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Lexikon

Arnon

Friedbert Ninow

(erstellt: Juli 2010)

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1. Name

Die exakte Bedeutung des Namens Arnon (ארנון ’arnôn bzw. defektiv ארנן ’arnon) ist unklar. Verschiedene Vorschläge sind gemacht worden: „flüchtig / dahin fließend“; „der Rauschende“; „Gemurmel“; „laut / tosend / geräuschvoll“. Eine solche Beschreibung passt sehr gut zum letzten Teil dieses Wasserlaufes, bevor er sich in das Tote Meer ergießt. Möglicherweise ist Arnon von der hebräischen Wurzel rnn „in Jubel ausbrechen / schreien / schwirren“ abgeleitet. Die → Septuaginta transliteriert Αρνων Arnōn (bezeugt statt MT „Arnon“ jedoch in Jos 12,2 φάραγξ „Schlucht“, in Ri 11,26 Ἰορδάνης „Jordan“). Der antike Name Arnon war bis in die byzantinische Zeit in Gebrauch. Erst in früh-islamischer Zeit ist der Hauptarm des Flusses als Wādī l-Mōǧib [Wadi l-Mogib] bekannt.

2. Lage

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zu den großen Wadi-Systemen des Ostjordanlands.

Der Arnon / Wādī l-Mōǧib liegt östlich des Toten Meeres im heutigen Jordanien und gehört zu den vier großen Wadi-Systemen (→ Jarmuk, → Jabbok / Wādī z-Zerqā, Arnon / Wādī l-Mōǧib und Zered / Wādī l-Ḥesā [Wadi l-Hesa]; → Wadi), die das Ostjordanland geographisch unterteilen. Er trennt das Ḏībān-Plateau im Norden vom zentral-moabitischen Plateau im Süden. Der Hauptarm hat seinen Ursprung in der Nähe von el-Leǧǧūn, ca. 16 km nordöstlich von Kerak (→ Kir Moab; Koordinaten: 2170.0660; N 31° 10' 50'', E 35° 42' 04''). Der Arnon hat eine Länge von ca. 60 km. Der Flusslauf liegt im Bereich von semiaridem bis aridem Klima. Während es im Winter zu heftigen Regenfällen kommen kann, ist der Sommer trocken und heiß. Der mittlere jährliche Niederschlag liegt bei ca. 154 mm. Trotz der geringen Niederschlagsmenge ist der Arnon / Wādī l-Mōǧib ein perennierender Wasserlauf, der von zahlreichen Tributär-Wadis gespeist wird. Tief schneidet diese Schlucht in die Plateau-Landschaft ein, die auf einer Höhe zwischen 800 bis 900 m über dem Meeresspiegel liegt. An manchen Stellen fallen die Abhänge bis zu 750 m in die Tiefe. An ihrer breitesten Stelle hat die Schlucht eine Weite von über 4 km. Der Arnon / Wādī l-Mōǧib mündet bei Rās el-Ġōr etwa 400 m unter dem Meeresspiegel in das Tote Meer.

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Abb. 2 Karte zum Arnon / Wādī l-Mōǧib und seinem Tributärwadisystem.

Ein nördliches Tributärwadisystem ergießt sich vom Ḏībān-Plateau kommend ca. 2,5 km östlich des Toten Meeres in den Hauptarm des Arnon / Wādī l-Mōǧib. In seinem unteren Abschnitt führt das Wadi den Namen Wādī Hēdān; der mittlere Abschnitt, in dem sich Chirbet Iskander befindet, wird Wādī l-Wāle genannt; der obere Abschnitt führt den Namen Wādī ṯ-Ṯemed mit Chirbet el-Mudējine eṯ-Ṯemed als eine der bedeutendsten Anlagen in diesem Gebiet.

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Abb. 3 Wādī l-Mōǧib vom südlichen Plateaurand (Blick Richtung Nord; Staudamm).

