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Wunder im NT

Wundergeschichten im Neuen Testament

Vom Verstehen der neutestamentlichen Wundergeschichten

Die in den Evangelien und der Apg überlieferten Wundergeschichten gehören zu den neutestamentlichen Texten, die den heutigen Lesern am meisten Schwierigkeiten bereiten. Wir sehen in diesen Geschichten vor allem das Anstößige, Außergewöhnliche. Die Hilflosigkeit angesichts der Wundergeschichten kann dann in die Frage münden: Muss ich das glauben, wenn ich Christ bin?

Der Blick auf die Art und Weise, in der die Evangelisten die Wundergeschichten in den Gesamtkontext ihrer Werke einordnen und deuten, zeigt, dass im Neuen Testament der Akzent gerade nicht auf dem Außergewöhnlichen in den Wundergeschichten liegt. Damit teilen die Autoren des Neuen Testaments zunächst einmal die antike Weltsicht, die in dererlei Geschehnissen primär Offenbarungen des Göttlichen sah. Sie gehen aber darüber hinaus, indem sie die Wunder durchweg als Zeichen deuten, in denen das Wesen von Botschaft und Wirksamkeit Jesu offenbar wird (vgl. Mt 11,2-6 par Lk 7,18-23 u.ö.). Am konsequentesten hat diesen Ansatz Johannes durchgeführt (vgl. die durchgängige Bezeichnung der Wunder als σημεῖα/ semeia – Zeichen im Joh).

Wie Lk 11,20 zeigt, konnten die Evangelisten dabei offenbar an Jesu eigene Deutung seiner Dämonenaustreibungen anknüpfen. Er verstand sie als Zeichen der hereinbrechenden Gottesherrschaft.

Die Interpretation der Wunder als Zeichen schließt ein, dass sie mißverständlich sind. Sie beweisen gerade nicht – etwa durch besonders spektakuläre Details -, dass in Jesus Gott handelt. Nur die Glaubenden, sich auf Jesus Einlassenden erkennen, dass in ihnen der Heilswillen Gottes offenbar wird. Nicht zufällig spielt der Glaube der Geheilten in vielen neutestamentlichen Wundergeschichten eine herausragende Rolle. Die Gegner Jesu dagegen können in seinen Wundern nur dämonische Mächte am Werk sehen (vgl. Mk 3,22-30 parr).

Akzentsetzungen der Evangelisten

Während die Evangelisten in dieser Generallinie einig sind, zeigen sie im Detail Unterschiede, die aus der Gesamttendenz ihrer Werke resultieren.

Markus berichtet die Wunder manchmal mit einer geradezu naiven Freude am Detail, ordnet sie aber durch die Geheimnistheorie konsequent seiner Kreuzestheologie zu.

Matthäus kürzt die Wundergeschichten auf das für ihn Wesentliche – die heilvolle Begegnung Jesu mit den Heilbedürftigen. Mirakelhafte Züge werden gestrichen. Der Glaube der Hilfesuchenden wird noch stärker als bei Markus betont.

Lukas hebt vor allem den Gegensatz zwischen dem hoheitsvollen Christus mit seinem machtvollen Wort und den dämonischen Mächten hervor. Er hat dabei gelegentlich die Tendenz, aus Heilungswundern Dämonenaustreibungen zu machen (vgl. Mk 1,31 mit Lk 4,39).

Bei Johannes haben die Wunder am stärksten Offenbarungscharakter. In den Zeichen, die Jesus tut, offenbart sich die Herrlichkeit Gottes und sie verherrlicht den Sohn (Joh 11,4).

Heilungswunder, Dämonenaustreibungen und Naturwunder

Man unterscheidet bei den Wundergeschichten zwischen Heilungswundern, Dämonenaustreibungen und Naturwundern. Diese Unterscheidung nach dem Inhalt hat ihre Probleme, denn sie projiziert unsere moderne Sicht auf die Wundergeschichten. Die Antike sah dämonische Mächte als Auslöser vieler Krankheiten an. Die formgeschichtliche Betrachtung zeigt, dass Heilungswunder und Dämonenaustreibungen nach Struktur und benutzten Topoi viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Auch die drei von Jesus erzählten Totenerweckungen gehören in diese Gruppe, da sie letztlich nichts anderes sind als ins Extrem gesteigerte Heilungsgeschichten. Der Begriff "Naturwunder" schließlich sollte immer in Anführungszeichen geschrieben werden, denn er suggeriert, dass es in diesen Erzählungen primär um die Durchbrechung von Naturgesetzen ginge (s.u.).

Die Heilungswunder beginnen üblicherweise mit einer Schilderung der Art des Leidens (Ernsthaftigkeit und Dauer der Krankheit, Erfolglosigkeit ärztlicher Bemühungen). Jesus wird um Heilung gebeten (dieser Teil kann fehlen). Der heilende Eingriff Jesu wird geschildert (Angabe der Praktiken, durch die die Heilung zustande kommt). Schließlich wird der Heilerfolg konstatiert (sofortiges Eintreten der Heilung, Demonstration der eingetretenen Heilung). Am Ende steht häufig ein sogenannter "Chorschluss", der die Reaktion der Umstehenden berichtet.

Die Dämonenaustreibungen beginnen parallel zu den Heilungswundern mit der Schilderung des Zustandes des Besessenen. Es folgt die Begegnung zwischen Jesus und dem Besessenen, die dazu führt, dass der Dämon versucht, Jesus abzuwehren (gelegentlich mit Namensfrage und -kundgabe). Jesus erteilt dem Dämonen den Befehl auszufahren. Das geschieht häufig mit augenscheinlicher Demonstration. Am Ende steht wiederum die Reaktion der Umstehenden.

Die "Naturwunder" lassen keine einheitliche Grundstruktur erkennen. Zu ihnen werden so unterschiedliche Texte wie die Speisungsgeschichten und der Seewandel Jesu gezählt. Ihnen ist lediglich gemeinsam, dass Jesus hier nicht an Menschen, sondern an Gegenständen bzw. gegenüber Naturgewalten handelt. Diese Geschichten lassen besonders gut erkennen, wie alttestamentliche Texte die konkrete Ausformung der neutestamentlichen Wundergeschichten beeinflußt haben. So haben auf die Speisungsgeschichten offenbar die Erzählungen von Elia (1Kön 17) und Elisa (2Kön 4) eingewirkt, während bei der Sturmstillung und dem Seewandel Topoi von Theophanieschilderungen übernommen worden sind. Gerade die Schilderungen der "Naturwunder" sind also Produkte theologischer Reflexion, die aus dem Glauben an den Auferstandenen das Wesen Jesu Christi zur Sprache bringen will.

Literatur

G. Theißen, Urchristliche Wundergeschichten, StNT 8, Gütersloh 71998.
A. Weiser, Was die Bibel Wunder nennt. Sachbuch zu den Berichten der Evangelien, Stuttgart 1992.

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