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Aaronitischer Segen

1. Der Text und seine Bedeutung

Als Aaronitischen Segen bezeichnet man den in überlieferten Priestersegen. Er wird zurückgeführt auf eine Offenbarung JHWHs an Mose, der Aaron, dem Erzvater des künftigen Priestergeschlechts, und seinen Söhnen den Auftrag geben soll, die Israeliten mit den folgenden Worten zu segnen:

24 (a) JHWH segne dich (b) und behüte dich!

25 (a) JHWH lasse leuchten sein Angesicht auf dich (b) und sei dir gnädig!

26 (a) JHWH erhebe sein Angesicht auf dich (b) und gebe dir Frieden!

Der Zuspruch des → Segens im Namen JHWHs gehört zu den grundlegenden Aufgaben des israelitischen Priestertums (vgl. ). Im Akt des priesterlichen Zuspruchs wird die Zuwendung Gottes zu seinem Volk ereignishaft gegenwärtig (: „Und wenn sie so meinen Namen auf die Kinder Israels legen, werde ich sie segnen!“). Indem der → Priester den Namen Gottes über dem Volk ausspricht, wird es als Gottes Eigentum seines Segenswirkens teilhaftig. Die Anrede in der Du-Form richtet sich dabei an den Einzelnen, der Teil der Kultusgemeinde ist (vgl. .).

JHWH segne dich und behüte dich! (Num 6,24). Der im Zuspruch vermittelte Segen beinhaltet zunächst die Gewährung des Lebens und all dessen, was zur Wohlfahrt dient, wie Fruchtbarkeit, Lebenskraft, Glück, Gedeihen. Im alltäglichen wie im religiösen Leben hat er seinen festen Ort (vgl. ; ). Er wird mit dem traditionellen Zuspruch des Schutzes und der Bewahrung verbunden, wie man ihn in ausführlicherer Form aus den Segenswünschen von kennt.

JHWH lasse leuchten sein Angesicht auf dich (Num 6,25a). Die metaphorische Wendung vom „Leuchten des Angesichts“, die wir auch aus anderen altorientalischen Texten kennen, bringt die positive Gesinnung, wie sie an einer heiteren Miene beim Menschen erkennbar wird, zum Ausdruck (z.B. ). Wenn etwa in einem Text aus Ugarit (KTU 2.16,9-10: „das Angesicht der Sonne leuchtete auf mich …“) das positiv zugewandte Angesicht des Königs mit dem Leuchten der Sonne verglichen wird, so bringt dies das Wohlwollen und die Zugewandtheit des Herrschers zum Ausdruck und stellt den Erweis seiner Gunst in Aussicht. So heißt es auch in : „Im Lichte des Angesichts eines Königs ist Leben!“

Das „Angesicht JHWHs“ ist – sichtbar oder unsichtbar – Ausdruck für die Gegenwart Gottes in seinem Volk (vgl. Ex 33). Während in vielen mesopotamischen Texten die Gegenwart der Sonnen-Gottheit als Gewähr dafür gilt, dass Wahrheit und Gerechtigkeit zu Tage treten und verwirklicht werden, wird besonders in den nachexilischen Texten des Alten Testaments die Erscheinung JHWHs mit dem Aufgang der Sonne assoziiert (vgl. ; ; ; ). In Israel ist es die Gegenwart des „Lichtes des Angesichts JHWHs“, durch die das Unrecht aufgedeckt (), das Böse und die Feinde besiegt (vgl. ), der Gerechtigkeit Geltung verschafft (vgl. .!) und ein glückliches Leben unter gerechten Lebensbedingungen ermöglicht wird (vgl. ). Wenn das Segenswort von v. 25a zuspricht, dass JHWH sein Antlitz selbst „leuchten lassen“ möge, so sagt es den Gesegneten eben ein solches Leben unter den Bedingungen der Gerechtigkeit und des Rechts zu. Es antwortet damit auf die Bitten des Einzelnen wie der Gemeinde (vgl. ; ..; ).

