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Lexikon

Ägypterevangelium, koptisch

Andere Schreibweise: Egyptian Gospel, coptic (engl.)

Uwe-Karsten Plisch

(erstellt: Mai 2017)

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1. Titel

Das koptisch überlieferte, sogenannte Ägypterevangelium (abgekürzt ÄgEv) ist nicht mit dem griechischen, bei → Clemens Alexandrinus (ExcTheod 67,2; Strom 3,45 u.ö.) bezeugten und zitierten Ägypterevangelium identisch oder verwandt (→ Ägypterevangelium, griechisch). Der eigentliche Titel der Schrift lautet vielmehr: „Das heilige Buch des großen unsichtbaren Geistes“. Nur ein Textzeuge fügt in einem Kolophon den sekundären Titel „Das ägyptische Evangelium“ hinzu. Die bis heute weithin gebräuchliche Bezeichnung „Ägypterevangelium“ geht auf eine falsche bzw. unnötige Konjektur durch die Herausgeber der Erstedition zurück.

2. Überlieferung

„Das heilige Buch des großen unsichtbaren Geistes“ war bis zur Entdeckung zweier koptischer Versionen innerhalb des Handschriftenfundes von → Nag Hammadi in Oberägypten im Dezember 1945 unbekannt. Die beiden Versionen finden sich jeweils als zweite Schrift in Nag-Hammadi-Codex III und IV, und zwar beide Male im Anschluss an eine Version des → Apokryphon des Johannes. Die beiden Versionen der Schrift stellen zwei voneinander unabhängige koptische Übersetzungen aus dem Griechischen dar, wobei die Sprache der Version in Codex III (p.40,12-p.69,20) weitestgehend einem standardisierten Sahidisch (mit einigen mittelägyptischen Einfärbungen) entspricht, während die Version in Codex IV (p.50,1-p.81,2) ein stark nördlich beeinflusstes Sahidisch zeigt (→ Koptisch). Die unterschiedlichen Sprachtypen lassen auf eine jeweils unterschiedliche regionale Herkunft der koptischen Texte schließen. Zugleich bieten die Versionen, da die Übersetzer/innen eine weitgehend identische Übersetzungsaufgabe je und je verschieden gelöst haben, interessante Einblicke in die koptische Übersetzungspraxis. Beide Textzeugen weisen zum Teil starke Beschädigungen bis hin zu fehlenden Seiten auf. Jedoch betreffen die Zerstörungen nur selten parallele Textpassagen, sodass es insgesamt recht gut möglich ist, dem Inhalt der Schrift zu folgen beziehungsweise fehlenden Text in der einen Version mittels vorhandenen Textes der anderen zu rekonstruieren.

3. Herkunft, Entstehungszeit, Verfasserschaft

Der Entstehungsort der Schrift ist unbekannt. Der sekundäre Untertitel „Das ägyptische Evangelium“ besagt zunächst nur, dass die Schrift sich offenbar in Ägypten großer Beliebtheit erfreute. Der Inhalt der Schrift liefert kaum Indizien, die Rückschlüsse auf ihren Entstehungsort zuließen. In Codex III p.44,25 wird die Kraft des großen Christus „Ainon“ genannt, was sich auf die in Joh 3,23 so bezeichnete Taufstelle → Johannes’ des Täufers beziehen könnte, auch werden mehrfach → Sodom und Gomorra erwähnt. Doch sind dies ebenso literarische wie geographische Topoi, die ernsthafte Rückschlüsse auf den Entstehungsort nicht erlauben.

Für die mutmaßliche Entstehungszeit ist mit dem Alter der Codices des Nag-Hammadi-Fundes eine Obergrenze, die Mitte des 4. Jh., gegeben. Da die Schrift ein ausgefeiltes mythologisches System teils beschreibt, teils voraussetzt, wird man mit der Datierung nicht zu weit zurückgehen dürfen. Andererseits ist ein gewisser Zeitraum für den Weg des Textes vom Griechischen in das Koptische zu veranschlagen. So dürfte „Das heilige Buch des großen unsichtbaren Geistes“ etwa im 3. Jh. entstanden sein.

