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Lexikon

Abischag

Andere Schreibweise: Abisag ; Abishag (engl.)

Uta Schmidt

(erstellt: Febr. 2008)

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1. Name

Die Bedeutung des Namens Abischag (אֲבִישַׁג) ist unklar. Der erste Bestandteil kann von dem hebr. Wort ’āv אָב „Vater“ hergeleitet werden (vgl. z.B. auch → Abigajil oder → Abinadab), der zweite Teil lässt sich nicht klären.

2. Abischag im Alten Testament

Abischag spielt eine kleine, aber entscheidende Rolle in der so genannten → Thronfolgegeschichte. Sie wird mit ihrem Namen und ihrem Herkunftsort → Schunem, d.h. als Israelitin, eingeführt und als sehr schön beschrieben. Bezeichnet wird sie als (junges) Mädchen (נַעֲרָה na‘ărāh) und als junge Frau (בְּתוּלָה bətûlāh). Der letztere Begriff signalisiert, dass sie noch nicht verheiratet war, was üblicherweise auch bedeutet, dass sie noch keinen Geschlechtsverkehr hatte; doch ist der Begriff nicht auf den biologischen Aspekt zu beschränken (1Kön 1,2-4).

2.1. Abischag und David

Abischag wird an den Hof zum alten König David gebracht als sokhænæt von hebr. סכן skn „nützlich / förderlich sein“ (vgl. das mask. Partizip als Titel eines Hofbeamten in Jes 22,15 „Hofmeister“). Ihre Aufgabe ist folglich, den König zu unterstützen. Da der König „nicht mehr warm werden“ konnte (1Kön 1,1), soll sie „in seinem Schoß liegen“ (1Kön 1,2 – oft euphemistisch „an seiner Brust / in seinen Armen“ übersetzt), eine Formulierung, die Assoziationen an liebevolle und sexuelle Zuwendung weckt (vgl. 2Sam 12,3; 2Sam 12,8). Abischag soll „vor den König treten“, in seinen Dienst (שׁרת šrt drückt die angesehene Position und Tätigkeit einer Dienerin / eines Dieners am Hof aus, 1Kön 1,5; 1Kön 1,15, vgl. Ex 24,13; Dtn 18,5; 1Kön 8,11). Abischag wird in 1Kön 1,2-4 folglich als eine Dienerin Davids mit einer speziellen Aufgabe, in einer Position von hohem Rang dargestellt, nicht als reine Krankenpflegerin (anders Cogan, 156) und schon gar nicht als Prostituierte.

Abischag hat hier die Rolle eines Katalysators für die folgenden Ereignisse und Intrigen der Thronfolgegeschichte. Denn allein die Tatsache, dass David Abischags Dienste braucht, offenbart seine Altersschwäche (1Kön 1,1-4; 1Kön 1,15). Ausdrücklich wird festgestellt, dass er keinen Geschlechtsverkehr mit Abischag hat, wodurch sein Potenzverlust auf sexueller und darin impliziert auch auf politischer Ebene markiert wird.

2.2. Abischag und Adonija

In 1Kön 2,13-25 kommt diese Rolle Abischags erneut zum Tragen, und zwar im Machtspiel zwischen → Adonija, → Batseba und → Salomo. Adonija wendet sich an die Königsmutter Batseba, dass sie Abischag als Ehefrau für ihn von Salomo erbittet (1Kön 2,17.21). Salomo sieht darin einen weiteren Versuch Adonijas, das Königtum an sich zu reißen und bedroht ihn dafür mit dem Tod (1Kön 2,22f).

An der Einschätzung der Position Abischags entscheidet sich die Deutung von Adonijas Forderung und Salomos Reaktion. Wird Abischag als Ehefrau und folglich als Witwe Davids verstanden, entsteht der Eindruck, Adonija versuche, sich durch die Heirat mit einer Witwe des verstorbenen Königs in die Nähe des Throns zu bringen. Diese Lesart wird unterstützt durch die These, im Alten Orient bedeute die Aneignung einer Frau aus dem königlichen Harem, Anspruch auf die Königsmacht zu erheben (Mulder, 108). Doch die dafür angeführten Belege sind nicht eindeutig, da sie unterschiedliche Situationen darstellen (2Sam 3,6-10; 2Sam 12,8; 2Sam 16,21-22). Eine andere Deutung versteht Abischag generell als wichtige Figur am Hof (vgl. ihren Status und ihre Position), mit deren Hilfe Adonija versucht, dort Einfluss zu gewinnen. In beiden Fällen wäre Salomos Einschätzung der Bitte Adonijas als Gefahr für seine eigene Stellung nachvollziehbar. Dass Adonija sich Abischag als „Trostpreis für die ihm entgangene Königsherrschaft“ (Noth, 33) erbeten hat, ist eher unwahrscheinlich, da die Bitte dafür politisch reichlich brisant war. Doch hinter Adonijas Interesse an Abischag und darüber hinaus hinter Batsebas Unterstützung könnten auch heiratspolitische Gründe stehen: Für das Königtum war eine Verbindung durch Heirat mit möglichst vielen einflussreichen Familien im Land unbedingt vorteilhaft. Die ausführliche Vorstellung Abischags mit Namen und Herkunft in 1Kön 1,2-4 würde für diese Erklärung sprechen (Häusl, 296ff).

2.3. Abischags „Zukunft“?

Für Abischags Position hätten sich aus den unterschiedlichen Optionen weit reichende Folgen ergeben: Als → Witwe des verstorbenen Königs hätte sie unter Umständen mit einem gewissen sozialen Status und vermutlich auch in materieller Sicherheit weiter am Hof leben können. Als unverheiratete junge Frau hätte sie wahrscheinlich nach Hause zurückkehren müssen und von ihrer Familie abhängig bleiben, solange Salomo einer Heirat (→ Ehe), die durch Abischags große Nähe zu David ein Politikum gewesen wäre, nicht zustimmte. Diese Überlegungen bleiben jedoch Vermutungen, da Abischag, wie viele andere Frauen in den → Königsbüchern, zwar eine entscheidende, aber punktuelle Rolle spielt und aus der Erzählung 'verschwindet', nachdem diese beendet ist.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (im Internet)

2. Weitere Literatur

  • Cogan, M., 2001, 1 Kings. A New Translation with Introduction and Commentary (AncB 10), New York u.a.
  • Häusl, M., 1993, Abischag und Batscheba. Frauen am Königshof und die Thronfolge Davids im Zeugnis der Texte 1 Kön 1 und 2 (Arbeiten zu Text und Sprache im AT 41), St. Ottilien
  • Mulder, M.J., 1998, 1 Kings, Vol. 1: 1 Kings 1-11 (Historical Commentary on the OT), Leuven
  • Noth, M., 1968, Könige I, 1-16 (BK.AT IX/1), Neukirchen-Vluyn
  • Willi-Plein, I., 1995, Frauen um David: Beobachtungen zur Davidhausgeschichte, in: Weippert, M. / Timm, S. (Hgg.), Meilenstein (FS H. Donner; ÄAT 30), Wiesbaden, 349-361

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