Und sei dir gnädig! (Num 6,25b). Auch das Segenswort, welches den Erweis der göttlichen Gnade zuspricht erscheint gleichsam wie eine Antwort auf die Klagen und Bitten derer, die um ihr Recht und ihr Leben bangen (vgl. ; ; u.ö.), und derer, die um Vergebung für ihre Vergehen ersucht haben und auf die freie Zuwendung Gottes hoffen (vgl. .; ).

JHWH erhebe sein Angesicht auf dich (Num 6,26a). Das grundsätzliche Prinzip, dass es vor Gottes wie vor der Menschen Gericht kein Ansehen der Person geben soll, kommt im Alten Testament in der Wendung zum Ausdruck, dass Gott „sein Angesicht nicht erhebt und keine Bestechung annimmt“ (; ; vgl. ; ; ). Dem aber, dem Vergebung gewährt wird, erhebt man das Antlitz (so wörtlich; Lutherbibel: „annehmen“), und Gott gewährt dem Gerechten, der demütig um etwas bittet, dass er sein Antlitz seinerseits erhebt (; vgl. auch ; ). Wenn das in seiner Formulierung im Alten Testament einmalige Segenswort also zuspricht, JHWH möge sein Angesicht zu jemandem erheben, so verheißt es bleibende Vergebung und Zuwendung zu dem Gesegneten. Demgegenüber wird die Abwendung des Angesichts Gottes als todesbedrohlicher Verlust seiner Gegenwart empfunden (; ; ; ).

Und gebe dir Frieden! (Num 6,26b). Der letzte Segenswunsch gibt zusammenfassend das Ziel allen Segens an (vgl. ; ; → Friede).

2. Literarischer Kontext und Entstehung

Die Anweisung, in der der Wortlaut des Priester-Segens mitgeteilt wird, fehlt in der Erzählung von der ersten Darbringung der Opfer durch Aaron in . Die älteste Fassung der Priesterschrift hat ihn also noch nicht schriftlich festgehalten. Erst als die Priesterschrift schon Teil eines größeren, Genesis bis Deuteronomium umfassenden Pentateuchs war, in dem alle Tora, die man von Mose herleitete, aufgezeichnet werden sollte, wurde sie von priesterlichen Bearbeitern nachgetragen. Sie fügen das Segenswort nun im Anschluss an die Regelungen für die → Nasiräer ein, die sich durch ein Gelübde für eine Zeit lang JHWH besonders geweiht haben. Der Priestersegen soll in diesem Kontext neben dem Zuspruch von Gottes Segen, Zuwendung und Schutz dem gereinigten Gläubigen, der seinerseits alle Reinheitsgebote beachtet hat, die Annahme seiner Opfer und Gelübde durch JHWH verkünden. Es ist der einzige Text, der als zu sprechender und gesprochener Text im Zusammenhang der Kultvorschriften für die Opfergottesdienste der Bücher → Leviticus und → Numeri überliefert wird. Über das, was die Priester möglicherweise an Gebeten darüber hinaus zu rezitieren hatten, schweigt die Tora und der Brief des (Pseudo-)Aristeas (95) sagt, es habe während des Kultaktes „völlige Stille geherrscht“. Nur dort, wo sich der Priester eindeutig aus dem Inneren des Heiligtums heraus und in der Rede dem Volk zuwendet, um es zu segnen, wird das von Gott hierfür gebotene Wort mitgeteilt. Nach Ansicht der Bearbeiter war vor der Mitteilung des Segens von der Erfüllung der Reinheitsgebote zu reden gewesen. Auch die Darbringung des Opfers geht also der Segnung voraus. Das Zuteilwerden des Segens bereitet durch den Gnadenzuspruch und die Zusage des Lebensschutzes die Bewahrung vor einer Wirkung der Gottesbegegnung zum Gericht und die Ermöglichung der Gottesgemeinschaft im Kultmahl vor. Der Aaronitische Segen gehörte nach Auffassung der Bearbeiter also nicht an den Schluss des Gottesdienstes, sondern an seinen Höhepunkt.

