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Einleitung zur Bibelkunde des Alten Testaments

Begriffsbestimmung AT

Die Bezeichnung "Altes Testament" wurde nach 2.Kor 3,14 gebildet, wo Paulus παλαιὰ διαθήκη (palaia diathēkē) als Name für die hebräische Bibel verwendet hat. Der Begriff "Altes Testament" soll nach christlichem Verständnis zum Ausdruck bringen, daß die Bibel aus zwei Teilen, dem alten/ ersten Testament und dem neuen/ zweiten Testament besteht. Lateinisch testamentum steht dabei zur Übersetzung von hb. בְּרִית (berît) und gr. διαθήκη (diathēkē) und bedeutet "Bund, Verfügung". Gemeint ist dabei der Bund Gottes mit der Menschheit. Im christlich-jüdischen Gespräch wurde Kritik an der Verwendung der Bezeichnung Altes Testament geübt, da "alt" auch die Konnotation "veraltet/ überholt" haben und dadurch der Eindruck entstehen kann, das AT habe seinen Wert nur durch das NT. Daher finden sich oft als Kompromißbegriffe "hebräische Bibel" und "erstes Testament".

Im Judentum übliche Bezeichnungen sind Tanach nach den Anfangskonsonanten der hebräischen Bezeichnungen für die drei Teile der Bibel תּוֹרָה נְבִיאִים וּכְתוּבִים (tôrāh, nebî’îm ûketûbîm) = Weisung, Propheten und Schriften) oder Mikra = geschriebene Tora (von קרא [qārā’], lesen) im Unterschied zur späteren Auslegung, der Mischna = mündliche Tora (von שׁנה [šānāh], wiederholen).

Gliederung AT

Die älteste überlieferte Gliederung der hebräischen Bibel findet sich im Vorwort der griechischen Übersetzung des Buches Jesus Sirach (ca. 132 v.Chr.), hier sind Gesetz (Tora bedeutet eigentlich Weisung), Propheten und übrige Schriften erwähnt. Dabei zählen auch die Bücher Josua bis 2. Könige zum Teil Propheten (sog. vordere Propheten). Im christlichen Bereich ist die Gliederung der Lutherbibel bedeutsam geworden, hier werden Altes und Neues Testament parallel in Geschichtsbücher (1. Mose bis Ester / Matthäus bis Apostelgeschichte), Lehrbücher (Ijob bis Hoheslied / Briefe) und Prophetische Bücher (Jesaja bis Maleachi / Offenbarung) gegliedert. Die griechische Bibel untergliedert zusätzlich den ersten Bereich in Pentateuch und Geschichtsbücher, hat also eine Vierteilung.

Umfang AT

Nach den ältesten erreichbaren Zeugnissen hat die hebräische Bibel einen Umfang von 22 oder 24 Büchern gehabt (Josephus, Contra Apionem I,8; 4.Esra 14,42ff.). Um auf die Zahl 24 zu kommen (so 4.Esra), gelten die Samuelis-, Königs- und Chronikbücher als ein Buch, ebenso Esra/ Nehemia und das Dodekapropheton (Zwölfprophetenbuch). Zusätzlich konnten noch Richterbuch und Rut sowie Jeremia und Klagelieder zusammengezogen werden (22 Bücher, so Josephus). Nach heute üblicher Zählung kommt man auf 39 Schriften. Auch in den Bibelübersetzungen im Bereich der protestantischen Kirchen enthält das AT 39 Schriften, was dem Umfang des hebräischen Kanons entspricht.

Die griechische Bibel (Septuaginta, abgekürzt: LXX), in ihrem Gefolge die Vulgata sowie die Bibelübersetzungen verschiedener christlicher Kirchen haben bis heute einen deutlich umfangreicheren Kanon. Die Septuaginta bietet über die hebräische Bibel hinaus 15 zusätzliche Bücher: 3.Esra, Judit, Tobit, 1.-4. Makkabäer, Oden, Weisheit Salomos, Jesus Sirach, Psalmen Salomos, Baruch, Brief Jeremias, Susanna, Bel und der Drache. Diese Schriften werden im protestantischen Bereich als apokryph bezeichnet. Im katholischen Sprachgebrauch gelten sie dagegen als deuterokanonisch, also als doch zum alttestamentlichen Kanon gehörig. Dies liegt daran, daß die offizielle Bibel der katholischen Kirche die Vulgata ist, die den Kanon der Septuaginta weitgehend beibehalten hat. Als apokryph benennt dagegen katholische Literatur Schriften, die im protestantischen Bereich pseudepigraph genannt werden (z.B. Henoch, 4.Esra, syrischer Baruch). Diese Bücher sind ihrerseits in manchen christlichen Kirchen Bestandteil des Kanons, beispielsweise das Buch Henoch in der Äthiopischen Kirche.