Oberhalb der Stelle, wo heute ein moderner Damm das Wasser des Arnon / Wādī l-Mōǧib staut, gabelt sich das Wadi in einen östlichen und einen südlichen Hauptarm. Der östliche Arm, Wādī Su‘ēda bzw. Wādī Salīje, erklimmt das nach Osten abfallende Plateau und sammelt verschiedene kleinere Tributäre im Gebiet von Qaṣr Bašīr, Qaṣr el-‘Al und Qaṣr Ṯurāje. Der südliche Hauptarm trägt zunächst den Namen Wādī n-Nuchēle, weiter südlich Wādī Dābbā und Wādī Leǧǧūn (siehe Karte 1).

3. Biblischer Befund

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Abb. 4 Wādī l-Mōǧib vom südlichen Plateaurand (Blick Richtung Südwest).

Wahrscheinlich war die Größe und Tiefe dieses Wasserlaufes ein wesentlicher Grund dafür, dass diese natürliche Barriere zu einer bedeutenden und wichtigen Grenze wurde. Num 21,14 spricht von den „Bächen des Arnon“, welche auf die unzähligen Tributäre und die vielen Verzweigungen des Arnon verweisen. Nach der biblischen Sichtweise trennte vor der israelitischen Landnahme der Arnon für eine bestimmte Zeit die → Amoriter im Norden von den → Moabitern im Süden (vgl. Num 21,13.26; Dtn 3,8; Ri 11,18ff). Neben den Amoritern scheinen in späterer Zeit auch die → Ammoniter das Land nördlich des Arnon beansprucht zu haben (Dtn 2,18f). Das Volk Israel durchquerte das gewaltige Wadi-System auf seinem Weg nach Norden und passierte dabei die Stadt Ar (Num 21,14f; Dtn 2,24).

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Abb. 5 Wādī l-Mōǧib vom südlichen Plateaurand (Blick Richtung West).

Nach der Besetzung des Landes östlich des Jordan durch die Israeliten bildete der Arnon eine natürliche Grenze zwischen den Stämmen Ruben und Gad auf der nördlichen und den Moabitern auf der südlichen Seite (Dtn 3,12.16). Nach den biblischen Autoren sollten jedoch die Moabiter aus dem Bereich nördlich des Arnon verdrängt werden, weshalb auch Amoriter in diesem Bereich angesiedelt worden sind, die von den Israeliten vertrieben werden durften. Das moabitische Herrschaftsgebiet befand sich nämlich trotz dieser Barriere auch im Norden (vgl. → Mescha-Inschrift; siehe auch Ri 3,12-30). Nach 2Kön 10,33 erreichte der Aramäer → Hasael in einer militärischen Expedition gegen Israel den Arnon. In Passagen wie Jes 16,1f und Jer 48,20 spricht Gott vom Gericht über Moab; dort wird der Arnon als Synonym für Moab benutzt. In diesem Kontext werden Städte nördlich des Arnon als moabitisch bezeichnet (Jes 15-16). Das entspricht dem Sachverhalt, dass der Arnon Moabs Strom, nicht Moabs Grenze war.

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Abb. 6 Wādī l-Mōǧib mit Staudamm.

Eine jüdische Tradition berichtet von einem Wunder, das am Arnon geschah: Als die Israeliten sich anschickten durch den Arnon zu ziehen, versteckten sich die Amoriter in nahen Höhlen, um sie anzugreifen. Die Feinde wussten aber nicht, dass die Bundeslade vorangetragen wurde, um den Israeliten den Weg zu ebnen. Als die Bundeslade den Ort erreichte, an dem sich die Amoriter versteckt hielten, stürzten die Höhlen ein und begruben die Feinde unter sich. Dieses Wunder wäre von den Israeliten nicht bewerkt worden, wenn nicht das Wasser Blut und Leichenteile herausgespült hätte. Als Erinnerung an dieses Wunder entschieden die Rabbiner, dass eine besondere Benediktion in dem Moment gesprochen werden sollte, an dem der Reisende den Arnon erblickt (Babylonischer Talmud, Traktat Berakhot 54aff.Text Talmud).

4. Historischer und archäologischer Befund

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Abb. 7 Wādī l-Mōǧib mit Staudamm.

