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Jesus Sirach/ Ecclesiasticus

Jesus Sirach / Ecclesiasticus

Übersicht über das Buch Jesus Sirach

Name

Unter dem Namen eines Jesus, Sohn des Sirach, überliefern die Septuaginta und Folgeübersetzungen eine ausführliche Weisheitsschrift. Zwar waren bis in das Mittelalter hinein auch hebräische Texte dieses Buches bekannt, doch erst im 19. Jahrhundert und dann in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in Kairo, Qumran und Masada Teile (ca. 60%) des ursprünglichen Textes gefunden. Nach der erhaltenen hebräischen Unterschrift lautet der Verfassername "Simon, Sohn des Jesus, Sohn des Eleasar des Sohnes des Sira". Die spätere lateinische Überschrift "Ecclesiasticus" orientiert sich wohl an der des Buches Kohelet (Ecclesiastes) und weist darauf hin, dass die Schrift in offiziellem kirchlichem Gebrauch stand.

Vorwort des Übersetzers

Zu Beginn des Buches (außerhalb der Kapitel- aber mit eigener Verszählung) fällt das vorangesetzte Vorwort des Übersetzers auf, das in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit darstellt. Zum einen gibt es bei keinem anderen biblischen Buch Hinweise auf Verfasser, Ort und Zeit der Übersetzung in das Griechische. Hier aber wird deutlich, dass der Enkel des Verfassers das Buch nach dem Jahr 132 v.Chr. in Alexandrien übersetzt hat. Zum anderen belegt das Vorwort, dass es zu dieser Zeit eine geprägte Dreiteilung des biblischen Kanons in Gesetz, Propheten und folgende Schriftsteller gegeben hat. Interessant ist auch die Erörterung darüber, dass sich hebräisches Original und griechische Übersetzung notwendig voneinander unterscheiden müssen.

Gliederung

Die hier gegebene Gliederung trägt dem Umstand Rechnung, dass der erste Hauptteil des Sirachbuches sehr unübersichtlich ist. Ähnlich wie bei den kanonischen Weisheitsbüchern wurden aus heute nicht mehr einsichtigen Gründen Sprüche und Gedanken zu den verschiedensten Themen zusammengestellt. Möglicherweise sollen wiederkehrende Erörterungen zum Thema "Weisheit" das Buch strukturieren.

Themen

Wichtige Themen des Buches sind die Frage nach der rechten Gottesfurcht (z.B.1,11-20) und Überlegungen zum Geschick des Menschen innerhalb der Schöpfungsordnung (z.B.15,11-18,14), die auf die Theodizeefrage (16,20-22) zulaufen.
Höhepunkt des Sirachbuches ist sicher Kapitel 24, in dem es allein um die Weisheit geht. Diese ging vor den Anfängen der Schöpfung aus dem Munde Gottes heraus und hat sich dann auf dessen Befehl hin Israel erwählt. V. 32f. zieht dann eine überraschende Folgerung: "Dies alles gilt vom Buch des Bundes Gottes, vom Gesetz, das Mose uns befahl." Während das bisherige Selbstlob der Weisheit griechischen Liedern zum Lob der Göttin Isis sehr nahesteht, wird nun erstmals im Judentum die Weisheit mit der Tora identifiziert. Damit gilt das Gesetz, das Israel am Sinai empfangen hat, als Schöpfungsordnung der ganzen Welt.

Lob der Väter

Diese Tendenz zeigt sich auch im zweiten Hauptteil, der Darstellung der Werke des Herrn in Schöpfung und Heilsgeschichte (42,15-49,16). Wie Gott sich in der Schöpfung verherrlicht, so auch in den Werken der Frommen in Israel (43,33). Das Lob der Väter in Kap. 44-49 hebt sieben Bundesschlüsse Gottes mit Israel hervor, die die Grundlage für das kultische Leben Israels darstellen. Dies läuft auf den Preis des Hohepriesters Simon II. zu (Kap. 50), dessen segensvolles Handeln der Autor möglicherweise noch selbst erlebt hat. Ähnlich wie bei der deuteronomistischen Königsbeurteilung werden auch hier nur drei Könige wirklich positiv dargestellt: David, Hiskija und Joschija (49,4).

Entstehung

Das Buch ist einerseits geprägt von einer tiefen Verwurzelung in der jüdischen Tradition, wobei ein besonderes Interesse an priesterlichen Vorstellungen zu notieren ist. Andererseits zeigt es aber auch Einflüsse hellenistischer Denkart, so bei Erörterungen über die Scham (41,14ff.), oder bei den Fragen nach Arzt und Krankheit (38,1ff.). Der Verfasser des Buches wird wohl ein gebildeter Schriftgelehrter gewesen sein. Er hat in Jerusalem nach der Wende vom 3. zum 2. vorchristlichen Jahrhundert gearbeitet. In den aufkommenden Hellenisierungsbestrebungen innerhalb des Judentums, die wenig später zu den Konflikten der Makkabäerzeit führten, hat er Stellung bezogen. Er wollte seine Leser zu einer Art modernem Judentum führen, das die Traditionen der Väter in Ehre hält, weil sie allein Aufschluss über den Kosmos und seine Ordnungen geben. Das leichtfertige Nichtbeachten der Überlieferungen, wie es die Hellenisierer taten, und das Aufgeben des Kultus wären für ihn etwas von Grund auf Sinnloses.

Kanonisierung

Seine maßvolle Stimme hat sich nicht durchgesetzt, die Hellenisierer behielten die Oberhand. Und obwohl das Buch von den Rabbinen wie von neutestamentlichen Autoren zitiert wurde, blieb ihm kanonischer Rang versagt. Die Gründe dafür sind unklar. Vielleicht hängt es aber mit seiner Vorliebe für priesterliche Gedanken zusammen, denn diese Traditionen galten nach der Zerstörung des Tempels nichts mehr. Möglicherweise wurde ihm aber auch das auf König Salomo zurückgeführte Koheletbuch vorgezogen. Doch einzelne Texte lebten in der Liturgie der Kirche weiter, so steht noch heute im evangelischen Gesangbuch im Lied 321 ein Zitat aus Sir 50,24ff.

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