In 2.Kön 22+23 wird berichtet, daß der König Joschija (639-609) von Juda im Jahre 622 eine Kultreform durchführte, veranlaßt durch den Fund eines in Vergessenheit geratenen Gesetzbuches ("Bundesbuch", 22,8) während Umbauarbeiten im Jerusalemer Tempel. Die Satzungen dieses Buches seien nicht beachtet worden, weshalb der Zorn Gottes über die Väter gekommen sei.
Joschija läßt daraufhin, so der Bericht, den Jerusalemer Tempel von allen Anzeichen eines Fremdkultes reinigen. Zudem schafft er auch Höhenkulte, Wahrsager, Magier etc. in allen anderen Orten (sogar im nordisraelitischen Bet-El ab. Am Ende wird ein Passa gefeiert, wohl mit dem Zweck der Bundeserneuerung. Die von Joschija berichteten Maßnahmen stimmen in auffälliger Weise überein mit bestimmten Vorschriften, die im Deuteronomium gefordert sind.
In der Forschung wurde gefolgert, daß das, was im Deuteronomium gefordert wurde, von Joschija umgesetzt wurde. Hintergrund dessen war die assyrische Besetzung Judas durch Sanherib 701. Joschija konnte sich von der assyrischen Oberherrschaft lösen und das judäische Einflußgebiet bis nach Samaria ausdehnen. Die fremde Herrschaft hatte auch Folgen im religiösen/ kultischen Bereich (astrale Gottheiten wurden im Jerusalemer Tempel verehrt), wobei umstritten ist, ob die Maßnahmen auf Druck der Assyrer erfolgten, durch Anbiederung an die Oberherrschaft oder die allgemeine religiöse Situation verursacht waren. Joschija emanzipierte sich in einer Phase der assyrischen Schwäche sowohl militärisch wie kultisch von Assur und führte außerdem wohl eine Zentralisierung des Kultes in Jerusalem durch. Damit ging seine Reform weiter und war erfolgreicher als die seines Vorgängers Hiskija im Jahre 705 (vgl. 2.Kön 18,3-7).
Der historische Quellenwert der Darstellung 2.Kön 22+23 ist außerordentlich umstritten. Es ist deutlich, daß der Bericht aus zumindest zwei Teilen, einem Fund- und einem Bundbericht zusammengesetzt ist und zudem erweitert wurde. Man wird aber wohl einen Grundbestand an tatsächlich erfolgten Reformen annehmen müssen, vor allem die Tempelreinigung und die Zentrierung des Kultes auf JHWH und Jerusalem.
Durch verschiedene Funde ist in der Zwischenzeit das Bild der Religion Israels in der Königszeit deutlicher geworden. Danach ist die Darstellung der Königsbücher historisch nicht korrekt, daß die Alleinverehrung JHWHs in Jerusalem seit David und Salomo selbstverständlich war, einige Könige jedoch abgefallen seien. Neben dem Einfluß von Fremdkulten durch die jeweilige politische Obermacht gab es auch innerhalb der israelitischen Gesellschaft einen religiösen Pluralismus.
Erst im Gefolge der prophetischen Kultkritik (ibs. bei Hosea) kam es zur Ausbildung von monolatrischen Tendenzen (= Alleinverehrung eines Gottes bei gleichzeitigem Akzeptieren, daß es andere Götter gibt), die aber nur für bestimmte Gruppen verständlich waren. Andere Gruppen verehrten am Tempel assyrische Götter oder begriffen in ihrem privaten oder halboffiziellen Kultus abseits Jerusalems JHWH nach dem Muster kanaanäischer Gottheiten. Sie verehrten Ba'alim Gottheiten oder El-Gottheiten und stellten JHWH eine Aschera zur Seite, wobei umstritten ist, ob es sich bei ihr um eine Göttin handelt.
Die prophetische Kritik an diesen und den unhaltbaren sozialen Zuständen floß wohl in die Formulierung der ältesten Stücke des Deuteronomiums ein und beeinflußte die Reformaktivitäten Joschijas. Das Gesetz wurde "im Schatten der Profetie" gegeben (K. Koch, Die Profeten II., 2 1988, S. 9). Zu einer Formulierung wirklich monotheistischer Gedanken (= Es gibt nur einen Gott) kam es erst im Exil seit Deuterojesaja.
Die oben wiedergegebene Abbildung zeigt einen bemalten Krug aus Kuntillet Adjrud, einer wohl nordisraelitisch besiedelten Karawanenstation im Negeb (8. Jh.). Das Bild zeigt zwei Bes-Gestalten (M+N; Ägyptischer Fruchtbarkeits- und Schwangerschaftsgott) im Vordergrund, davor eine Kuh mit saugendem Kalb (J), ebenfalls ein Fruchtbarkeitsmotiv. Im Hintergrund eine Leierspielerin (O). Über die Abbildung wurde eine Inschrift mit folgendem Wortlaut geschrieben, wobei aber der Zusammenhang von Inschrift und Abbildungen noch nicht zufriedenstellend geklärt ist:
Ich will euch segnen durch JHWH von Samaria und durch seine Aschera.
Ähnliche Zusammenstellungen von JHWH und Aschera finden sich noch öfter; auch in 2.Kön 23,4+7 wird berichtet, daß es im Jerusalemer Tempel eine Aschera-Verehrung gegeben habe. Der Fund zeigt beispielhaft, wie im damaligen Israel die Verbindung von JHWH und anderen Gottheiten gedacht werden konnte.
K. Koch, Gefüge und Herkunft des Berichts über die Kultreformen des Königs Josia, in: Alttestamentlicher Glaube… (FS H.D. Preuß), hg. von J. Hausmann/ H.J. Zobel, 1992, 80-92.
O. Keel, Chr. Uehlinger, Göttinnen, Götter und Gottessymbole, QD 134, 1992.
Chr. Uehlinger, Gab es eine joschijanische Kultreform? in: W. Groß (Hg.), Jeremia und die "deuteronomistische" Bewegung, 1995, 57-89.
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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