Übersicht: Grobgliederung des 1Joh
Der 1Joh nennt weder Absender noch Adressaten. Er ist abgefaßt worden, um den Einfluß von Irrlehrern einzudämmen, die in der Gemeinde aufgetreten sind, zu der auch der Verfasser gehört. Diese Irrlehrer haben allem Anschein nach eine Christologie vertreten, in der die Fleischwerdung (vgl. 4,2f.) und der Heilstod am Kreuz (vgl. 5,6f.) keine Rolle spielen. Für sie hatte Jesus Christus mit seinem Kommen in die Welt ein für allemal das Heil gebracht, das ihnen aufgrund ihres pneumatischen Selbstbewußtseins als unverzichtbarer Besitz galt (vgl. 1,8-10). Sie haben daraus möglicherweise den Schluß gezogen, daß aus dem Heilszuspruch Gottes keine Forderung nach entsprechendem irdischen Wandel ableitbar sei (vgl. 3,11-18).
Die Argumentation im 1Joh zeigt, daß sein Verfasser erhebliche Mühe hat, der Lehre seiner Gegner entgegenzutreten, da sie sich offenbar auf die gleiche Traditionsbasis bezogen wie er (vgl. 2,19). Es handelt sich also um Christen, die die johanneische Tradition – möglicherweise unter dem Einfluß griechischer Denkweise – einseitig interpretierten (Ultrajohanneer).
Da der Konflikt, der im 1Joh ausgetragen wird, auch die Endfassung des Joh beeinflußt hat, dürfte der Brief vor der Endredaktion des Evangeliums entstanden sein. Dafür spricht auch, daß der Briefschluß (5,13) auf den ursprünglichen Evangelienschluß 20,31 anspielt. Der 1Joh ist deshalb an das Ende des 1. Jh. zu datieren.
Der literarischen Form nach ist der 1Joh eigentlich kein Brief. Die mehrfach wiederholte Wendung "ich schreibe euch" (2,1.7.12-14 u.ö.) zeigt aber, daß der Autor sein Werk als Brief verstand. Da es im 1Joh um die rechte Interpretation der johanneischen Tradition geht, kann man ihn näherhin als briefartige Homilie bezeichnen.
Der 1Joh argumentiert ganz aus der joh Tradition. Der Vergleich mit dem Joh zeigt, daß der Verfasser des Briefes theologisch der Endredaktion des Evangeliums nahesteht, da er wie diese apokalyptische Traditionen aufnimmt (2,18).
Das Ende des Briefes bietet ein Problem, da nach der abschließenden Wendung 5,13 noch ein Abschnitt folgt, der plötzlich zwischen der Sünde, die zum Tode führt, und der Sünde, die nicht zum Tode führt, unterscheidet. Auch die Warnung vor den Götzen (5,21) überrascht im Zusammenhang des übrigen Briefes. Der Abschnitt 5,14-21 wird deshalb von vielen Forschern für einen späteren Nachtrag gehalten.
Der Prolog des 1Joh dient dazu, den Verfasser als Zeugen der Offenbarung des Wortes zu legitimieren. Er betont ausdrücklich, daß er geschaut, gehört und mit den Händen angefaßt hat. Die spätere Auseinandersetzung mit der Auffassung der Gegner zeigt, daß schon hier gegen sie die sinnliche Erfahrbarkeit der Offenbarung akzentuiert wird. Ziel der Verkündigung des Briefes ist die Gemeinschaft der Adressaten mit den Zeugen der Offenbarung.
Der Verfasser beginnt den eigentlichen Brief mit einer Darlegung dessen, was aus seiner Sicht das Wesen von christlicher Gemeinde ausmacht. Dazu benutzt er im ersten Teil seiner Ausführungen mehrfach Kennzeichensätze (Form: Wenn wir sagen … und Verhalten … Schlußfolgerung).
