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Lexikon

Benjamin

Martin Mulzer

(erstellt: April 2008)

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Zum Stamm Benjamin → Stämme Israels.

1. Name

Abb. 1 Josef, Benjamin und die anderen Brüder (Peter von Cornelius; 1816).

Abb. 1 Josef, Benjamin und die anderen Brüder (Peter von Cornelius; 1816).

Der Personenname Benjamin (בִּנְיָמִין) ist aus dem Stammesnamen Benjamin abgeleitet (vgl. Schunck, 4). Der bedeutendste Namensträger ist der Heros eponymus des Stammes (s.u. 2.). In dem Stammesnamen verweist das Element jamin (ימין) auf die Himmelsrichtung Süden (→ Himmelsrichtungen) oder auf die rechte, ehrenvolle Seite des Namensgebers. Benjamin ist somit zunächst eine Fremdbezeichnung, wörtlich „Sohn des Südens“, „der zum Süden Gehörige“, „der an der rechten Seite Befindliche“, „der besonders Geehrte“. Am Anfang der Entwicklung stand wohl eine pluralische Form בני ימין „die Südleute“ (vgl. Mowinckel, 129). Ähnlich gebildet erscheint keilschriftlich in → Mari (18. Jh. v. Chr.) die Bezeichnung DUMU.MEŠ ja-mi-in/na/ni = *mārū jamīn(a/i) „Südleute / Jaminiten“ (vgl. Weippert, 110-123; vgl. auch den Landesnamen Jemen). Zu volksetymologischen Deutungen des Personennamens s.u. 2.2.

2. Benjamin, der Sohn Jakobs

2.1. Sein Platz unter den Jakobssöhnen

Benjamin ist der jüngste der zwölf Söhne → Jakobs und der einzige, der im Gebiet des späteren Israel geboren wurde. Seine Mutter → Rahel gebar dem Jakob zuvor auch den → Josef (Gen 30,22-24); die anderen zehn Jakobssöhne sind Halbgeschwister Benjamins. Dadurch wird eine besondere Beziehung der Stämme Josef (resp. Ephraim und Manasse) und Benjamin ausgedrückt (vgl. Schunck, 8; → Stämme Israels).

2.2. Die Geburt Benjamins

Bei der Geburt Benjamins an der Straße nahe bei → Efrata (unbekannte Lage im späteren Stammesgebiet Benjamin, erst sekundär mit → Betlehem identifiziert) stirbt seine Mutter Rahel (Gen 35,16-20). Zuvor gibt sie ihrem Sohn noch den Namen Ben-Oni (בן־אוני). Die Deutung dieses Namens ist umstritten: In Frage kommen eine nominale Ableitung von der Basis אנה „klagen / trauern“ mit der Bedeutung: „Sohn der Klage“ (vgl. Rabin, 386f.; Gesenius, 18. Aufl., 79.157) oder eine Form des Primärnomens און „Kraft“ mit der Bedeutung „Sohn meiner Kraft“ (vgl. Schäfer-Bossert, 122: „Sohn meiner Lebenskraft“, mit Verweis auf Gen 49,3; Fischer, 1995, 124f.). Sein Vater Jakob nennt ihn aber Benjamin, was hier als Ehrenname „Sohn der rechten Seite“ (= „geliebter Sohn“) zu verstehen ist. Damit wird die besondere Vater-Sohn-Beziehung akzentuiert, nicht das zukünftige Ergehen des Namensträgers. Übersetzungen mit „Sohn des Glücks, Glückskind“ o.ä. sind nicht angemessen. Entweder wird also einem situationsadäquat negativ konnotierten Namen ein positiver gegenüber gestellt oder es tritt zu einem positiv konnotierten Namen aus der Perspektive der Mutter ein zweiter positiver aus der Perspektive des Vaters hinzu. Beide Deutungen sind grundsätzlich möglich. Ben-Oni ist ein künstlich gebildeter und dem hebräischen Onomastikon fremder Name (vgl. Noth, 10), der den primären Stammesnamen Benjamin voraussetzt, welcher in Gen 35 zum Personennamen geworden ist.

