Mit dem Phlm haben wir einen sehr persönlich gehaltenen Paulusbrief vor uns. Trotzdem handelt es sich nicht um einen Privatbrief, denn in V.2 wird die Hausgemeinde, die sich bei Philemon trifft, ausdrücklich mit angesprochen. Die Adressaten sind wohl in Kolossä zu suchen (vgl. 23f. mit Kol 4,10ff.).
Paulus schreibt an Philemon, um für dessen Sklaven Onesimus zu bitten, der sich bei ihm aufhält. Onesimus ist seinem Herrn entflohen. Die Gründe für die Flucht werden nicht ganz deutlich. Möglicherweise hat er bei seiner Flucht auch noch einen Griff in die Kasse seines Herrn getan (V.18). Wir wissen auch nicht, warum sich der entflohene Sklave ausgerechnet an Paulus gewandt hat, der zudem selbst im Gefängnis sitzt (V. 1.9.13). Im Gefängnis hat ihn Paulus für Christus gewonnen (V. 10.16). Jetzt schickt er Onesimus zu seinem Herrn zurück. Da entflohene Sklaven mit empfindlichen (z.T. grausamen) Strafen rechnen mußten, wenn sie ergriffen wurden bzw. zurückkehrten, dient der Phlm auch dazu, Onesimus vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Außerdem gibt der Apostel der Erwartung Ausdruck, Philemon werde ihm Onesimus für weitere Dienste zur Verfügung stellen (V.13).
Die Datierung und der Abfassungsort des Phlm sind in der Forschung umstritten. Die relativ freien Haftbedingungen des Apostels lassen zunächst an Rom denken (vgl. Apg 28,16.30f.). Dazu will aber nicht recht passen, daß der entflohene Sklave Onesimus unbehelligt geblieben ist. In Rom wäre er sofort ergriffen worden, da dort die Fahndung nach entflohenen Sklaven im 1. Jh. bereits weitgehend perfektioniert worden war. Deshalb ist doch wohl eher an die aus 1Kor 15,32; 2Kor 1,8f; 11,23f. zu erschließende Gefangenschaft des Apostels in Ephesus zu denken (vgl. Phil). In Kleinasien griff das System der Verfolgung entflohener Sklaven erst im 2. Jh. Auch die Reisepläne des Apostels (V.22) passen besser nach Ephesus. Der Brief rückt dann zeitlich nahe an den Phil, ist also ca. in den Winter 54/55 zu datieren.
Formgeschichtlich handelt es sich beim Phlm um einen Bittbrief (vgl. V. 9.10.17), der in V.10b-13 Elemente eines Empfehlungsschreibens aufnimmt. Paulus setzt auch in diesem Brief bewußt rhetorische Elemente ein. Das wird insbesondere in den V.17-20 deutlich, die den Charakter eines Epilogs haben. Hier wird das bisher Gesagte mit gesteigertem Pathos zusammengefaßt und unterstrichen. Zugleich häufen sich in diesen Versen die juristisch-finanztechnischen Ausdrücke. Das belegt, daß sich der Apostel auch der vermögensrechtlichen Aspekte der Flucht des Onesimus durchaus bewußt war.
Die neben Philemon genannten Adressaten Aphia, Archippus sowie die Hausgemeinde machen deutlich, daß der Apostel die im Brief behandelte Problematik nicht intern, sondern vor der Gemeinde Jesu Christi behandelt wissen will.
Folgerichtig benennt das Proömium die Verdienste Philemons um die "Heiligen" (V. 5.7). Sie sind durch seine Liebe ermutigt worden.
Das Stichwort "Liebe" nimmt Paulus am Beginn seiner Bitte an Philemon auf. Er, der "für Christus Jesus im Kerker liegt" (V.9), befiehlt nicht, sondern bittet, obwohl er "durch Christus volle Freiheit (hat), dir (Philemon) zu befehlen, was du tun sollst" (V.8). Paulus ist Onesimus im Gefängnis zum Vater geworden, und schickt ihn jetzt zu Philemon zurück. Geschickt verweist er darauf, daß Onesimus seinem Herrn – und ihm (Paulus) – im Gegensatz zu früher jetzt recht nützlich sei. V.13 sagt dann explizit, daß Paulus den zu Christus bekehrten Sklaven gern zu seiner Unterstützung bei sich behalten würde, aber dieser Wunsch wird in V.14 sofort wieder zurückgenommen. Philemon soll aus eigenem Entschluß handeln.
Zum Abschluß der Bitte formuliert der Apostel die vollkommen neuen Rahmenbedingungen, unter denen Onesimus zu seinem Herrn zurückkehrt. Er soll jetzt für Philemon "geliebter Bruder" sein (V.16) – sowohl irdisch (ἐν σαρκί [en sarki]/ im Fleisch) als auch im Herrn (ἐν κυρίῳ [en kyriō]).
Als Fazit fordert V.17 Philemon auf, das Verhältnis zum Apostel auf Onesimus zu übertragen. Paulus will für alle finanziellen Forderungen Philemons aufkommen – aber eigentlich schuldet dieser sich selbst dem Apostel (V. 18f.). Also kann Paulus von Philemon "im Herrn" einen Nutzen erwarten (V.20).
Im Postskript verweist Paulus auf das Vertrauen, das er in den Gehorsam Philemons hat (V.21). Er bittet um Unterkunft für den erhofften Fall seiner Freilassung (V.22). Grüße und Segenswunsch schließen den Brief ab.
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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