Das hebräische Wort für „zurückkehren“
Vom „Zurückkehren“ (Wurzel
Die wichtigsten theologischen Zusammenhänge, in denen im Alten Testament von Rückkehr die Rede ist, sind der Gedanke einer Rückkehr Gottes nach einer Zeit seiner zornigen Abwesenheit (2.), der prophetische Aufruf an Israel zur Rückkehr zu JHWH (3.) und die Rückkehr der Israeliten aus dem babylonischen Exil (4.) bzw. der Diaspora (5.).
Im → Weltbild der altorientalischen Kulturen spielt die Anwesenheit der Götter bzw. der Hauptgottheit in ihrem Tempel eine zentrale Rolle (→ Abwesenheit Gottes; → Gegenwart Gottes). Ihrer Anwesenheit wird eine heilvolle, die Stadt und von ihr ausgehend auch das Umland beschützende Wirkung zugeschrieben. Umgekehrt gilt die zornige Abwendung einer Gottheit von ihrem Wohnort als Ursache von Not- und Krisensituationen. Häufig findet sich in den einschlägigen assyrischen und babylonischen Königsinschriften folgendes Schema:
Die über die Stadt und ihre Bewohner erzürnte Gottheit wendet sich von ihrem Heiligtum ab und beschließt, vorübergehend an einem anderen Ort zu wohnen. Die dadurch verursachte Schutzlosigkeit der Stadt ermöglicht eine feindliche Eroberung und Plünderung. Dabei wird auch das Kultbild (→ Götterbild) der zürnenden Gottheit, als deren Werkzeug die siegreiche feindliche Macht auftritt, verschleppt. Zu einem späteren Zeitpunkt, in der Regel zeitgleich mit dem Antritt eines neuen Herrschers, erbarmt sich die Gottheit und beschließt, an ihren ursprünglichen Wohnort zurückzukehren. Dieser Beschluss konkretisiert sich in dem Befehl an den neuen Herrscher, das Kultbild der Gottheit zurück zu erobern, zu restaurieren oder neu anzufertigen. Am Ende steht eine umjubelte → Prozession, in der die Gottheit in Gestalt ihres strahlenden Kultbildes in das Heiligtum zurückkehrt. Die positiven Folgen dieser Rückkehr sind kosmischen Ausmaßes.
Beispiele für diesen Vorstellungszusammenhang finden sich u.a. in den Inschriften Nebukadnezars I. (Frame, RIMB 2, B.2.4.5; B.2.4.7; B.2.4.8; B.2.4.9), der „Marduk-Prophetie“ (Borger, 1971), dem „Erra-Epos“ (Cagni), den „Babylon-Inschriften“ Asarhaddons (Borger, 1956) sowie der „Adad-guppi-Stele“ und der „Babylon-Stele“ Nabonids (Schaudig). Vgl. hierzu auch Block, 125-161; Ehring, 99ff.
Im Alten Testament steht das Motiv der Rückkehr JHWHs im Kontext von Aussagen über Israels Gottesbeziehung. Dabei lassen sich zwei Ausformungen unterscheiden: In der exilisch-nachexilischen Prophetie wird mit der Rückkehr JHWHs nach → Zion / → Jerusalem eine grundsätzliche Heilswende am Ende des babylonischen → Exils verkündet (vgl. bei Deuterojesaja, Ezechiel und Sacharja). In Klageliedern des Volkes oder eines Einzelnen findet sich die Bitte um die Rückkehr JHWHs zu seinem Volk (vgl. ; .; ) bzw. zu einem einzelnen Beter (vgl. ) ohne den Bezug auf Zion / Jerusalem.
Das Motiv der Rückkehr JHWHs nach → Zion / → Jerusalem findet sich bei den exilisch-nachexilischen Propheten → Deuterojesaja (*; ), → Ezechiel () und → Sacharja ( sowie in den „Nachtgesichten“: ; ). In allen drei Fällen ist es in einem spezifischen Kontext zu verstehen, dem auch aus mesopotamischen Quellen bekannten Vorstellungszusammenhang von der Abwesenheit einer zürnenden Gottheit von ihrem Heiligtum und ihrer späteren erbarmungsvollen Wiederzuwendung und Rückkehr zu diesem (s.o. 2.1.).
