WiBiLex.de: Das wissenschaftliche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft

Gleichnisse Teil 1

Allegorie und Allegorese

Besonders einflußreich für die Interpretation der Gleichnisse ist bis zum Ende des 19. Jh. die Darstellung in Mk 4 gewesen. Dort unterscheidet der Evangelist in den Versen 4,11f.33f. zwischen einer Binnen- und einer Außenwirkung der Gleichnisse. Während sie den Außenstehenden als unverständliche Rätselrede begegnen, die nur zu ihrer Verstockung dient, werden sie den Jüngern durch Jesus ausgelegt. Eine solche Auslegung auf das "Geheimnis des Reiches Gottes" (Mk 4,11) hin bietet Markus dann mit der Deutung des Gleichnisses vom Sämann in Mk 4,13-20. Dabei handelt es sich um eine allegorische Auslegung. Diese Art des Verstehens galt über Jahrhunderte als sachgemäß. Gleichnisses wurden also nicht aus sich selbst verstanden, sondern auf eine hinter ihnen stehende und eigentlich gemeinte Wirklichkeit befragt. Das war so einflußreich, daß noch heute die Ausleger erst einmal versuchen müssen, sich von den traditionellen Deutungen der Auslegungsgeschichte zu befreien.

Nun hat Markus bzw. die von ihm benutzte Tradition die allegorische Auslegung nicht etwa erfunden. Die Antike verwendete diese Methode insbesondere dann, wenn sie normative Texte in einer veränderten Welt interpretieren wollte. So wurden die Werke Homers, deren Götterbild als gar zu archaisch empfunden wurde, allegorisch interpretiert. Ähnlich ging das hellenistische Judentum vor, wenn die Kultgebote der Tora ethisch verstanden wurden (Philo v. Alexandrien).

Man muß nun zwischen Allegorese und Allegorie im eigentlichen Sinne unterscheiden. Eine Allegorese versteht einen Text als Allegorie und interpretiert ihn dementsprechend. Dabei kann ein ursprünglich nichtallegorischer Text sekundär zur Allegorie gemacht werden. Auch das ist im Laufe der Überlieferung mit Gleichnissen Jesu geschehen (vgl. Mt 22,1-14 par. Lk 14,16-24 – je unterschiedliche Allegorisierung des Gleichnisses vom großen Gastmahl). Das Wesen von allegorischer Rede besteht darin, daß eine initiale Welt erzählt wird, aus der heraus zu einer zweiten – eigentlich gemeinten – Welt hinübergelenkt wird. Diese Leser- bzw. Hörerlenkung kann auf verschiedene Weise erfolgen. Die übliche Methode ist, die initiale Welt mit einem Netz von Metaphern auszustatten, das es dem Adressaten erlaubt, auf die gemeinte Ebene zu gelangen. Das gelingt nur dann ohne weitere Textsignale, wenn die benutzten Metaphern kulturgeschichtlich geläufig sind (sog. usuelle Metaphern; z.B. Weinberg für Israel Mk 12,1). Häufig werden deshalb weitere Hinweise eingebaut. So kann direkt gesagt werden, daß jetzt allegorisiert wird (Gal 4,24). Oder in die initiale Welt werden gezielt Brüche eingebaut, die soweit gehen können, daß die Erzählung für kurze Zeit direkt auf die gemeinte Ebene springt (vgl. Mt 22,7). Eine gängige, auch in Mk 4,13-20 verwandte, Methode der Adressatenlenkung besteht darin, Zug für Zug Elemente der initialen Welt mit solchen der gemeinten zu identifizieren. Diese Methode kann dann ein Indiz sein, daß hier ein ursprünglich nicht als Allegorie konstruierter Text sekundär allegorisch interpretiert wird (vgl. Gal 4,24f).

Die Exegeten sind sich weitgehend darin einig, daß Jesus keine Allegorien erzählt hat. Alle Allegorien und Allegoresen, die in den synoptischen Evangelien überliefert sind, wurden erst in den Gemeinden gebildet. Das ist an ihrer nachösterlichen Perspektive erkennbar. Dabei wurden Gleichnisse besonders häufig paränetisch gewendet.

» Zum nächsten Kapitel

Bibelstelle aufschlagen

» Los

Im Kontext anzeigen
Isoliert anzeigen

Der Text auf dieser Seite stammt aus:

bibel digital

Elektronische Bibelkunde
Version 2.0

Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)

ELBK

Wer fundierte Kenntnisse über biblische Bücher und Themen erwerben will, hat mit dieser CD-ROM ein einmaliges Hilfsmittel zur Hand. Nutzen auch Sie diesen Erfolgstitel zur Vertiefung Ihrer Bibelkunde-Kenntnisse!

Gegenüber der Online-Version unterscheidet sich die CD-ROM durch folgende zusätzliche Leistungen:

  • Interaktiver Bibelkunde-Test mit über 1000 Fragen
  • Über 200 farbige Fotos und Abbildungen
  • Mit dem Bibelkunde-Text verlinktes Glossar mit Erklärungen zu wichtigen Begriffen
  • Interaktive Querverweise zwischen den Kapiteln der Bibelkunde
  • Verlinkung jedes Ortsnamens mit biblischen Karten
  • Verlinkung aller Jahreszahlen mit einer biblischen Zeitleiste
  • 34 Themenkapitel zu theologischen und religionsgeschichtlichen Schlüsselthemen wie Schöpfung, Tempel, Gleichnisse oder Theodizee
  • Zusätzliche Kapitel zu den »Schriften des Urchristentums/ Apostolischen Vätern« und deutscher Text dieser Schriften
  • Gemeinsam nutzbar mit über 100 weiteren Textausgaben der Reihe »bibel digital«/ MFchi