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Lexikon

Berenike

Gudrun Guttenberger

(erstellt: Jan. 2010)

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1. Name

Berenike (Βερενίκη = „Siegbringende“) ist als Frauenname und auch als davon abgeleiteter Ortsname belegt.

Den Namen Berenike trugen mehrere weibliche Mitglieder der ptolemäischen Dynastie sowie drei Frauen aus der herodäischen Dynastie. Die Darstellung der ptolemäischen und der herodäischen Frauen in den antiken Quellen ist – insofern diese männlichen Herrschern gleich- oder vorrangige Position beanspruchten – abwertend; moralisch abwertende Beurteilungen dieser Frauengestalten finden sich bis in die neuere Forschung. Auf eine tendenzkritische Lektüre der Texte ist also besonders zu achten.

Die Ptolemäer (→ Ptolemäer) waren die griechischen Herrscher Ägyptens in hellenistischer Zeit. Ptolemäische Residenz war die von Alexander gegründete Stadt Alexandria, wo nach antiker Auffassung auch Alexanders Leichnam ruhte (Alexandergrab). Neben Berenike waren Kleopatra und Arsinoe für weibliche Mitglieder des Ptolemäerhauses besonders häufige Vornamen. Die Ptolemäer praktizierten in Weiterführung ägyptischer Tradition häufig, aber nicht ausschließlich, die Geschwisterehe, jedoch u.U. auch die Polygamie. Die Zählung der Herrscher und Königinnen ist neuzeitlichen Ursprungs und kann variieren.

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Abb. 1 Berenike I.

Die ptolemäischen Frauen mit Namen Berenike, die zugleich Herrscherinnen waren, werden vor allem deswegen hier kurz vorgestellt, weil die Wahrnehmung der jüngeren Herodäerin Berenike vermutlich von den ptolemäischen Trägerinnen des Namens, die als machtbewusste Herrscherinnen auftraten, her bestimmt wurde.

Ptolemäerinnen mit Namen Berenike:

a. Berenike I, verheiratet mit Ptolemaios I (306/4-282), mit diesem zusammen Dynastie gründend, Mutter von Arsinoe (geb. 316) und Ptolemaios II (geb. 308)

b. Berenike II (ca. 272-221), Tochter des Magas, König von Kyrene, setzte ihre Eheschließung mit Ptolemaios III gegen Widerstand in Teilen ihrer Familie durch und prägte bereits in Kyrene sowie später in Ägypten eigene Münzen mit ihrem Portrait. Nach ihr wurde die Hafenstadt Berenike bei Benghasi benannt. Berenike trug zu Lebzeiten die königliche Titulatur und wurde in religiöser und politischer Hinsicht als gleichrangig neben ihrem Ehemann dargestellt. Berenike II und Ptolemaios III wurden als „wohltätige Gottheiten“ (θεοὶ εὐεργέται) kultisch verehrt. Berenike wurde jedoch auch unabhängig von ihrem Ehemann Gegenstand kultischer Verehrung, insbesondere als Isis im ägyptischen und Io, → Demeter und → Aphrodite im griechischen Pantheon. In diesen Zusammenhang gehört die Überlieferung um die Haarlocke der Berenike, die bei Kallimachos und Catull bezeugt ist. Diese habe anlässlich der glücklichen Rückkehr ihres Mannes aus dem dritten syrischen Krieg (246-241) eine Haarlocke geweiht, welche aus dem Tempel der vergöttlichten Arsinoe am Kap Zephyrion verschwunden sei. Vom Hofastronomen Konon von Samos sei die verschwundene Locke mit einem neu entdeckten Sternbild (Coma Berenices) identifiziert worden (Kallimachos, Aitiai = Frg. 110 Pf.; Catull 66). In ägyptischer Lektüre erinnerte das Geschehen an die Locke der Isis, die im Zusammenhang des → Osirismythos für → Auferstehung und Wiedergeburt stand (Isis Trichomatos in Koptos, Plutarch, De Iside 14). Nach dem dritten syrischen Krieg wird Berenike mit abgeschnittenem Haar und mit zu Demeter-Isis gehörenden Symbolen dargestellt. Im Zusammenhang mit der Kalenderreform von 238 wurde Berenike mit dem ebenfalls mit Isis verbundenen und die Nilflut ankündigenden Sothisstern verknüpft. Sie wurde bald nach dem Regierungsantritt ihres ältesten Sohnes (221), Ptolemaios IV, durch dessen Ratgeber Sosibios ermordet.

