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Lexikon

Apokryphen (AT)

Martin Beck

(erstellt: Sept. 2006)

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1. Definition

Das griechische Adjektiv απόκρυφος apόkryphos bedeutet soviel wie „verborgen / dunkel“. Unter „Apokryphen“ versteht man demnach die verborgenen, d.h. von der öffentlichen Verbreitung ausgeschlossenen Bücher: Es handelt sich um die Schriften, die im griechischen (Septuaginta) und lateinischen (Vulgata) Alten Testament kanonischen Rang besitzen, jedoch nicht in der Hebräischen Bibel enthalten sind und deswegen in den Bibelausgaben der reformatorischen Kirchen allenfalls als Anhang beigegeben werden (→ Bibel; → Kanon).

2. Die „apokryphen“ Schriften und ihr gemeinsamer Nenner

Bei den „Apokryphen“ handelt es sich im weitesten Sinne um folgende Schriften der einzelnen Teile des biblischen Kanons:

1) Gesetzes- und Geschichtsbücher

2) Poetische Bücher

3) Prophetische Bücher

  • Baruch
  • → Brief Jeremias
  • Zusätze zu → Daniel (nämlich die Erzählungen von → Susanna und Daniel [ZusDan 1], von Bel zu Babel, vom → Drachen zu Babel [ZusDan 2], das Gebet Asarjas und der Gesang der drei Männer im Feuerofen [ZusDan 3]).

Die „apokryphen“ Schriften sind vermutlich (je nach Eingrenzung zumindest überwiegend) jüdischen Ursprungs und im Zeitraum vom 3. Jh. v. Chr. bis zum 1. Jh. n. Chr. entstanden. Daher besteht zwischen den ältesten dieser Bücher und den jüngsten Schriften und Fortschreibungen der „kanonischen“ Bücher der Hebräischen Bibel keine zeitliche Lücke.

Die „Apokryphen“ bieten „einen Einblick, wie zumal das palästinische, aber auch das in der ägyptischen und in der westasiatischen Diaspora lebende Judentum sich über seinen Glauben an seine göttliche Erwählung und die damit verbundene Verpflichtung auf den Gehorsam gegen die Tora oder Weisung seines Gottes in einer zunehmend hellenisierten Umwelt Rechenschaft ablegte und dabei die alten biblischen Themen einschließlich der seiner geschichtlichen Führungen und Fügungen neu durchbuchstabierte.“ (Kaiser, 8).

3. Die Bedeutung der „Apokryphen“

3.1. In der jüdischen Tradition

Die drei Teile der Hebräischen Bibel, 1. tôrāh „Gesetz“, 2. nəbî’îm „Propheten“, 3. kətûbîm „Schriften“ – aus deren Anfangsbuchstaben die Bezeichnung tnk, vokalisiert Tanak, gebildet ist – werden erstmals in Sir 39,1 (um 190 v. Chr.) genannt und sind im Prolog (Sir 0,1) der griechischen Übersetzung des Sirachbuchs durch den Enkel (um 130 v. Chr.) vorausgesetzt. Die Formulierung von Sir 0,3 („die anderen Bücher unserer Väter“) zeigt aber, dass die Abgrenzung der dritten Gruppe gegen Ende des 2. Jh.s v. Chr. noch fließend war.

Festzustehen scheint der Umfang der Sammlung der heiligen Schriften einschließlich des dritten Teils, der Schriften, jedoch erst gegen Ende des 1. Jh.s n. Chr., denn 4Esr 14 weiß von 24 öffentlich zugänglichen Schriften und Josephus (Contra Apionem I,8; Text gr. und lat. Autoren) kennt eine abgegrenzte Sammlung von 22 Schriften.

Die Zahl 24 ist dadurch zu erklären, dass 1./2. Samuelbuch, 1./2. Königsbuch, 1./2. Chronikbuch, Esra/Nehemia und die zwölf kleinen Propheten jeweils als ein Buch gerechnet werden. Auf 22 Bücher kommt man, wenn man entweder damit rechnet, dass zwei der Schriften nicht berücksichtigt wurden, oder wenn Rut in das Richterbuch einbezogen sowie die Klagelieder mit dem Jeremiabuch verbunden gedacht werden.

Dass es im Zeitraum des 1. Jh. v. Chr. und 1. Jh. n. Chr. zu einem Abschluss einer autoritativen Schriftensammlung, insbesondere des dritten Teils, der Schriften, gekommen ist, braucht trotz weitergehender Diskussionen um einzelne Schriften, etwa → Prediger (s. den Toseftatraktat Yadayim 2,13f) und → Ester (s. im Babylonischen Talmud den Traktat Megilla 7a; Text Talmud 2; → Talmud), nicht bestritten werden.

„Gesetz“ und „Propheten“ lagen bereits in der ersten Hälfte des 2. Jh. v. Chr. fest, wie die Einordnung von Daniel (entstanden um 165 v. Chr.) unter die „Schriften” und der Umfang des sog. „Lobs der Väter“ in Sir 44-49 zeigt.

