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Lexikon

Tanis

Karl Jansen-Winkeln

(erstellt: Febr. 2009)

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1. Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Tanis / Zoan.

Tanis ist die griechische Form (τάνις) des ägyptischen Ortsnamens Ḏ‘nt, der zuerst in der Erzählung des Wenamun und dem sog. Onomastikon des Amenemope für diese Stadt im nordöstlichen Nildelta (N 30° 58' 31'', E 31° 53' 01'') belegt ist. Er lebt im Koptischen als Djaane und später im Arabischen als Ṣān (el-Ḥaǧar) weiter, in assyrischen Texten entspricht Ṣa’anu und im Alten Testament Zoan (Ṣo‘an).

In der Spätzeit werden manchmal die Ausdrücke scht-ḏ‘ und scht- ḏ‘nt synonym für Tanis (Ḏ‘nt) gebraucht. Die genaue Bedeutung der Ortsbezeichnung scht ḏ‘ in älterer Zeit ist unsicher (Zivie-Coche 2004, 200, Anm. 42; 294-298).

2. Erforschung

Tanis wurde in der Neuzeit zunächst durch die napoleonische Expedition beschrieben, war dann Fundort von Statuen (v.a. durch J. Rifaud, 1825), bevor A. Mariette (1860, Fund der „Vierhundertjahrstele“) und F. Petrie (1884) erste Grabungen unternahmen. P. Montet grub dort von 1928-1956 (u.a. Fund der Königsgräber), und seit 1965 werden durch die französische Mission unter J. Yoyotte und später Ph. Brissaud systematische archäologische Untersuchungen vorgenommen.

3. Wichtigste Denkmäler

© public domain

Abb. 2 Plan von Tanis.

Alle größeren Gebäude sind weitgehend zerstört, v.a. durch Kalkbrennerei. Auch die Grundrisse lassen sich oft nur noch durch Gründungsdepots (aus der Zeit Psusennes I., Siamuns und Osorkons II.) bestimmen, die an den Ecken unterirdischer Rückhaltemauern gefunden worden sind.

Der Amuntempel (der „Große Tempel“), in dem sehr viele der nach Tanis verschleppten Großplastiken gefunden wurden, liegt östlich vom Granittor Schoschenks III. in der inneren Umfassungsmauer Psusennes’ I. Die rückwärtige Wand ist noch zu erkennen, der 1. Pylon nur durch Gründungsdepots Osorkons II. zu rekonstruieren. Im Inneren hat man Reste von paarweise aufgestellten Obelisken gefunden und daraus auf drei Pylone im westlichen Bereich des Tempels geschlossen. In der Südwestecke des dem Tempel vorgelagerten Hofes liegen die Königsgräber der 21. und 22. Dynastie, aus wiederverwendeten Blöcken gebaute kleine unterirdische Kammern. Nördlich vom Amuntempel befand sich ein Tempel des Chons und der „heilige See“ (vermutlich aus ptolemäischer Zeit), in dessen Wänden zahlreiche Blöcke aus der Dritten Zwischenzeit und der frühen 26. Dynastie verbaut gefunden wurden. Außerhalb der Umwallung des Psusennes, aber noch innerhalb der größeren Umfassungsmauer der 30. Dynastie, liegt östlich des Amuntempels ein kleines, fast völlig zerstörtes Heiligtum („Temple de l’Est“), wohl von Osorkon II. gegründet, und südöstlich ein Tempel des Horus von Mesen. Außerhalb der großen Umwallung befindet sich südwestlich ein der Mut und dem Chons-das-Kind geweihter Tempelbezirk (in der älteren Literatur als „Temple d’Anta“ bezeichnet), der seinerseits von einer Mauer umgeben ist.

Reste des (oder eines) Siedlungsgebiets der 21. und 22. Dynastie sind im zentralen Bereich des Tells gefunden worden.

Viele der nach Tanis verbrachten Königsskulpturen (u.a. Sphingen) sind mehrfach usurpiert worden, von den Hyksoskönigen (→ Hyksos), den Ramessiden (→ Ramses II. und → Merenptah) und Psusennes I. In älterer Zeit hatte man noch eine „Tanitische Kunstschule“ angenommen, aus der vor allem die heute Amenemhet III. zugeschriebenen Werke hervorgegangen sein sollten. Das ist natürlich unhaltbar, aber die Diskussion um diese Gruppe von Statuen und ihre ursprüngliche Verwendung hält auch heute noch an (Verbovsek 2006).