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Abb. 2 Berenike II.

c. Kleopatra Berenike III, Tochter von Ptolemaios IX und Kleopatra IV, Nichte und Ehefrau Ptolemaios X; nach der Ermordung seiner Mutter, Kleopatra III (101), hatte Ptolemaios X seine Nichte, Kleopatra Berenike III, zur Frau genommen. Kleopatra Berenike III wurde Mutter einer Tochter, über die nichts weiter bekannt ist. Schließlich wurde Ptolemaios X von seinem Bruder, Ptolemaios IX Soter II, abgesetzt; er fiel im Kampf. In diese Auseinandersetzungen zwischen Kleopatra Berenike III und Ptolemaios X einerseits und Ptolemaios IX andererseits war Alexander Jannäus verwickelt (1Makk 10f.); mit Alexander Jannäus hatten Kleopatra und Ptolemaios X einen Vertrag geschlossen, der diesem seine Selbständigkeit in Palästina zurückgab und ihm seine Expansionspolitik ermöglichte, nachdem Ptolemaios IX ihm entgegengetreten war. Nach dem Tod von Ptolemaios X kehrte Berenike Kleopatra III nach Ägypten zurück und wurde Mitregentin ihres Vaters. Sie trug den Kultnamen Philopator. Nach einer kurzen alleinigen Regentschaft nach dem Tod ihres Vaters 81 heiratete sie ihren Stiefsohn, Ptolemaios XI, den Sohn ihres verstorbenen Ehemanns, Ptolemaios X, und dessen erster Ehefrau. Dieser tötete Kleopatra Berenike III nach wenigen Wochen (Juni 80). Ptolemaios XI wurde daraufhin von der erzürnten Menge gelyncht.

d. Berenike IV, Tochter von Ptolemaios XII Auletes und seiner Schwester Kleopatra VI Tryphaina. Kleopatra VI Tryphaina wurde wenige Jahre nach der Eheschließung zugunsten einer zweiten Ehefrau verstoßen. Die älteste Tochter, die aus dieser zweiten Ehe hervorging, war → Kleopatra VII. Ptolemaios XII Auletes hielt sich von 57 bis 55 unfreiwillig in Rom auf. In dieser Zeit wurden Kleopatra VI Tryphaina und Berenike IV in Alexandria in die Herrschaft eingesetzt, in den Augen des Ptolemaios XII war diese Übernahme der Herrschaft illegitim. Nach dem Tod der Kleopatra VI Tryphaina noch im Jahr 57 wurde Berenike IV, die sich jetzt Kleopatra Berenike nannte, gedrängt, eine Ehe einzugehen. Einen ersten Ehemann, der sich fälschlich als Seleukide ausgab, ließ Berenike IV nach wenigen Tagen töten, einen zweiten Mann, Archelaos, der sich ebenfalls unzutreffend als Sohn des Mithridates von Pontus ausgegeben hatte, tatsächlich als Hohepriester von Komana (Kappadokien) von Pompeius eingesetzt worden war, akzeptierte sie. Ptolemaios XII gelang es 57 mit Hilfe von Pompeius und dem syrischen Proconsul Gabinius, sich erneut als ägyptischer Herrscher installieren zu lassen. Archelaos, Ehemann der Berenike, kam ums Leben. Ptolemaios XII Auletes ließ seine Tochter Berenike IV umgehend töten. Der → true Hyrkan II und Antipatros, der Vater von → Herodes dem Großen, unterstützen Gabinius und Ptolemaios XII bei ihrer Eroberung Ägyptens durch römische Truppen.

