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Qumran und das NT

Die Qumran-Schriften und das Neue Testament

Vgl. auch das Kapitel "Die Qumran-Schriften und das Alte Testament"

Die Bedeutung des Fundes von Qumran

Als die ersten Schriftrollen aus den Höhlen bei Qumran veröffentlicht wurden, breitete sich unter den Exegeten zunächst eine gewisse Euphorie aus. Die Anzahl der Parallelen zwischen den neutestamentlichen Schriften und den neu entdeckten essenischen Dokumenten schien so groß, dass mit mannigfachen Einflüssen der Essener auf das frühe Christentum gerechnet wurde. Diese Euphorie ist schnell einer nüchterneren Betrachtung gewichen, doch bleibt die Bedeutung der Qumran-Schriften für die Interpretation des Neuen Testaments zweifelsohne sehr groß.

Da die gefundene Bibliothek nicht nur Schriften enthielt, die unmittelbar essenischen Ursprungs sind, sondern auch solche, die von ihnen aus unterschiedlichen Gründen studiert worden sind, ermöglichen die gefundenen Schriften einen Einblick in die religiöse Welt des antiken Judentums, der weit über die Essener hinausreicht. Auf diese Weise ist es möglich, Jesus, die durch ihn ausgelöste Bewegung und das frühe Christentum in diesen Kontext einzuordnen.

Die Qumran-Schriften ermöglichen es darüber hinaus, Argumentationsstrukturen und theologische Begrifflichkeiten der neutestamentlichen Autoren präziser zu fassen und zu verstehen. Dabei wird immer wieder aufs Neue deutlich, wie sehr die frühe Christenheit an der frühjüdischen Tradition partizipiert hat. Manches, was früher als hellenistisch beeinflußt galt, kann aufgrund unserer Kenntnis der Qumran-Schriften als aus jüdischer Tradition geschöpft begriffen werden.

Beziehungen zwischen den Qumranschriften und dem NT

Es kann nicht Aufgabe dieses Kapitels sein, die vielfältigen Beziehungen zwischen den Schriften des Neuen Testaments und den Qumran-Schriften im Detail darzustellen. Einige exemplarische Beispiele müssen daher genügen.

Königsherrschaft Gottes

Auch die Qumran-Schriften zeigen, wie sehr Jesus einen neuen Akzent setzte, als er die hereinbrechende Königsherrschaft Gottes in das Zentrum seiner Botschaft stellte. Der Begriff ist in ihnen nämlich genauso selten wie in der übrigen frühjüdischen Literatur. Wenn er verwendet wird, ist nie davon die Rede, dass Gottes Königsherrschaft jetzt irdisch Gestalt gewinnen würde. Gerade das aber macht das Wesen der Botschaft Jesu aus.

Messiaserwartung

Einzelne Sensationsmeldungen behaupten immer wieder einmal, in Qumran seien Fragmente gefunden worden, die von einem leidenden und sterbenden Messias sprechen würden. Das Gegenteil ist richtig. Die gefundenen Schriften belegen eindrucksvoll, dass erst das Geschick Jesu die frühen Christen veranlasst hat, seinen Tod mit den jüdischen Messiaserwartungen zusammenzudenken. Möglich war das allein durch die Ostererfahrung. Die Qumran-Schriften haben allerdings geholfen, die frühjüdische Messianologie exakter zu beschreiben. So finden sich in Qumran drei messianische Gestalten: der königliche Messias, ein priesterlicher Messias und ein für die Endzeit erwarteter Prophet wie Mose.