4. Geschichte

Da in Tanis zahlreiche königliche Denkmäler aus der 19. Dynastie gefunden wurden, u.a. auch die sog. „Vierhundertjahrstele“, hat man früher vielfach angenommen, es sei identisch mit der → „Ramsesstadt“ und damit letztlich auch mit → Auaris, der Hauptstadt der → Hyksos in Ägypten. Da aber alle Grabungen keine Strata und (v.a. im Tempelbereich) in situ befindlichen Reste erbracht haben, die älter als die 21. Dynastie sind, kann Tanis erst nach Ende des Neuen Reiches eine bedeutendere Siedlung geworden sein. Spuren älterer Besiedlung sind durch einige bescheidene Bestattungen in Tonsärgen greifbar. Alle Großplastik- und älteren Architekturfragmente sind aus der Ramsesstadt (beim heutigen Qantir) herangeschafft worden. Tanis ist also in gewisser Beziehung die Nachfolgesiedlung der Ramsesstadt, die in der frühen 21. Dynastie aufgegeben wurde, bedingt vielleicht durch die Versandung des pelusischen Nilarms, wie man aufgrund von Bohrungen vermutet hat. Daher sei eine neue Siedlung am tanitischen Nilarm gegründet worden, der in dieser Zeit ausreichend Wasser führte (Bietak 1975, 99-112). Es wäre auch (bzw. zusätzlich) möglich, dass die Ramsesstadt in den Kämpfen am Ende der 20. Dynastie zerstört wurde und man dann eine neue Stadt an besser geeigneter Stelle aufbaute (Jansen-Winkeln 1992, 30-31).

In der 21. Dynastie ist Tanis Residenz und Begräbnisort der unterägyptischen Könige (die auch bei → Manetho „tanitisch“ genannt werden). Schon der erste König, Smendes, residiert in der Erzählung des Wenamun dort, und auch ein Objekt aus seiner Bestattung scheint von dort zu stammen. Von den folgenden Königen haben sicher Psusennes I., Amenemope und → Siamun an den Tempeln von Tanis gebaut und älteres Material aus der Ramsesstadt dorthin bringen lassen, und sie sind dort auch bestattet, ebenso vermutlich Psusennes II.

Der Bau der Tempel für → Amun und → Mut geht sicher auf die 21. Dynastie zurück, der des → Chons vermutlich auch. Die Anordnung dieser Tempel der „thebanischen Trias“ entspricht bis zu einem gewissen Grad denen in → Theben, und diese Götter werden auch nicht mit lokalen, sondern mit ihren thebanischen Epitheta geschmückt (vgl. auch Guermeur 2005, 265-301). Vor einiger Zeit sind im Südbereich des Tells die Reste eines Tempels mit starker Umfassungsmauer gefunden worden, dessen Baugeschichte sich von der Dritten Zwischenzeit bis zur 30. Dynastie erstreckt und der möglicherweise dem Amun von Opet geweiht war. Er wäre damit ein Gegenstück zum Tempel von Luxor. Tanis war also offenbar als eine Art „Theben des Nordens“ konzipiert.

Auch in der 22. Dynastie war Tanis offenbar die wichtigste Königsstadt und Begräbnisort der meisten Könige: Takeloth I., Osorkon II., Scheschonq II.(Ḥq3-chpr-R‘), III. (Wsr-m3‘t-R‘), IV. (Ḥḏ-chpr-R‘) und – vermutlich – Pami sind hier bestattet, und Scheschonq I., III., IV., V., Osorkon II. und Pami haben an den Tempeln gebaut. Dagegen sind in Bubastis (→ Pi-Beset), das Manetho als Ort dieser Dynastie angibt, nur Osorkon I. und der II. sowie Petubastis sicher bezeugt.

Die Könige der 23. Dynastie, die Manetho (wie die der 21.) als tanitisch bezeichnet, scheinen auf den ersten Blick hier nicht belegt zu sein, weder Petubastis I. noch Osorkon III., die man mit den ersten beiden Königen der manethonischen Liste identifiziert hatte. Dagegen hat sich ein kleines Fragment des Königs → Bokchoris aus der 24. Dynastie gefunden (Yoyotte 1971, 44-45), außerdem Spuren von Lokalherrschern der 25. bzw. frühen 26. Dynastie: die Könige Gemnefchonsbak, Neferkare und Petubastis II. (bzw. III.). Letzterer ist vermutlich identisch mit dem König Puṭubišti der Assurbanipalannalen (Prismen A und C, Onasch 1994, 36). Vielleicht war es dieser spätere Petubastis, den Manetho an die Spitze seiner 23. Dynastie gesetzt hatte.

Auf der Siegesstele des → Pianchi (Pije) wird Tanis eigenartigerweise gar nicht erwähnt. Von den nubischen Königen der 25. Dynastie ist nur der große Bauherr → Taharqo mit wenigen Resten in Tanis bezeugt.

In der 26. Dynastie ist Tanis nicht mehr königliche Residenz, nur noch Hauptort des 19. unterägyptischen Gaus. Die (nicht sehr umfangreichen) offiziellen Bautätigkeiten sind aufgrund späterer Veränderungen schwer einzuschätzen, aber immerhin haben (mit Ausnahme Psametiks III.) alle Könige der 26. Dynastie in Tanis Spuren hinterlassen. Apries hat im Muttempel eine Granitkolonnade errichten lassen.