2. Herodäerinnen

e. 2. Generation der herodäischen Dynastie: Berenike war die Tochter → Salomes, der Schwester des Herodes und des Kostobar, des zweiten Ehemanns Salomes, eines idumäischen Aristokraten und Statthalters Idumäas. Salome ließ sich, vermutlich 28/27, von Kostobar scheiden und bezichtigte ihn (vermutlich zu Recht) der (bereits eine Dekade zurückliegenden) Verschwörung gegen Herodes, der diesen hinrichten ließ (Josephus, Antiquitates Iudaicae 15.259-266). Als Herodes seine beiden in Rom erzogenen und erwachsen gewordenen Söhne mit der Hasmonäerin Mariamne, Alexander und Aristobul, im Jahr 23 zurückholen ließ, verheiratete er den jüngeren, Aristobul, mit Berenike; es handelte sich also um eine endogame Eheschließung, die zugleich den idumäischen Familienzweig mit dem hasmonäischen zusammenschloss. Berenike und Aristobul waren Cousin und Cousine. Berenike wurde schon bald in die Streitigkeiten um den Status der Familienmitglieder des Herodeshauses und der Thronfolge mit hinein gezogen: Antipater, erstgeborener Sohn des Herodes und der Doris, der ersten Ehefrau des Herodes, versuchte seinen Einfluss gegen seine Brüder, Alexander und Aristobul, die über ihre Mutter hasmonäischer Abstammung waren, durchzusetzen, u.a. indem er die Beziehungen innerhalb des idumäischen Familienzweigs pflegte und dessen Einfluss auf Herodes zu stärken versuchte. Alexander, Erstgeborener der Mariamne, war mit Glaphyra, der Tochter des Königs von Kappadokien, Archelaos, verheiratet worden (Josephus, Antiquitates Iudaicae 16.11). Alexander und Glaphyra hoben in diesen Streitigkeiten ihre königliche Herkunft besonders hervor (Josephus, Bellum Iudaicum 1.477). Berenike geriet mit ihrer Ehe, die den Zusammenschluss beider Familienzweige repräsentierte, zwischen die Fronten: Ihr Ehemann Aristobul demütigte sie wegen ihrer nichtköniglichen Herkunft und stieß Drohungen gegen ihre Familie, den idumäischen Zweig des Herodeshauses, aus. Berenike suchte Unterstützung bei ihrer Mutter Salome, die ihrerseits Herodes informierte (Josephus, Bellum Iudaicum 1.478). Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor: Herodes, Agrippa und Aristobul und die Töchter Herodias und Mariamne (Josephus, Bellum Iudaicum 1.552). Der älteste Sohn wurde später mit der Herrschaft über Chalcis betraut, Agrippa wurde als → true König über ein Reich, das die Ausmaße des Imperiums seines Großvaters erreichte. Herodias war in erster Ehe mit ihrem Onkel Herodes Philippus und in zweiter Ehe mit Herodes Antipas, ebenfalls einem Onkel, verheiratet. Es handelt sich dabei um die Eheschließung, die durch → Johannes den Täufer scharf kritisiert wurde (Mk 6,18 par; Lk 3,19; Josephus, Antiquitates Iudaicae 18.116-119). Im Jahr 8/7 hatte der seit langem schwelende und eskalierende Konflikt zwischen Herodes und seinen Söhnen mit Mariamne, Alexander und Aristobul, ihren Höhepunkt erreicht. Nach dem Eingreifen Roms stellte Herodes seine Söhne in Berytos vor Gericht, das sie zum Tod verurteilte (Josephus, Antiquitates Iudaicae 16.356-404). Berenike wurde in zweiter Ehe mit einem weiteren Onkel, einem Bruder der Doris, der Mutter des Antipater und ersten Frau ihres Onkels Herodes, namens Theudion (Josephus, Antiquitates Iudaicae 17.70), verheiratet (Josephus, Bellum Iudaicum 1.552). Ihre Söhne sandte Berenike zur Erziehung nach Rom kurz vor dem Tod des Herodes (Josephus, Antiquitates Iudaicae 18.143); offenbar hatte sie diese der Fürsorge der Antonia, einer Tochter von Antonius und Oktavia (in deren Haus auch die Kinder der Kleopatra erzogen wurden), der Ehefrau des Drusus und Mutter von Germanicus und Claudius, anvertraut, mit der sie befreundet war (Josephus, Antiquitates Iudaicae 18.144.156.164f.). Ihren Söhnen ermöglichte es Berenike damit, enge freundschaftliche Beziehungen zum julisch-claudischen Herrscherhaus aufzubauen. Berenike ist vermutlich um das Jahr 23 verstorben (Josephus, Antiquitates Iudaicae 18.143-146).

