Übersicht: Grobgliederung des Gal
Der Gal ist im Unterschied zu den anderen authentischen Paulusbriefen nicht an eine Einzelgemeinde gerichtet. Es handelt sich um ein Zirkularschreiben, das an die Gemeinden in der Landschaft Galatien adressiert ist. Dieses Siedlungsgebiet keltischer (galatischer) Stämme lag im Zentrum Kleinasiens um die Stadt Ankyra (heute Ankara). Die Zugehörigkeit der Adressaten zu den Galatern geht aus der scheltenden Anrede 3,1 hervor.
Wir wissen nur wenig über die galatischen Gemeinden. Nach Apg 16,6; 18,23 zog Paulus jeweils zu Beginn der 2. und 3. Missionsreise durch das Gebiet, das abseits der großen Verkehrs- und Kulturströme im Römischen Reich lag. Die Adressaten waren Heidenchristen (4,8; 5,2; 6,12). Vermutlich muß man sie unter der hellenistischen Bevölkerung der Städte in der Landschaft Galatien suchen, da die Rezeption des Briefes eine gewisse Bildung voraussetzt.
Anlaß des Briefes ist das Eindringen judaisierender Missionare in die galatischen Gemeinden, die die Beschneidung der Heidenchristen fordern (5,2; 6,12). Wahrscheinlich haben sie darüber hinaus die Einhaltung der Tora verlangt (vgl. 3,5; 4,21). Sie hatten in Galatien schnell Erfolg (1,6).
Der Gal ist theologisch eng mit dem Röm verwandt. Deshalb vermuten die meisten Forscher eine Abfassung des Gal während der Reise des Apostels von Mazedonien nach Korinth, d.h. im Jahre 55 (Spätherbst). Paulus mußte sich mit den Problemen in Galatien zu einem für ihn äußerst ungünstigen Zeitpunkt auseinandersetzen. Er hatte Ephesus nach schweren Bedrängnissen (2Kor 1,8-10) verlassen müssen und eilte Titus entgegen, um von der Entwicklung in Korinth zu erfahren (2Kor 7,5ff.). Auf den Erfolg seiner "Gegner" in Galatien kann er deshalb nur mit einem Brief reagieren.
Paulus nutzt im Gal Elemente der antiken Gerichtsrede. Diese dienen zur Unterstützung der Argumente, mit denen er die Gemeinden in Galatien davon überzeugen will, daß die Botschaft der judaisierenden Missionare Abkehr vom Evangelium Christi bedeutet.
Im Gal greift Paulus außer im Präskript nur spärlich auf Traditionen zurück. In 1,23 zitiert er eine Personaltradition, die über ihn umläuft. In 3,26-28 greift er möglicherweise eine Tauftradition auf.
Schon im Präskript (1,1-5) setzt Paulus theologische Akzente. Er ist nicht von Menschen zum Apostel berufen worden, sondern durch Jesus Christus und Gott (1,1). Damit ist er unabhängig von menschlichen Autoritäten. Indem Paulus die entscheidenden Bekenntnistraditionen zitiert (1,1.4), legt er zugleich das Fundament für seinen eigenen Standpunkt in dem Konflikt.
Die Doxologie (1,5) beendet das Präskript und ersetzt in gewisser Weise die Danksagung des Proömiums, die Paulus angesichts der Lage in Galatien wegläßt. Er wendet sich sofort scharf gegen die Gegner, die ein "anderes Evangelium" verkünden. Die Annahme dieses "Evangeliums" bedeutet Abkehr von Gott (1,6), denn es ist eine Verfälschung des Evangeliums Christi, also im paulinischen Sinne kein Evangelium. Konsequenterweise folgt die Verfluchung der Gegner. 1,6-9 nimmt im Gal die Funktion ein, die in der Gerichtsrede das exordium hat.
V. 10 leitet von der scharfen Eingangsattacke gegen die Gegner zum autobiographischen Bericht über.
Paulus, der als ein gesetzestreuer Jude gelebt und die Gemeinde Gottes verfolgt hat, empfing sein Evangelium durch eine Offenbarung Jesu Christi. Gott hat ihn durch seine Gnade zur Heidenmission auserwählt. Er hat seine Verkündigungstätigkeit unabhängig von den Jerusalemer Aposteln begonnen. Erst nach drei Jahren hat er Petrus besucht (1,11-24).
14 Jahre nach dem ersten Zusammentreffen mit Petrus ist Paulus wieder nach Jerusalem gekommen. Barnabas und Titus, ein unbeschnittener Heidenchrist, haben ihn begleitet. Trotz des Widerstandes der "Falschbrüder" (2,4) gegen sein gesetzesfreies Evangelium haben die Jerusalemer Autoritäten seine Berufung zur Heidenmission anerkannt. Er wurde nur aufgefordert, an ihre Armen zu denken, d.h. in den von ihm gegründeten Gemeinden eine Kollekte für die Jerusalemer zu sammeln (2,1-10).
Kefas (Petrus) hat bei einem Aufenthalt in Antiochia zunächst ganz selbstverständlich Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen gehalten. Das Eintreffen von Leuten aus dem Kreis um Jakobus hat aber bewirkt, daß er und weitere Judenchristen diese Tischgemeinschaft aufkündigten. Daraufhin stellte Paulus Kefas vor versammelter Gemeinde zur Rede. Auf der Grundlage der Rechtfertigungstheologie warf er ihm vor, daß er durch sein Verhalten das gnädige Handeln Gottes in Jesus Christus in Frage stelle (2,11-21, beachte vor allem 2,16.18).
