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Spätschriften des AT

Die Apokryphen des Alten Testaments

Terminologie

Seit der Reformationszeit werden im Bereich der protestantischen Kirchen diejenigen Bücher als apokryph (verborgen) bezeichnet, die zwar in der griechischen und lateinischen Bibel enthalten sind, aber kein hebräisches Original haben. Solche Bücher sollten – im Gegensatz zur katholischen Kirche – nicht mehr Bestandteil des evangelischen Kanons sein. Immerhin hat Martin Luther die Schriften als "der Hl. Schrift nicht gleichzuhalten und doch nützlich und gut zu lesen" bezeichnet.

Kanonisierung

Auf dem Konzil von Trient (1545-63) wurden die meisten der in der Septuaginta zusätzlich zu den in der hebräischen Bibel enthaltenen Schriften offiziell zum Bestandteil des katholischen Kanons erklärt. In der katholischen und der orthodoxen Kirche gelten sie ebenfalls als inspiriert. Da sie aber nicht auf ein hebräisches oder aramäisches Original zurückgehen, tragen sie die Bezeichnung deuterokanonisch. Die so kanonisierten Bücher sind Tobit, Judit, 1.+2. Makkabäer, die Weisheit Salomos, Jesus Sirach, Baruch (mit Brief Jeremias) und Zusätze zu Ester und Daniel. Die Septuaginta bietet außerdem noch das 3. Esra-Buch, 3.+4. Makkabäer, Oden und die Psalmen Salomos. Diese Bücher wurden nicht kanonisiert; wohl deshalb, weil sie in der kirchlichen Praxis und damit in den Ausgaben der lateinischen Bibel (Vulgata) keine besondere Rolle spielten.

Ursprache

Die Auseinandersetzungen der Reformationszeit um den Umfang des Kanons sind durch die historische Forschung teilweise überholt. Die wichtigste Neuerkenntnis ist, dass einige der Apokryphen auf hebräische oder aramäische Originale zurückgehen, die seinerzeit nicht bekannt waren. So wurde der hebräische Text des Buches Jesus Sirach in verschiedenen Manuskripten gefunden, von Tobit gibt es aus Qumran aramäische und hebräische Fragmente. Für andere Bücher, etwa die Zusätze zu Daniel, ist ein aramäisches Original zu vermuten. Hinzu kommt, dass die neutestamentlichen Schriftsteller die so definierte Kanonsgrenze nicht kannten. Sie haben aus den "alttestamentlichen" Büchern zitiert, die in ihrer Gemeinde als heilige Schrift galten, vgl. 2.Makk 7,19 in Apg 5,39.

Im folgenden wird eine kurze Einführung in die einzelnen apokryphen Schriften gegeben. Sie soll eine erste Orientierung ermöglichen und vor allem zur eigenen Lektüre dieser Bücher anleiten. Sie sind nämlich nicht einfach "nützlich und gut zu lesen", sondern sie führen ihre Leser/innen in das Denken und den Glauben des Judentums in der Zeit zwischen den Testamenten ein. Damit sind sie für die Wirkungsgeschichte des Alten Testaments und das geistige Umfeld des Neuen Testaments von hoher Bedeutung. Als Kriterium für die hier gegebene Auswahl gilt einzig die Zugehörigkeit der Bücher zum katholischen Kanon. Eine ausführlichere Darstellung müsste auch auf die Bücher Henoch, 4. Esra, Jubiläen und einige der wichtigsten Qumranschriften eingehen. Dies jedoch würde den Rahmen einer Bibelkunde sprengen.

Literatur

  • Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit, hg. v. W.G. Kümmel u.a., 5 Bände in Einzellieferungen seit 1973.
  • O. Kaiser, Die alttestamentlichen Apokryphen. Eine Einleitung in Grundzügen, 2000
  • Septuaginta Deutsch, Band 1, Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung, hg. v. M. Karrer, W. Kraus, 2009

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