Mögen auch einzelne Elemente seiner Formulierung alt sein, in der jetzigen Form stammt der Priestersegen wohl aus der Überlieferung des Zweiten Tempels. Dafür spricht neben der besonderen Komposition der Elemente, die teilweise im Alten Testament sprachlich singulär sind, und dem Umstand, dass die Metaphorik der Sonnengott-Erscheinung gänzlich auf JHWH übergegangen ist, besonders die Aussage in den Rahmenworten, dass Aaron und seine Söhne mit diesen Worten den „Namen JHWHs auf die Israeliten legen“ sollen. Gegenüber älteren Vorstellungen, wonach JHWH „seinen Namen auf das Heiligtum zu legen“ zusagt (vgl. .; u.ö.), tritt hier die Anschauung in den Vordergrund, dass durch den hohepriesterlichen Segen die Einwohnung des JHWH-Namens im Heiligtum auf sein Volk übergehe. Außerdem wird dieser Segen entgegen den sonstigen Texten, die die Aufgabe zu segnen allen Angehörigen der Nachkommenschaft Levi zuweisen (; ), allein dem Hohenpriester und seiner Familie zugesprochen. Gleichwohl vermuten viele Exegeten, dass der von den Priestern des Zweiten Tempels tradierte Text auf Überlieferungen aus exilischer oder vorexilischer Zeit beruht.

3. Wirkungsgeschichte und liturgische Verwendung

3.1. Im Judentum

Innerhalb des Alten Testaments bezieht sich der nachexilische mit der Bitte um Erbarmen (b), Segen (a) und Zuwendung des leuchtenden Angesichts Gottes () ausdrücklich zurück auf das Segenswort und betont die universale Bedeutung der göttlichen Segnung Israels für die Völkerwelt ().

Besondere Beachtung verdienen die Silberamulette aus den Gräbern des 7./6. Jh.s von Ketef Hinnom bei Jerusalem. Die beiden zylindrisch aufgerollten, 2,7 x 9,7 cm bzw. 1,1 x 3,9 cm großen Silberstreifen enthalten in Verbindung mit Worten aus anderen Texten (*; ) auch Teile des Aaronitischen Segens, nämlich Text 1: „JHWH segne dich und behüte dich, JHWH lasse leuchten sein Angesicht …“ und Text 2: „JHWH segne dich und behüte dich. JHWH lasse leuchten sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ (TUAT II, 929; HAE 447-456). Paläographisch werden sie einerseits aufgrund der Verwendung altertümlicher Buchstabenformen in die Mitte des 6. Jh.s datiert oder gar für vorexilisch gehalten, andererseits aufgrund jüngerer Buchstabentypen für jôd, , kaf und waw dem 2.-1. Jh. v. Chr. zugeschrieben. Die Amulette dokumentieren den volkstümlichen Glauben an die Wirkmächtigkeit des Segenswortes in antiker Zeit.

Die sprachliche Form des Priestersegens war im 2. Jh. v. Chr. noch offen für Erweiterungen. In der Sektenregel von Qumran wird der Text durch Ausdeutungen fortgeführt (1 QS II,2-4): „ER segne dich mit allem Guten und bewahre dich vor allem Bösen, Er erleuchte dein Herz mit Verstand des Lebens und begnade dich mit ewigem Wissen, und Er erhebe Sein gnädiges Antlitz auf dich zu ewigem Frieden.“

Der liturgische Ort des Segens im Kultus des zweiten Tempels wird in dem Buch → Jesus Sirach, in (LXX; Lutherbibel: ) anschaulich beschrieben. Nach Vollendung der Darbringung der Opfer, Lobpreis durch die Tempelsänger und Anbetung durch das Volk heißt es: „Wenn er (der Hohepriester) nun wieder herabschritt, so hob er seine Hand auf über die ganze Gemeinde Israel und rief über sie den Segen des Herrn aus, und sein Ruhm war es, den Namen des Herrn auszusprechen. Da beteten sie abermals und nahmen den Segen des Höchsten an.“