Bei der Herausbildung des Tanak war wohl von vornherein die Vorstellung vom Ende der Prophetie (Sach 13,2-6) leitend. Josephus formuliert als Kriterium der Eingrenzung von als autoritativ und heilig angesehen Schriften auf 22 bzw. 24 die Idee, dass diese Bücher von inspirierten Autoren stammen, die inspirierte Prophetie aber nur von Mose bis Artaxerxes I (464-424) reicht (s. Josephus, Contra Apionem 1,8; vgl. den Tosefta-Traktat Soṭa 13,2). Daher wird den „Apokryphen“ die Heiligkeit abgesprochen (s. den Tosefta-Traktat Yadayim 2,13), und sie werden als „draußen stehend“ bezeichnet (s. im Jerusalemer Talmud den Traktat Sanhedrin 28a).

Obwohl die „apokryphen“ Bücher nicht in die Hebräische Bibel aufgenommen wurden, stehen sie in gewissem Ansehen. Sirach wird sogar wie ein heiliges Buch behandelt: im Traktat Baba Qamma des Babylonischen Talmud begegnet Sir 27,9a; Sir 13,5a als Beweis aus der dritten Gruppe des Tanak, den „Schriften“ (Text Talmud).

Man kann daher fragen, ob der Tanak die Reduktion einer ehemals umfangreicheren, die „Apokryphen“ mitenthaltenden Schriftensammlung darstellt. Doch zum einen ist die beliebte These abzulehnen, dass das rabbinische Judentum auf der Synode von Jamnia aus einer antichristlichen Tendenz heraus die Apokryphen ausgeschieden und den hebräischen Tanak verbindlich festgelegt habe. Denn der Mischna-Traktat Jadaim 3,5 (→ Mischna) belegt lediglich eine Diskussion um das → Hohelied und das Buch Prediger, stützt aber keine weiter reichenden Schlussfolgerungen. Außerdem schreibt Josephus, dass der Umfang der 22 Bücher „schon lange“ feststehe. Zum anderen überzeugt auch die These nicht, dass im (zumindest alexandrinischen) Judentum eine Sammlung heiliger Schriften in Geltung stand, die dem späteren Septuaginta-Kanon entsprach. Denn der Septuaginta-Kanon ist nur in christlichen Zusammenhängen bezeugt. → Philo von Alexandrien (ca. 20 v. Chr. – 45 n. Chr.) zitiert denn auch nie die Bücher, die den Überschuss des „alexandrinischen Kanons“ ausmachen sollen.

3.2. In der frühen Kirche sowie in der römisch-katholischen und ostkirchlichen Tradition

Der Begriff „apokryph“ begegnet in sog. „Kanonverzeichnissen“ der Kirchenväter auf zweifache Weise. 1) Im Sinn der oben gegebenen Definition wendet z.B. → Hieronymus in seinen Bibelvorreden den Begriff auf die nicht im Tanak tradierten Bücher an. 2) Dagegen bezeichnet etwa der 39. Osterfestbrief des Bischofs Athanasius mit dem Adjektiv die Schriften, die man gewöhnlich → „Pseudepigraphen“ nennt (z.B. die nach Abraham, Baruch, Elia, Esra oder Henoch benannten Apokalypsen oder die Testamente Abrahams, Hiobs oder der zwölf Patriarchen). Auch Athanasius kennt die oben als „Apokryphen“ definierten Bücher als besondere Gruppe, nämlich (entsprechend dem Sprachgebrauch in jüdischen Quellen) als „draußen stehende“ (éxō, éxōthen), d.h. sich außerhalb des Tanak befindende Schriften.

Trotz dieser Unterscheidung zwischen im Tanak gesammelten und „draußen stehenden“ bzw. „apokryphen“ Büchern ziehen die Kirchenväter die nur im griechischen Alten Testament stehenden Bücher in der gleichen Dignität heran wie die Bücher des hebräischen Tanak, z.B. Tobit als „Schrift“ (so Origenes, Commentatio in epistula ad Romanos, XI,17), Sirach als „scriptura sancta“ (so Hieronymus, Epistula ad Julianum). Entsprechend werden die „apokryphen“ Bücher bereits in der Alten Kirche und zuletzt durch das Florentiner Unionskonzil 1442 sowie das Trienter Konzil auf seiner 4. Session vom 8.4.1546 (trotz Meinungsverschiedenheiten im Vorfeld) als kanonisch anerkannt. Ein Rangunterschied zwischen diesen Schriften und den auch im Tanak enthaltenen Büchern wird nicht festgehalten.