Das Onomastikon des → Eusebius (Ende des 4. Jh. n. Chr.; Eusebs Onomastikon) verweist auf diesen Wasserlauf; es beschreibt den Arnon als einen „tückischen” Ort mit vielen gefährlichen Einschnitten, in denen römische Soldaten Wache halten (Onom. 10.15-24). In römischer Zeit verliefen wichtige Verbindungswege durch das Ostjordanland. Zu Beginn des 2. Jh.s n. Chr. wurde die Via Nova Traiana fertig gestellt, die in Nord-Süd-Richtung von → Heschbon bis zum Wādī l-Ḥesā das antike Moab teilte. Südlich von → Dibon (Ḏībān; Koordinaten: 2380.1012; N 31° 30' 07'', E 35° 46' 35'') führte diese römische Straße durch den Arnon / Wādī l-Mōǧib; bei Mahattet el-Haǧǧ kletterte sie wieder hinauf auf das südliche zentral-moabitische Plateau (verschiedene Abschnitte dieser Straße sind auf dem nördlichen wie auch den südlichen Abhängen noch heute deutlich zu erkennen). Von dort führte sie weiter über Qaṣr und er-Rabbā (Koordinaten: 220.075; N 31° 16' 08'', E 35° 44' 17'') an Kerak vorbei zum Zered / Wādī l-Ḥesā. Wo die römische Straße das Wadi-Bett des Arnon kreuzt, hat in römischer Zeit eine Brücke gestanden.

Das Arnon / Wādī l-Mōǧib-Gebiet ist noch weitgehend unerforscht. Als im Rahmen des „Hashemite Kingdom of Jordan Southern Ghors Integrated Development Project“ ein Staudamm im Arnon / Wādī l-Mōǧib geplant wurde, begannen erste intensive Oberflächen-Surveys in dem Bereich, der geflutet werden sollte. Im Zuge dieser Untersuchungen wurde neben zahlreichen kleineren Orten eine ca. 12 ha. große, prä-keramisch neolithische Anlage, eṣ-Ṣifije, entdeckt (ca. 6500-6000 v. Chr.). Verschiedene Gebäudekomplexe, deren Mauern in einer Höhe von bis zu zwei Metern noch erhalten sind, wurden freigelegt. Mauern und Fußböden waren verputzt und rot gefärbt.

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Abb. 8 Wādī l-Mōǧib mit Staudamm.

Weitere archäologische Forschungen konzentrierten sich auf eines der südlichen Tributärwadis, das Wādī š-Škafije, das einen natürlichen Zugang auf das zentral-moabitische Plateau von Norden her bildet. Durch seine verkehrstechnisch und strategisch günstige Lage bildete dieses Wadi eine wichtige Passage – vor allem in der Antike – durch den wie eine natürliche Barriere wirkenden Arnon / Wādī l-Mōǧib. Dabei wurde eine ganze Reihe von neuen archäologischen Orten registriert. Auf einem Sattel am Ausgang des Wādī š-Škafije wurde eine früheisenzeitliche Anlage – Chirbet el-Ma’marīje (2282.0914) – entdeckt, die einen imposanten und außerordentlich wehrhaften Charakter aufweist. Zu weiteren wichtigen Orten im Bereich des Wādī š-Škafije zählen Chirbet Abū es-Samin (Koordinaten: N 31° 24' 17'', E 35° 49' 29''), eine Anlage, die vor allem während der Eisenzeit und in der nabatäisch-römischen Epoche besiedelt gewesen war, und Qaṣr er-Rahā (Koordinaten: 2282.0899; N 31° 24' 08'', E 35° 49' 19''), eine imposante Festung, die ebenfalls über die Eisenzeit hinaus Verwendung fand. Neben einer ganzen Reihe von kleineren Installationen – Cairns [Steinhügel], Mauerreste, Wachtürme, Damm-Installationen, Terrassierungen, Wassermühlen aus islamischer Zeit und einen fragmentarisch erhaltenen Dolmen (Koordinaten: N 31° 24' 53'', E 35° 49' 17'') – ist ein weiterer frühbronzezeitlicher Ort (Koordinaten: N 31° 24' 51'', E 35° 49' 52'') zu nennen, der die Bedeutung dieses Wadi als Zugang zum zentral-moabitischen Plateau auch für die frühen Epochen unterstreicht.