Grundaussage der Botschaft des Briefes ist nach 1,5: "Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm." Dem hat das Leben der Christen zu entsprechen (1,5-7). Wenn die Christen im Licht leben, reinigt das Blut Jesu von aller Sünde. Diese am Ende des ersten Argumentationsganges gezogene Schlußfolgerung führt der Autor aus (1,8-2,2). Dabei legt er Wert darauf, daß Sünden bekannt werden müssen, und wendet sich gegen behauptete Sündlosigkeit.
Wahre Gotteserkenntnis wird durch das Halten der Gebote sichtbar. Zentrales Gebot ist das Gebot der Bruderliebe (2,3-11). Der Verfasser schließt diesen einleitenden Teil mit einer Reihe von Glaubensgewißheiten, die er den verschiedenen Altersgruppen in der Gemeinde zuspricht. Aus dem Wesen der Gemeinde folgt, daß sie sich von der Welt und ihrem Wesen fernhalten soll (2,12-17).
Die letzte Stunde ist nach Ansicht des Briefschreibers bereits angebrochen, da viele Antichristusse aufgetreten sind. Auf diese Weise ordnet er das Auftreten von Irrlehrern in der Gemeinde in einen apokalyptisch gefärbten eschatologischen Horizont ein. Sie leugnen Jesus als den Sohn Gottes und damit Gott selbst. Die Gemeinde muß gegen sie nur in der Wahrheit bestärkt werden (Garant ist die empfangene Salbung, d.h. der Geist; 2,18-27).
Die Adressaten sollen in Gott bleiben, damit sie bei der Parusie nicht gerichtet werden. Sie sind Kinder Gottes. Deren Wesen entspricht, daß sie nicht sündigen. Diese Zusage, die zunächst 1,8 zu widersprechen scheint, wird im Kontext sofort paränetisch gewendet: Am Tun der Gerechtigkeit entscheidet sich, wer Kind des Teufels bzw. Kind Gottes ist (2,28-3,10).
Dieses Tun wird wieder auf die Bruderliebe zugespitzt. Kain wird als der Brudermörder schlechthin eingeführt. Jeder, der die Bruderliebe nicht lebt, folgt seinem Typus. Die Adressaten hingegen sind gerufen, dem Vorbild Jesu zu folgen (3,17 – Konkretion der Bruderliebe auf materielle Unterstützung Notleidender). Gott gegenüber können die Christen Zuversicht haben, denn er hat ihnen seinen Geist gegeben (3,11-24).
Der Verfasser des 1Joh fordert seine Adressaten auf, zwischen den Geistern zu unterscheiden (4,1-6). Als Kriterien führt er das Bekenntnis und das Verhältnis zur "Welt" an (vgl. 2,15).
Die bisherige Argumentation des 1Joh hatte schon gezeigt, daß sein Verfasser in der (Bruder)Liebe das charakteristische Wesensmerkmal der Christen sieht. Hier, im Zusammenhang der Bekenntnisfrage, setzt er zu einer ausführlichen theologischen Begründung dieser Aussage an (4,7-21). Im Zentrum der Argumentation steht der berühmte Satz: "Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm." (4,16b) Die Liebe Gottes ist durch die Sendung des Sohnes und seinen Sühnetod offenbar geworden.
In 5,1-12 wird zunächst das Bekenntnisthema wieder aufgenommen. Noch einmal unterstreicht der Autor, daß Glaube und Bruderliebe unmittelbar zusammengehören, denn alle Glaubenden sind aus Gott geboren. Er führt drei Zeugen des Glaubens an: Wasser, Blut und Geist (Zeugenregel aus Dtn 19,15). Jeder, der glaubt, trägt das Zeugnis Gottes in sich und hat das (ewige) Leben.
Der ursprüngliche Briefschluß (5,13) betont die Absicht des 1Joh, die Glaubensgewißheit der Adressaten zu stärken. Der Nachtrag (5,14-21) fügt eine kurze Paränese an, die das Gebet zum Inhalt hat. Dabei werden Brüder, die eine Sünde zum Tode begehen (d.h. Irrlehrer), ausdrücklich von der Fürbitte ausgenommen. Eine Reihung von Glaubensgewißheiten, die den Brief wohl zusammenfassen sollen, und die Warnung vor den Götzen schließen den Nachtrag ab.
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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