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Gemeinden

Gemeinden des Urchristentums

Urgemeinde in Jerusalem

Jesus ist vermutlich im Frühjahr des Jahres 30 gekreuzigt worden. Damit ist auch das Jahr der Entstehung der Urgemeinde in Jerusalem genannt. Die 50 Tage als Zeitraum zwischen Ostern und Pfingsten, dem "Geburtstag der Kirche", (Apg 2,1) sind allerdings lukanische Fiktion. Wir wissen nicht genau, wann sich die ersten Anhänger Jesu aufgrund der erfahrenen Christophanien zur Urgemeinde zusammengefunden haben. Die Tradition (vgl. insb. 1Kor 15,3-5) ist sich darin einig, dass Petrus dabei eine besondere Rolle gespielt hat. Offensichtlich verstanden er und die um ihn Versammelten die Erscheinungen des Auferstandenen unmittelbar als Auftrag zur Mission. Die Urgemeinde begann also sofort damit, Jesus als den Auferstandenen unter ihren jüdischen Volksgenossen zu verkündigen.

Über die konkrete Gestalt der Urgemeinde wissen wir sehr wenig, da die Berichte der Apg ein ideales Bild zeichnen, das erst von Lukas redaktionell gestaltet wurde. Es ist sicher, dass die Jerusalemer Gemeinde zunächst nur aus Judenchristen bestand. Nach Apg 6,1 hat es in ihr sowohl eine aramäischsprechende (die "Hebräer") als auch eine griechischsprechende (die "Hellenisten") Gruppe gegeben. Die Urgemeinde ist zunächst wohl durch den Zwölferkreis geleitet worden, der symbolisch für ihren Anspruch stand, das wahre Israel zu sein. Dieses Gremium scheint aber bald an Bedeutung verloren zu haben. Paulus setzt in Gal 2,9 ein dreiköpfiges Führungsteam, die "Säulen" Jakobus (den Herrenbruder), Petrus und Johannes voraus. Noch später hat allem anschein nach Jakobus allein bzw. gemeinsam mit einem Presbyterium die Jerusalemer Gemeinde geleitet (vgl. Gal 2,12; Apg 21,18ff.).

Auf die Urgemeinde gehen mit Abendmahl und Taufe die beiden zentralen Riten des Christentums zurück. Beide knüpfen an jüdische Vorbilder (Johannes der Täufer, Mahlfeiern) an, füllen sie aber inhaltlich vollkommen neu.

Die "Hellenisten"

Die "Hellenisten" waren allem Anschein nach ein eigenständiger analog zu den landsmannschaftlichen Synagogenverbänden organisierter Kreis in der Urgemeinde. Vermutlich wurde er von dem in Apg 6,5 überlieferten Siebenergremium geleitet (wofür auch die griechischen Namen sprechen). Die Anklage gegen Stephanus (Apg 6,11.13f.) macht wahrscheinlich, dass die Hellenisten das Kultgesetz für Christen als nicht mehr verbindlich erachteten. Damit knüpften sie an die Stellung Jesu zur Tora an.

Auch der von Lukas bewusst heruntergespielte Konflikt zwischen Hebräern und Hellenisten und die Verfolgung, der Stephanus zum Opfer fällt und die zur Vertreibung der Hellenisten aus Jerusalem führt, zeigen, dass diese Gruppe eigene Wege ging.

Die historische Folge der Vertreibung der Hellenisten war die Ausbreitung des Christentums außerhalb von Judäa und Galiläa. Die Apostelgeschichte nennt exemplarisch Samaria und die Städte der Küstenebene.

Die Gemeinde im syrischen Antiochia

Ein wichtiges christliches Zentrum entsteht in der Großstadt Antiochia in Syrien (Apg 11,19-26). Hier geht die von den Hellenisten getragene Mission dazu über, auch Heiden ("Griechen") in die Gemeinde aufzunehmen. Vermutlich stammten die ersten Heidenchristen aus dem Kreis der Gottesfürchtigen, d.h. nichtjüdischen Sympathisanten des jüdischen Monotheismus. Damit trat eine christliche Gemeinde erstmalig als eigenständige Größe neben dem Judentum in Erscheinung. Ihre Mitglieder werden deshalb (offensichtlich von Außenstehenden) als "Christen" (Apg 11,26) bezeichnet.

An der Spitze der antiochenischen Gemeinde stand ein Leitungsgremium von fünf "Propheten und Lehrern" (Apg 13,1), zu dem auch der aus Tarsus stammende Saulus/Paulus gehörte (der jüdisch/ griechische Doppelname ist bei Juden in der Spätantike durchaus üblich). Dieser war von einem eifrigen Anhänger der Pharisäer (Phil 3,5) und Verfolger der Gemeinde zu einem Verkündiger des christlichen Glaubens geworden (Gal 1,23). Er hat die erfahrene Christophanie (1Kor 15,8) als Beauftragung zur Mission unter den Heiden verstanden. Diese Mission, die er nach einer für uns im Dunkel der Geschichte bleibenden Wirksamkeit in Arabien (Gal 1,17) zunächst gemeinsam mit Barnabas von Antiochia aus betrieb (Apg 13f.) führte zur Entstehung rein heidenchristlicher Gemeinden. Damit wurde die Frage nach der Verbindlichkeit der Tora für die Christen brennend.

Paulus predigte die Freiheit vom Gesetz und beschnitt Heidenchristen nicht. Diese Auffassung des Evangelium wurde von anderen Judenchristen vehement bestritten (Apg 15,1; vgl. Gal 2,4f).

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