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Messias, Kyrios und Sohn

Christologische Hoheitstitel Teil 1

Messias / Christus

Der Titel "Christus" begegnet im Neuen Testament häufig in der Form Jesus Christus, d.h. er ist zum Beinamen geworden. Diese Entwicklung dürfte auf die griechisch sprechende Gemeinde zurückgehen. Der titulare Charakter blieb aber im Bewusstsein. Das zeigen insbesondere die Evangelien, die Namen und Titel häufig getrennt verwenden.

"Christus" (χριστός/ christos) ist die griechische Übersetzung des aramäischen "Messias" (מָשִׁיח/ māšiaḥ). Beide Worte bedeuten "der Gesalbte". Ursprünglich ist das eine Art Ehrentitel, mit dem im Alten Testament der König bzw. der Hohepriester bezeichnet werden konnten, die bei ihrer Amtseinführung mit Öl gesalbt wurden.

In nachexilischer Zeit entwickelt sich "Messias" zu einem Titel für Personen, auf die man eschatologische Befreiungshoffnungen setzte.

In der frühjüdischen Tradition zur Zeit Jesu gibt es eine große Anzahl von Belegen für die lebendige Hoffnung auf einen Messias. Dabei handelt es sich immer um einen Menschen und irdischen Herrscher, der häufig die idealtypischen Züge Davids trägt. Von seiner Herrschaft erwartet man ein Reich des Friedens, der Treue zur Tora und der Gerechtigkeit. Er soll die Fremdherrschaft über Israel beenden und die Zerstreuten zurückführen.

Die entscheidende Innovation der frühen Christen bestand darin, dass sie den Christus-Titel mit Jesu Tod und Auferstehung verbunden haben. Das wurde möglich, weil sie mit Hilfe von Ps 110,1 die erfahrene Auferstehung Jesu als Einsetzung in das himmlische Königsamt deuteten (Apg 2,33-36; vgl. Röm 1,3f.). Daran anknüpfend konnte die Parusie dann als Aufrichtung dieser Königsherrschaft auf Erden verstanden werden (vgl. vor allem Apk). Andererseits interpretierten sie Jesu Tod soteriologisch als Sühnetod und verknüpften so die Tradition des leidenden Gerechten mit der Messiasvorstellung.

Kyrios

Der Titel "Kyrios" (κύριος, gr. Herr) bezieht sich im Neuen Testament häufig auf Gott. Dieser Sprachgebrauch knüpft an einen auch im Frühjudentum nachweisbaren Brauch an, den Gottesnamen (JHWH) durch den Titel "(der) Herr" zu ersetzen (vgl. 1QGenApoc 20,12f; TestLevi 18,2).

Die Verwendung des Titels für Jesus findet sich bereits in den ältesten vorpaulinischen Bekenntnissen (1Kor 12,3; Röm 10,9; Phil 2,11). Auch der aramäische Gebetsruf marana ta (Unser Herr komm!; 1Kor 16,22) weist auf die palästinischen frühesten Gemeinden als Ursprung der Verwendung dieses christologischen Titels für Jesus. Er impliziert, dass der auferstandene und erhöhte Jesus Gott gleichgestellt wurde. Zugleich bedeutete die Anrede des Erhöhten als Kyrios auch eine bewusste Abgrenzung von der Verehrung anderer "Herren" (vgl. 1Kor 8,6), insbesondere des römischen Kaisers.

Außerhalb der authentischen Paulusbriefe wird der Titel auch auf die irdische Wirksamkeit Jesu bezogen. Hier bezeichnet er Jesus vor allem als Sieger über den Tod.

Sohn / Sohn Gottes

Eine Reihe von neutestamentlichen Belegen für diesen christologischen Titel machen deutlich, dass er an die alttestamentliche Königsideologie anknüpft. Dort wird von der Adoption und Einsetzung des sein Amt antretenden oder des erwarteten Königs durch Gott gesprochen (vgl. 2Sam 7,14; Ps 2,7; 89,27f; Jes 9,5). Die Bezeichnung als "Gottessohn" bedeutet also die göttliche Bevollmächtigung bzw. die Übertragung einer bestimmten Aufgabe durch Gott. Die Verwendung des Titels für eine eschatologische Gestalt ist bisher im Frühjudentum nicht eindeutig nachweisbar. In dem in diesem Zusammenhang oft zitierten Fragment 4Q 246 fehlt das für die Identifikation entscheidende Subjekt.

Die neutestamentliche Verwendung des Titels für Jesus hat vor allem drei Aspekte. Zum einen wird das Verhältnis zwischen Gott und Jesus als eines von Vater zu Sohn, also engster personaler Gemeinschaft, bezeichnet (vgl. Mt 11,27 par Lk 10,22). Zum anderen wird Jesus als von Gott zum Heilsbringer eingesetzt verstanden (vgl. Mk 1,11 par Lk 3,22). Schließlich wird "Sohn Gottes" als Wesensbezeichnung interpretiert, die Jesus von den übrigen Menschen abhebt (vgl. Mk 9,2-7; Lk 1,35). Das führt dazu, dass der Titel schließlich mit Präexistenzaussagen verbunden wird (vgl. Joh 1,1-18; insbes. 1,14).

Im Detail haben die Autoren des Neuen Testaments den Titel sehr unterschiedlich gefüllt. Vor allem Paulus sieht Person und Geschick Jesu insgesamt durch seine Gottessohnschaft bestimmt. Deshalb kann er eine Fülle von Formeln und Traditionen mit diesem Titel verbinden.

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