f. 4. Generation der herodäischen Dynastie: Iulia Berenike hieß die Tochter → true und der Kypros; sie war eine Urenkelin → Herodes d. Gr. und die Enkelin Berenikes. Agrippa I verband in seiner Person die hasmonäische Linie über seine Großmutter Mariamne und seinen Vater Aristobul mit der idumäischen Linie über seine Mutter Berenike und seine Großmutter Salome, der Schwester des Herodes. Kypros war die Tochter des Phasael, eines Neffen des Herodes und der Salampsio, einer Tochter aus der Ehe von Herodes und Mariamne. Mariamne und Herodes waren also die Großeltern beider Eheleute, bei Agrippa väterlicherseits, bei Kypros mütterlicherseits. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor: Berenike war nach Agrippa das zweitgeborene Kind des Paares. Es folgten zwei Töchter, Mariamne und Drusilla, und ein weiterer Sohn, Drusus, der noch als Kind verstarb (Josephus, Antiquitates Iudaicae 18.132). Möglicherweise fanden die Eheschließung der Eltern Berenikes und die Geburt Agrippas, 27/28, sowie die der Berenike ein Jahr später noch in Rom statt (Josephus, Antiquitates Iudaicae 19.354), andernfalls wurde Berenike in Palästina geboren. Bereits beim Regierungsantritt ihres Vaters, Berenike war ein 11- oder 12-jähriges Mädchen, wurde sie mit dem Sohn des Alabarchen Alexander, eines Bruders des Philo, des ehemaligen Finanzverwalters der Antonia und eines Freundes des Kaisers → Claudius, Marcus, verlobt oder verheiratet. Die (geplante) Eheschließung verband das judäische Königshaus eng mit einer der einflussreichsten jüdischen Familien Alexandrias. Marcus starb jedoch bald. Beim Tod ihres Vaters Agrippa I im Jahr 44 war Berenike 16 Jahre alt und mit ihrem Onkel, Herodes von Chalcis, verheiratet; die Eheschließung hatte vermutlich sehr bald nach dem Tod des Marcus stattgefunden. Berenike trug den Titel Königin. Ihr Bruder Agrippa hielt sich in Rom auf, wo er wie sein Vater und Großvater erzogen wurde. Von Herodes hatte Berenike zwei Söhne, Berenikianus und Hyrkanus (Josephus, Bellum Iudaicum 2.221; Antiquitates Iudaicae 20.104). Als Herodes, König von Chalcis, im Jahr 48 verstarb, war Berenike ungefähr 20 Jahre alt. Das Königreich ihres verstorbenen Ehemanns wurde von Claudius an → true, den Bruder Berenikes, gegeben (Josephus, Antiquitates Iudaicae 20.104; Bellum Iudaicum 2.223). Ihre dritte Ehe schloss Berenike mit Polemon von Pontus und Kilikien, der sich, um die Ehe eingehen zu können, beschneiden ließ (Josephus, Antiquitates Iudaicae 20.146). Das Datum der Eheschließung und die Dauer der Ehe sind nur schwer zu bestimmen; bei Ausbruch des jüdischen Krieges hielt sich Berenike im Jahr 66 anlässlich einer religiösen Pflichterfüllung wieder in Jerusalem auf (Josephus, Bellum Iudaicum 2.309-314). Ein Rückschluss auf ihre Übersiedlung nach Judäa lässt sich aus der Notiz jedoch nicht ziehen. Nach Auskunft von Josephus dauerte die Ehe nicht lange. Die Nachricht von der Eheschließung bringt Josephus in einem Abschnitt, der vor dem Tod des Claudius (54) einzuordnen ist; andererseits bezeichnet er Polemon als König von Kilikien, was erst nach 64 als korrekte Bezeichnung gelten kann, da er von 38 an auch König von Pontus war (vgl. Josephus, Antiquitates Iudaicae 19.338), das → Nero 63 in eine Provinz umwandelte. Vor der Eheschließung mit Polemon und nach der Scheidung von ihm verblieb Berenike im Witwenstand und lebte bei ihrem Bruder Agrippa II, der sich vermutlich seit 50 oder 52 wieder in Palästina aufhielt und nach und nach die Territorien seines Vaters und anderer herodäischer Herrscher erhielt.

