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Lexikon

Ariël

Christoph Rösel

(erstellt: Febr. 2009)

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Das in der Lutherübersetzung verwendete Wort „Ariel“ gibt einen Namen wieder, der im Hebräischen sowohl verschieden geschrieben als auch verschieden gebraucht wird.

1. Ariël als Männername

Am sichersten ist „Ariel“ in Esr 8,16 zu deuten. Es handelt sich eindeutig um einen männlichen Eigennamen, und zwar eines Sippenoberhauptes der nach Babylon verbannten Judäer. Der Namenträger gehört zu einer Gruppe von Männern, die → Esra in die Ortschaft Kasifja schickt, um auch einige → Leviten zur Rückkehr nach Jerusalem zu bewegen. Die Schreibung ist אֲרִיאֵל ’ǎrî’el und wahrscheinlich handelt es sich um einen Nominalsatz, der aus dem אֲרִי ’ǎrî → „Löwe“ und אֵל ’el „Gott“ zusammengesetzt ist und die metaphorische Aussage ergibt: „Ein / mein Löwe ist Gott“ (vgl. ’rjw „Ein / mein Löwe ist Jahwe“ auf Samaria-Ostrakon 1.50 und 4). Der Name gibt, so gedeutet, der Überzeugung Ausdruck, dass die Gottheit den Namensträger wie ein Löwe beschützt, vielleicht auch etwas von seiner löwengleichen Kraft auf ihn überträgt.

2. „Gotteslöwe“ (Ariël) als Ehrentitel

2.1. Zwei moabitische Helden

In 2Sam 23,20 und der chronistischen Parallele 1Chr 11,22 ist von „zwei Ariels“ die Rede (geschrieben ohne Jod אֲרִאֵל ’ǎri’el), die von → Benaja geschlagen wurden. Sehr wahrscheinlich handelt es sich in diesem Fall nicht darum, dass zwei moabitische Helden zufällig denselben Eigennamen trugen, sondern dass „Ariel“ als symbolischer Ehrentitel für herausragende Kämpfer benutzt wird. In diesem Fall würde es sich anbieten, den Namen als Konstruktusverbindung aus אֲרִי ’ǎrî „Löwe“ und אֵל ’el „Gott“ aufzufassen. Dies ergäbe die Bedeutung „Gotteslöwe“ und wäre ein passender Hinweis auf die übermenschliche Kampfeskraft der so bezeichneten Männer. Wenig überzeugend ist dagegen der Vorschlag von Gesenius (18. Aufl.), der das Wort von einer sonst unbekannten Wurzel ableiten will, so dass es einfach „Führer / Held“ bedeuten soll.

2.2. Jerusalem

In Jes 29,1.2.7 (je zwei Belege in V. 1.2) ist Ariel offensichtlich ein Name für eine Stadt, nämlich den „Ort, wo David lagerte“. Damit kann eigentlich nur → Jerusalem gemeint sein (vgl. → Symbolnamen). Der Grund für die Verwendung des Namens „Ariel“ lässt sich nicht mehr eindeutig erhellen. Kaiser (1983, 212) erklärt den Sachverhalt durch die „spielerische Geheimnistuerei des Dichters“. Im Kontext kommt es auf die Bedeutung des Namens durchaus an, weil Ariel nicht nur in der Anrede (Jes 29,1.2.7), sondern auch in einem Vergleich (Jes 29,2) verwendet wird: „und sie wird für mich wie ein ‚Ariel’“. Die meisten Ausleger versuchen die Wahl des Namens Ariel für Jerusalem mit Hinweis auf die Bedeutung „Opferherd“ in Ez 43,15-16 (s.u.) zu erklären. Der Dichter hätte den Aufbau auf dem zentralen → Altar des → Tempels als pars pro toto für die ganze Stadt genommen. Dies würde jedenfalls erklären, wieso Ariel als Bezeichnung für Jerusalem verwendet wird. Allerdings passt dies nur, wenn man in Ez 43,15-16 der masoretischen Qəre-Lesart folgt (s.u.). Außerdem hat die den Vergleich ausführende Schilderung (Jes 29,3-4) nichts mit dem Altaraufbau zu tun. Viel besserer Sinn ergibt sich, wenn „Ariel“ hier, ganz wie in 2Sam 23,20, einen symbolischen Ehrentitel für einen herausragenden Kämpfer darstellt, der auf die Stadt insgesamt übertragen, dann allerdings ironisch oder gar höhnisch verwendet wird. Jerusalems angebliche Kampfeskraft wird sich als das erweisen, was sie ist, wenn JHWH mit der Belagerung einsetzen wird: nämlich als nichts weiter als das Wimmern eines in den Staub niedergestreckten Mannes.