2.3. Benjamin in der Josefsgeschichte

Eine besondere Rolle spielt Benjamin in der → Josefsgeschichte (Gen 37; Gen 39-50), obwohl er an keiner Stelle als Sprecher auftritt. Zunächst darf er auf Anweisung Jakobs seine Brüder nicht nach Ägypten begleiten, um dort Getreide zu kaufen (Gen 42,4). Josef verdächtigt die Brüder aber der Spionage und verlangt von ihnen, zu ihrer Beglaubigung Benjamin, seinen einzigen Vollbruder, nachzuholen (Gen 42,7-20). Erst als Juda sich für Benjamin verbürgt, erlaubt der Vater ihm die Reise nach Ägypten (Gen 43,8-9). Nach ihrer Ankunft wird Benjamin von Josef gegenüber seinen Brüdern bevorzugt (Gen 43,29.35; vgl. Gen 45,22). Die Erzählung erreicht ihren dramatischen Höhepunkt, als bei Benjamin ein scheinbar gestohlener, in Wahrheit aber im Auftrage Josefs dort versteckter Silberbecher gefunden wird (Gen 44,1-12). Doch seine Brüder distanzieren sich nicht von ihm wie früher von Josef (Gen 37), sondern treten für ihn ein (Gen 44,13-34). Daraufhin gibt sich Josef ihnen zu erkennen (Gen 45,3).

3. Weitere Personen

Außer für den Sohn Jakobs ist der Name Benjamin selten und nur in späten Texten belegt: 1) ein Urenkel des Jakobsohnes Benjamin (1Chr 7,10); 2) ein Bewohner Jerusalems, der zur Zeit Nehemias am Mauerbaus beteiligt war (Neh 3,23); 3) ein Judäer, der an der Einweihung der neuen Mauer teilnahm (Neh 12,34; MT); 4) ein Judäer, der eine fremde Frau geheiratet hat (Esra 10,32); weitere Personen ergeben sich durch bestimmte Lesarten in 1Chr 9,4 und 2Chr 32,15.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff. (Art. ימין)
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001 (Art. Benjamin, Efrata, Rahel)

2. Weitere Literatur

  • Fischer, I., 1994, Die Erzeltern Israels. Feministisch-theologische Studien zu Genesis 12-36 (BZAW 222), Berlin / New York
  • Fischer, I., 1995, Gottesstreiterinnen. Biblische Erzählungen über die Anfänge Israels, Stuttgart u.a.
  • Gesenius, W., 18. Aufl 1987ff, Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. Begonnen von Rudolf Meyer, bearb. und hrsg. von Herbert Donner, Berlin u.a., 79.91.157.159
  • Lux, R., 2001, Josef. Der Auserwählte unter seinen Brüdern (Biblische Gestalten 1), Leipzig
  • Mowinckel, S., 1958, „Rahelstämme“ und „Leastämme“, in: Hempel, J. / Rost, L. (Hgg.), Von Ugarit nach Qumran (FS O. Eißfeldt; BZAW 77), Berlin, 129-150
  • Nauerth, Th., 1997, Untersuchungen zur Komposition der Jakobserzählungen. Auf der Suche nach der Endgestalt des Genesisbuches (BEATAJ 27), Frankfurt / M. u.a.
  • Noth, M., 1928, Die israelitischen Personennamen im Rahmen der gemeinsemitischen Namengebung, Stuttgart, Ndr. (1980) Hildesheim / New York
  • Rabin, Ch., 1961, Etymological Miscellanea, in: ScrHier 8, 384-400
  • Schäfer-Bossert, S., 1994, Den Männern die Macht und der Frau die Trauer? Ein kritischer Blick auf die Deutung von און – oder: Wie nennt Rahel ihren Sohn?, in: Feministische Hermeneutik und Erstes Testament. Analysen und Interpretationen, Stuttgart u.a., 106-123
  • Schunck, K.-D., 1963, Benjamin. Untersuchungen zur Entstehung und Geschichte eines israelitischen Stammes (BZAW 86), Berlin
  • Schweizer, H., 1991, Die Josefsgeschichte. Konstitution des Textes, 2 Bd. (THLI 4,1.2), Tübingen
  • Seebass, H., 1999, Genesis II. Vätergeschichte II (23,1-36,43), Neukirchen-Vluyn
  • Weippert, M., 1967, Die Landnahme der israelitischen Stämme in der neueren wissenschaftlichen Diskussion (FRLANT 92), Göttingen

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Josef, Benjamin und die anderen Brüder (Peter von Cornelius; 1816).
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