Eine kleine Notiz bei Joseph (Josephus, Antiquitates Iudaicae 20.145; vgl. Juvenal, Satiren 6.153 in einem antijudaistischen Abschnitt), ein Gerücht sei aufgetreten, dass sie mit ihrem Bruder zusammen sei, hat in der Sekundärliteratur bis in jüngste Zeit dazu geführt, eine inzestuöse Beziehung zwischen Berenike und ihrem Bruder anzunehmen. Josephus führt das Gerücht als Motiv Berenikes dafür ein, die erneute Eheschließung mit Polemon einzugehen, und begründet damit auch die kurze Dauer der Ehe. Dieser dritten Eheschließung Berenikes steht Josephus bereits deswegen kritisch gegenüber, weil die Initiative sowohl für die Eheschließung als auch die Ehescheidung bei Berenike zu liegen scheint und Josephus die Meinung vertritt, dass Ehescheidungen nur vom Ehemann ausgehen dürfen (vgl. Antiquitates Iudaicae 15.259f.). Dass zwischen Berenike und Agrippa eine inzestuöse Beziehung vorlag, ist angesichts der Observanz der Herodäer gegenüber der jüdischen Ehegesetzgebung unwahrscheinlich. Diese Observanz ist für Berenike und Agrippa insofern belegt, als von Polemon die Beschneidung – für einen griechischen König eine beträchtliche Zumutung – gefordert wird. Dafür, dass Berenike sich an die Tora gehalten hat und einem jüdischen Lebensstil verpflichtet war, spricht weiterhin, dass sie sich bei Ausbruch des jüdischen Krieges wegen eines Nasiräats in Jerusalem aufhielt (Josephus, Bellum Iudaicum 2.309-314; vgl. Berenike II und ihre Haarlocke).

Vermutlich im Jahr 60 treten Berenike und Agrippa in Apg 25,13-26,33, in der Erzählung über das Verhör des Paulus vor Festus (Amtszeit 60-62), auf. Berenike begegnet als Begleiterin des Agrippa und gewinnt im Erzählverlauf kein eigenständiges Profil. Das Verhalten Berenikes bei Ausbruch des jüdischen Krieges schildert Josephus (Bellum Iudaicum 2.309-314): Berenike wurde Zeugin des von Florus angeordneten Massakers unter der Jerusalemer Bevölkerung und versuchte vergeblich, nach Josephus als Bittstellerin mit bloßen Füßen, ihren Einfluss auf den Procurator zugunsten der Jerusalemer geltend zu machen. An den syrischen Proconsul Cestius richtete sie anschließend einen Brief, in dem sie die blutigen Ereignisse in Jerusalem schilderte, mit dem Ziel, die Darstellung durch Florus richtig zu stellen (Bellum Iudaicum 2.333).