Ostkirche. Vergleichbar verfährt zunächst die Ostkirche. Jedoch werden, durch die Reformation beeinflusst, die „Apokryphen“ zurückgedrängt: eine Druckbibel von 1526 setzt die Apokryphen in einen gesonderten Teil, und 1629 lehnt der Patriarch von Konstantinopel die über den Tanak hinausgehenden Bücher ab. Die Synode von Konstantinopel beurteilt die „Apokryphen“ 1642 jedoch als nützlich und beizubehalten. Die Synode von Jerusalem 1672 nimmt nur die Bücher Tobit, Judit, Sirach und Sapientia Salomonis an. 1950 wird jedoch eine sämtliche „apokryphe“ Schriften enthaltende Bibelausgabe autorisiert.

3.3. In den reformatorischen Kirchen

Die reformatorischen Kirchen erkennen allein die im Tanak enthaltenen Bücher als kanonisch an. Dafür ist zum einen der humanistische Drang „ad fontes“ ausschlaggebend, zum anderen beruft man sich auf die Maxime „veritas Hebraica“ des Hieronymus. Wegweisend ist Karlstadts Schrift „De canonicis scripturis libellus“ (eine deutsche Popularversion lautet: „Weliche biecher Biblisch seind“) von 1520.

Lutherische Tradition. Luther gibt in seinen Bibelübersetzungen von 1534 und 1545 die „Apokryphen“ als Anhang an das Alte Testament bei. Die Überschrift formuliert er folgendermaßen: „Apocrypha: Das sind die Bücher: so der heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind.“ In lutherischen Bekenntnisschriften sind keine Kanonverzeichnisse enthalten.

Reformierte Tradition. Ähnlich wie Luther verfährt zunächst die Züricher Bibelausgabe.

Später wird im Calvinismus jedoch gefordert, auf die „apokryphen“ Bücher in Bibelausgaben völlig zu verzichten. Entsprechend urteilen auch die Confessio Gallicana von 1559 und die Confessio Belgica von 1561. Letztere lautet in Artikel 6: „Wir machen ferner einen Unterschied zwischen diesen heiligen Büchern und denen, die man Apokryphen nennt, so dass die Kirche zwar die Apokryphen lesen und aus ihnen Beweise entnehmen kann in Dingen, welche mit den kanonischen Büchern übereinstimmen; aber sie haben keineswegs ein solches Ansehen und eine solche Kraft, dass nach ihrem Zeugnisse irgendein Satz des Glaubens oder der Religion der Christen sicher festgestellt werden kann, geschweige dass sie das Ansehen der andern entkräften oder verringern können.“

Anglikanische Tradition. Die Church of England formuliert im 6. der 39 Artikel von 1562: „Unter dem, was wir die Heilige Schrift nennen, verstehen wir diejenigen kanonischen Bücher des Alten und Neuen Testaments, an deren Autorität in der Kirche nie ein Zweifel gewesen ist. [Es folgt eine Aufzählung der Bücher des Alten Testaments ohne die Apokryphen.] Die übrigen Bücher liest zwar die Kirche, wie Hieronymus sagt, als Vorbilder für das Leben und als Sittenregeln, aber sie gebraucht dieselben nicht zum Beweise für Glaubenslehren. Es sind dies: [Es folgt die Aufzählung der „Apokryphen“ des Alten Testaments.] Alle Bücher des Neuen Testaments – so wie sie allgemein angenommen sind – nehmen wir an und betrachten sie als kanonisch.“ Haben die Bishop’s Bible von 1568 und die King James Version von 1611 die „Apokryphen“ zunächst in einem eigenen Teil und ohne Abwertung enthalten, werden diese im 17. Jh. aus den Bibelausgaben verdrängt.

Gegenwärtig ist die Situation nicht weniger verwickelt. Dabei begegnen im Protestantismus die „Apokryphen“ auf der einen Seite stets als eigene, von den übrigen biblischen Büchern gesonderte Gruppe. Auf der anderen Seite jedoch erscheinen sie durchaus in Bibelleseplänen und Perikopenordnungen (zumindest als Marginaltexte). Ebenfalls können sie in Kommentarreihen ausgelegt werden. Auch die aufkommende Bezeichnung als „deuterokanonisch“ (etwa Kaiser, 8) signalisiert ein versachlichteres, wertneutraleres Verständnis.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004 (Apokryphen; Bibel)
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998ff. (Apokryphen / Pseudepigraphen; Bibel)

2. Weitere Literatur

  • Brandt, P., Endgestalten des Kanons. Das Arrangement der Schriften Israels in der jüdischen und christlichen Bibel (BBB 131), Berlin / Wien 2001.
  • Kaiser, O., Die alttestamentlichen Apokryphen. Eine Einleitung in Grundzügen, Gütersloh 2000.
  • Kautzsch, E., Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments, 2 Bde., Tübingen u.a. 1900.
  • Rost, L., Einleitung in die alttestamentlichen Apokryphen und Pseudepigraphen einschließlich der großen Qumran-Handschriften, Heidelberg / Wiesbaden 3. Aufl. 1985.

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