Die tatsächliche Verfasserschaft lässt sich nicht ermitteln. Die Schrift selbst nennt am Ende den großen → Seth, die zentrale Erlösergestalt der gnostischen Gruppierung der Sethianer (→ Gnosis), der allerdings zugleich Gegenstand des Textes ist, als (mythologischen) Verfasser, der das Buch in 130 Jahren geschrieben und dann auf einem Berg verborgen habe.

4. Charakter und Inhalt

ÄgEv ist kein → Evangelium, weder im Sinne der neutestamentlichen Gattung, noch im Sinne der Gattung der den neutestamentlichen Evangelien vergleichbaren apokryphen Texte wie Spruch- oder Dialogevangelien (z.B. das → Thomasevangelium aus Nag-Hammadi-Codex II), noch auch ist es im Wortsinne frohe Botschaft. Die am Schluss der Schrift genannte mythologische Verfasserschaft des dritten Adamssohnes Seth (Gen 4,25), verbunden mit der Niederlegung der Schrift an einem geheimen Ort, ist ein typisches Element gnostischer geheimer Offenbarungsschriften. Der eigentliche Titel der Schrift – „Das heilige Buch des großen unsichtbaren Geistes“ – deckt am ehesten den Inhalt des umfänglichen ersten Teils der Schrift ab: ein mythologischer Abriss, der von der Entstehung der himmlischen Welt als einer Hervorbringung des obersten Vaters handelt. Geschildert werden u.a. die Entstehung und Füllung des Äons Domedon-Doxomedon, die Entstehung des Adamas sowie der vier Erleuchter. Schließlich bietet der erste Teil noch einen kurzen Abriss der sethianischen Heilsgeschichte, d.h. der Geschichte Seths und seines Samens (verknüpft mit dem Entstehen der unteren, irdischen Welt), die in Seths Sendung gipfelt, die ihrerseits ihren Höhepunkt in der Einsetzung der himmlischen → Taufe durch Seth hat. Mit der Einsetzung der Taufe sind Stichwort und Überleitung für den zweiten, etwas kürzeren Teil des ÄgEv gegeben, einer Art sethianischer Taufliturgie, die wiederum Gebete, Hymnen und Bekenntnisse enthält.

5. Religionsgeschichtliche Einordnung

Es handelt sich bei dem „Heiligen Buch des großen unsichtbaren Geistes“ (zusammen mit dem → Apokryphon des Johannes, der → Hypostase der Archonten, der → Apokalypse des Adam, den → Drei Stelen des Seth, → Zostrianus, → Melchisedek, der → Ode über Norea, → Marsanes, → Allogenes und der → Dreigestaltigen Protennoia) um einen der zahlreichen Nag-Hammadi-Texte, die der sethianischen → Gnosis zuzurechnen sind. Mit dem Apokryphon des Johannes, der Hypostase der Archonten, der Apokalypse des Adam, der Ode über Norea, Marsanes und der Dreigestaltigen Protennoia gehört ÄgEv des Näheren zu den mythologisch orientierten sethianischen Texten, im Unterschied zu den eher platonisch-philosophisch orientierten. Mit dem Christentum ist ÄgEv insofern und insoweit in Berührung gekommen, als darin Christus als eine Konkretion Seths adaptiert ist. Der im sethianischen Taufbekenntnis genannte Name des Taufwassers Jesseus-Mazareus-Jessedekeus lässt sich immerhin als Anspielung auf Jesus verstehen. Auch der Kolophon am Ende von Codex III zeugt von der Berührung der Rezipienten des ÄgEv mit dem Christentum. Er bietet nicht nur den sekundären Titel „Das ägyptische Evangelium“, sondern nennt auch den weltlichen und den Taufnamen des Schreibers (Concessus bzw. Eugnostos) und das Christus-Akrostichon ΙΧΘΥΣ. Ihrem Wesen nach ist die Schrift jedoch nicht christlich. Die Breite, mit der das Thema der → Taufe im zweiten Teil des ÄgEv entfaltet wird, lässt sich angemessen nur auf dem Hintergrund eines realen soziologischen Phänomens, einer in einer Gruppe täuferisch gesinnter Menschen wirklich praktizierten Taufe, verstehen. Ein großer Teil der Bedeutung des ÄgEv besteht eben darin, vor Augen zu führen, dass die sethianische Gnosis nicht nur aus vulgärphilosophisch-intellektuellen Zirkeln bestand, sondern eine wirkliche religiöse Bewegung der Spätantike mit eigenen praktizierten Ritualen gewesen ist. Angesichts seines Inhalts, seines Umfangs und seiner doppelten Bezeugung dürfte „Das heilige Buch des großen unsichtbaren Geistes“ einer der zentralen Texte der mythologisch orientierten sethianischen Gnosis gewesen sein.