Nachdem die „Friedenspartei“ in Jerusalem, die von Agrippa angeführt wurde, unterlegen war, stellte sich Agrippa auf die Seite der römischen Truppen und begleitete die römische Armee, hielt sich jedoch auch eine Zeitlang in Rom auf (Bellum Iudaicum 4.498-500); im Lauf des jüdischen Kriegs hatte Berenike mit → Titus eine Liebesbeziehung aufgenommen (Tacitus, Historien 2.2). Im Verlauf des Bürgerkriegs stand Berenike entschieden auf der Seite der Flavier; Tacitus bezeichnet sie als „regina Berenice“ und hebt ihr (auch finanzielles) Engagement besonders hervor (Tacitus, Historien 2.81). Sueton berichtet, dass Titus der Königin Berenike die Ehe versprochen habe (Sueton, Vita Titi 7). Einige Zeit nach dem jüdischen Krieg verlegten Agrippa und Berenike ihren Wohnsitz nach Rom. Cassius Dio nennt Berenike als die aktiv Handelnde und Agrippa als ihren Begleiter (65.15.4). Berenike habe mit Titus zusammen auf dem Palatin gewohnt, sich wie seine Frau verhalten und die offizielle Eheschließung offenbar erwartet. Titus reagierte jedoch auf den Unwillen der stadtrömischen Bevölkerung (vgl. Cassius Dio 65.15.5) und entließ Berenike; Cassius Dio verwendet für diesen Vorgang ein Verb, das auch die Scheidung bezeichnet. Sueton berichtet, dass die Trennung auf beiden Seiten unfreiwillig geschah („… invitus, invita“; Sueton, Vita Titi 7). Es ist zu fragen, ob Titus nach römischem Recht nicht tatsächlich mit Berenike verheiratet war. Nach dem Tod → Vespasians, 79, reiste Berenike erneut nach Rom; Titus nahm die Beziehung zu ihr aber nicht wieder auf (Cassius Dio 66.18.1). Über das weitere Geschick der Berenike und ihren Aufenthaltsort ist nichts bekannt.