Anordnung/Reihenfolge der atl. Bücher

Übersicht: Reihenfolge der Bücher in der BHS und der Lutherbibel

Die Anordnung der einzelnen Bücher der hebräischen Bibel weicht in der griechischen/christlichen Tradition an einigen Stellen beträchtlich von der der jüdischen Tradition ab. Diese unterschiedlichen Ordnungsprinzipien spiegeln unterschiedliche theologische Überzeugungen wider. Der jüdische Kanon stellt die Tora als Weisung Gottes für gelingendes Leben an den Anfang, der Teil Propheten zeigt das Wirken des Wortes Gottes in der Geschichte. Die abschließenden Schriften sammeln vor allem die Bücher, die im Gottesdienst von Bedeutung sind. Demgegenüber stellt der christliche Kanon die Propheten (Prophetische Bücher, Dodekapropheton/ Kleine Propheten) – nur die eigentlichen Prophetenbücher – an das Ende der Sammlung, signalisiert also, daß die Weissagungen noch der Erfüllung bedürfen. Damit weist das AT über sich hinaus auf seine Erfüllung im NT. Es ist umstritten, ob dieser offene Abschluß der Bibel bereits ohne christlichen Einfluß im (alexandrinischen) Judentum erdacht und später vom Christentum übernommen wurde.

Die endgültige Anordnung der einzelnen Bücher hat sich auch im jüdischen Bereich erst in christlicher Zeit gefestigt. Noch im ersten Jahrhundert n.Chr. war umstritten, ob die Bücher Daniel, Hoheslied und Kohelet/ Prediger Bestandteil der hebräischen Bibel seien. Die jüdische Gruppe der Samaritaner hat ihrerseits stets nur die Tora akzeptiert, so evtl. auch in neutestamentlicher Zeit die Sadduzäer. Die Funde in Qumran zeigen, daß dort einige Bücher in hohem Ansehen standen, die später keine Aufnahme in den Kanon fanden. Auch im NT wird aus (für heilig gehaltenen) Schriften zitiert, die nicht einmal in den alexandrinischen Kanon Aufnahme fanden, zum Beispiel das Jubiläenbuch oder Henoch (vgl. die entsprechende Liste im Anhang des NT Graece).

Die christliche Kirche hat zunächst den in der Septuaginta gebotenen Kanon übernommen, über die Vulgata ist diese Entscheidung im katholischen Bereich bis heute gültig. Allerdings hat es im Altertum noch unterschiedliche Anordnungen der einzelnen Schriften gegeben. Die Kirchen der Reformation beziehen sich nur auf die Schriften, die ein hebräisches Original haben, daher der Rückgriff auf den jüdisch-hebräischen Kanon. Allerdings sind inzwischen auch ältere hebräische Handschriften des Buches Jesus Sirach entdeckt worden, ohne daß die Schrift in den Kanon aufgenommen worden wäre.

Text und Sprache der hebräischen Bibel

Die ältesten vollständig erhaltenen hebräischen Bibeltexte stammen erst aus dem Mittelalter. So bietet die BHS (Biblia Hebraica Stuttgartensia) den Text des bisher sogenannten Codex Leningradensis (Siglum L) aus dem Jahre 1008. Deutlich älter sind die Fragmente hebräischer, aramäischer und griechischer Bibeltexte, die vor allem in Qumran gefunden worden und nun der Öffentlichkeit zugänglich sind. Diese Texte stammen aus der Zeit zwischen ca. 200 v. und 70 n.Chr und stimmen in vielen Fällen mit den aus dem Mittelalter erhaltenen Bibeltexten überein. Das belegt die Genauigkeit der Überlieferungsarbeit der Masoreten, mittelalterlicher jüdischer Gelehrter. Folglich ist auch der vergleichsweise junge masoretische Text des Codex L in sehr vielen Fällen als zuverlässiger Zeuge anzusehen.

Doch die Qumrantexte zeigen auch eine große Zahl von Abweichungen gegenüber dem später verbindlich gewordenen Bibeltext. Diese waren teilweise schon aus älteren Übersetzungen der hebräischen Bibel bekannt, so vor allem aus der griechischen Übersetzung, der sogenannten Septuaginta (LXX). Griechische Codices mit dem Septuagintatext sind etwa ab dem 3/4. Jh. erhalten, hier ist erstmals die Zusammenbindung der einzelnen biblischen Bücher zu einem Buch (gr. biblion, daraus: Bibel) greifbar.

Für die alttestamentliche Wissenschaft sind von besonderem Interesse für die Bezeugung des alten Bibeltextes weiterhin die Targume (Übersetzungen in das Aramäische), die Peschitta (Übersetzung in das Syrische) und die Übersetzungen in das Lateinische (Itala, Vetus Latina, Vulgata). Für den Bereich der Tora steht als zusätzlicher hebräischer Textzeuge noch der Samaritanische Pentateuch zur Verfügung.

Kapitel- und Verseinteilung

Die heutige Kapiteleinteilung stammt nicht von den biblischen Autoren, sondern war im 13. Jh. eine Schöpfung des Kardinals und Erzbischofs von Canterbury, Stephan Langton. Die Verseinteilung wurde von dem Drucker Robert Estienne in den Jahren 1551-53 vorgenommen. Diese Einteilungen wurden auch vom Judentum akzeptiert, doch gibt es teilweise gewisse Verschiebungen. Bereits die in Qumran gefundenen biblischen Texte zeigen, daß es auch im antiken Judentum Abtrennungen von Kapiteln und Versen gab, die ursprünglich wohl vor allem liturgischen Zwecken dienten. Eine Standardisierung zu so früher Zeit ist jedoch nicht erkennbar. Erst in rabbinischer Zeit legte man Sinnabschnitte, Paraschen, und Leseabschnitte für die Gottesdienste, Sedarim, fest.

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