→ Gnosis / → Nag Hammadi

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Textausgaben und Übersetzungen

  • The Facsimile Edition of the Nag Hammadi Codices, Published under the Auspices of the Department of Antiquities of the Arab Republic of Egypt, Codex III, Leiden 1976
  • Böhlig, A. / Wisse, F. (in cooperation with P. Labib), 1975, Nag Hammadi Codices III,2 and IV,2. The Gospel of the Egyptians (The Holy Book of the Great Invisible Spirit) (NHS 4), Leiden
  • Charron, R., 1995, Concordance des textes de Nag Hammadi. Le Codex III (BCNH.C 3), Sainte-Foy / Louvain / Paris
  • Doresse, J., 1966/68, „Le Livre sacré du grand Esprit invisible“ ou „L’Évangile des Égyptiens“. Texte copte édité, traduit et commenté d’après la Codex I de Nag’a-Hammadi / Khénoboskion. JA 254, 317-435 / JA 256, 289-386
  • Layton, B., 1987, The Holy Book of the Great Invisible Spirit or The Egyptian Gospel according to MS NHC IV (EgG), in: Ders., The Gnostic Scriptures. A New Translation with Annotations and Introductions, London, 101-120
  • Layton, B., 2004, The Egyptian Gospel, in: Ders., Coptic Gnostic Chrestomathy. A Selection of Coptic Texts with Grammatical Analysis and Glossary, Leuven, 82-101
  • Plisch, U.-K., 2012, B. VII. 2. Das heilige Buch des großen unsichtbaren Geistes (Das ägyptische Evangelium) (NHC III,2/IV,2), in: C. Markschies / J. Schröter (Hgg.), Antike christliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, I. Band: Evangelien und Verwandtes. Teilband 2, Tübingen, 1261-1276
  • Plisch, U.-K., 32013, Das heilige Buch des großen unsichtbaren Geistes (NHC III,2; IV,2) (Das ägyptische Evangelium), in: H.-M. Schenke / U.U. Kaiser / H.-G. Bethge (Hgg.), Nag Hammadi Deutsch. NHC I-XIII, Codex Berolinensis 1 und 4, Codex Tchacos 3 und 4. Studienausgabe, Berlin, 215-239
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Sekundärliteratur

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  • Funk, W.-P., 1995, Die ersten Seiten des Codex III von Nag Hammadi, in: C. Fluck u.a. (Hgg.), Divitiae Aegypti. Koptologische und verwandte Studien zu Ehren von Martin Krause (FS M. Krause), Wiesbaden, 99-104
  • Plisch, U.-K., 1998, Textverständnis und Übersetzung. Bemerkungen zur Gesamtübersetzung der Texte des Nag-Hammadi-Fundes durch den Berliner Arbeitskreis für Koptisch-Gnostische Schriften (HBO 26), Halle / Saale, 73-87
  • Schenke, H.-M., 1974, Das sethianische System nach Nag-Hammadi-Handschriften, in: P. Nagel (Hg.), Studia Coptica (BBA 45), Berlin, 165-173
  • Schenke, H.-M., 1981, The Phenomenon and Significance of Gnostic Sethianism, in: B. Layton (Hg.), The Rediscovery of Gnosticism. Proceedings of the International Conference on Gnosticism at Yale New Haven, Connecticut, March 28-31, 1978. Volume Two: Sethian Gnosticism (SHR 41), Leiden, 588-616; Diskussion 634-642
  • Sevrin, J.-M., 1986, Le dossier baptismal séthien. Études sur la sacramentaire gnostique (BCNH.E 2), Québec, 80-144
  • Turner, J.D., 1995, Typologies of the Sethian Gnostic Treatises from Nag Hammadi, in: L. Painchaud / A. Pasquier (Hgg.), Les textes de Nag Hammadi et le problème de leur classification. Actes du colloque tenu à Québec du 15 au 19 septembre 1993 (BCNH.E 3), Québec, 169-217
  • Turner, J.D., 2001, Sethian Gnosticism and the Platonic Tradition (BCNH.E 6), Québec

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