Den grundlegenden Verständnishintergrund für das Alte Testament bildet dabei der auch in der vorexilischen Jerusalemer Kulttradition verankerte Gedanke, dass die Anwesenheit JHWHs in seinem → Tempel bzw. in der Stadt → Zion / → Jerusalem eine heilvolle Wirkung für die Stadt selbst sowie von dort ausstrahlend für das Umland und die ganze Erde hat (vgl. z.B. , JHWH als thronender König; und , Zion als Gottesstadt; → Eschatologie 2. Präsentische Eschatologie; zur „Symbolik des Zentrums“ vgl. Hartenstein, 21-23, mit Bezug auf Eliade). Die Rückkehr Gottes an seinen Wohn- bzw. Thronort ist somit ein Ausdruck des göttlichen Erbarmens und Willens zur Restitution nach einer Zeit der durch die → Abwesenheit Gottes verursachten Not.
2.2.1.1. Die Rückkehr JHWHs bei Deuterojesaja. In * und , den vermutlich ursprünglichen Rahmentexten der deuterojesajanischen Grundschicht (vgl. Kratz, 148f), bildet das Motiv der Rückkehr JHWHs den Ausgangspunkt und die Legitimation der deuterojesajanischen Trost- und Heilsbotschaft. Seine Ausgestaltung ist von mesopotamischen Schilderungen der Rückkehr einer Gottheit (d.h. eines Kultbildes) an ihren Wohnort beeinflusst. Man denke z.B. an die Beschreibung des Prozessionsweges (), die visuelle Wahrnehmbarkeit der Rückkehr JHWHs (; .) und ihre prozessionsartige Ausgestaltung mit den Elementen des Jubels (.) und des Sichtbarwerdens der → „Herrlichkeit“, d.h. des „Lichtglanzes“ JHWHs (; vgl. Höffken; Ehring, 156ff.). Gleichzeitig sind die Aussagen über die sichtbare Gestalt des zurückkehrenden Gottes bewusst reduziert: Neben der Erwähnung der „Herrlichkeit JHWHs“
Auch das Gegenbild zum Rückkehrmotiv, das Szenario des die Stadt verlassenden Gottes, findet man bei Deuterojesaja () – allerdings in polemischer Verzerrung: die babylonischen Götter → Bel und → Nabu verlassen hier gerade nicht aus eigenem Antrieb zürnend ihren Wohnort, sondern werden in Gestalt ihrer wehrlosen Kultbilder unfreiwillig abtransportiert (vgl. Ehring, 220ff.).
2.2.1.2. Auszug und Rückkehr der „Herrlichkeit JHWHs“ bei Ezechiel. Die Vision von der Rückkehr der „Herrlichkeit JHWHs“
Visuell wahrnehmbar ist die Rückkehr der „Herrlichkeit JHWHs“
2.2.1.3. Die Rückkehr JHWHs bei Sacharja. Auch Protosacharja () kennt das Motiv der Rückkehr JHWHs nach Zion / Jerusalem als Ausdruck der Heilswende für die Stadt und das Volk nach dem Ende des babylonischen → Exils. verheißt die Rückkehr JHWHs zu seinem Volk und verbindet sie mit der Aufforderung, selbst zu JHWH zurückzukehren (). beschreibt die positiven Folgen der erfolgten Rückkehr und des erneuten Wohnens
Auch ohne den konkreten Bezug auf eine Rückkehr JHWHs an den Ort Zion / Jerusalem kann die positive Wende im Verhältnis zwischen JHWH und seinem Volk als Rückkehrbewegung JHWHs beschrieben werden.
Charakteristisch ist die Bitte um JHWHs Rückkehr in den Klageliedern des Volkes (→ Psalmen; vgl. , parallel mit der Bitte, wieder von JHWH gesehen / angesehen zu werden [Wurzeln
Auch mit Bezug auf einen einzelnen Beter kommt die Bitte um die Rückkehr JHWHs vor (). Von ihr verspricht sich der Beter eine positive Wende seines Schicksals, hier die Bewahrung vor dem Tod und Errettung von Feindesnot.
Vergleichbare Bitten um die Rückkehr bzw. Wiederzuwendung der persönlichen Schutzgottheit, deren Abwendung als primäre Ursache der eingetretenen → Krankheit oder persönlichen Notlage verstanden wird, sind auch aus individuellen Klage- und Bittgebeten des mesopotamischen Raums bekannt (vgl. z.B. die sumerischen Eršaḫunga-Gebete [Herzberuhigungsklagen]; vgl. Maul).
Eine Sonderform der Rede von JHWHs Rückkehr stellt die Formel
Sowohl alttestamentlich als auch außerbiblisch sind Personennamen belegt, in denen die Wurzel
Im 1. Chronikbuch wird der Name Schebuël
Außerbiblisch belegt sind der Name šbn-jhw „Kehre doch zurück, JHWH“ (Arad-Ostraka 60,3 und 27,4; → Arad) sowie der Name šb-’el „El ist zurückgekehrt“ (vgl. Fowler, 95f). Letzterer ist auch altaramäisch sowie ugaritisch (ṯb3l) belegt (vgl. Fabry / Graupner, 1132).