Die jüdische Auslegung nimmt in der Regel an, dass es sich bei dem in erwähnten Segen Aarons um die später nachgetragene Form des Priestersegens (hebr.: Birkat Kohanîm) aus gehandelt habe. In Num 6 fehlen Anweisungen darüber, wann der Segen zu rezitieren sei. Man nahm an, Aaron habe den Segen nach dem Vollzug der Opfer vorgetragen (Babylonischer Talmud, Traktat Megilla 18a; Text Talmud 2). Der Jerusalemer Talmud vertritt die Auffassung, dass ein Segen an das Volk nicht nur nach den regulären Opfern, sondern auch nach besonderen Dankopfern seinen Ort gehabt habe (Ta‘anit IV,1,67a). Schon in der Mischna (Ta‘anit IV,1; Text Talmud 2) wird erwähnt, der Segen sei am Versöhnungstag, an Fastentagen und bei Laiendiensten sogar viermal gesprochen worden, auch losgelöst vom Opfer. Nach dem Babylonischen Talmud (Traktat Sota 37b-38a; Text Talmud) unterschied man zwischen der Rezitation des Segens im Tempel unter Verwendung des Gottesnamens und der in den Provinzen ohne Nennung des Namens jeweils mit erhobenen Händen. Nach der Zerstörung des Tempels verblieb das Sprechen des Segens in den Synagogen das Privileg der Aaroniden, und die Rabbinen setzten hierfür besondere Regeln fest (Mischna Megilla IV,10). Schon in der alten synagogalen Tradition wurde der Priestersegen im Anschluss an die 17. Bitte des → Achtzehn-Bitten-Gebetes gesprochen. Der Glaube an die hohe Autorität und Wirkkraft des Priestersegens als eines der heiligsten Texte der Tora hat sich in den vielfältigsten Formen der Frömmigkeitspraxis des Judentums bis heute erhalten.

3.2. Im Christentum

Das Neue Testament bezeugt den Gebrauch des sog. Aaronitischen Segens durch die urchristliche Gemeinde nicht. Im Mittelalter findet er nur vereinzelt Verwendung, z.B. bei Franz von Assisi, nicht aber als fester Bestandteil der römisch-katholischen Messfeier. Luther empfahl ihn als Segensspruch in der Abschlussliturgie des Gottesdienstes (Formula missae, 1523; Deutsche Messe, 1525/26), Calvin folgte ihm darin (Forme des prières, 1542). In der römisch-katholischen Kirche wurde vom II. Vatikanischen Konzil der Aaronitische Segen als eine von mehreren möglichen Formen des Schlusssegens eingeführt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff (Art. panîm)
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 3. Aufl., München / Zürich 1978-1979 (Art. panîm)

2. Weitere Literatur

  • Achenbach, R., Die Vollendung der Tora. Studien zur Redaktionsgeschichte des Numeribuches im Kontext von Hexateuch und Pentateuch (BZAR 3), Wiesbaden 2003, 511-517
  • Barkay, G., Ketef Hinnom: A Treasure Facing Jerusalem’s Walls. The Israel Museum, Jerusalem, Catalogue No. 274, Jerusalem 1986
  • Dietrich, M. / Loretz, O., The Cuneiform alphabetic Texts from Ugarit, Ras Ibn Hani and Other Places (KTU: second enlarged edition; ALAM 8), Münster 1995
  • Düring, W., Der Entlassungssegen in der Meßfeier, LJ 19,1969, 205-218
  • Elbogen, I., Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Frankfurt/M. 3. Aufl. 1931 (Nachdruck: Hildesheim / Zürich / New York 1995), 67-72
  • Jaroš, K., Die ältesten Fragmente eines biblischen Textes. Zu den Silberamuletten von Jerusalem (Antike Welt 28,6), 1997, 475-477
  • Knohl, I., The Sanctuary of Silence. The Priestly Torah and the Holiness School, Minneapolis (Min.) 1995
  • Lohse, E. (Hg.), Die Texte aus Qumran Hebräisch und Deutsch, Darmstadt 1971
  • Seybold, K., Der aaronitische Segen. Studien zu Numeri 6/22-27, Neukirchen-Vluyn 1977
  • Westermann, C., Der Segen in der Bibel und im Handeln der Kirche, Gütersloh 1981

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