Der autobiographische Bericht nimmt im Gal die Stelle ein, an der in der Gerichtsrede die narratio steht. Allerdings schreibt Paulus nicht ganz stilgerecht, denn er wendet den Konflikt in Galatien ins Grundsätzliche. Dadurch kann er eine grundsätzliche Lösung des Problems anstreben. Die Rede gegen Petrus dient zugleich der Darstellung der entscheidenden Diskussionspunkte (propositio) und leitet zum Hauptteil über.
Paulus erinnert die Galater zunächst durch eine Kette von Fragen an den Beginn ihres Christseins (interrogatio). Ihnen ist Jesus Christus als der Gekreuzigte verkündigt worden und sie haben als sichtbares Zeichen ihres Christseins den Geist empfangen (3,1-5).
Es folgt ein erster Argumentationsgang, in dem Paulus die Verheißung an Abraham als Ausgangspunkt wählt (3,6-4,7). Diese Wahl erfolgt sicher nicht zufällig, denn Abraham gilt als Stammvater der Juden. Indem Paulus gerade die an ihn ergangene Verheißung auf alle Völker bezieht, trifft er das Selbstverständnis seiner Kontrahenten empfindlich.
Abraham ist der Stammvater aller Glaubenden (Gen 15,6). Er hat die Verheißung empfangen, die allen Völkern (d.h. auch den Heiden) gilt. Also sind alle Glaubenden unter dem Segen. Alle aber, die nach dem Gesetz leben, sind unter dem Fluch (Dtn 27,26). Nur der aus Glauben Gerechte wird leben (Hab 2,4). Jesus Christus hat die Glaubenden durch seinen Kreuzestod vom Fluch des Gesetzes freigekauft, damit den Heiden der Segen Abrahams zuteil werde.
Die Verheißung, die als Testament Gottes verstanden wird, galt Abraham und seinem Nachkommen. Dieser Nachkomme ist Christus. Das Gesetz kam erst 430 Jahre später und kann das Testament nicht aufheben. Es wurde der Übertretungen wegen gegeben und wirkte als Zuchtmeister auf Christus hin. Das Gesetz bewirkt keine Gerechtigkeit. Das Kommen des Glaubens, der gerecht macht und durch den sich die Verheißung erfüllt, befreit von dem Zuchtmeister Gesetz.
Die Christen sind durch den Glauben Kinder Gottes. Als solche sind sie alle gleich (3,28) und Erben kraft der Verheißung. Durch die Sendung seines Sohnes hat Gott seine bis dahin unmündigen Kinder freigekauft, damit sie mündige Erben der Verheißung werden. Zeichen der Mündigkeit ist der von Gott gegebene Geist.
Den zweiten Teil seiner Argumentation (4,8-31) baut Paulus ganz parallel zum ersten auf. Wieder erinnert er die Galater an den Beginn ihres Christseins (4,8-20). Die Übernahme des jüdischen Festkalenders (4,10; hier stellvertretend für die Tora genannt) würde einem Rückfall in das Heidentum gleichkommen. Die Galater haben Paulus damals freudig aufgenommen und aufopferungsvoll gepflegt. Warum eifern sie ihm jetzt nicht nach, sondern hören auf seine Gegner, die nur Arges im Schilde führen?
Abraham hatte zwei Söhne, den einen von einer Sklavin und den anderen von einer Freien. Paulus interpretiert die beiden Frauen und ihre Söhne allegorisch. Die Sklavin, Hagar, ist das irdische Jerusalem, das in Knechtschaft lebt. Das himmlische Jerusalem dagegen ist frei und die Mutter der Christen. Da die Christen Kinder der Verheißung sind wie Isaak, sind sie Kinder der Freien (4,21-31).
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und laßt euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!"(5,1) Ein leidenschaftlicher Appell des Apostels zur Wahrung der christlichen Freiheit schließt die argumentatio ab. Wer die Beschneidung auf sich nimmt, muß das ganze Gesetz halten und erwartet von ihm die Gerechtigkeit. Damit hat er sich von Christus abgewandt und fällt aus der Gnade. "Wir aber erwarten die erhoffte Gerechtigkeit kraft des Geistes und aufgrund des Glaubens. Denn in Christus Jesus kommt es nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist."(5,5f.) Die Gegner stiften Unruhe und sollen sich doch gleich verschneiden lassen (5,1-12).
Die Freiheit, die Christus gibt, darf kein Vorwand für das Fleisch sein. Dem Wesen dieser Freiheit entspricht vielmehr der gegenseitige Dienst in der Liebe. Das ganze Gesetz ist im Liebesgebot (Lev 19,18) auf sein Vollmaß gebracht. Die Galater sollen sich vom Geist führen lassen, dann stehen sie nicht unter dem Gesetz (5,18).
Mit einem Laster- und einem Tugendkatalog stellt Paulus die Früchte des Fleisches und der Liebe einander gegenüber. Am Ende steht die Mahnung, die Liebe im Gemeindeleben konkret werden zu lassen (5,13-26).
Die Schlußparänese nimmt diese Mahnung auf und setzt sie in Einzelanweisungen um. Niemand soll sich über den anderen erheben. Das Handeln wird im Endgericht (Ernte) ihm entsprechende Folgen haben (6,1-10).
Das Eschatokoll hat Paulus mit eigener Hand geschrieben. Er wendet sich darin äußerst polemisch gegen seine Gegner. Dabei faßt er den Inhalt des Briefes noch einmal zusammen, eine Funktion, die in der antike Gerichtsrede die recapitulatio hat (6,11-18).
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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