmerzhaft die Macht anderer Völker und Götter. Doch gerade jetzt reklamierten die Propheten die Macht über die Völkerwelt für Jhwh (; ; ; ; Nah 2f; Zef 2). Es entstanden Erzählungen von Jhwhs machtvollem Wirken unter den Völkern (Gen 37-50; Ex 7-14; 1Sam 5f; Jona). In der Apokalyptik schließlich erschien Jhwh sogar als die einzige und überlegene Gegenmacht zur Macht der Reiche dieser Welt (Dan 2; 7).
Doch der Anspruch bzw. die Erwartung und die erfahrbare Wirklichkeit klafften allzu oft auseinander. Einzelne Gläubige litten unter der Ungerechtigkeit Mächtiger, Israel litt unter auswärtigen Mächten, Jhwh schien machtlos. In Klageliedern wird er immer wieder aufgerufen, sich doch endlich kraftvoll und hilfreich zu zeigen (z.B. ; ; ; ). Immer wieder müssen Zweifel an seiner Größe und Macht zerstreut werden (z.B. ..; u.ö.). Kaum ließen sich Zweifelnde mit der Versicherung beruhigen, Gottes Macht sei derart überlegen, dass ihr der Mensch eben nicht folgen könne (; .; ).
Den Menschen des Alten Testaments blieb nur die Möglichkeit, an Gottes Macht gelegentlich auch gegen den Augenschein zu glauben. Sicherheit (securitas) war darin nicht zu erlangen, wohl aber Gewissheit (certitudo). Diese indes lässt in Schwachen Gottes Kraft mächtig werden (). Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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