In der 26. Zeile seiner Inschrift lässt der moabitische König → Mescha die Leser wissen, dass er Aroër baute und „die Straße am Arnon“. Die enge Assoziation von der „Straße am Arnon” zum Ort Aroër lässt darauf schließen, dass diese eisenzeitliche „Straße” von Aroër ausgehend in den Talgrund des Arnon führte und von dort sich einen nach Süden führenden Aufstieg suchte, um das zentral-moabitische Plateau zu erreichen (unter der Voraussetzung, dass die „Straße am Arnon“ eine Route war, die das Wadi kreuzte und nicht an dessen nördlichen Rand entlang nach Osten? führte). Für den südlichen Aufstieg auf das zentral-moabitische Plateau bietet sich das Wādī š-Škafije als der natürlichste Zugang an. Dieses Wadi bildet eine direkte Verlängerung eines möglichen Abstieges von Aroër durch den Arnon.

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Abb. 9 Römische Meilensteine im Wādī l-Mōǧib.

Mit dem Bau der neuen Straße wichen die Römer von der geomorphologisch günstigen Strecke durch das Wādī š-Škafije ab. Vermutlich bot die offene Querung des Wadis eine bessere Einsicht und Kontrolle der Straße (zwei römische Meilensteine sind entlang des südlichen Aufstiegs am Straßenrand auszumachen). Trotzdem ließen die Römer die alte Route nicht aus den Augen. Zahlreiche militärische Anlagen (Forts, Wachtürme etc.) zeugen von der Bedeutung und der Nutzung des Wādī n-Nuchēle und seiner Tributäre in der früh-römischen Epoche.

Über dem Wādī š-Škafije und dem Wādī n-Nuchēle, an der Spitze des Chašm es-Sanina Plateaus, thronte ein kleines Fort (Koordinaten: N 31° 23' 58'', E 35° 49' 49''). Von hier hatten die römischen Besatzer einen guten Blick auf die Verkehrswege in Richtung Süden und nach Osten. Ein alter Weg – der Darb es-Sanina – ermöglichte einen raschen Abstieg in das Wadibett. Dieser Weg war vermutlich schon während früherer Epochen einer der wichtigsten Zugänge zum Arnon / Wādī l-Mōǧib.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Archaeological Encyclopedia of the Holy Land, New York / London 2001
  • The International Standard Bible Encyclopedia, Grand Rapids 1982

2. Weitere Literatur

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  • Mattingly, G., 1983, The Natural Environment of Central Moab, ADAJ 27, 597-605
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  • Ninow, F., 2006, The 2005 Soundings at Khirbat al-Mu‘mmariyya in the Greater Wādī al-Mūjib Area, ADAJ 50, 147-155
  • Ninow, F., 2007-2008, Der Wadi ash-Shkafiya-Survey 2007: Ein Vorbericht zu römischen Anlagen, Spes Christiana 18-19, 117-134
  • Worschech, U., 1990, Die Beziehungen Moabs zu Israel und Ägypten in der Eisenzeit (ÄAT 18), Wiesbaden
  • Ziv, Y., 2001, Back to the Biblical „Mesillah“, Judea and Samaria Research Studies 10, 195-206

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zu den großen Wadi-Systemen des Ostjordanlands. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Karte zum Arnon / Wādī l-Mōǧib und seinem Tributärwadisystem. © Friedbert Ninow
  • Abb. 3 Wādī l-Mōǧib vom südlichen Plateaurand (Blick Richtung Nord; Staudamm). © Friedbert Ninow
  • Abb. 4 Wādī l-Mōǧib vom südlichen Plateaurand (Blick Richtung Südwest). © Friedbert Ninow
  • Abb. 5 Wādī l-Mōǧib vom südlichen Plateaurand (Blick Richtung West). © Friedbert Ninow
  • Abb. 6 Wādī l-Mōǧib mit Staudamm. © Friedbert Ninow
  • Abb. 7 Wādī l-Mōǧib mit Staudamm. © Friedbert Ninow
  • Abb. 8 Wādī l-Mōǧib mit Staudamm. © Friedbert Ninow
  • Abb. 9 Römische Meilensteine im Wādī l-Mōǧib. © Friedbert Ninow

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