In der 30. Dynastie wurden umfangreiche Rekonstruktionsarbeiten vorgenommen und eine neue größere Umfassungsmauer gebaut, die jetzt auch den Tempel des Horus von Mesen einschloss.

Prominenteste Funde aus der Ptolemäerzeit sind einige Statuen von Gouverneuren (Strategen) von Tanis mit z.T. ausführlichen Inschriften (Zivie-Coche, 2004) und ein Hort von Silbermünzen aus der Zeit Ptolemaios’ VI. In dieser Zeit wurde auch am Muttempel gebaut und im Siedlungsgebiet der 21. und 22. Dynastie in der Mitte des Tells ist ein neuer Tempel errichtet worden, vielleicht für Horus von Mesen (= Sile, sein Hauptkultort), dessen Kult in ptolemäischer Zeit recht bedeutend gewesen zu sein scheint, neben dem der thebanischen Götter Amun, Mut und Chons. Besonders bemerkenswert ist auch ein Kult des Amun von Piramesse, der offenbar in der 30. Dynastie wiederaufgenommen worden ist (Zivie-Coche 2004, 114-116 [n]; 309-310).

In römischer Zeit hat Tanis rasch an Bedeutung verloren, aber bis ins 5. Jahrhundert war es noch Sitz eines Bischofs [Timm 1991]. Aus dieser spätesten Zeit sind bis jetzt keinerlei Relikte gefunden worden.

5. Tanis im Alten Testament

Tanis (Zoan) wird in immerhin vier Büchern als besonders prominente Stadt Ägyptens erwähnt. In Num 13,22 heißt es von → Hebron, es sei 7 Jahre vor Zoan erbaut worden.

Jes 19,11 führt die „Fürsten von Zoan“ als Beispiel für die Großen Ägyptens an, ebenso Jes 19,13 (neben den „Fürsten von Memphis“). In Jes 30,4 werden von den Städten Ägyptens Zoan und Hanes (Herakleopolis magna) genannt, beide in der Tat zur Zeit des Jesaja besonders wichtige Zentren, die von libyschen Fürsten bzw. Königen beherrscht wurden. Ez 30,14 erwähnt Zoan beispielhaft neben anderen großen Orten, die vom Strafgericht Gottes betroffen sein werden, wie Pelusium, → Theben, → Memphis, → Heliopolis und Bubastis (→ Pi-Beset). Ps 78,12.43 spielt auf den Exodus (→ Meerwundererzählung) an, als Gott im „Gefilde von Zoan“ Wunder für sein Volk bewirkte; hier spielt zusätzlich die Lage der Stadt im Ostdelta eine Rolle.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Das christlich-koptische Ägypten in arabischer Zeit, Wiesbaden 1984-1992

2. Weitere Literatur

  • Bietak, M., 1975, Tell el-Dab‘a II, Denkschriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, IV, Wien
  • Brissaud, Ph., 1996, Tanis (Tell San El-Hagar), in: J.G. Westenholz (Hg.), Royal Cities of the Biblical World, Jerusalem
  • Brissaud, Ph., 1997, Tanis, énigmes et histoires, Bullerin de la Société française d’égyptologie 138, 18-35
  • Brissaud, Ph. / Zivie-Coche, Chr., 1998, Tanis. Travaux récents sur le Tell Sân el-Hagar, 1, 1987-1997, Paris
  • Brissaud, Ph. / Zivie-Coche, Chr., 2000, Tanis. Travaux récents sur le Tell Sân el-Hagar, 2, 1997-2000, Paris
  • Brissaud, Ph., 2007, Tanis sous la Troisième Période Intermédiaire, Bullerin de la Société française des fouilles de Tanis 21, 25-36; pl.XIV-XVI
  • Guermeur, I., 2005, Les cultes d’Amon hors de Thèbes, Turnhout, 265-301
  • Jansen-Winkeln, K., 1992, Das Ende des Neuen Reiches, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 119, 22-37
  • Kitchen, K.A., 1996, The Third Intermediate Period in Egypt (1100-650), 3. Auflage, Warminster
  • Lull, J., 2002, Las tumbas reales egipcias del Tercer Período Intermedio (dinastías XXI – XXV): Tradición y cambios, BAR 1045, Oxford
  • Onasch, H.-U., 1994, Die assyrischen Eroberungen Ägyptens (ÄUAT 27), Wiesbaden
  • Verbovsek, A., 2006, Die sogenannten Hyksosmonumente (GOF IV,46), Wiesbaden
  • Yoyotte, J., 1971, Notes et documents pour servir à l’histoire de Tanis, Kêmi 21, 35-45
  • Zivie-Coche, Chr., 2004, Tanis. Travaux récents sur le Tell Sân el-Hagar, 3, Paris

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Tanis / Zoan. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Plan von Tanis. © public domain

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