Umgang mit der Heiligen Schrift

Eine markante Parallele zwischen den Essenern und Jesus bzw. den frühen Christen findet sich in der Art des Umgangs mit der Heiligen Schrift. Die in Qumran gefundenen Midraschim (Kommentare) interpretieren die Schriften, insbesondere die Propheten, indem sie deren Aussagen unmittelbar auf die Gegenwart der Essener beziehen. Dabei wird zunächst ein Abschnitt zitiert, an den dann mit der Wendung "seine Deutung bezieht sich auf …" die Interpretation angeschlossen ist (Päschär-Methode). Diese Auffassung, dass die Heilige Schrift unmittelbar auf die Gegenwart zu beziehen sei, finden wir nun sowohl bei Jesus, der die Prophetie Jesajas auf seine eigene Wirksamkeit bezieht (Mt 11,4-6 par Lk 7,22f) als auch bei den Autoren des Neuen Testaments. So deuten alle Evangelien das Geschick Jesu mit Hilfe der Heiligen Schrift, besonders eindrücklich Matthäus in seinen Reflexionszitaten. Paulus sagt im Römerbrief nach einem Zitat aus Ps 68,10 (LXX) ausdrücklich, dass dieses "zu unserer Belehrung" geschrieben worden sei (Röm 15,4; vgl. 4,24; 1Kor 9,10; 10,11).

Bedeutung der "Werke"

Die Qumran-Schriften können auch dazu beitragen, die paulinische Rechtfertigungslehre differenzierter zu verstehen. So liefert das Fragment 4Q MMT den Beleg, dass die Essener ihre aus der Tora abgeleiteten Verhaltensregeln als "Werke der Tora" bezeichneten. Wenn Paulus von den "Werken des Gesetzes" (Röm 3,20) spricht, greift er also eine im Frühjudentum verwendete Formel auf. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Paulus und die Qumran-Essener mit der Formel auch exakt dasselbe meinen. Die Schriften aus Qumran zeigen, wie verfehlt es ist, das Frühjudentum pauschal mit dem Etikett "Werkgerechtigkeit" zu versehen. So ist das lange Gebet, das die Gemeinderegel (1QS) abschließt, von dem tiefen Wissen darum geprägt, dass die Gerechtigkeit des Menschen letztlich allein der Gnade Gottes entspringt. "Und wenn ich strauchle durch die Bosheit des Fleisches, so besteht meine Gerechtigkeit durch die Gerechtigkeit Gottes in Ewigkeit. Und wenn er meine Bedrängnis löst, so wird er meine Seele aus der Grube ziehen und meine Schritte auf den Weg lenken." (1QS XI, 12f)

Dualismus

Der Dualismus der johanneischen Schriften mit seiner Rede von Licht und Finsternis hat seine frühjüdische Parallele in den Texten aus den Höhlen von Qumran gefunden (1QS; 1QM), muss also nicht mehr aus gnostischen Einflüssen erklärt werden. Auch die Rede von den Christen als den "Kindern des Lichtes" (Lk 16,8) verdankt sich wohl essenischer Sprache.

Gemeinderegel, Taufe und Abendmahl

Schließlich haben auch gewisse Organisationsstrukturen der Qumran-Essener möglicherweise auf die Binnenstruktur der frühen christlichen Gemeinden eingewirkt. So fällt auf, dass die in Mt 18,15-17 getroffenen Regelungen in Grundzügen dem entsprechen, was auch die Gemeinderegel (1QS V,25 - VI,1; vgl. CD IX, 2-4) bestimmt.

Kein unmittelbarer essenischer Einfluß liegt bei der christlichen Taufe und dem Abendmahl vor, obwohl das immer wieder behauptet wird. Die essenischen Tauchbäder dienten der kultischen Reinheit und wurden daher täglich wiederholt. Die Taufe dagegen ist ein einmaliger Aufnahmeritus. Zwischen dem Abendmahl und den Gemeinschaftsmahlen der Essener gibt es zwar gewisse Entsprechungen (gemeinsames Mahl aller Mitglieder einer bestimmten Gruppe, eschatologischer Bezug), aber der jeweilige Kontext und die theologischen Inhalte sind letztlich so unterschiedlich, dass auch hier keine Verbindungen anzunehmen sind.

Literatur

Vgl. die im Kapitel zu den Essenern genannte Literatur.

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