Möglicherweise im Zuge der Bildung eines Hypokoristikons (Kurzform eines Eigennamens) weggefallen ist das theophore Element in den Namen Schobai „Kehre zurück!“ (; ) und Jaschub „Er möge zurückkehren“ (; ; vgl. Fabry / Graupner, 1132).
Die Verheißung der Rückkehr JHWHs zu seinem Volk geht in der Regel mit einer Erwartungshaltung hinsichtlich des Verhaltens des Volkes einher. Je nach Kontext (Heilsprophetie, definitive oder noch abwendbare Unheilsankündigung) kann das Motiv der entweder verheißenen, unter Umständen noch möglichen oder bereits endgültig verspielten heilvollen Rückkehr JHWHs mit einer Rückkehrforderung an das Volk oder mit dem Nachweis der schuldhaft verpassten Chance zur Rückkehr zu JHWH verknüpft sein (→ Prophetie).
In der nachexilischen Heilsprophetie bildet die Aufforderung an Israel, zu JHWH zurückzukehren, in der Regel das Gegenstück zur Verheißung der mit der Rückkehr JHWHs anbrechenden neuen Heilszeit (vgl. ; sowie ; ; ; ..; ; ). Dabei kann die Rückkehr des Volkes zu JHWH auch erst als eine Folge der erbarmungsvollen Wiederzuwendung JHWHs verstanden werden (vgl. , JHWHs Zuwendung zu den exilierten Judäern ermöglicht deren Rückkehr zu JHWH; , v5: JHWH heilt Israels „Abkehrneigung“ [
Im Kontext prophetischer Gerichtsreden findet sich der Aufruf zur Rückkehr zu JHWH immer dann, wenn das drohende Strafgericht durch eine Rückkehr des Volkes zu JHWH noch abgewendet werden kann (vgl. ; ; ; ; vgl. → Umkehr).
Dort, wo das göttliche Strafgericht bereits unabwendbar beschlossen ist, typischerweise in der Gerichtsprophetie des 8. Jh.s, dient der Vorwurf der nicht erfolgten Rückkehr Israels zu JHWH dem Aufweis der Schuld des Volkes und damit der Begründung des angekündigten Strafgerichts (vgl. ; ; [→ „Schear-Jaschub“: „[Nur] ein Rest wird zurückkehren“ – zu JHWH bzw. aus der Schlacht]; ; ; ).
Die Erfahrungen des babylonischen Exils und der Rückkehr aus dem Exil spielen eine wichtige Rolle in der alttestamentlichen Literatur der nachexilischen Zeit (zu den historischen Hintergründen der Rückwanderung aus dem Exil s. → Exil). Thematisiert werden die Rückkehr der Exilierten, der Wiederaufbau Jerusalems und die mit beidem verbundenen Konflikte besonders bei → Esra und Nehemia (vgl. die Rede von den „Rückkehrern“ [
Die Heilsverkündigung des → Deuterojesajabuches verheißt die Sammlung und Rückkehr der Exilierten nach Juda und Jerusalem (; ; ; vgl. ) und ruft zum Auszug aus Babylon auf (; ). Dabei wird die von JHWH geleitete Rückkehr durch die Wüste als neuer → Exodus gedeutet (vgl. ; ; ; .).
Auch in den Heilsverheißungen anderer Prophetenbücher spielt die Aussicht auf Rückkehr
Um Rückkehr aus der → Diaspora, hier → Moab, geht es im Buch → Rut. Mit zwölf Vorkommen in (.........) sowie einer Wiederaufnahme in und am Schluss des Buches in und
Noomis (und Ruts) Rückkehr nach Juda wird in der Rückkehr der moabitischen Schwiegertochter Orpa zu ihrem Volk und ihrem Gott gegenübergestellt. Auffällig ist dabei, dass es auch von der Moabiterin Rut heißt, sie sei nach Juda „zurückgekehrt“ (vgl. ). Auf diese Weise beschreibt das Buch Rut in nachexilischer Zeit die volle Integration von Ausländerinnen in das Volk Israel als eine grundsätzlich mögliche und positiv bewertete Option (vgl. auch Fischer, 169; Köhlmoos, 36).
In der Literatur aus → Qumran spielt das Thema Rückkehr / Umkehr
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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