Nach Kleopatra war Berenike die zweite Königin „aus dem Osten“, die mit einem römischen Herrscher verbunden war. Wie im Fall der ptolemäischen Königin scheiterte die Verbindung an der Einstellung der stadtrömischen Bevölkerung. Dieses Scheitern ist angesichts des jüdischen Selbstverständnisses Berenikes und ihres Bruders von weltgeschichtlicher Relevanz: Es kann begründet vermutet werden, dass sich sowohl das Geschick Judäas und des Diasporajudentums, als auch die Entwicklung des frühen Christentums in eine andere Richtung bewegt hätten, wenn die Beziehung durch eine formale Eheschließung legitimiert und sogar dynastisch relevant geworden wäre. Auffällig ist, dass die Sekundärliteratur bis in jüngste Zeit Berenike ungünstig darstellt, ihre Frömmigkeit als Heuchelei charakterisiert und ihr machtgierige und sexualisierte Verhaltensweisen unterstellt werden. Ähnlichkeiten zur Darstellung der Kleopatra sind zu konstatieren (vgl. ausdrücklich „überdies hielt seine Schwester, Berenike, eine Kleopatra im Kleinen, mit dem Rest ihrer viel in Anspruch genommenen Reize das Herz des Bezwingers von Jerusalem gefangen.“ Mommsen, 540). Vor dem Hintergrund dieser Tendenz ist darauf hinzuweisen, dass Berenike aller Wahrscheinlichkeit nach eine „gute“ Jüdin war und als solche wahrgenommen wurde. So wurden nach dem Tod ihres Vaters, ihre und ihrer Schwester Statue von der griechisch-römischen Bevölkerung Caesareas verspottet (Josephus, Antiquitates Iudaicae 19.357); dieser Spott traf sie als Tochter des jüdischen Königs. Von ihrem Nasiräat war bereits die Rede. Ihr Einsatz bei Florus beim Ausbruch des Krieges zeigt sie als verantwortungsbewusste Herrscherin, die sich für „ihr Volk“ einsetzte. Es gibt weiterhin keine Hinweise darauf, dass Berenike einen sexuell ausschweifenden Lebenswandel zeigte; im Gegenteil deutet vieles darauf hin, dass sie viele Jahre ihres Erwachsenenlebens auf sexuelle Beziehungen verzichtete. Ihre Entscheidung, den Witwenstand vorzuziehen, teilte sie mit nicht wenigen aristokratischen Frauen ihrer Zeit; der Verzicht auf eine erneute Eheschließung ermöglichte unter günstigen Umständen ein vergleichsweise freies und selbstbestimmtes Leben. Die Annahme, sie müsse Titus kunstfertig „umgarnt“ haben, ist ein Rückschluss moderner Interpreten aus dem Altersunterschied (Berenike war 10 Jahre älter als Titus), der ausschließlich Auskunft über die Genderkonstrukte dieser modernen Interpreten gibt; Tacitus hingegen begründet das Liebesverhältnis auch mit Berenikes Schönheit („florens aetate formaeque“, Historien 2.81).

g. 5. Generation der herodäischen Dynastie: Berenike hieß die Tochter Mariamnes, der Tochter Agrippas I und des Archelaos, eines Sohnes des Helkias, eines jüdäischen Aristokraten und guten Freundes des Agrippa (Josephus, Antiquitates Iudaicae 19.355; 20.140). Berenike war die Enkelin Agrippas I und die Ururenkelin von Herodes d. Gr.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Quellen und Übersetzungen

2. Sekundärliteratur zu den Ptolemäerinnen

  • Hölbl, G., 1994, Geschichte des Ptolemäerreiches. Politik, Ideologie und religiöse Kultur von Alexander dem Großen bis zur römischen Eroberung. Darmstadt
  • Holzberg, N., 3. Aufl. 2003, Catull. Der Dichter und sein erotisches Werk. München
  • Merkelbach, M., 1996, Das Königtum der Ptolemäer. in: Ders., Hestia und Erigone. Vorträge und Aufsätze. Stuttgart / Leipzig, 162-179
  • Sørensen, S.L., 2010, Eine Anspielung auf Kallimachos im 3. Makkabäerbuch. GRBS 50, 87-94

3. Sekundärliteratur zu den Herodäerinnen

  • Ebel, E., 2009, Lydia und Berenike. Zwei selbstständige Frauen bei Lukas (BG 20), Leipzig
  • Hansom, K.C., 1989, The Herodians and Mediterrenean Kinship. Part 1: Genealogy and Descent, BTB 19, 75-84; Part 2: Marriage and Divorce, ebd., 142-151
  • Ilan, T., 1996, Jewish Women in Greco-Roman Palestine, Peabody
  • Krieger, K.-S., 1997, Berenike, die Schwester König Agrippas II. bei Flavius Josephus. JSJ 28,1, 1 - 11
  • Mayer-Schärtel, B., 1995, Das Frauenbild des Josephus. Eine sozialgeschichtliche und kulturanthropologische Untersuchung, Stuttgart
  • Mommsen, T., 5. Aufl. 1993, Römische Geschichte V, München
  • Wilker, J., 2007, Für Rom und Jerusalem. Die herodianische Dynastie im 1. Jahrhundert n. Chr., Frankfurt

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