Das Buch Judit ist ein historischer Roman, wie er in der hellenistischen Zeit häufig innerhalb wie außerhalb des Judentums erzählt wurde. Anhand bestimmter Episoden aus der Geschichte wollten die Autoren über drängende Probleme der Gegenwart aufklären. Wie im Tobitbuch wird auch hier sehr frei mit geschichtlichen und geographischen Einzelheiten umgegangen. Nicht historische Genauigkeit war das Ziel des Autors, sondern die Darstellung eines Grundkonfliktes zwischen widergöttlicher Großmacht und dem gefährdeten Volk Israel. Dies geht so weit, daß die Erzählung an einem Ort Betulia in Israel lokalisiert wird, den es gar nicht gegeben hat. Das Buch lebt jedoch von einem weitgespannten Beziehungsgeflecht zu anderen biblischen Büchern. Die Titelheldin Judit ("Jüdin") trägt Züge von Mirjam (Ex 15), Debora und Jaël (Ri 4+5) und der klugen Frau von Abel Bet-Maacha (2.Sam 20,16ff.). Wie David dem Goliat (1.Sam 17), schlägt sie ihrem Gegner das Haupt mit dessen eigenem Schwert ab. Die Erzählung steht damit in einem breiten Traditionsstrom jüdischer Literatur, die die älteren, autoritativen Schriften auf eine veränderte Gegenwart hin auslegt.
Der Inhalt des Buches ist kunstvoll komponiert, so daß es noch heute gut zu lesen und nachzuvollziehen ist: Der Assyrerkönig Nebukadnezzar (historisch Herrscher der Neubabylonier) beschließt einen Feldzug gegen die Meder und sucht dafür Unterstützung bei den westlich bis hin zum Mittelmeer wohnenden Völkern. Doch die verweigern ihre Unterstützung. Nachdem Nebukadnezzar dennoch Medien erobern konnte, beauftragt er seinen Feldherrn Holofernes, eine Strafexpedition in den Westen durchzuführen. Holofernes hat Erfolg und vernichtet vor allem die fremden Heiligtümer, um zu erreichen, daß sein König künftig von allen als Gott angebetet wird (Kap. 1-3). Als das assyrische Heer vor Judäa liegt, ist dort die Bestürzung groß. Alle Männer Israels flehen zu Gott, daß er ihre Not wenden möge (Kap. 4). Indessen warnt der Ammoniter(!) Achior den Holofernes vor einem Angriff gegen die Israeliten. Ihr Gott nämlich habe sie sicher durch die ganze Geschichte geführt und werde sie auch diesmal gewißlich nicht im Stich lassen. Die Assyrer liefern Achior für diesen Zweifel an der göttlichen Macht ihres Heeres den Israeliten aus, damit er bei deren sicherem Untergang den verdienten Tod erleide (Kap. 5+6).
Als die Assyrer zur Belagerung von Betulia ansetzen, verlieren die Einwohner Mut und Gottvertrauen und sind zur Übergabe ihrer Stadt bereit (Kap. 7). Die gottesfürchtige Witwe Judit hält jedoch eine flammende Rede, durch die sie den Kleinglauben der Belagerten wendet. Nach einem Gebet zu Gott macht sie sich selbst auf, die Rettung Israels zu bewirken (Kap. 8+9). In verführerische Gewänder gekleidet, verschafft sie sich Zutritt in das assyrische Lager und in Holofernes Umgebung, indem sie in Aussicht stellt, ihm den Weg nach Jerusalem zu zeigen. Als Holofernes nach einem Gelage betrunken ist, tötet Judit ihn mit seinem eigenen Schwert und entkommt, das Haupt des Feldherrn in einem Kleidersack mit sich tragend. Bei ihrem Aufenthalt im Lager hatte sich Judit weder durch Speise und Trank verunreinigt, noch ihre Gebete zu Gott aufgegeben (Kap. 10-13). Als die Assyrer am nächsten Morgen, von einem Ausfall der Gegner überrascht, den Tod ihres Anführers bemerken, fliehen sie in Panik (Kap. 14+15). Wie einst Mirjam setzt Judit nach der Rettung zu einem Loblied Gottes an. Sie stirbt in hohem Alter, von ganz Israel betrauert (Kap. 16).
Verschiedene Einzelzüge der Erzählung erinnern an Elemente des Danielbuches und verwandter Literatur. So das Motiv des gottesfürchtigen Heiden Achior in Kap. 5, das an das Bekenntnis des Darius in Dan 6,26-28 erinnert. Interessanter noch sind die inhaltlichen Parallelen, denn in beiden Büchern geht es um die Frage, wer denn wirklich die Macht habe: JHWH oder die fremden Könige (vgl. vor allem Dan 2+7). Daher ist das Juditbuch in der Forschung häufig etwa zeitgleich mit der Endredaktion des Danielbuches angesetzt worden, also um 150 v.Chr. Doch wird sich hier ein sicheres Urteil kaum erlangen lassen, da die Darstellung auch für andere historische Situationen (etwa die späte Perserzeit) offen ist. Wahrscheinlich ist das Buch in Palästina entstanden und war ursprünglich hebräisch oder aramäisch abgefaßt. Allerdings sind keine alten semitischen Textzeugen erhalten. Wie beim Tobitbuch sind die griechischen und lateinischen Textüberlieferungen uneinheitlich.
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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