Akrostichon bedeutet „Versspitze / Versanfang“. Der Begriff bezeichnet ein Gedicht, in dem die Anfangsbuchstaben bzw. -zeichen der einzelnen Zeilen senkrecht gelesen ein Wort oder einen Satz ergeben. Eine besondere Form des Akrostichons bilden Alphabetgedichte. In ihnen ergeben die Anfangsbuchstaben der einzelnen Zeilen das → Alphabet. Das setzt eine Buchstabenschrift mit einer festen Reihenfolge der Zeichen voraus.
Aus Mesopotamien sind uns mehrere, zum Teil allerdings nur fragmentarisch erhaltene Akrosticha bekannt. Das älteste sicher datierbare Akrostichon stammt aus dem 7. Jh. Die Anfangszeichen ergeben den Satz: „Ich bin Assurbanipal, der dich rief! [Verleih mir Le]ben, Marduk, und ich will dein Lobpreis singen“ (TUAT II, 765-768). Wie bei diesem Hymnus, so handelt es sich bei den meisten mesopotamischen Akrosticha um Gebete. Das gilt jedoch nicht für den bekanntesten akrostichischen Text, die sog. „Babylonische Theodizee“ (TUAT III, 143-157). Die Besonderheit der mesopotamischen Akrosticha liegt darin, dass die syllabischen Keilschriftzeichen, die häufig mehrere Lautwerte darstellen können, senkrecht und waagerecht gelesen oft unterschiedliche Silben bezeichnen. Das zeigt, dass die Akrostichie akustisch nicht wahrnehmbar war. Sie ist für das Auge geschaffen.
Das Alte Testament enthält vierzehn Alphabetgedichte, die verschiedenen literarischen Gattungen angehören, und zwar keineswegs nur weisheitlichen. In ; ; ; ; und im weisheitlichen „Lob der starken Frau“ folgen die Anfangsbuchstaben der einzelnen Zeilen – in Ps 119 sogar jeweils acht Zeilen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben – genau dem Alphabet mit allen 22 Buchstaben (die Differenzierung
▪ besteht aus dreizeiligen, aus zweizeiligen Strophen, deren Anfangsbuchstaben das Alphabet bilden. In beginnen alle drei Zeilen jeder Strophe mit dem Buchstaben der jeweiligen Strophe. Auffälligerweise steht in allen drei Liedern – anders als in – die
▪ enthält nur die erste Hälfte des Alphabets
▪ bietet eine Fülle von Problemen, z.B. fehlen Zeilen mit den Anfangsbuchstaben
▪ In dem individuellen Klagelied beginnen die
▪ In dem Loblied fehlt die
▪ In , ebenfalls ein Loblied, fehlt dem hebräischen Text die
Ansonsten sind noch zu nennen: (hebr. [Lutherbibel: ]; vgl. 11QPsa Kol. XXI,11-17) und die beiden apokryphen Psalm in 11QPsa Kol. XXII,1-15 und 11QPsa Kol. XXIV,3-17 (= Ps 155; syr. Ps III).
Besonders häufig steht
Wie es zu der abweichenden Reihenfolge gekommen ist, lässt sich kaum sagen. Zu gibt die rabbinische Tradition eine Erklärung:
In der älteren Forschung wurde die Akrostichie oft als „Künstelei“ geschmäht. So schreibt Hedwig Jahnow 1923 im Blick auf die → Klagelieder Jeremias: „Freilich ist es keine Literatur hohen Ranges, die sich das Gesetz durch den Buchstaben statt durch den Geist geben lässt, und es ist eine notwendige Folge dieser Künstelei, dass der gedankliche Zusammenhang in den Gedichten kaum jemals über die Strophe hinausreicht“ (169).
Doch welche Funktion hat die Akrostichie? Diese Frage stellt sich insbesondere bei den Klageliedern Jeremias, da hier ein auffallender Widerspruch besteht zwischen der spontanen Ergriffenheit der Dichter in der Situation der Not (vgl. z.B. ) und dem aufwendig kunstvollen Gewand ihrer Gedichte, das von ruhiger Distanz zeugt. Dass die Klage dieses Gewand erst sekundär, im Laufe der Überlieferung, also aus der Distanz erhalten hat (so Westermann, 91f), scheint ganz unwahrscheinlich, würde auch die Frage nicht beantworten, sondern nur verlagern: Warum hat man die Klage sekundär so kunstvoll eingekleidet?
Verschiedene Erklärungen stehen zur Diskussion:
1) Die Kunstform hat eine ästhetische Funktion (Westermann, 91). Sie dient der Ausschmückung. Mit ihr wollte der Dichter sein poetisches Talent unter Beweis stellen und seinen aufmerksamen Lesern eine Gelegenheit zur stolzen Entdeckerfreude anbieten.
2) P.A. Munch plädiert für eine pädagogische Funktion. Die alphabetischen Akrosticha seien – jedenfalls zunächst – für einen ganz praktischen Zweck geschrieben worden. Sie sollten im Schreibunterricht an Schulen als Mustertexte dienen. Belegen lässt sich diese These jedoch nicht, ja es scheint sehr unwahrscheinlich, dass man für den Schulunterricht ausgerechnet Klagelieder gedichtet haben soll.
3) Vielfach hat man der Akrostichie eine mnemotechnische Funktion zugeschrieben. Die Abfolge der Buchstaben soll beim Auswendiglernen eine Gedächtnisstütze bieten. Dagegen sprechen jedoch die vielen oben genannten Abweichungen vom Alphabet, z.B. die Unsicherheit in der Reihenfolge von
4) Nach Renkema hat die Akrostichie im Buch Threni eine strukturelle Funktion. Sie soll die Komposition visualisieren. Renkema findet zwischen den verschiedenen Liedern in den Strophen mit gleichen Anfangsbuchstaben jeweils Bezüge. Auf diese Bezüge solle die Gleichheit der Anfangsbuchstaben den Leser aufmerksam machen. Welche Funktion die Akrostichie außerhalb der Threni hat, bleibt offen.
5) Vermutlich zielt die alphabetische Akrostichie auf eine inhaltliche Aussage. Das Alphabet soll – wie vielfach erkannt wurde – als Symbol von Totalität dem Gedanken der Vollständigkeit Ausdruck geben. Der Verfasser will andeuten, dass er sein Thema vollständig behandelt und alles von A-Z bzw. – wie die rabbinische Tradition sagt (z.B. Talmud Traktat Shabbat 55a; Text Talmud) – alles von
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
Derzeit sind Sie als Gast auf den Seiten von WiBiLex unterwegs. Um das Lexikon in vollem Umfang nutzen zu können (z.B. Artikel drucken und durchsuchen, Bilder vergrößert anzeigen), melden Sie sich bitte mit Ihrem Benutzer-Namen an oder registrieren Sie sich kostenlos als neue/r Nutzer/in.
Wenn Sie bereits auf www.die-bibel.de registriert sind, können Sie sich ohne weitere Registrierung mit den gleichen Benutzerdaten auch bei WiBiLex anmelden!