2.3. Ariël in Jes 33,7?

Die Lutherübersetzung gibt außerdem in Jes 33,7 („die Leute von Ariel schreien draußen“) das hebräische אֶרְאֵל ’ær’el mit „Ariel“ wieder und denkt dabei an Jerusalem. Die → Masoreten haben allerdings anders vokalisiert. In den Kontext würde „Krieger“ oder Ähnliches passen; es läge deshalb nahe die Stelle auf der Linie von 2Sam 23,20 zu verstehen und entsprechend – anders als die Masoreten – zu vokalisieren (vgl. Kaiser, 1983, 267).

3. „Ariël“ als Bezeichnung für einen Teil des Altars?

In der Lutherübersetzung kommt „Ariel“ nicht weiter vor. Im masoretischen Text von Ez 43,15-16 wird allerdings das hebräische Wort zwei weitere Male verwendet. Im Konsonantentext (Kətiv: אראיל ’r’jl) weicht die Form zwar deutlich ab, insofern das Jod erst nach dem zweiten Alef zu stehen kommt, aber nach Ansicht der Masoreten ist jeweils אֲרִיאֵל ’ǎrî’el zu lesen (Qəre). Folgt man dem, dann hätte das hebräische Wort noch eine weitere Bedeutung, denn hier kann keine Person, sondern muss der obere Teil des Brandopferaltars gemeint sein. In den gängigen deutschen Übersetzungen wird der Ausdruck „Opferherd“ gewählt (so auch Gesenius, 18. Aufl.; vgl. Zimmerli, 1093f.). Wie die Qəre-Lesart ’ǎrî’el die Zusatzbedeutung „Opferherd“ angenommen haben könnte, ist unerfindlich. Es spricht alles dafür, dass die Masoreten mit ihrem Lesevorschlag Unrecht haben und tatsächlich, wie im Konsonantentext, ein anderes Wort vorliegt, das in diesem Kontext als terminus technicus für einen Altaraufsatz gebraucht wird.

4. Ariël in der Mescha-Inschrift?

Außerhalb Israels, nämlich in Zeile 12 der moabitischen → Mescha-Inschrift (dort auch der Text) kommt das Wort ’r’l vor, das sich als ’ǎrî’el vokalisieren ließe. Der Kontext lässt viele Bedeutungsmöglichkeiten zu, allerdings passt die Bedeutung „Gotteslöwe“ dezidiert nicht. Die von Ezechiel herrührende Deutung, wonach ’r’l einen transportablen Altaraufsatz bezeichnet, wäre jedenfalls eine sinnvolle Option.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979 (Herd Gottes)
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Block, D.I., 1998, The Book of Ezekiel. Chapters 25-48 (NICOT), Grand Rapids
  • Kaiser, O., 1983, Jesaja 13-39 (ATD 18), Göttingen.
  • Oswalt, J.N., 1986, The Book of Isaiah. Chapters 1-39 (NICOT), Grand Rapids
  • Zimmerli, W., 1979, Ezechiel 25-48 (BK XIII,2), 2. Auflage, Neukirchen-Vluyn

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